Paradigmen theologischen Denkens


Heft 76 | Home | Heft 1-75 | Newsletter | Impressum und Datenschutz

Die 'ideale' Kirche

Ein Projekt und (k)ein Zeichen

Andreas Mertin

In Belgien ist jüngst die 'ideale' Kirche realisiert worden - zumindest dann, wenn man bestimmten Presseberichten von Amerika über China bis Deutschland glaubt. "Reading between the lines" heißt das Projekt der Architektengemeinschaft Gijs Van Vaerenbergh, das am 24. September 2011 eröffnet wurde.

Zur Rekonstruktion des Kunstobjekts

Dieses Objekt, so schreiben die Architekten, sei eine visuelle Erfahrung an sich. Es sei ein Kunstobjekt, dem mit dem Erscheinungsbild einer Kirche eine traditionelle Form gegeben ist. Das ist wahrnehmbar wahr. Und als solches Kunstobjekt finde ich es auch außerordentlich interessant. Es zeigt, wie wenig es bedarf, um in der Erfahrung von Menschen bestimmte zeichenhafte Assoziationen auszulösen. Und als derartiges Kunstobjekt ist es symbolhaft über seinen symbolhaften Charakter im engeren Sinne hinaus, es ist ein Zeichen - weniger an der Wand, als in der Welt.

Allerdings glaube ich, dass man hier zwei Dinge sorgfältig voneinander unterscheiden muss, um nicht einer klassischen Kategorienverwechslung zu unterliegen: den Kunstaspekt bzw. architektonischen Aspekt auf der einen Seite und die Wahrnehmung des Objekts als Kirchenzeichen auf der anderen Seite. Es geht dabei jeweils um ganz unterschiedliche Dinge, denn mit einer Kirche im Vollsinn des Wortes ἐκκλησία hat das Objekt zunächst nur eine ganz formale, äußerliche Verbindung. Den Architekten ist das selbstverständlich auch klar ("Apart from that, because the church does not fulfil its classical function, it can be read as a heritage related reflection on the present vacancy of churches in the area"), anderen aber offenkundig nicht, weshalb sie begeistert von der quasi missionarischen Funktion dieses Objektes sprechen können. Das ist aber ein Irrtum. Auch die Bahnhöfe vom Ende des 19. Jahrhunderts, die Kirchen und Ritterburgen zeichenhaft zitierten, hatten wenig mit Kirchen und Ritterburgen gemein. Theodor W. Adorno hat dies im Rekurs und in Auseinandersetzung mit Thorstien Veblen[1] so benannt:

"Die Metropolen des neunzehnten Jahrhunderts haben die Säulen des attischen Tempels, die gotischen Kathedralen und die trotzigen Paläste der italienischen Stadtstaaten im Namen grenzenlosen Disponierens über die Menschengeschichte trugvoll versammelt. Veblen aber zahlt ihnen heim: die echten Tempel, Kathedralen und Paläste sind ihm schon so falsch wie die Imitationen."[2]

Auf diese Frage des impliziten Wahrheitsgehaltes einer derartigen Zeichensetzung und ihrer Rückwirkung auf das Ursprungsobjekt im Sinne von Veblen wird noch zurückzukommen sein.

Die Architekten in Belgien jedenfalls schreiben zu ihrem Objekt, dass es ein Reflex auf die vorhandene örtliche Kirche sei, eine Art visuelles Echo, ein Double oder Widergänger. Und so gibt es Fotos, die das Kunstobjekt in Relation zum örtlichen Kirchengebäude zeigen.

Die Konstruktion des Objekts selbst steht auf einem Fundament aus Stahlbeton und besteht aus 30 Tonnen Stahl. "Through the use of horizontal plates, the concept of the traditional church is transformed into a transparent object of art." Je mehr man sich vom Objekt entfernt, je schräger die Perspektive ist, desto ähnlicher wird das Objekt einer Kirche, weil das Ganze dann opaker wirkt. Befindet man sich vor dem Objekt oder betritt man es, dann entfaltet es seine ganze Transluzenz. Die eben noch sichtbaren Grenzziehungen scheinen sich aufzulösen in eine Art Netzstruktur, die nun die äußere Gestalt vergessen lässt.

Nun ist das Objekt der Architektengemeinschaft Gijs Van Vaerenbergh nicht das erste Kunstwerk, dass sich mit der äußeren Form der Kirche beschäftigt.

Erinnert sei an etwa an die documenta 8 im Jahr 1987 unter der Leitung von Manfred Schneckenburger, auf der der Künstler Tadashi Kawamata die zerfallene Garnisonskirche im Zentrum der Stadt Kassel mit Hilfe eines teilweise begehbaren Holzskeletts rekonstruierte ("Destroyed Church") und als Leerstelle im Gefüge der Stadt ins Bewusstsein hob.

Zu denken ist aber auch an das Kunstobjekt von Dennis Oppenheim (1938-2011) mit dem außerordentlich ironischen Titel "Device to Root Out Evil" (Gerät zur Ausrottung des Bösen), das eine auf dem Kopf stehende Kirche zeigte und im Jahr 1997 auf der Biennale in Venedig präsentiert wurde und heute in Vancouver zu finden ist.

Weniger mit der äußeren Form (obwohl auch die eine Rolle spielte) als vielmehr mit dem Gehalt der Kirche beschäftigte sich nicht zuletzt Christoph Schlingensief mit seiner "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" aus dem Jahr 2008, die post mortem 2011 auf der Biennale in Venedig re-inszeniert und mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.

Zur missverständlichen Deutung als Kirche

Parallel zu den künstlerischen Bemühungen, ihnen aber keinesfalls adäquat, gab es eine Fülle von Versuchen der etablierten Institution Kirche, den Menschen so genannte Wohlfühl- und Kuschelkirchen anzudienen: so etwa Rosenkirchen, Wasserkirchen, Lichterkirchen, Traumkirchen etc. auf verschiedenen Hessentagen.[3] Ihnen ist eigen, dass sie den Gehalt der Kirche aufweichen und mit der Form spielen. Ihre Botschaft lautet, so schlimm ist es mit der Kirche gar nicht, man kann sich darin wohl fühlen, denn eigentlich geht es in der Kirche um etwas ganz anderes: "Sich fühlen, wie auf einer grünen, duftenden Sommerwiese – das Zirpen der Grillen im Ohr? Sich mit Hilfe von Augen, Nase, Ohren und Fingern den eigenen Träumen nähern. Oder einfach nur in den blauen Himmel schauen – entspannen, träumen, schweben, loslassen. Eine Traumreise, die vielleicht etwas darüber verrät, was wirklich wichtig ist im Leben".[4]

Und genau diese Aufweichung macht das Missverständnis möglich, bei dem Kunstobjekt der Architektengemeinschaft Gijs Van Vaerenbergh handele es sich tatsächlich um so etwas wie eine Kirche. Wer die gerade zitierte kirchliche(!) Beschreibung von der Traumkirche auf dem Hessentag liest und das Kunstobjekt in Belgien vor Augen hat, könnte das eine für die Beschreibung des anderen halten. Und er wird dann nicht ohne gewisse Berechtigung schließen dürfen, dass man das Kunstobjekt "Reading between the lines" im Sinne der Kirche interpretieren könne, sozusagen als starkes Zeichen.

Zum Wahrheitsgehalt der missverstehenden Deutung

Wahr ist die missverstehende Deutung deshalb darin, dass diejenigen, die nun schon seit Jahren von den Kirchen als Zeichen in der Stadt reden, nun einmal auf den Kerngehalt ihrer Rede zurückgeführt werden. Was wäre, wenn die Kirche wirklich nur noch ein "Zeichen in der Welt" wäre. Wie man es dreht und wendet - das macht beim vorliegenden Beispiel besonders viel Sinn - es bleibt eine Kirche, die ihres Gehaltes völlig entleert ist, die keinen Versammlungsort im Sinne der sich versammelnden Gemeinde darstellt, sondern die nur ein Kaffeesurrogatextrakt eines Kirchengebäudes ist, weniger als ein Schatten, wenig mehr als das Konstrukt eines Stereotyps. Das macht das Kunstobjekt ebenso ein- wie durchsichtig. Vielen Menschen reicht es, wenn sie eine assoziative Verknüpfung mit dem Wort und dem Objektaussehen "Kirche" haben. Worüber man nachdenken müsste, ob darin nicht mehr Wahrheit über die Kirche verborgen ist, als man wahrhaben möchte:

Veblen "hat die Ungleichzeitigkeit der Ritterburg und des Bahnhofs gewahrt, nicht aber diese Ungleichzeitigkeit als geschichtsphilosophisches Gesetz. Der Bahnhof maskiert sich als Ritterburg, aber die Maske ist seine Wahrheit."[5]

Der Wahrheitsgehalt der missverstehenden Deutung des Kunstobjekts als Kirche besteht darin, dass die Kirche zum bloßen Zeichen geworden ist. Streng genommen würde es also reichen, nur noch derartige Kirchenzeichen in der Silhouette einer Stadt zu errichten. Womit sie dann gefüllt werden, wäre gleich-gültig. Vielleicht ist das das prophetische an dem Kunstwerk von Gijs Van Vaerenbergh, dass es uns vor Augen führt, wenn der letzte Sinngehalt von Kirche und Gemeinde entleert ist und das bloße Zeichen und das bloße Gefühl bleibt.

Anmerkungen

[1]    Veblen, Thorstein; Heintz, Susanne; Haselberg, Peter von (1989): Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen. Frankfurt a.M: Fischer Taschenbuch Verl.

[2]    Theodor W. Adorno: Veblens Angriff auf die Kultur. in: der., Kulturkritik und Gesellschaft I/II. Gesammelte Schriften,  GS 10.1, S. 78.

[3]   Vgl. Verf., Holywood. Wenn die Kirche das Wohlgefühl in die Hand nimmt. Magazin für Theologie und Ästhetik, Heft 70, https://www.theomag.de/70/am347.htm

[4]   http://traumkirche.de/kirche/

[5]    Theodor W. Adorno, Veblens Angriff auf die Kultur, a.a.O., S. 86.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/76/am385.htm
© Andreas Mertin, 2012