Gegen "Gutmenschentum und eine plumpe moralistische Willkommenskultur"?

Warum ich mich in der Evangelischen Kirche nicht mehr zu Hause fühle

Andreas Mertin

Neulich landete ich nach langer Zeit wieder einmal auf den Internetseiten der Jungen Freiheit und stoße dort auf eine Meldung[1] mit der Überschrift:

Nun kenne ich die Junge Freiheit mit ihrer Tendenz, Nachrichten in ihrem Sinne umzumodeln. Ich mag nicht glauben, dass sich die EKD in welcher Form auch immer gegen Gutmenschentum ausgesprochen hat. Nicht nur, weil dieses Wort dezidiert rechte, ja rechtsextreme Sprache zur Denunziation engagierter Menschen ist, sondern weil es in der Sache völlig ausgeschlossen ist, dass man vom Evangelium her gegen Menschen, die sich für das Gute einsetzen, polemisieren könnte. Die Junge Freiheit behauptet nun, dass in einem Interview eines EKD-Vertreters mit der Nachrichtenagentur idea folgender Satz gefallen sei: „Gutmenschentum und eine plumpe moralistische Willkommenskultur“ fänden sich in den Erklärungen der EKD nicht wieder. Und tatsächlich verweist eine Recherche auf eine Meldung bei idea[2], die einen entsprechenden Inhalt hat:


Was ist „plumpe moralistische Willkommenskultur“?

Ich bin überrascht und entsetzt. Ich weiß nicht einmal ansatzweise, was eine „plumpe moralistische Willkommenskultur“ ist. Offensichtlich gibt es eine Willkommenskultur, die von einer moralistischen Willkommenskultur differenziert werden kann. Vermutlich gibt es dazu noch eine moralisch begründete, also ethische Willkommenskultur. Was allerdings eine plumpe moralistische Willkommenskultur sein soll, weiß ich nicht. Gibt es auch eine differenzierte moralistische Willkommenskultur? Oder hat idea nur ein Komma weggelassen und der Interviewte hatte gemeint, es gäbe „eine plumpe, moralistische Willkommenskultur“? Also plump, weil moralistisch? Man kann und muss sich m.E. fragen, was der Interviewte hier meint.

Allgemein bezeichnet Moralismus zunächst nur „eine Haltung, die die Moral als verbindliche Grundlage des zwischenmenschlichen Verhaltens anerkennt“.[3] Wenn man nun nicht Hütchen-Spiele machen und eine theoretische Differenz von Ethik und Moral ins Spiel bringen will, ist Moralismus also etwas Gutes. Er bezeichnet in der Kulturgeschichte schlichtweg eine sittlich (moralis – sittlich) gebotene Verhaltensweise. Wie man sie konkret begründet, mag plump oder differenziert sein, geboten ist sie allemal. In diesem Sinn sollte auch die EKD eine moralistische Willkommenskultur uneingeschränkt begrüßen, auch wenn sie selbst anders argumentiert.

Nun kann man moralistisch – in Abgrenzung zu moralisch – auch im Sinne von „eine übertreibende Beurteilung der Moral als alleiniger Maßstab für das zwischenmenschliche Verhalten“ verwenden. Das tun vor allem die Gebildeten unter ihren Verächtern. Nietzsche lässt grüßen. Ihnen ist Moral suspekt. Sie sehen im übertriebenen Gebrauch moralischer Sätze ein Hindernis für realitätsorientierte pragmatische Handlungsformen. Theologisch wur­de das oft anhand der Differenzierung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik vorgetragen und erlaubte dann noch die schlimmsten Kriegsmittel, weil sie ja verantwortungsethisch geboten seien, auch wenn sie gesinnungsethisch problematisch erscheinen. Mir hat diese Differenzierung nie eingeleuchtet, sie schien mir von je her nahezu ausschließlich machtorientiert. Aber darum geht es hier nicht.

Es gibt nichts Gutes. Außer: man tut es. (Erich Kästner)

Es geht darum, dass hier „Willkommenskultur“ mit einer direkten Abwertung kontaminiert wird. Freilich: Was der EKD-Vertreter wirklich kritisieren will, wird nicht richtig klar. Geht es nur um das „plump“? Oder geht es um das „moralistisch“? Oder geht es nicht de facto auch um die „Willkommenskultur“? In allen drei Fällen hätte ich jedoch schwere Bedenken gegen die sprachliche Form der Denunziation. Wenn man das Feld ethischer Urteilsbildung ausdifferenziert und zwischen Ethik, Moral, Werten, Normen, Regeln, Ritualen, Traditionen und Konventionen in absteigender Tendenz unterscheidet, ist es mir zunächst gleich, ob jemand Willkommenskultur „nur“ aus konventionellen oder traditionellen Gründen ausübt oder ob er es ethisch differenziert tut. Denn: Es gibt nichts Gutes. Außer: man tut es. (Erich Kästner) Gut ist keinesfalls die ausdifferenzierte Stellungnahme der EKD zu Flüchtlingsfragen, gut ist die konkrete Hilfe für flüchtende Menschen. Alles andere sind Verschiebungen der Bewertungsmaßstäbe.

„Wir sagen ja nicht, dass alle kommen sollen und wir keine Grenzen mehr brauchen“

fügt der EKD-Vertreter hinzu und unterstellt damit, dass es bei denen, die „Refugees welcome“ sagen, Menschen gibt, die alle nichtdeutschen Menschen nach Deutschland einladen. Das ist Quatsch. Niemand sagt das. Zunächst einmal sagt der Satz ja nur, wer als Flüchtling an die Grenzen Deutschlands kommt, soll nicht oder wenigstens nicht pauschal abgewiesen werden. Wenn er Flüchtling im Sinne § 3 Abs. 1 des Asylgesetzes ist, soll er in Deutschland Asyl finden. Das geht konform mit dem Grundgesetz und der Genfer Flüchtlingskonvention und sollte sittlicher Standard in der BRD sein. Ist es aber nicht. Das macht jede Stellungnahme durch einen EKD-Vertreter so heikel, weil sie allzu schnell Wasser auf den Mühlen der Rechtsextremen ist.

Von Bibeltexten und Kurzschlüssen

Der EKD-Vertreter verweist nun zu Recht auf die biblischen Texte zur Nächsten- und Fremdenliebe und fügt dann hinzu:

Das biblische Gebot der Fremdenliebe sollte aber nicht vorschnell auf die heutige Situation übertragen werden. Man dürfe entsprechende Bibeltexte „nicht mit der Tagespolitik kurzschließen“.

Klar, vorschnell sollte man nie etwas tun. Aber gemeint ist ja etwas anders. Das Gebot der Fremdenliebe soll nicht unmittelbar auf Tagespolitik angewendet werden. Warum nicht? Das erfährt man nicht. In Abertausenden von Fällen pflegt die EKD und pflegen Pfarrerinnen und Pfarrer genau das zu tun: biblische Texte direkt auf Tagessituationen anzuwenden. Nahezu Sonntag für Sonntag schallt es mir entgegen: „Als Mann und Frau geschaffen“ – „Vater und Mutter ehren“ – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau“. Und in diesem einen konkreten Fall geht das nicht? Begründungslos? Oder darf man Bibeltexte „nie“ mit der Tagespolitik kurzschließen? Dann wünschte man sich, dass die EKD sich daran auch in anderen Fällen hielte, zum Beispiel in Fragen von PID oder der Sterbehilfe. Warum berührt es mich nur so unangenehm, dass ausgerechnet bei der Flüchtlingspolitik plötzlich Stoppsignale gesendet werden und in anderen Fällen nicht? Ist das nur Zufall? Ich glaube das nicht mehr.

Un-Vernünftige Integration

„Wenn Flüchtlinge die Perspektive hätten, dauerhaft in Deutschland zu bleiben, sei es vernünftig, dass sie sich hier integrierten.“

Ist das wirklich vernünftig? Und weshalb eigentlich? Wird hier nicht im Sinne der Partei-Programmatik von CDU und CSU die Integration in die deutsche Leitkultur einfach nur im Voraus als vernünftig gesetzt? Ich finde es zunächst einmal überhaupt nicht vernünftig, allenfalls wäre es eine mögliche unter vielen anderen denkbaren Perspektiven.

Der Preis für die Integration in die deutsche Gesellschaft, so hatte Max Czollek schon Mitte 2015 in seinem Aufruf zur Desintegration geschrieben, ist die Unsichtbarkeit.[4] Pointiert zugespitzt und zugegebenermaßen stark übertrieben gesagt: eigentlich ist Integration ein kulturelles Ver­nich­tungs­pro­gramm. Kaum jemand (oder doch nur Rassisten wie beim Aufstand 1871) verlangt von den Chinesen in Amerika, sie müssten sich besser integrieren – nur weil sie seit über 150 Jahren immer noch in einer Chinatown leben. Da, wo man chinesische Stadtviertel verdrängt hat, beginnt man weltweit sie zu re-etablieren. Heute sind sie sogar Teil der Gentrifizierung, weil sie kulturellen Reichtum symbolisieren.

Der Ruf zur Integration ist dagegen ein Symptom für etwas ganz Anderes:

Wer kann in Deutschland von einer gemeinsamen jüdisch-christlichen Tradition sprechen? Wer freut sich darüber, endlich wieder die Deutschlandfahne rauszuhängen, im Gesicht zu tragen oder auf dem Toastbrot zu essen? Wer besteht auf Schweinefleisch im Kindergarten und in der Mensa? Wer errichtet sich selbst ein Mahnmal, das an eine Gaskammer erinnern soll, und fragt dann die Juden, ob es ihnen gefällt?[5]

Und dieses Symptom wird an der Sprache kenntlich. Ihr müsst Euch integrieren meint eigentlich: Ihr müsst unkenntlich werden. Werdet zu Deutschen (man könnte böse schreiben: Werdet zu Doitschen!). Integration, das lehrt einen die schreckliche deutsche Geschichte, schützt die dazu Aufgeforderten eben nicht vor ihrer Vernichtung, nicht vor der Ausgrenzung, sondern nutzt nur den Fordernden. Darum geht es:

Der Innenminister hat Unrecht, wenn er glaubt, Deutschland bestehe nur aus jenen, für die, Zitat, "[u]nsere Nationalfahne und unsere Nationalhymne selbstverständlicher Teil unseres Patriotismus" sind. Um es mit den Worten Kurt Tucholskys zu sagen: "Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht [...] Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir." Der positive Nationalismus ist ein deutscher Traum, der aus einem deutschen Trauma entstanden ist. Es gab einmal eine Zeit, da wollten Juden dazugehören. Dieser Zug ist abgefahren - und es saßen Deutsche im Schaffnerhäuschen![6]

Wer Integration fordert, spricht nicht die Flüchtlinge an, sondern zielt auf den deutschen Stammtisch und die ‚besorgten‘ Bürgerinnen und Bürger. Andersheit soll ausgeschaltet werden. Aber wie die Geschichte des Judentums in Deutschland zeigt, in der im 18. und 19. Jahrhundert eine intensive Integrationsdebatte geführt wurde, wissen die ‚besorgten‘ Bürgerinnen und Bürger auch nach hundert Jahren Integration immer noch genau, wer dazu gehört und wer nicht. Auch integrierte Juden, ja selbst konvertierte Juden waren in Deutschland (und Jahrhunderte vorher in Spanien und Portugal) nicht vor Pogromen und Vernichtung sicher.

Und deshalb ist nicht Integration die Lösung, sondern die Akzeptanz kultureller Vielfalt – so schwer sie dem Einzelnen (und auch mir) in der konkreten Begegnung oft fällt. Gerade weil sie eine Weltreligion ist, sollte dieser Ansatz bei Verlautbarungen des Christentums immer kenntlich werden. Sonst wird man – das ist beim Protestantismus und seiner Geschichte nie ganz auszuschließen – zur Staats- oder Nationalreligion. Diesen Weg sind zuletzt die Deutschen Christen gegangen. Das war und ist ein Irrweg.

„Gutmenschentum“

Nun aber zu jenem Begriff, dessen abwertender Gebrauch mich zweifeln lässt, ob die evangelische Kirche noch meine Heimat ist. Gutmensch als Wort zur Herabsetzung und Denunziation ist mir seit über 20 Jahren aus der Rhetorik oder den Kommentaren der Rechtsradikalen und Rechtsextremisten in Deutschland bekannt. Im Kern bezeichnet es Menschen, die sich für das Gute einsetzen, weil es das Gute ist: Altruisten also. Seit den Zeiten der Herrenmenschenideologie eines Friedrich Nietzsche besteht in Deutschland aber auch die Tendenz, Menschen, die Gutes wollen, herabzusetzen und lächerlich zu machen. „VORSICHT! GUTMENSCH – ASYLBESOFFEN & INLÄNDERFEINDLICH“ – das ist die menschenverachtende Denkform, die damit ausgedrückt wird. Und nicht umsonst verkünden die Rechtsextremen, hier scheinbar mit der Zwei-Reiche-Lehre übereinstimmend: “Das Gegenteil von Gutmensch ist nicht Schlechtmensch, sondern Realist!“ „Gutmensch“ ist ein Code-Wort:

Gutmensch ist eine Bezeichnung, die häufig als ironisch, sarkastisch, gehässig oder verachtend gemeinte Verunglimpfung von Einzelpersonen, Gruppen oder Milieus („Gutmenschentum“) genutzt wird. Diesen wird aus Sicht der Wortverwender ein übertriebener, äußere Anerkennung heischender Wunsch des „Gut-sein“-Wollens in Verbindung mit einem moralisierenden und missionierenden Verhalten und einer dogmatischen, absoluten, andere Ansichten nicht zulassenden Vorstellung des Guten unterstellt. In der politischen Rhetorik wird Gutmensch als Kampfbegriff verwendet.[7]

Allgemeiner gesprochen: Gutmensch wird „seit den 1980er Jahren für Personen verwendet, ‚die humanistische, altruistische, auch religiös-mitmenschliche Lebensziele und Argumente höher einschätzen als utilitaristische und ihr Handeln, ihre Politik, ihr Leben danach ausrichten.‘“[8]

Wenn wir das mit der apologetischen Äußerung des EKD-Vertreters verbinden, „Gutmenschentum und eine plumpe moralistische Willkommenskultur“ fänden sich nicht in den Erklärungen der EKD, dann könnte man höchst ironisch daraus schließen, dass der EKD Utilitarismus wichtiger ist als humanistische, altruistische und religiös-mitmenschliche Argumente. Ich vermute, der EKD-Vertreter hat das so nicht gemeint, aber in diesem Fall müsste man doch sagen: Vertretermund tut Wahrheit kund. Ich glaube tatsächlich, dass der EKD als Institution Utilitarismus (durchaus positiv als ethisches Prinzip verstanden) wichtiger ist als das Evangelium und dessen Botschaft. Die öffentliche Theologie der EKD ist heute durch und durch zweckorientiert.

Doch zunächst einmal zurück zur Denunziationsformel „Gutmensch“. Der explizite Satz „Gutmenschentum und eine plumpe moralistische Willkommenskultur“ wären nicht Teil der Verlautbarungen der EKD, impliziert unbestreitbar, dass Gutmenschentum etwas Abzulehnendes sei. Sonst macht der apologetische Einsatz keinen Sinn. Nein, wir sind keine Gutmenschen und handeln auch nicht so – das ist der Kern der Botschaft. Damit hat man sich die Ideologie der Rechten (und der linken Zyniker a la Karl Heinz Bohrer/Klaus Bittermann[9]) zu Eigen gemacht. Man akzeptiert einen Begriff, der Engagierte herabsetzen soll und distanziert sich nicht vom Begriff, sondern von den Herabgesetzten. Es ist schwer, damit in der eigenen Kirche leben zu können. Noch einmal zur Verdeutlichung, worum es geht:

  • Menschen helfen anderen Menschen, genauer: Flüchtlingen, die in großer Zahl zu uns kommen, bedingungslos aus altruistischen, religiösen und/oder humanistischen Gründen, also: weil sie es für sittlich geboten halten.
  • Rechte Strategen erklären diese Haltung, weil sie angeblich zur Überfremdung des deutschen Volkes führt, für einen Ausdruck von ‚Gutmenschentum‘.
  • Die EKD (ein Vertreter der EKD) distanziert sich vom ‚Gutmenschentum‘. Aber man distanziert sich nicht vom Begriff ‚Gutmenschentum‘, sondern vom damit Bezeichneten. Man setzt „Gutmenschentum“ nicht in Anführungsstriche, spricht nicht vom „so genannten Gutmenschentum“, sondern akzeptiert die Formel der Rechtsextremen und eignet sie sich damit an.

Das ist zunächst einmal eine Kommunikationsstrategie. Man nimmt die Argumente auf, die im politischen Raum kursieren und versucht sie zu entkräften. Aber in diesem Fall geschieht ja mehr: Man sagt nicht, es gibt das denunziatorisch so Bezeichnete gar nicht, sondern akzeptiert, dass es das gibt, hebt aber hervor, dass man damit nichts zu tun habe („Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Gutmenschen bin“). Ich hoffe, alle, die sich aus altruistischen, religiösen und humanistischen Gründen für Flüchtlinge eingesetzt haben, nehmen das zur Kenntnis. Hier, genau an dieser Stelle, wird die „Fremde Heimat Kirche“ zur sich selbst entfremdenden heimatlosen Kirche. Ich kann nicht erkennen, dass die Verwendung der Denunziationsformel „Gutmenschentum“ biblisch zu beheimaten ist. Ich kann gut nachvollziehen, dass ein Lutheraner verantwortungsethische Gesichtspunkte und Argumente einbringt, ich kann aber nicht tolerieren, dass er gesinnungsethisch Denkende und Handelnde derart denunziatorisch herabsetzt.

Vor drei Jahren titelte die ansonsten des linken Aktivismus unverdächtige Zeitschrift DIE WELT:

Wer Gutmensch sagt, verdient sich seinen Shitstorm.[10]

Gutmensch sei „zum Hasswort der Gegenwart geworden. Benutzen kann man es nicht mehr. Manche haben das allerdings noch nicht mitbekommen.“[11] Und der Autor in der WELT kann es noch pointierter ausdrücken:

„Heute ist Gutmensch ein Spottwort. Und zwar eines, das kein zurechnungsfähiger Mensch mehr benutzt. Durch übermäßigen Gebrauch der falschen Leute ist es unbrauchbar gemacht worden. Gutmensch sagen eigentlich nur noch Nazis und Idioten ohne sprachliches Feingefühl. Und manchmal – immer noch – Leute, die eine Klammer auf der Nase haben und von dem üblen Geruch nichts mitbekommen.“

Ja, so klar und zugespitzt muss man es sagen: Nur Unzurechnungsfähige, Nazis und Idioten ohne sprachliches Feingefühl gebrauchen heute noch das Wort „Gutmensch“. Die EKD mag für sich die auf sie zutreffende Kategorie aussuchen. Aber man kann ja mal einen Hinweis geben: Für unzurechnungsfähig halte ich sie nicht (auch wenn sie das gerne anderen und anders Denkenden attestiert), für Nazis auch nicht, so bleibt nur das Letzte als sinnvolle Beschreibung.

Der Artikel in der WELT ist auch deshalb so lesenswert, weil er noch einige andere sprachliche Mitteilungen enthält. Etwa, dass im Jiddischen „Gutmensch“ ein Pleonasmus wäre, weil das Wort Mensch dort auch ohne hinzugefügtes Attribut bereits die Bedeutung „herausragend guter Mensch“ hat.[12] Was für eine faszinierende Kultur. Ganz ähnlich schrieb ja auch Novalis: Mensch werden ist eine Kunst“.[13]

Der Artikel der WELT nennt nun auch den aus seiner Perspektive frühesten Gebrauch des Wortes „Gutmensch“. Es handele sich um eine Einfügung des jüdischen Publizisten Gustav Karpeles in eine ursprünglich 1852 erschienene Schrift von Christian Oeser mit dem Titel „Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Ästhetik“.[14] In der von Karpeles 1890 edierten Ausgabe[15] findet sich auf Seite 22 das folgende offenbar hinzugefügte Zitat:

Wird nicht ein solch unberatener Gutmensch für seine unbedingte Menschenliebe verlacht, für einen Thoren von der ganzen Welt gehalten werden und ein Opfer seiner Schwäche sein?

Es lohnt sich, da noch einmal genauer hinzuschauen: Karpeles geht es in seiner Einfügung von 1890 um eine Bestimmung dessen, was man Humanität (Menschenwürdigkeit) nennt und er fasst darunter den vernünftigen Zusammenklang des Guten, Wahren und Schönen. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht aufkündigen. Wer nur das Gute pflegt, ist noch nicht Humanist:

Da ist wieder ein guter Mensch, der alles und alle liebt, ohne Unterschiede giebt und mitteilt, sich selbst vergißt, herabgekommene Verschwender und Faulenzer kleidet, und selbst in Lumpen geht, dies alles aber ohne Verstand und Einsicht thut, so daß seine guten Thaten eben so viele dumme Streiche sind.

Karpeles skizziert eingestandenermaßen ein Zerrbild des guten Menschen. Worauf er hinaus will, ist nicht die Abwertung des Gutmenschen, sondern auf die Verbindung des Guten, Wahren und Schönen. Um wahrhaft Humanist zu sein, muss alles zusammenklingen. Also keine Kritik am Gutmenschentum, sondern die Aufforderung das Wahre und das Schöne nicht zu vergessen.

Bereits Jahrzehnte vor Karpeles und Oeser schrieb der 1832 verstorbene Philosoph Karl Christian Krause (in einer freilich erst 1890 aus dem Nachlass veröffentlichten Notiz, die aber ins vorletzte Lebensjahr, also 1831, datiert werden kann):

„Der Gutmensch, — Wesenmensch, — hat gegen jene Heuchelglattheit der Vornehmlinge eine zuverlässige Waffe: — sein ungeschminktes, ernstes, ernstfreundliches, liebinniges, liebefriedliches, ehrwürdiges Gesicht, — darin sie bald lesen lernen! —  Aber bald ergrimmen sie darob, — und deine Unschuldwürde ist ihnen Verbrechen.“[16]

Ja, genau darum geht es. Die Unschuldwürde ist den Vornehmlingen ein Verbrechen. Das hätte der EKD-Vertreter bedenken sollen, bevor er sich von den Gutmenschen distanziert! Direkt darunter schreibt Krause voller Einsicht:

Ich lehrte und lehre die Menschheit, aber die Mehrzahl und die jetzigen Gesellschaften (Staat, Kirche, Wissenschaft- und Kunstvereine) haben kein Herz dafür, haben keine An-erkennung. Ich bin von ihnen, neben ihnen, alleinigt (isolirt); aber von Gott bin ich nicht alleinigt, — Ihm will ich mich immer reiner, immer ganzheitlicher leben weihen.[17]

Der Artikel in der WELT endet mit den Worten:

wenn ein Wort so oft von Rassisten im Munde geführt wird, bleibt an ihm der Pesthauch der ekeligen Gesinnung haften.

Das sehe ich auch so. Wer heute noch das Wort „Gutmensch“ in herabsetzender oder auch abgrenzender Form gebraucht, wird notwendig kontaminiert. Mit Karpeles gesprochen: er besitzt keine Humanität, weil er den Zusammenklang des Guten, Schönen und Wahren nicht lebt.

Nachfragen

Katharina Grosse hat im Januar 2018 im Magazin postmondän „Die 10 größten Fehler mit den ‚Gutmenschen‘“ aufgezählt.[18] Das ist überaus humorvoll und informativ zugleich. Mich interessieren vor allem zwei Punkte aus ihrer Liste.

Zum einen verweist sie auf und kritisiert zugleich einen Erklärungsversuch, der ‚Gutmensch‘ und das Wort „bonhomme“ miteinander in Verbindung bringt. Grosse schreibt dazu:

„Bonhommes“, auf deutsch „Gutmenschen“, nannten sich die Katharer, die französischen Ketzer des Mittelalters. Heute kann „bonhomme“ mit „Gentleman“ übersetzt werden.[19]

Dass „bonhomme“ nicht genau dem heutigen Wort „Gutmensch“ entspricht, wird wohl stimmen.  Und doch lohnt es sich, diese Gedächtnisspur in Erinnerung zu halten. Die ‚Gutmenschen‘ als Ketzer (= die Reinen) hat vielleicht eine längere Assoziationsgeschichte als wir glauben.

Grosse hält nun zum zweiten gar nichts von der Datierung der Genese des Wortes ins 20. oder 19. Jahrhundert. Sie verweist schlicht auf deutsche Bibelübersetzungen vom Anfang des 15. und 16. Jahrhunderts. Es geht dabei um Lukas 6, 45. Bei Luther wird das in der Ausgabe von 1534 noch so wiedergegeben:

Ein guter mensch bringet gutes erfur / aus dem guten schatz seines hertzen. Vnd ein boshafftiger mensch / bringet böses erfur / aus dem bösen schatz seines hertzen. Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.[20]

Aber in der Dietenberger-Bibel von 1603 steht an der gleichen Stelle statt „guter mensch“ eben „gut mensch“ oder auch „gutmensch“ – je nachdem, wie man den kaum wahrnehmbaren Zwischenraum liest.[21] Das ist deshalb bemerkenswert, weil in der ersten Dietenberger-Bibel-Ausgabe von 1534 noch „ein gutter Mennsch“ gestanden hatte. Insgesamt heißt der Satz:

„Ein gutmensch bringt guts herfur auß seinem gutem schatz : vnd ein böß mensch bringt böses herfur auß seinem bösen schatz.“[22]

Allerdings kann man feststellen, dass es in der Literatur nicht unüblich war, einfach Wortteile die aus sich heraus verständlich waren, wegzulassen. So heißt es in einer Edition der Predigten von Johannes Tauler (1300-1361) aus dem Jahr 1508:

„Vnd sprach zu dem gutten menschen wiltu ainest mit andacht den fronleichnam vnsers lieben herren empfahen für mich. Das wirt mir helffen. Der gut mensch thet disz.“[23]

Insoweit bin ich mir nicht sicher, ob ‚Gutmensch‘ und „gut mensch“ tatsächlich im selben Sinn zu deuten sind. Bei Tauler wird aber deutlich, dass zumindest die Formel „gut mensch“ bei ihm eine feste Redewendung ist, die außerordentlich hoch bewertet wird.[24]

Wichtig ist aber Grosses Hinweis, dass der vorauszusetzende Kontrast zu „gut mensch“ in der Dietenberger Bibeln eben „böß mensch“ ist. Und da stellt sich schon die Frage: Wer will ernsthaft den „böß menschen“ dem „gut menschen“ vorziehen? Deshalb gilt es weiter die abschließende Frage von Katharina Grosse zu stellen:

Kann es also sein, dass „Gutmensch“ im 16. und im 17. Jahrhundert positiv konnotiert war? Dass jene ganz unironisch und ohne jeglichen Spott als „Gutmenschen“ geschimpft wurden, die im christlichen Sinne Gutes redeten und hervorbrachten?

Wenn sich also EKD-Vertreter vom Gutmenschentum distanzieren, distanzieren sie sich nicht notwendiger Weise vom Christentum und vom Evangelium? Ich fürchte schon.


Schluss

Selbstverständlich bin ich für eine differenzierte Betrachtung ethischer Fragen. Schwarz-Weiß-Denken hilft selten. Überheblichkeit in ethischen Fragen auch nicht. Wer sich zum besseren Menschen macht, weil er Flüchtlingen hilft, hat Gesinnungsethik nicht verstanden. Er betreibt eine Perversion derselben. Aber es kann nicht angehen, dass Menschen, die sich engagieren – und selbst wenn sie das ‚nur‘ ganz naiv tun –, herabgesetzt werden. Das Wort ‚Gutmensch‘ sollte niemand mit Verstand mehr benutzen. Herabsetzend oder abgrenzend schon gar nicht. Wer meint, dem rechten Mob entgegen kommen zu müssen, indem er dessen Sprache aufnimmt und spricht, ist schon selbst zu einem Teil der rechten Szene geworden. Wir müssen dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden. Wer beginnt, die Sprache der Menschenverächter zu sprechen, wer damit anfängt, das Gute für etwas Fragwürdiges zu halten, der hat schon aufgegeben.

Und vielleicht darf man abschließend als protestantischer Theologe doch noch einen zentralen Aspekt aus Immanuel Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten in Erinnerung rufen:

„Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ [393]

„Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zu Erreichung irgend eines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d. i. an sich, gut und, für sich selbst betrachtet, ohne Vergleich weit höher zu schätzen als alles, was durch ihn zu Gunsten irgend einer Neigung, ja wenn man will, der Summe aller Neigungen nur immer zu Stande gebracht werden könnte.“ [394]

„Endlich giebt es einen Imperativ, der, ohne irgend eine andere durch ein gewisses Verhalten zu erreichende Absicht als Bedingung zum Grunde zu legen, dieses Verhalten unmittelbar gebietet. Dieser Imperativ ist kategorisch. Er betrifft nicht die Materie der Handlung und das, was aus ihr erfolgen soll, sondern die Form und das Princip, woraus sie selbst folgt, und das Wesentlich=Gute derselben besteht in der Gesinnung, der Erfolg mag sein, welcher er wolle. Dieser Imperativ mag der der Sittlichkeit heißen.“ [416]

Anmerkungen

[5]    Ebd.

[6]    Ebd.

[8]    Ebd.

[9]    Bittermann, Klaus (Hg.) (1998): Das Wörterbuch des Gutmenschen. Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch. München: Piper. Sowie https://www.merkur-zeitschrift.de/2016/01/12/die-causa-gutmensch/

[11]   Ebd.

[13]   Novalis, Fragmente. Erste, vollständig geordnete Ausgabe hg. von Ernst Kamnitzer, Jess Verlag, Dresden 1929

[14]   Digitalisat der Erstausgabe (ohne das Wort ‚Gutmensch‘): http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10574632_00005.html

[15]   Oeser, Christian (1890): Ästhetische Briefe. Ein Weihegeschenk für deutsche Frauen und Jungfrauen. [Chr. Oeser = Tobias Gottfried Schröer. Zweite Auflage. Hg. v. Gustav Karpeles. Berlin: Verlag von Alfred H. Fried & Cie.

[16]   Vetter, Richard; Krause, Karl Christian Friedrich (1900): Der Menschheitbund. Nebst Anhang und Nachträgen aus dem handschriftlichen Nachlasse von Karl Chr. Fr. Krause, S. 396f.

[17]   Ebd. S. 397

[19]   Ebd.

[20]   Luther, Martin (2012): Die Luther-Bibel von 1534. Hg. v. Stephan Füssel. Köln: TASCHEN.

[21]   Dietenberger, Johann (1603): Biblia || Das ist: || Die gantze heilige || Schrifft: nach alter in || Christlicher Kyrchen gehab-||ter Translation trewlich || verteutscht. Meyntz: Lipp.

[22]   Zit. Nach Grosse, ebd.

[23]   Zit. nach Vincent Hasak, Der christliche Glaube des deutschen Volkes beim Schlusse des Mittelalters, dargestellt in deutschen Sprachdenkmalen oder 50 Jahre der deutschen Sprache im Reformationszeitalter vom Jahre 1470 bis 1520. Ein christliches Lebensbild. Mit Benützung von neun verschiedenen Bibelausgaben vor Luther. Nach alten Druckwerken und Handschriften verfasst. Regensburg 1868, S. 353. Er zitiert hier aus Tauler, Johannes; Burgkmair, Hans (1508): Sermones: des hochgeleerten in gnaden erleüchten doctoris Johannis Thaulerii sannt dominici ordens die da weißend auff den nächesten waren weg im gaist zu wanderen durch überswebendenn syn. von latein in teütsch gewendt manchem menschenn zu säliger fruchtbarkaitt. Augsburg, Augspurg, Augspurg: Rynnman; Otmar. Blatt 88.

[24]   Vgl. das zehnmalige Vorkommen der Formel in: Tauler, Johannes; Vetter, Ferdinand (1910): Die Predigten Taulers aus der Engelberger und der Freiburger Handschrift. Sowie aus Karl Schmidts Abschriften der ehemaligen Strassburger Handschriften. Berlin: Weidmann (Deutsche Texte des Mittelalters, 11).

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/115/am638.htm
© Andreas Mertin, 2018