01. August 2020

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Heft war so nicht geplant. Eigentlich hatten wir gedacht, dass die sich steigernde Folge von SINGULARITÄTEN (letztes Heft), SERIEN (dieses Heft) und WELTBEGEBENHEITEN (nächstes Heft) eine reizvolle Form der Horizonterweiterung für die Leserinnen und Leser wäre.

Aber dann überrollte eine Cancel-Culture-Debatte und eine sich sehr kulturfeindlich artikulierende Rassismus-Diskussion die Feuilletons und Zeitgeistmagazine. Diese Debatte hat sich über Jahre angekündigt, nun aber einen Drive bekommen, der doch überraschend ist. Deshalb haben wir uns entschlossen, diesem Thema einen Schwerpunkt zu widmen.

Ellen Ueberschär hat auf Zeitzeichen davon geschrieben, dass augenblicklich zwei moralische Narrative die Diskussionen prägen: das eine Narrativ sei der Holocaust, das andere sei der Kolonialismus und Imperialismus. Wer die Feuilletons der letzten Monate liest, wird dem zustimmen können. Es verstärkt sich allerdings der Eindruck, dass Letzteres zunehmend zu Lasten des Ersteren geschieht.

Es gehört zu den Verdiensten des Papiers „Glaube, Liebe, Hoffnung. Orientierungsversuche in Zeiten des Streits“ von Heinz-Joachim Lohmann und Christian Staffa von der Evangelischen Akademie zu Berlin, an die notwendige Bindung der aktuellen Diskussionen an den christlich-jüdischen Dialog zu erinnern. Sie schreiben: „Auf der ganzen Welt denunzieren Interessengruppen Wahrheitssuche und Rationalität. Offenkundiger und gewalttätiger Rassismus, aber auch der entschiedene Widerstand dagegen, die Diskussionen über Privilegien, Exklusion und Inklusion, und nicht zuletzt immer stärker an die Oberfläche tretender Antisemitismus bestimmen nicht nur in Deutschland die öffentlichen Debatten“. Freilich erscheint die geradezu symbolpolitische Orientierung ihres Papiers an der Barmer Theologischen Erklärung der Sache nicht hilfreich zu sein. Im Augenblick steht die Evangelische Kirche nicht von innen heraus in der Gefahr theologischer Irrlehre – ein Punkt, der Barmen wesentlich bestimmt hat. Und so wendet sich das Papier von Lohmann und Staffa gar nicht an die Kirche, sondern an die Gesellschaft. Dazu hätte es der formalen Analogie zu Barmen nicht bedurft. Man sollte so etwas – ähnlich wie bei den berüchtigten Thesenanschlägen im Jahr 2017 – dann doch wirklich nur in Notfällen tun.

Das andere Papier, das in den letzten Wochen erschienen ist, trägt den etwas zu prätentiösen Titel „Kirche auf gutem Grund - 11 Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ und stammt vom Z-Team, dem Zukunftsteam der Evangelischen Kirche in Deutschland. Dazu ist inzwischen einiges geschrieben worden, wobei die kritischen Töne weitgehend überwiegen: Auf zeitzeichen.net fragte Günther Thomas, ob es sich hier um eine „Gebrauchsanleitung für das Endspiel?“ handele und Gerhard Wegner schrieb an gleicher Stelle von einer „Attacke auf die Ortsgemeinde“. Das Erschreckendste aber an dem Papier ist, dass es all die qualifizierte Kritik an der Kirche, die sich in den letzten Jahren wieder und wieder (auch in diesem Magazin [1] [2] [3]) artikuliert hat, gar nicht aufnimmt, geschweige denn reflektiert.

Einige Formulierungen aus den 11 Leitsätzen lesen sich dagegen wie Drohungen:

„In einer Minderheitenposition wird die kirchliche Bildungsverantwortung … nicht kleiner; sie wird sich aber stärker als bisher auf die Glaubensweitergabe und die Stärkung des Zugehörigkeitsgefühls konzentrieren. Auch wenn niemand von kirchlichen Bildungsangeboten prinzipiell ausgeschlossen werden darf, wird die evangelische Kirche bei ihrem Bildungshandeln zukünftig stärker jene im Blick behalten, die sie unterstützen und sich ihr verbunden fühlen.“

Bildung im Ghetto. Da kann man ja gespannt sein, wie die Evangelischen Akademien und die evangelischen Bildungsinstitutionen das gestalten werden. Bildung im Humboldt’schen Sinne lässt sich nun gerade nicht auf Segmente wie Glaubenszugehörigkeit und Zugehörigkeitsgefühl reduzieren, sondern ist umfassend und betrifft die gesamte Persönlichkeit. Sie wendet sich an alle und schließt niemanden aus.

Womit wir beim Heftthema wären: wer wird eingeschlossen, wer ist ausgeschlossen und wodurch geschieht das? Mehrfach war in den kirchlichen Publikationsorganen in letzter Zeit zu lesen, „dass Jesus höchstwahrscheinlich nicht weiß war“. Gut zu wissen – oder auch nicht, je nachdem, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht. Wer meint, es wäre „ein großes Symbol, wenn wenigstens an bestimmten Orten, etwa in Kirchengebäuden in eher international geprägter Umgebung, eine schwarze oder People of Colour-Figur von Jesus aufgestellt würde“, hat den Juden Jesus wohl nicht recht verstanden. Jesus, der Gott, der an keiner Stelle der Bibel das zweite Gebot aufgehoben hat, fände also Gefallen daran, wenn das zweite Gebot im Interesse der Sache keine Geltung mehr hätte und er in diversen Farben dargestellt würde? Der Fehler ist doch nicht die weiße Darstellung Jesu, sondern die Darstellung Jesu. Nicht erst seit der BLM-Debatte, sondern bereits seit 1522 sollte das jedem klar sein.

Das ist das eine Thema. Das andere ist die Neigung, alles zu reinigen, alles in einen Zustand zu bringen, der keinen Anstoß erregt. Und hier protestiert der Ästhet in uns. Kunst war noch nie die Sache der Reinen – ebenso wie die Religion nie wirklich eine Sache der Reinen war. Kunst und Religion beinhalten die Grenzüberschreitung, die kühne Geste, das extravagante Wort. Kleinbürgerlichkeit ist beiden fern. Deshalb gilt es da zu protestieren, wo unter wohlfeilen moralischen Gesinnungen Kultur bereinigt werden soll. Davon erzählt diese Ausgabe des Magazins für Theologie und Ästhetik.

Gegenwartsfragen

Das Magazinthema wird eröffnet durch die Ausschreibung einer offenen Preisfrage: „Ist das Schwarze Quadrat von Malewitsch ein rassistisches Kunstwerk?“ Das ist keine Scherzfrage, sondern eine wirklich seriöse Fragestellung. Gefragt ist eine Kriteriologie, die sich sinnvoll auf kulturelle Artefakte anwenden lässt.

In den ersten fünf Artikeln der Rubrik VIEW schreitet Andreas Mertin das Themenfeld des politischen und kulturellen Ikonoklasmus am Beispiel des Rassismus ab. Die reformierte Theologie ist seit ihren Anfängen mit dem Themenkomplex „Bilderstreit“ und „Bildersturm“ verknüpft und verfügt über eine reiche Erfahrung in der kritischen Auseinandersetzung mit Bildern. Dies versucht der Autor hier produktiv zu machen. Ergänzend haben wir Jörg Löffler gebeten, einen Text wiederveröffentlichen zu dürfen, der sich mit Rassismus, Religion und Paradoxie in William Blakes Gedicht "The Little Black Boy" auseinandersetzt und gerade heute neue Aktualität gewonnen hat.

In der Rubrik CAUSERIEN finden Sie einen Beitrag von Timm Sierung über Kurt Schwitters „Onkel-Heini-Schlager“, den der Autor mit dem Evangelischen Kirchengesangbuch in Beziehung setzt.

Unter RE-VIEW setzt sich Wolfgang Vögele mit dem Buch „Die Wildnis Die Seele Das Nichts“ von Michael Hampe auseinander und Barbara Wucherer-Staar besucht Ausstellungen in NRW.

In der Rubrik IMPULS gibt es einen Verweis auf ein Jugendwerk von Lukas van Leyden, das dieser der Begegnung der Kulturen gewidmet hat.

Und in der Rubrik POST geht es um ein inkorrektes Musikvideo von Eminem, das uns fragen lässt, was denn heutzutage noch korrekt ist.

Das nächste Heft 127 des Magazins für Theologie und Ästhetik steht dann unter der Überschrift „Weltbegebenheiten“. Die Heftredaktion wird die Philosophin Frauke Kurbacher übernehmen. Wem zu diesem Thema etwas einfällt, den laden wir zur Mitarbeit ein.

Für dieses Heft wünschen wir eine erkenntnisreiche Lektüre!

Andreas Mertin, Jörg Herrmann, Horst Schwebel, Wolfgang Vögele und Karin Wendt


Heft 127: Weltbegebenheiten (1.10.2020; Redaktionsschluss 15. September 2020)

Heft 128: Religiöse Kulturhermeneutik (1.12.2020; Redaktionsschluss 15. November 2020)

Leserinnen und Leser, die Beiträge zu einzelnen Heften einreichen wollen oder Vorschläge für Heftthemen haben, werden gebeten, sich mit der Redaktion in Verbindung zu setzen.

Übersicht aller bisher erschienenen Texte

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