Korrektur gelesen

Eine Glosse über einen erzkatholischen Lügenbold

Andreas Mertin

Am Sonntag, den 16. August 2009 schreibt Georg Alois Oblinger in der Jungen Freiheit einen kurzen Text über Gerechte Sprache. Der Autor, so wird mitgeteilt, sei 1967 in Saarlouis geboren, habe Theologie in Trier und Augsburg studiert, wurde 1995 zum Priester geweiht und sei nun tätig als Publizist, Religionslehrer und Pfarrer in der Diözese Augsburg. Dass er in der Jungen Freiheit schreibt indiziert, dass er eine eher konservative Weltanschauung hat.

Das Thema von Pfarrer Georg Alois Oblinger ist wie gesagt die gerechte Sprache und eigentlich meint er die Gendersprache. Und da ahnt man schon im Vorhinein, dass die Ausführungen nicht ganz gerecht sein werden.

Nun ist das Verhältnis katholischer Priester zum Feminismus sicher grundsätzlich und quasi natürlich eher gespannter Art. Man kann nicht voraussetzen, dass ein katholischer Geistlicher sich die Erkenntnisse der feministischen Theologie umstandslos zu eigen macht. Da müsste viel vom eigenen Rollenbild der Prüfung unterzogen und geändert werden.

Das Verhältnis zur Wahrheit freilich sollte auch bei einem katholischen Pfarrer dann doch so sein, dass er sich wenigstens im Groben an sie hält, selbst wenn das Kritisierte ihm weniger oder gar nicht gefällt. Er sollte also nicht „falsch Zeugnis“ reden, nicht anderen Menschen etwas unterstellen oder unterschieben, was diese niemals gesagt oder geschrieben haben. Und er sollte sich um etwas Objektivität in der Darstellung theologischer Grundpositionen bemühen.

Sollte er … Tut er aber nicht. Georg Alois Oblinger ist ein erzkatholischer Lügenbold, ein theologischer Ehrabschneider. Er möchte gar nicht seine Sicht der Dinge mit der Sicht anderer konfrontieren, er möchte diese denunzieren.

Er steigt ein mit den Worten „’Liebe Christinnen und Christen’ tönt es von der Kanzel. Kein Geistlicher würde es wagen, auf die ausdrückliche Nennung des weiblichen Geschlechts zu verzichten.“ Nun ja, in meiner Kirche sagt die Pfarrerin immer noch am Anfang „Liebe Gemeinde“ und ab und an auch „Liebe Schwestern und Brüder“. „Liebe Christinnen und Christen“ habe ich in den von mir besuchten Kirchen noch nie gehört, aber das kann ja im katholischen Bereich anders sein.

Tatsächlich ergibt aber die simple Nachfrage bei Google, dass die Phrase „Liebe Schwestern und Brüder“ etwa 33.000mal (+ 24.000mal „Liebe Brüdern und Schwestern“), die Anrede „Liebe Gemeinde“ 177.000mal und „Liebe Christinnen und Christen“ gerade knapp 400mal (und „Liebe Christen und Christinnen“ 19mal) von Google gefunden wird. Dass es ein Wagnis sein soll, im Bereich der christlichen Kirchen statt „Liebe Christinnen und Christen“ einfach „Liebe Gemeinde“ zu sagen, halte ich also mit Verlaub gesagt für Blödsinn. Oder man müsste unterstellen, die christliche Welt bestehe halt nur aus Wagemutigen, weil sie weitgehend auf die Anrede „Liebe Christinnen und Christen“ verzichtet, aber auch das erscheint mir eher unwahrscheinlich. Tatsächlich wird diese Formel so gut wie nie gebraucht. Hätte sich Oblinger freilich auf die verbreitete Formel "Liebe Schwestern und Brüder" bezogen, hätte sein antifeministischer Drive weniger Verve gehabt.

Wenn der feministische Einfluss so weiter gehe, so schlussfolgert jedenfalls der gute Pfarrer Oblinger, müsse „man vielleicht sogar in einigen Jahren von ‚Menschinnen und Menschen’ sprechen“. Das ist so wahrscheinlich wie dass der nächste Papst eine Frau wird. Ganz abgesehen einmal von dem impliziten Sexismus, der das Wort Mensch für Männer und das abgeleitete Wort Menschin für Frauen verwendet. Das erinnert an Luthers Sprachwitz mit der Männin, der ja wenigstens noch an die hebräischen Vorbilder anknüpfen konnte. 

Nun aber kommt Pfarrer Oblinger zur Sache:

Erst vor einem Jahr wurde eine Bibel in gerechter Sprache vorgelegt, die allerdings mehr einseitige Interpretation und Abänderung ist als ehrliche Übersetzung. Für Gott muß abwechselnd ein weibliches und ein männliches Substantiv eingesetzt werden. Neben Jesus Christus tritt Jesa Christa. Die dritte göttliche Person ist die heilige Geistin, was man damit begründet, daß das hebräische Wort für Geist (ruach) weiblich ist.

Ich schließe daraus, dass für Pfarrer Oblinger „Ehrlichkeit“ ein wichtiges Kriterium für Texte ist, sonst hätte er sie sicher nicht für eine Bibelübersetzung gefordert. Dann wende ich dieses Kriterium doch einmal auf seine Kritik an und stelle fest: Seine vier Sätze bestehen nun nahezu vollständig aus Lügen. Das könnte man damit erklären, dass Pfarrer Oblinger die Bibel in gerechter Sprache gar nicht gelesen hat und deshalb frei herumphantasiert. Oder dass er einfach nur Hörensagen wiedergibt. Das mochte ich ihm zunächst gar nicht unterstellen. Vermutet hatte ich ernsthaft, er habe, wenn er über die Bibel in gerechter Sprache schreibt, sie auch gelesen. Wenn er dann allerdings alles falsch darstellt, dann musste er bewusst gelogen haben. Dafür spricht manches. Zunächst einmal eine Marginalie: Die Bibel in gerechter Sprache wurde 2006 veröffentlicht, nicht 2008 wie Oblinger meint. Er hatte also knapp drei Jahre Zeit, sie zu studieren. Und das hätte er wohl besser auch getan. Was aber hat er von seinem offenkundig vergeblichen, vielleicht aber auch nur vorgeblichen Studium behalten?

Erste Lüge

Als erstes behauptet er: „Für Gott muß abwechselnd ein weibliches und ein männliches Substantiv eingesetzt werden.“ Das lässt sich nun ganz leicht überprüfen. Ich schlage die Bibel in gerechter Sprache auf, nehme das erste Buch und die ersten Verse (Genesis 1,1ff):

Durch einen Anfang hat Gott Himmel und Erde geschaffen. Da war die Erde Chaos und Wüste, Dunkelheit war da angesichts der Urflut, und Gottes Geistkraft bewegte sich angesichts der Wasser. Da sprach Gott: »Licht werde«, und Licht wurde. Gott sah das Licht: Ja, es war gut. Und Gott trennte das Licht von der Finsternis. Gott nannte das Licht ›Tag‹ und nannte die Finsternis ›Nacht‹. Es wurde Abend und wurde Morgen – Tag eins.“

Sechs mal kommt in den ersten fünf Versen der Genesis Gott vor und in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache ist es jedes Mal ein männliches Substantiv. Von einer Göttin ist nicht die Rede. Von einem zwangsweise abwechselnden Gebrauch männlicher und weiblicher Substantive zur Gottesbezeichnung kann also keine Rede sein.

Aber vielleicht meint Oblinger ja auch, dass sich die biblischen Bücher abwechselnd der männlichen und der weiblichen Gottesform befleißigen und daher für die Schöpfungsgeschichte seine Behauptung zufällig unzutreffend ist. Nehmen wir also statt dessen das zweite Buch der Bibel und da greife ich zur programmatischen Selbstvorstellung Gottes gegenüber Mose in Exodus 3, 14f.:

Gott erwiderte Mose: »Ich bin da, weil ich da bin!« Er sagte: »Das sollst du den Israeliten mitteilen: Ich-bin-da hat mich zu euch geschickt.« Und Gott redete weiter zu Mose: »Das Folgende sollst du zu Israel sagen: ›Ich-bin-da, Beschützer eurer Eltern, Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs und ihrer Frauen hat mich zu euch geschickt. Das ist mein Name für alle Zeit; mit ihm sollen alle Generationen sich an mich erinnern.‹

Ich weiß nicht, was man daran missverstehen kann, aber der Befund ist der gleiche. Oblinger lügt auch im Blick auf diese Stelle. Sein Satz: „Für Gott muß abwechselnd ein weibliches und ein männliches Substantiv eingesetzt werden“ ist einfach nur falsch. Schreiben kann man das nur, wenn man darauf vertraut, dass die Leser der Jungen Freiheit eh' nicht in der Bibel in gerechter Sprache nachschlagen werden. Womit er vermutlich Recht hat.

Selbstverständlich gibt es Stellen in der Bibel in gerechter Sprache, in der die weibliche Sprachform für Gott gewählt wird. Aber es ist kein hirnloser Automatismus, wie Oblinger es dem Leser ansinnt, sondern es wird immer gut begründet. Es unterläuft bewusst die eingeschliffene andropozentrische Gottesrede des Christentums.

Oblinger gibt an dieser Stelle auch ein neutestamentliches Beispiel. Es gäbe eine Vorschrift in der Bibel in gerechter Sprache, dass man an Stelle des vertrauten „Vater unser“ nun „Gott, unser Vater und unsere Mutter“ beten solle(!). Nun gibt es natürlich gar keine Vorschriften durch die Übersetzer der Bibel in gerechter Sprache, sondern nur Denkanstöße. Wir haben schließlich kein päpstliches oder bischöfliches Dokument vor uns - das ja auch für die Zielgruppe der Bibel in gerechter Sprache keine Bindungskraft hätte. Aber man kann ja mal nachschlagen, welche Denkanstöße die Übersetzer hier geben. Also schauen wir zunächst nach Lukas 11, 2ff:

Er sagte zu ihnen: »Wenn ihr betet, dann sagt: Du Gott, dein Name werde geheiligt. Dein gerechtes Reich komme. Das Brot, das wir brauchen, gib uns täglich. Erlass uns unsere Sünden, wie auch wir denen erlassen, die uns etwas schulden. Und führe uns nicht zum Verrat an dir!«

Im Blick auf diese Stelle hat Oblinger den Sachverhalt also eindeutig falsch dargestellt. Tatsächlich wird das Wort „Vater“ vermieden, aber das wird in den Marginalien begründet. Anders scheint dies nun zumindest auf den ersten Blick in Matthäus 6, 9ff. zu sein:

So also betet. Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel, dein Name werde geheiligt. Deine gerechte Welt komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf der Erde. Das Brot, das wir brauchen, gib uns heute. Erlass uns unsere Schulden, wie auch wir denen vergeben, die uns etwas schuldig sind. Führe uns nicht zum Verrat an dir, sondern löse uns aus dem Bösen.

Nur scheinbar gibt Oblinger hier den Sachverhalt richtig wieder. In Wirklichkeit wird Gott hier – nach guter theologischer Lehre – aus der Geschlechtsattributierung herausgenommen und die Gottesrede als metaphorische erkennbar gemacht: „Du bist uns Vater und Mutter im Himmel“. Präziser kann man die Gottesrede kaum umschreiben.

Oblinger aber behauptet, die Bibel in gerechter Sprache würde an dieser Stelle Gott als Vater und Mutter attributieren. Er hätte genauer hinschauen, er hätte den Text lesen sollen. Auch im Blick auf diese Stelle gibt Oblinger den Sachverhalt also falsch wieder. Kontrolliert er einfach nicht, was er schreibt? Die Beschreibung in der Bibel in gerechter Sprache ist leicht wiederzugeben – zumal die Autoren sie hier ebenfalls in den Marginalien näher erläutern. Aus der erfahrungsorientierten Sprache der Bibel in gerechter Sprache (Du bist uns Vater und Mutter) macht Oblinger einen Biologismus („Gott, unser Vater und unsere Mutter“) und verzerrt den Sachverhalt damit schon wieder.

Zweite Lüge

Als Zweites behauptet Oblinger im Blick auf die Bibel in gerechter Sprache: „Neben Jesus Christus tritt Jesa Christa.“ Da muss jeder gut katholische Christ und Antifeminist natürlich erschrecken. Nicht, dass nicht auch in katholischen Kirchen die heilige Kümmernis zu finden wäre und das Problem der Feminisierung Christi damit seit Jahrhunderten auch ein katholisches wäre. Aber sei’s drum.

Wieder greife ich zur Bibel in gerechter Sprache und überprüfe das von Oblinger Behauptete. Und tatsächlich, es gibt eine Christa im Buch. Auf Seite 2391 findet sich Christa Kronshage aus Bielefeld, sie hat an der Bibel in gerechter Sprache mitgearbeitet. Eine weitere Christa findet sich allerdings nicht, Oblinger hat also schon wieder einmal faustdick gelogen. Von einer „Jesa Christa“ kann keine Rede sein.

Wie kommt er also darauf, solchen Unsinn zu verbreiten? Sicher nicht durch die Lektüre der Bibel in gerechter Sprache, er hat statt dessen zu viel in der Jungen Freiheit gelesen, was sicher Folgen für die ungetrübte Wahrnehmung  der Wahrheit hat. Die Quelle für seine Behauptung ist jedenfalls offenkundig ein anderer Text der Jungen Freiheit, der Pastor Ulrich Rüß, den Vorsitzenden der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den evangelischen Kirchen mit den Worten zitiert, das einzige, was in der Bibel in gerechter Sprache noch fehle (sic!), sei, dass Jesus Jesa Christa genannt werde. Oblinger macht daraus das pure Gegenteil. So entstehen Gerüchte und so wird daraus üble Nachrede. Aber das wäre Oblinger nicht passiert, wenn er die Bibel in gerechter Sprache gelesen hätte. Sicher, das macht Mühe, aber man würde dann auch nicht so viel Unsinn schreiben und gegen das 8. Gebot (nach katholischer Zählung) verstoßen.

Die Junge Freiheit aber sollte sich bei ihrem journalistischen Ehrgeiz packen lassen und die einander ausschließenden Tatsachenbehauptungen, dass eine Jesa Christa in der Bibel in gerechter Sprache fehle (so Rüß) und dass sie neben die Person Jesu Christi getreten sei (so Oblinger) der Wahrheit zuführen. Soviel (junge) Freiheit sollte sein.

Dritte Lüge

Als drittes behauptet Pfarrer Oblinger, für die Bibel in gerechter Sprache gelte, die dritte göttliche Person ist die heilige Geistin, was man damit begründe, dass das hebräische Wort für Geist (ruach) weiblich sei. Nun haben wir das erste Vorkommen von Ruach in Genesis 1 oben schon bei den Ausführungen zur Genesis zur Kenntnis genommen. Mitnichten wird dort von einer heiligen Geistin geredet, das ist also gelogen, statt dessen steht dort „Gottes Geistkraft“.

Aber vielleicht steht es an anderen Stellen in der Bibel anders? Ich suche also nach der heiligen Geistin und dann einfach nur nach der Geistin in der Bibel in gerechter Sprache und stelle fest: sie kommt darin überhaupt nicht vor! Wieder mal gelogen. In aller Regel wird das entsprechende Wort Pneuma mit Geistkraft übersetzt: „Die heilige Geistkraft wird auf dich herabkommen und die Kraft des Höchsten wird dich in ihren Schatten hüllen“ heißt es zur Verkündigung an Maria.

Was treibt also einen katholischen Pfarrer wie Oblinger dazu, hier im Blick auf eine vor allem protestantische Bibelübersetzung Lüge an Lüge zu reihen? Wie begründet sich ein derartiger Hass, der es nicht bei der Kritik des betrachteten Gegenstandes belässt (das wäre ja sein gutes Recht), sondern dem Kritisierten auch noch Eigenschaften zuschreibt, die diesem gar nicht zukommen, um diese dann kritisch zu denunzieren? Wenn jemand, der als Theologe in Schrifthermeneutik ausgebildet wurde, in vier Sätzen vier Falschdarstellungen über einen angeblich gelesenen Text unterbringt, was soll ich von seinen übrigen theologischen Fähigkeiten halten? Das kann ich klar beantworten: Nichts.

In der deutschen Zitatkultur heißt es: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Für Pfarrer Oblinger könnte aber der ursprüngliche Satz aus Ludwig Heinrich von Nicolays Gedicht „Der Lügner“ viel zutreffender sein: Man glaubt ihm selbst dann noch nicht, wenn er einmal die Wahrheit spricht. Aber dazu müsste es erst einmal kommen.

Nur an einer Stelle, so räumt Oblinger abschließend geradezu triumphierend ein, würde er sich tatsächlich eine genderorientierte Sprache wünschen. Statt „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes“ könnte es doch besser heißen „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünderinnen und Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.“ Oh Sancta simplicitas! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Natürlich, wenn schon Sprachgerechtigkeit, dann wollen wir die Frauen als Sünderinnen nicht vergessen. Aber für erzkatholische Pfarrer gilt weiterhin: Wir sind alle kleine Sünderlein, 's war immer so, 's war immer so. Der Herrgott wird es uns bestimmt verzeih'n, 's war immer, immer so. ...

Allen anderen empfehle ich die Bibel in gerechter Sprache zur kritischen Lektüre.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/61/am296.htm
© Andreas Mertin, 2009