01. Oktober 2018

Liebe Leserinnen und Leser,

ach, was waren das für Zeiten, als Dennis Oppenheim 1997 eine Installation mit einer Kirche schuf und ihr den Titel gab: device to root out evil. Aber schon damals stellte er die Kirche auf den Kopf und gab so einer gewissen ironischen Distanzierung zum Werktitel einen Ausdruck. Zur Zeit bräuchte man über Kirchenkritik eigentlich gar nicht mehr zu schreiben, das vollziehen die Kirchen und ihre Kleriker durch ihr Verhalten schon fast automatisch – wozu bedarf es da noch einer expliziten Kritik? Ein Land nach dem anderen wird – zumindest im Kontext der katholischen Kirche – von unerhörten Skandalen erschüttert, die das Vertrauen der Gläubigen in ihre Kirche schwinden lassen. Die evangelische Kirche auf der anderen Seite zeigt sich als Funktionärskirche in Reinkultur, treibt die Banalisierung der Botschaft konsequent voran. Was nicht auf Werbebroschüren von irgendwelchen zweitklassiken Designbüros passt, wird weggebügelt. Woche für Woche landen irgendwelche Kirchenbroschüren auf dem Redaktionstisch, die von Spiritualität reden, von digitalen Kollekten berichten und ansonsten die Personalisierung des Christentums durch Hochglanzfotos ihrer Funktionäre vorantreiben. Evangelisches Christentum wird zur Personality-Show. Das rote Sofa lässt grüßen.

Angesichts dessen könnte man auf Kirchenkritik verzichten, weil sie ja im wörtlichen Sinne evident ist – vor Augen liegt. Aber dann gibt es immer wieder Ereignisse und Entwicklungen, die einen über das gewohnte Maß hinaus ärgern oder sogar empören und die nicht kommentarlos einfach geschehen können. Davon handelt dieses Heft.

Und nun zur aktuellen Ausgabe.

Unter VIEW finden Sie einen grundlegenden Artikel von Wolfgang Vögele über „Klerikalismus, Banalität und Gleichheit“. Seine Kritik trägt den Titel „Kritik der aufblasbaren Kirche“. Das erinnerte die Redaktion an eine „narrative Kirchenkritik“, die Horst Schwebel vor einigen Jahren unter dem Titel „Warum ich der Kirche eine Hüpfburg schenkte“ geschrieben hat und die wir hier wiederveröffentlichen. Andreas Mertin fragt in einem Zwischenruf, ob es denn nicht einen legitimen Anspruch der Kirche auf affirmative Intellektuelle gibt, kommt aber zu einem negativen Ergebnis und erläutert anschließend, warum er sich in der Evangelischen Kirche nicht mehr zu Hause fühlt. Anne Breckner erweitert in ihrem Beitrag die Sicht auf die Kirchenkritik vor 500 Jahren, als in den Zeiten der Reformation religiöse Parodien ein Mittel der Auseinandersetzung waren.

Unter RE-VIEW steuert Hans J. Wulff eine Rezension und kritische Auseinandersetzung zu einem Lesebuch zum Thema Film und Passion bei. Wolfgang Vögele setzt sich mit Thomas Bauers Schrift zur „Vereindeutigung der Welt“ auseinander. Barbara Wucher-Staar stellt eine Installation der Gruppe Semiconductor vor. Andreas Mertin rezensiert ein Buch zur Heiligen Kunst, setzt sich kritisch mit der kirchlichen Haltung zur abgesagten Berliner Installation DAU auseinander und fragt sich, ob es eine grundsätzliche Verhaltensänderung gegenüber dem Eingedenken des Holocaust gibt, wenn Influencer inzwischen sogar das Berliner Mahnmal für Werbung für Haar-Extensions nutzen.

Unter POST findet sich die neue Kolumne von Andreas Mertin und eine Notiz zur mittelalterlichen Brachialpädagogik.

Wir wünschen eine angenehme und erkenntnisreiche Lektüre!

Andreas Mertin, Jörg Herrmann, Horst Schwebel und Wolfgang Vögele


Für die nächste Zeit sind folgende Themenausgaben geplant:

Heft 116 (Dezember) wird nach langer Zeit mal wieder ein CONTAINER sein
Heft 117 (Februar) widmet sich dem Phänomen des Tagebuchs.
Heft 118 (April) befasst sich mit dem Thema "Inszenierung und Vergegenwärtigung"
Heft 119 (Juni) ist nach nicht festgelegt, Vorschläge sind willkommen
Heft 120 (August) hat das Thema Popkultur im Wandel.

Leserinnen und Leser, die Beiträge zu einzelnen Heften einreichen wollen, werden gebeten, sich mit der Redaktion in Verbindung zu setzen.

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