Die Eremitani-Kirche

Ein zerbombtes Kunstwerk

Andreas Mertin


Didier Descouens – Innenraum Eremitani-Kirche, CC BY-SA 4.0,
https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68604193

Das Gotteshaus wurde ab 1276 erbaut. Auf seiner Romreise 1510 hielt sich Martin Luther in dem Kloster auf. Im Zuge der napoleonischen Säkularisation wurde das Kloster aufgelöst und ist heute eine Pfarrkirche der Diözese Padua. Am 11. März 1944 wurde die Kirche durch einen alliierten Luftangriff zerstört. Nur der untere Teil der Fassade und die Nordwände des Langhauses und Chores blieben stehen. 1946–1950 erfolgte der Wiederaufbau, wobei die südliche Außenmauer unter Verwendung der alten Backsteine errichtet wurde. [wikipedia]

In der Ovetari-Kapelle findet sich nun ein Freskenzyklus, an dem Andrea Mantegna seit jungen Jahren beteiligt war. Johann Wolfgang von Goethe hat das Kunstwerk so gewürdigt:

In der Kirche der Eremitaner habe ich Gemälde von Mantegna gesehen, einem der älteren Maler, vor denen ich erstaunt bin. Was in diesen Bildern für eine scharfe, sichere Gegenwart dasteht! Von dieser ganz wahren, nicht etwa scheinbaren, effektlügenden, bloß zur Einbildungskraft sprechenden, sondern derben, reinen, lichten, ausführlichen, gewissenhaften, zarten, umschriebenen Gegenwart, die zugleich etwas Strenges, Emsiges, Mühsames hatte, gingen die folgenden Maler aus, wie ich an Bildern von Tizian bemerkte, und nun konnte die Lebhaftigkeit ihres Genies, die Energie ihrer Natur, erleuchtet von dem Geiste ihrer Vorfahren, auferbaut durch ihre Kraft, immer höher und höher steigen, sich von der Erde heben und himmlische, aber wahre Gestalten hervorbringen. So entwickelte sich die Kunst nach der barbarischen Zeit.

Heute ergreifen die Besucher:innen Erschütterung und Faszination, wenn sie in den Chorraum der Eremitani-Kirche treten. Von den von Goethe beschriebenen Arbeiten sind nur noch Fragmente übrig, genauer: 77 Quadratmeter des ursprünglich mehrere hundert Quadratmeter umfassenden Freskos. Dass man überhaupt noch etwas erkennen kann liegt daran, dass im Rahmen der mühsamen Rekonstruktion aus kleinsten Schnipseln alte Fotos zur Strukturerkennung unter die neu eingesetzten Fragmente platziert wurden.

Dabei können Fotos die Meisterleistung des Andrea Mantegna kaum einfangen. Man muss vor Ort mit dem Fernglas oder Monokular die Bilder studieren, um der Plastizität seiner visuellen Schilderungen auf die Spur zu kommen.

 

Was zeigen die Bilder? Lesen wir die Schilderung, die Jacob Burckhardt ihnen in seinem Buch „Cicerone“ gewidmet hat:

Der bedeutendste Träger derjenigen Kunstentwicklung, welche von Padua ausging, ist jedenfalls der große Paduaner Andrea Mantegna (1430—1506). Sein wichtigstes Werk sind die Malereien aus den Legenden des heil. Jacobus und des heil. Christoph in der Kapelle dieser Heiligen in den Eremitani zu Padua … Es ist nicht die höhere Auffassung der Momente, wodurch er hier die Florentiner übertrifft; das Flehen des Jacobus um Aufnahme ist nicht eben würdig; bei der Taufe des Hermogenes erscheinen die meisten Anwesenden sehr zerstreut; das Schleppen der St. Christophleiche ist eine der bloßen Verkürzung zu Gefallen gemalte Goliathszene. Aber an Lebendigkeit des Geschehens und an vollkommener Wahrheit der Charaktere hat kaum ein Florentiner Ähnliches aufzuweisen. Man betrachte z. B. das wirre Durcheinanderrennen der Widersacher des heil. Jacobus, wo er die Dämonen gegen sie aufruft; oder wie in dem „Gang zum Richtplatz" das bloße Innehalten des Zuges ausgedrückt ist; oder die Gruppe der auf S. Christoph Zielenden oder die der bekehrten Kriegsknechte. Um der höchst genauen, selbst scharfen Ausführung willen begnügte sich Mantegna (wie überhaupt die paduanische Schule, z. B. die Maler des Pal. Schifanoja) nicht mit dem Fresko, sondern versuchte von Bild zu Bild andere Malarten. Reichtum der entferntern Gruppen, der baulichen und landschaftlichen Hintergründe, der mit Faltenwerk, Glanzlichtern, Reflexen usw. überladenen Gewandung. — Ganz neu und dem Mantegna eigen erscheint die mehr oder weniger durchgeführte Perspektive, das Festhalten eines Augenpunktes. Er ist neben Melozzo der einzige Oberitaliener dieser Zeit, welcher ein durchgebildetes Raumgefühl besitzt.

Soweit das Lob des Jacob Burckhardt. In Zeiten, in den die Legenden, die etwa Jacobus de Voragine in der „Legenda aurea“ gesammelt hat, nicht mehr allen vertraut sind, ist es vielleicht sinnvoll, die beiden im Zentrum der Bilder stehenden Heiligen kurz vorzustellen:

Christophorus, der Heilige, ursprünglich Reprobus genannt, entstammte angeblich einer vornehmen Familie aus Kanaan. Er war von Wuchs ein Riese, der als Heide nach Samos in Lykien, nach anderen auch nach Sizilien zog, wo er Wunder wirkend die Taufe empfing und von einem Kaiser Dagus (angeblich Decius) nach vielen Torturen hingerichtet wurde. Da die historische Persönlichkeit im Dunkeln bleibt, entwickelt sich seit dem 12. Jh. in Deutschland eine Namenssage, in deren Mittelpunkt Chr. als »Christusträger« steht (vgl. Legenda aurea des Jacobus a Voragine). Seit dem 15. Jh. zählte Chr. auch zu den Nothelfern, da er gegen alle elementaren Gewalten (Blitz, Unwetter, Wasser und Luft) schützen soll. In der bildenden Kunst wird er stets als Riese, der das Christkind durch das Wasser trägt, dargestellt. (RGG 3)

Der andere Heilige ist der biblische Jakobus der Ältere, dem nach und nach eine reiche Legendenliteratur beigegeben wurde, z.B. über seine Auseinandersetzung mit dem Zauberer Hermogenes:

Hermogenes ist ein Antagonist des Heiligen Jakobus des Älteren in der christlichen Apostelgeschichte. Laut der Legenda aurea des Dominikaners Jacobus de Voragine (um 1230–1298) war Hermogenes ein Zauberer, der Dämonen gegen Jakobus ausschickte, doch Jakobus war Dank seines Glaubens in der Lage, die Dämonen auf seine Seite zu bringen und gegen Hermogenes einzusetzen. Schlussendlich gelang es Jakobus auf diese Weise, nicht nur die Dämonen, sondern auch Hermogenes zu seinen Anhängern zu machen. [Quelle]

Insgesamt ist in dieser Kirche aber vor allem die Kunst der Wissenschaft zu loben, die aus einem nahezu vollständig zerstörten Kunstwerk zumindest eine Ahnung davon wiedererschaffen hat, was die Kunst Mantegnas Jahrhunderte zuvor erschuf.

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Artikelnachweis: https://www.theomag.de/133/am735g.htm
© Andreas Mertin, 2021