Das Ottoneum

Einschreibungen

Andreas Mertin

Das Ottoneum steht immer in der Gefahr, bei nur eintägigen Documenta-Besuchen sozusagen zwischen Fridericianum und Documenta-Halle zerrieben zu werden. Angesichts des knappen Gutes Zeit lässt man notgedrungen das eine oder andere weg, in diesem Fall oft einen ganzen Ausstellungsort. Zumindest eine Position ist im Ottoneum aber derart bemerkenswert, dass man 2017 an diesem Ort nicht vorbeigehen sollte.

Khvay Samnang

Die Arbeit von Khvay Samnang trägt den Titel „Preah Kunlong“ und stammt aus dem Jahr 2017. Es ist eine 25-minütige Dreikanal-Videoinstallation. An dieser Stelle ist zum Begreifen des zu Sehenden der Eintrag im documenta-Buch unentbehrlich:

Der politische Umgang mit Land und Ressourcen im Zusammenhang mit indigenen Völkern und die Entwicklungen, die diese Gemeinschaften bedrohen, stehen im Mittelpunkt von Khvay Samnangs Projekt für die documenta 14. Der Künstler, der 1982 in der kambodschanischen Provinz Svay Rieng geboren wurde und heute in Phnom Penh arbeitet, ist dem Volk der Chong eng verbunden, das in der südwestlichen Provinz Koh Kong, vor allem im Areng-Tal, lebt. Dieses gilt als Kambodschas letztes großes Waldgebiet und größter noch verbliebener Regenwaldbestand in Südostasien, reich an natürlichen Ressourcen und seltenen Tier- und Pflanzenarten. Das Tal selbst ist durch geopolitische Ungleichheiten, drohende Umweltzerstörung durch den Bau eines Staudamms (Cheay-Areng-Damm) und die daraus resultierende Umgestaltung oder gar komplette Auslöschung indigener Lebensformen gekennzeichnet.

Khvay baute eine dauerhafte Beziehung zu den Chong auf, indem er immer wieder in ihren Gemeinschaften lebte, insgesamt für den Zeitraum eines Jahres. Durch teilnehmende Beobachtung lernte er die Art verstehen, wie die Chong ihr Land kartografieren: als ein auf elementarer Verkörperung beruhendes System, das auf Geschichten von Ahnen und mündlichen Erzählungen gründet. Der spirituelle Raum des Areng-Tales wird durch die Personifizierung dieser Geschichten bestimmt und mittels Körper dargestellt. Karten westlicher oder kolonialer Prägung sind ohne Bedeutung, da die Weitergabe von Wissen anhand von Sprache und Körper erfolgt, was auf spirituelle Ökologie und Kollektivität verweist.

In der Videoarbeit sehen nun einen jungen Tänzer mit einer Maske vor einem großen Wasserfäll Bewegungen und Meditationen unternehmen. Man fühlt sich schnell an Initiationsriten erinnert. Aber es ist, worauf der Künstler hinweist, eher eine komplexe Kartografie des Geländes, in dem die dort lebenden Chong ihren Lebensraum umreißen und tradieren. Nach etwas Recherche vermute ich, dass der im Hintergrund gezeigte Wasserfall entweder der Chambak-Wasserfall oder der Kirirom-Wasserfall ist. Beide zeigen eine entsprechende Höhe, wie sie auch im Video zu sehen ist. Gibt man entsprechende Stichwörter bei der Google-Suche ein, dann werden sofort touristische Angebote für Hotels und Reisen unterbreitet, für die indigene Bevölkerung ist das nicht nur ein Gewinn. Dem Künstler Khvay gelingt es, eine intensive, ja fast intime Darstellung der tänzerischen und körperlichen Verschmelzung des jungen maskierten Mannes mit seiner naturästhetisch ausgezeichneten Umgebung zu erzeugen.

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Artikelnachweis: https://www.theomag.de/108/am594.htm
© Andreas Mertin, 2017