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Magazin für Theologie und Ästhetik


Lektüren XXVIII

Aus der Bücherwelt

Andreas Mertin

Sprengsätze

Etwas dick aufgetragen empfand ich den Klappentext für dieses Werk: "Sein Werk ist titanisch, der Mann fast unbekannt. Um die Verbreitung seiner Werke hat er sich nie besonders bemüht – aber jetzt, einige Jahre nach seinem Tod, scheint der Siegeszug von Nicolás Gómez Dávilas Aphorismen so etwas wie eine unaufhaltsame Notwendigkeit. Wie hingeworfen wirken die Namen, die er den Büchern gab: Notas, Textos und vor allem Escolios. Ein Werk von einigen tausend Seiten. Nur, muss man sagen, denn aus Dávilas  Schreibwerkstatt kommen ausschließlich extrem verdichtete, jahrzehntelang geschliffene Diamanten von größter Härte. Wenn Dávila irgendetwas scheute, dann waren es Denkverbote. Und so nimmt es nicht Wunder, wenn in ihnen mancher Sprengsatz verborgen ist. Martin Mosebach, seit Jahrzehnten Bewunderer und Verehrer von Dávilas Hauptwerk, hat aus Tausenden von Seiten die Crème de la Crème herausdestilliert und stellt in diesem Band einen Wortartisten und Denker von Weltgröße, einen würdigen Nachfolger und Fortdenker von Nietzsche und Schopenhauer vor."

Wenn der Inhalt auch nur annähernd dem entspricht, was der Klappentext ankündigt, bedürfte es des Klappentextes in dieser Form nicht. Der Inhalt würde sich selbst eindrücklich machen. So aber verwirrt der hochkulturelle Ausflug in die verbalen Superlativ-Welten der Mediengesellschaft und nivelliert das Angepriesene auf eine Ware im Supermarkt der Literatur. Dabei besticht die Zusammenstellung von Martin Mosebach durchaus - seine Auswahl der Äußerungen Dávila überzeugt durch eine Fülle von nachdenkenswerten, nur scheinbar einfach hingeworfenen Aphorismen.

Wer ist Nicolás Gómez Dávila ? Er wurde 1914 als Sohn kolumbianischer Grundbesitzer geboren und lebte, abgesehen von seinen Pariser Jugendjahren und einer Reise durch Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Villa am Stadtrand von Santa Fe de Bogotá. Der Stil seines Werk ist essayistisch-aphoristisch geprägt und damit zwischen Literatur und Philosophie einzuordnen. In seinen Büchern (Notas, Textos, Escolios a un texto implícíto etc.), die zunächst in kleinen Verlagen und Privatdrucken erschienen und erst spät ins Deutsche übersetzt wurden, haben Begriffe wie „konservativ“ und „Reaktionär“ eine positive Bedeutung. Nicolás Gómez Dávila verstand sich als Kritiker des Marxismus, der Demokratie und eines blinden Fortschrittglaubens. Sein Denken beeinflusste stark Botho Strauß und Ernst Jünger. Nicolás Gómez Dávila starb 1994 in Kolumbien. (nach wikipedia)

Da man Aphorismen aber nicht referieren kann, bleibt dem Leser nur der Griff zum - hier zur nachdenklichen Lektüre empfohlenen - Buch.

Immerwährender Päpstekalender

Das ist schon eine bestechende Idee: ein immerwährender Päpstekalender, der - analog zum immerwährenden Heiligenkalender - Tag für Tag einen der Päpste aus der langen Reihe dieser Gestalten aus der Kirchengeschichte vorstellt. Natürlich gibt es in unserer mediatisierten Welt auch heute schon Papstkalender. Diese heißen dann "Der neue Papstkalender 2007" und tragen den Titel "Viva il Papa".

Albert Christian Sellners Unterfangen ist aber ein ganz anderes. Sein immerwährender Päpstekalender ist keine verklärte Lobhudelei - die einem Papst auch wahrlich nicht anstünde -, sondern eine kritische Bestandsaufnahme einer illustren Gesellschaft zur täglichen Lektüre. Keine wissenschaftliche Papstgeschichte im engeren Sinne, eher eine kritisch gebrochene Legenda aurea des Papsttums mit Anekdoten und Legenden, Unterstreichungen und Kritik.

Kritisch muss sie sein, denn ein Blick auf die Stellvertreter Christi ist keineswegs nur erbaulich: "Einige waren gütige und fromme Männer, Friedensstifter, geniale Staatenlenker, Beschützer der Armen, Förderer der Wissenschaft, Dichter und Denker. Aber auf dem Heiligen Stuhl saßen auch Mordbuben und Sadisten, Pornografieliebhaber und Intriganten, Blödsinnige, Paranoiker und bösartige Greise. Stephan VI. etwa ließ 897 seinen Vorgänger Formosus neun Monate nach dessen Tod exhumieren und in päpstlichen Gewändern in eine Synode setzen. Der Tote wurde verdammt, dem verwesenden Leichnam wurden die Kleider heruntergerissen, die Schwurfinger und der Kopf abgehackt und die Überreste in den Tiber geworfen. Oder die Renaissancepäpste: Manche »Stellvertreter Gottes« in dieser Epoche konnten auf eine beträchtliche leibliche Nachkommenschaft blicken, die sippenbewusst neben der übrigen weitläufigeren Verwandtschaft mit Herzogs- oder Kardinalswürden versorgt wurde."

Und wie es sich für einen derartigen Kalender gehört, dominieren die interessanten Geschichten, das Unglaubliche und Unerhörte die Darstellung. Aber das macht neugierig auf die vertiefende Lektüre, auf ein Nachschlagen in Kirchengeschichten und Papstgeschichten. Und genau das ist der Sinn eines Päpstekalenders wie eines Heiligenkalenders: neugierig zu machen auf Geschichte(n). Und das ist Albert Christian Sellner hervorragend gelungen.

Handbuch Friedenserziehung

Neu erschienen ist das Handbuch Friedenserziehung. Interreligiös – interkulturell - interkonfessionell, das zugleich eine Festschrift für Johannes Lähnemann ist.

Auf 470 Seiten werden in drei Themenbereichen

  • Allgemeine Grundlagen
  • Theologische und religionswissenschaftliche Grundlagen
  • Handlungsfelder und Praxisbeispiele

sorgfältig und umfassend die Themengebiete abgesteckt und erschlossen. Dabei bleibt so gut wie kein Aspekt unerörtert. Die Liste der Beiträger ist erlesen und der Sachstand höchst aktuell.

Die Religionspädagogik und hier das drängende Problem der Auseinandersetzung mit der Gewalt spielen im Handbuch eine besondere Rolle. Da das Verhältnis der Religionen und Kulturen gerade unter dem Aspekt des Respekts vor dem Anderen und der Pflege des friedvollen Umgangs zur Zeit von höchster Aktualität ist, ist das Buch ein geradezu unentbehrliches Nachschlagewerk.

Empfohlen werden kann das Buch jedem, der sich mit Fragen der Pädagogik, der Friedenserziehung, aber auch der religionswissenschaftlichen und theologischen Reflexion der Begegnung der Religionen und Kulturen beschäftigen will.


Es gilt das gesprochene Wort

Hörbücher haben Konjunktur. Was das Radio schon seit vielen Jahren ermöglicht – Literatur auch akustisch in der Intonation bekannter Schauspieler und Sprecher wahrzunehmen – wird zunehmend nun auch auf dem Büchermarkt üblich. Seit Neuestem geschieht dies in der Form von mp3-Dateien, die man sich über den mp3-Player unterwegs anhören kann. Das hat natürlich etwas Pittoreskes: Die Schöpfungsgeschichte beim Joggen, die Psalmen beim Wandern und das Hohelied … Wie dem auch sei, jedenfalls scheint es eine Tendenz zum Hörbuch-Hören zu geben. Wer bei einem der entsprechenden Versandhändler „Bibel und Hörbuch“ eingibt, stößt jedenfalls auf eine Fülle von derartigen Projekten von ganz verschiedenen Sprechern.

In der Digitalen Bibliothek sind nun das Alte Testament und das Neue Testament als derartiges Hörbuch erschienen. Burkhard Behnke, Johannes Gabriel, Wolfgang Gerber und Patrick Imhof, alle vier professionelle Schauspieler und Sprecher, lesen die biblischen Schriften. Textgrundlage ist die Lutherbibel von 1912, die auf der DVD auch jeweils als digitale Textausgabe vorliegt. Die Auswahl dieser Textfassung hat sicher etwas mit den urheberrechtlichen Fragen zu tun, die nur den Zugriff auf ältere Versionen der Lutherbibel kostenfrei ermöglichen. (Für die neuere Lutherbibel von 1984 liegen entsprechende andere Angebote der Deutschen Bibelgesellschaft vor.)

Nun hat das Vorlesen der gesamten Bibel (einschließlich aller Gesetzestexte in Leviticus) geradezu etwas Manisches, es erinnert eher an Marathon-Lesungen als eine tatsächliche sprachliche Annäherung an die Heilige Schrift. Auf der anderen Seite ist eine Auswahl aus den biblischen Schriften insofern immer prekär, als dass die Kriterien der Auswahl natürlich immer diskutabel sind.

Jedenfalls haben sich Behnke, Gabriel, Gerber und Imhof der Mühe unterzogen, die gesamte Heilige Schrift vorzulesen. Was die konkrete sprachliche Gestaltung betrifft, so empfinde ich dieses Hörbuch als „sachliche“ Umsetzung, sie ist nicht emphatisch einfühlend oder klerikal, sondern behandelt die Bibel wie einen normalen literarischen Text. Das hat Vorteile und Nachteile. Ein Vorteil ist es natürlich, dass man nicht dem bedeutungsschwangeren Ton mancher Bibellesungen ausgesetzt bist, ein Nachteil ist, dass bestimmte vertraute Akzentuierungen nicht mehr vorkommen. Das wird etwa bei dem akustisch vermutlich verbreitetsten Text des Neuen Testaments deutlich, bei der Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Hier wird der Text von Johannes Gabriel quasi fortlaufend vorgelesen, ohne jene dramatischen Akzentuierungen, die etwa die christliche Ikonografie der abendländischen Kunst geprägt haben. Zwischen dem Vers 20 und dem Vers 21 des 2. Kapitels des Lukas-Evangeliums gibt es auf der DVD keinen Bruch, obwohl erzählerisch ein ganz anderes Kapitel aufgeschlagen wird.

Als „Bonus“ gibt es auf beiden DVDs alternative Lesungen ausgewählter Kapitel bzw. Bücher durch den Schauspieler Peter Sodann (vielen vermutlich vor allem bekannt als Kommissar Bruno Ehrlicher in der Reihe "Tatort").

Was mich enttäuscht hat ist die fehlende Verknüpfung von Text und Ton. Zwar liefert die Digitale Bibliothek die Lutherausgabe von 1912 auf der DVD mit, aber es gibt keine Verbindung zwischen den Bibeltexten und dem gesprochenen Wort. Das ist mehr als eine vergebene Chance, denn gerade das wäre (etwa für die religionspädagogische Arbeit) eine sinnvolle Möglichkeit gewesen, die eigene Textlektüre mit den Textlektüren der Sprecher zu verknüpfen. Aber vermutlich konnten sich die Produzenten der DVD nicht vorstellen, dass es auch heute noch Menschen gibt, die eine fortlaufende Bibellektüre pflegen und sich durch eine Verbindung beider Vergegenwärtungsformen der Bibel in Text und Ton bereichert gefühlt hätten. Hier wurden die Möglichkeiten des Mediums nicht richtig genutzt. Auch fehlt eine intuitive Oberfläche für die Auswahl der mp3-Dateien. Dass man sie sich aus einem Verzeichnis kapitelweise auswählen muss, setzt entweder die Kenntnis der Bibel oder das vorherige Nachschlagen in ihr voraus.

Mein Wunsch an die Digitale Bibliothek wäre daher eine Ausgabe der Lutherbibel auf einer DVD, die den Text enthält, von dem aus man nicht nur das gesprochene Wort, sondern zugleich auch die wichtigsten Kunstwerke aufrufen kann, die es zu den entsprechenden Kapiteln der Bibel gibt (und die die Digitale Bibliothek ja schon mit ihrer Christliche Kunst-CD vorgelegt hat). Das wäre ein Gesamtkunstwerk, das der kulturellen Bedeutung der Bibel entsprechen würde. Aber vielleicht lässt sich ja das Angebot dahingehend erweitern.


Das große TV-Spielfilm Filmlexikon

Als Sonderband der Digitalen Bibliothek ist jetzt das TV-Spielfilm Filmlexikon auf CD-ROM erschienen. Das Lexikon stellt Informationen zu 6.800 Spielfilmen bereit und gibt die Beschreibungen der Zeitschriftenredaktion wieder. Daneben gibt es auch eine inhaltsidentische 6-bändige Druckausgabe. Für den schnellen Zugriff auf Basisinformationen zu Spielfilmen empfiehlt sich die CD-ROM. Insgesamt sind die Informationen dem Zeitschriftenformat entsprechend etwas knapp gehalten sind und tiefere und weiterführende Analysen fehlen. Die CD-ROM hilft schnell bei der Beantwortung der Frage „Worum geht es?“ und beinhaltet noch ein paar Anekdoten und Details, aber nicht mehr. Keine Informationen erhält der Nutzer leider zu den Regisseuren. Wer etwa Woody Allen eingibt, bekommt nur eine Liste der von ihm gedrehten und im Lexikon vorgestellten Filme. Hier wären etwas mehr Sachhinweise besser gewesen. Das liegt natürlich nicht an directmedia, sondern an der Filmredaktion von TV Spielfilm, die ihre Filminformationen zu spärlich ausstattet. Die Software der Digitalen Bibliothek ermöglicht den schnellen und komfotablen Zugriff auf die vorhandenen Daten des Filmlexikons, so dass kaum ersichtlich ist, warum man sich die sperrige gedruckte Ausgabe zulegen sollte, die zudem noch teurer ist als die CD.

Was definitiv fehlt sind die FSK-Freigaben, denn wenn etwa Eltern die CD für Informationen dazu nutzen wollen, was ihre Kinder gerade anschauen wollen, hilft ihnen die bloße Inhaltsangabe nicht unbedingt weiter. Hier enthält die Internet Movie Database (IMDB) deutlich mehr Informationen.

Wer vertiefte Informationen benötigt, sei auf das (allerdings auch wesentlich teurere) Angebot des Lexikons des Internationalen Films verwiesen. Aber auch der kostenfreie Teil des online-Angebots enthält schon viele wichtige Basisinformationen.