Politik - Ästhetik - Theologie


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Imprimatur

Eine Posse

Andreas Mertin

Georg Alois Oblinger, seines Zeichens Priester, Religionslehrer und Publizist, der Andersdenkende schon mal gerne in der Jungen Freiheit mit Lügen verunglimpfte, hat nun vom Augsburger Bischof Zdarsa ein Schreibverbot – wohl insbesondere für die Junge Freiheit – auferlegt bekommen. Alle öffentlichen Schriften muss er, wie verlautet, künftig den Vorgesetzten vorlegen.

Eine nähere Begründung gab es für die Publikationseinschränkung nicht. Das ist bedauerlich, wie Gerd Häfner in seinem lesenswerten Blog Lectio brevior betont: „ … auch als Nichtbetroffener hätte ich gern erfahren, warum das Veröffentlichungsverbot ausgesprochen wurde. Hat der Bischof Bedenken, dass ein Amtsträger seines Bistums regelmäßig in einer Zeitung publiziert, der »Scharnierfunktion zwischen dem rechtskonservativen und dem rechtsextremen Spektrum« zugeschrieben wird? Wenn es sich so verhält, wäre es gut, dies auch auszusprechen. Dann ergäbe sich eine politische Positionierung, die dem Vorwurf die Grundlage entziehen könnte, es solle einfach eine unliebsame Stimme zum Schweigen gebracht werden. Denn eigentlich verdient ein von oben verordnetes Publikationsverbot keine Sympathie. Darüber muss man nicht viele Worte verlieren.“[1] Da hat Häfner wirklich Recht. Eine deutliche Positionierung des Bischofs wäre hilfreich gewesen. Und ich finde es schon befremdlich, wie viele konservative religiöse Menschen in einem Blatt schreiben, in dem auch NPD-Funktionäre und Antisemiten zu Wort kommen. Hier wäre eine klare Begründung, dass dies nicht dem Willen der Amtskirche entspricht, hilfreich gewesen. Vielleicht wäre es noch besser gewesen, Bischof Zdarsa hätte die Publikationstätigkeit scharf kritisiert ohne sie einzuschränken.

Trotzdem: Eine richtige Bestürzung will angesichts dieses Publikationsverbots nicht aufkommen. Und das hat mehrere Ursachen. Zum einen natürlich die, dass Oblinger die Junge Freiheit ja tatsächlich für verleumderische Hetze gegen Andersdenkende genutzt hat. Wenn ihm jetzt von seinen Apologeten unterstellt wird, er sei ein lehramtstreuer, vorbildlicher katholischer Publizist und Priester, dann schlägt diese Einschätzung angesichts seiner nachweisbaren Lügengeschichten auf die katholische Kirche zurück. Wenn schon Verleumder als vorbildliche Katholiken hingestellt werden, dann schädigt das den Katholizismus. Oblinger hat seinen Artikel ja nicht als Privatmeinung publiziert, sondern er hat Wert darauf gelegt, dass deutlich wird, dass er in der Jungen Freiheit als katholischer Priester (und nicht nur als konservativer Katholik) schreibt. Er wollte einen Amtsbonus, dann muss er sich dafür auch in Verantwortung nehmen lassen.

Zu Recht haben einige darüber hinaus darauf verwiesen, dass es einen ironischen Unterton hat, wenn nun die Verteidiger von Oblinger auf Menschenrechte verweisen, die sie vorher geschmäht haben und Andersdenkenden – wie etwa den Theologen, die das Memorandum formuliert haben – nicht zubilligen wollten.[2] Angesichts der Memoranden konnten die geforderten Konsequenzen nicht scharf genug sein – bis hin zur Vernichtung der bürgerlichen Existenz. Dass Oblinger künftig ein Nihil obstat braucht, mutet dagegen unvergleichlich harmlos an.

Für mich ist das Lustigste am ganzen Vorgang, dass die Mehrzahl der nun empört Zensur! Schreienden zu den vehementen Kritikern des II. Vatikanums gehören. Dabei war es ausgerechnet dieses Reformkonzil, das das nihil obstat weitgehend eingeschränkt hat: „Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil brauchte jede Buchveröffentlichung von Lehrern der katholischen Theologie, Priestern und Ordensangehörigen das Imprimatur.“[3] Man muss sich schon entscheiden, was man will: die Freiheit in der Kirche und damit das II. Vatikanum oder die altgläubige Treue zu den Vorgesetzten.

Dieser Vorfall ist beileibe kein spezifisches Charakteristikum der katholischen Kirche. Die aktuellen Auseinandersetzungen um die Berner Pfarrerin Christine Dietrich, die lange Zeit führend im Blog Politically Incorrect aktiv war und dafür von der reformierten Kirchenleitung gerügt wurde, zeigen, dass keine Konfession vor Auswüchsen in die rechten Ränder gefeit sind.

Es besteht daher für beide großen Konfessionen die Notwendigkeit, deutlich zu sagen und zu zeigen, wo ihre Grenzen nach Rechts sind.

Anmerkungen

[2]    Neben Gerd Häfner auf lectio brevior macht dies auch Philip Saß in seinem Blog Episodenfisch http://episodenfisch.blogsport.de/2012/01/22/beste-gesellschaft/

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/75/am381.htm
© Andreas Mertin, 2012