Dialektik der Aufklärung

Neue Nachrichten zum Gebrauch des Wortes „alttestamentarisch“

Andreas Mertin

Wie ein Wort entsteht und sich wandelt

Die zunehmende Digitalisierung der Kulturgüter ermöglicht auch immer präzisere Beobachtungen früherer gesellschaftlicher Prozesse. Man ist nun in der Lage, wenn schon nicht die Entstehung, so doch die Verbreitung bestimmter Wörter und Wortkombinationen genauer zu datieren und zu verfolgen. Im Blick auf das Wort „alttestamentarisch“, so hatte ich 2005 in diesem Magazin geschrieben, wären die frühesten literarischen Belege Anfang des 19. Jahrhunderts aufzufinden und hatte insbesondere auf Clemens Brentano und seine Rheinmärchen verwiesen.[1] Für diese Diagnose sprach, dass Clemens Brentano Gründungsmitglied der antijudaistischen und zum Teil antisemitischen „Deutschen Tischgesellschaft“ war. Beide, Rheinmärchen wie Gründungsakt, datieren in das Jahr 1811 bzw. 1810. Freilich wurden die Rheinmärchen erst 1846 aus dem Nachlass veröffentlicht, so dass allenfalls von einer mündlichen, nicht aber einer schriftlichen Quelle für die Verbreitung des Wortes „alttestamentarisch“ auszugehen war.[2]

Der 2011 von Georg Freuling publizierte Artikel zum Wortgebrauch „alttestamentlich/alttestamentarisch“ im Wissenschaftlichen Bibellexikon im Internet[3] gibt daher als früheste Print-Quelle Wilhelm Blumenhagens 1816 erschienenes Stück „Simson: dramatisches Heldengedicht in fünf Abtheilungen, nach einer alttestamentarischen Sage“ an. Der Arzt und Schriftsteller Blumenhagen ist dabei aber nicht in die Geschichte des Antijudaismus einzuordnen, er setzte sich ein für die Aufnahme von Juden in die Gesellschaft und auch in die Freimaurerlogen, denen er selbst angehörte. Die Verwendung des Wortes „alttestamentarisch“ indiziert bei ihm, insbesondere in Kombination mit dem Wort „Sage“ eine Neubewertung des „Alten Testaments“ als Teil der Literaturgeschichte. Das passt gut in die aufklärerischen und romantischen Zeiten.

Neuere Erkundungen lassen aber Brentano wie Blumenhagen als Verwender einer bereits schon etablierten Sprachform kenntlich werden. Das Wort „alttestamentarisch“ entwickelt sich im 18. Jahrhundert in der deutschen Sprache und es hat eine andere Geschichte als bisher gedacht. Ich beginne mit einem Zitat, das zwar nicht den ältesten Beleg für das Wort „alttestamentarisch“ darstellt, aber vielleicht die Genese des Wortes beleuchten könnte. Es stammt aus dem 1747 in Leipzig erschienen Buch „Kurzgefasster Auszug der gründlichsten und nutzbarsten Auslegungen über alle Bücher Altes Testaments“ von Johann George Starke (1712-1762), einem Pastor und Garnisonsprediger aus Driesen (heute: Drezdenko). Dort heißt es:

Es gefiel aber Gott nicht, den mitler alsofort zu senden, sondern in den ersten 4000. jahren die bundesgnade in verheissungen und vorbildern zu offenbaren; sonderlich aber machte er mit dem volk Israel auf dem berge Sinai eine neue testamentarische verfassung, so Gal. 4, 24. in welcher unter ganz neuen, besondern und auch zum theil beschwerlichen gesetzen und vorbildern (davon die erzväter noch wenig gewust) ihnen die gnadenlehre vor augen gemahlet wurde, und dis heisset eigentlich das A.T. und hat unter Mose seinen anfang genommen.[4]

Von „alttestamentarisch“ schreibt Starke noch nicht, aber er nennt den Bund Gottes mit Israel eine „testamentarische Verfassung“, die „eigentlich das A.T.“ heißt. Von hier aus ist es nur ein kurzer Weg zum Wort „alt-testamentarisch“. Das Wort „testamentarisch“ ist in dieser Zeit vor allem in der Juristensprache sehr verbreitet, bezieht sich dort aber in allen bekannten Fällen auf Testamente im Kontext von Erbschaften bzw. auf testamentarisch bestimmte Vormundschaften, nicht auf religiöse Tatbestände. Selbst wenn Moses Mendelssohn das Wort „testamentarisch“ nutzt (etwa in seiner Schrift über die „Ritualgesetze der Juden“), bezieht er sich auf juristische Fragen der Erbfolge.

Als frühesten Text einer wörtlichen Verwendung von „alttestamentarisch“ habe ich die 1782 von Johann Kaspar Riesbeck publizierten „Neue Briefe, für und wider das Mönchswesen, mit unparteiischer Feder entworfen“ gefunden. Sie gehören zur religionskritischen Literatur der Aufklärung, insofern sie sich vor allem mit dem Klerus und seinen Unsitten beschäftigen. Im Anhang zum zweiten Buch gibt es ein „Dictionaire Personen“ und dort findet sich zum biblischen Elia folgende Eintragung:

Elia – alttestamentarischer Prophet, prophezeite eine dreijährige Dürrezeit, vollbrachte im Auftrag Jahwes viele Wunder, starb nicht, sondern wurde in den Himmel entrückt. Quelle: Bibel, Könige 1 und Könige 2.[5]

Die Charakterisierung als „alttestamentarischer Prophet“ setzt voraus, dass die Leser sie auch verstehen konnten. Kurz nach 1780 muss also in der öffentlichen Kommunikation das Wort „alttestamentarisch“ verständlich gewesen sein.

Die Literaten sind also nicht diejenigen, die das Wort erfinden und salonfähig machten. Es sind Theologen, Juristen und Philosophen in der Zeit zwischen 1750 und 1850. Tatsächlich, soviel wird nach und nach deutlich, stammt das Wort „alttestamentarisch“ mit all seinen Konnotationen aus den Diskussionen für und wider die Judenemanzipation Ende des 18. Jahrhunderts bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts. Es geht um die Frage, welche Rechte Juden künftig in der Gesellschaft bekommen sollen. Mit Moses Mendelssohn (1729-1786) und mit dem Salon um Henriette Herz (1764-1847) war zumindest aufgeklärten Menschen deutlich geworden, dass Religion, Rang und Titel keinen Grund für die Diskriminierung von Menschen bilden konnten.

„Alttestamentarische Glaubensgenossen“

Bis dahin war die Bezeichnung „Jude“ ausreichend, die so bezeichnete Person herabzusetzen und auszugrenzen. Im Pass etwa stand neben dem Personennamen schlicht „Jude“ und diese Bezeichnung hatte gravierende Folgen:

Seit der Zeit der Reformversuche des ausklingenden 18. Jahrhunderts hatten sich hervorragende Vertreter der jüdischen Aufklärung – ihnen allen voran David Friedlaender – in dem Glauben gewiegt und sogar maßgebende Regierungskreise davon zu überzeugen verstanden, daß, wenn man die Bezeichnung Jude durch eine allein auf die Religionsbezeichnung abgemilderte Benennung ersetzte, die Verachtung und Geringschätzung verschwinden würden, mit denen der Name Jude belastet war. Man dachte, das Anderssein durch Ausdrücke wie „alttestamentarische Glaubensgenossen" oder „Mosaiten" und ähnliche Formulierungen verdecken und allmählich aus dem Bewußtsein verschwinden lassen zu können.[6]

Der Historiker Jacob Jacobson benennt damit ein klares Motiv für die Entwicklung des Wortes „alttestamentarisch“: die Vermeidung von automatischen Diskriminierungen, die das Wort „Jude“ hervorrief. Das wird deutlich in einer Eingabe von David Friedländer aus dem Jahr 1797:

„Wir sind sehr verschrieen; und der bloße Nahme ‚Jude‘, sowie die Benennungen Juden-Wesen, Juden-Sachen u.a.m. führen, oft wieder die Absicht des Schriftstellers, etwas Herabwürdigendes mit sich, daß ich wünschen muß, dergleichen Ausdrücke möchten, soviel als möglich, besonders bey Edikten und Reglements vermieden werden.[7]

Das führt nicht zwar zum Erfolg, aber es setzt bei einigen Behörden zumindest einen Prozess des Nachdenkens in Gang:

„Bey unserer Absicht, auch das Juden-Wesen ... nach und nach immer mehr zu verbessern, ist zur Sprache gekommen: den Nahmen Jude, als eine, mit einer herabwürdigenden Idee vergesellschaftete, Mißtrauen und Verachtung mit sich führende Benennung, sowie die Ausdrücke Schutz-Jude, Juden-Wesen, Juden-Tabelle, Juden-Reglement usw., gesetzlich aus allen öffentlichen Verhandlungen und Verordnungen abzuschaffen, und da, wo die Unterscheidung der Unterthanen durch die Religion durchaus erforderlich seyn sollte, die Juden Unterthanen von der alttestamentarischen Religion zu nennen.[8]

Die Behörde meint freilich, derartige Spracherziehung der Untertanen sei kaum durchsetzbar. Stattdessen solle man lieber ganz auf eine Benennung der jeweiligen Religion verzichten. Das geschah aber nicht. In der Folge wechselten die behördlichen Bezeichnungen zwischen „Juden“, „alttestamentarische Glaubensgenossen“ oder auch „israelitische Korporation“. Schon 1790 hatte ein erster Vorschlag gelautet, man solle nicht mehr Juden, sondern „Mosaiten“ oder „Deisten“(!) sagen.[9]

Aufklärungsorientierte Regierungen wie die preußische, die der Judenemanzipation positiv gegenüberstanden, verboten nach 1812 ihren Behörden, das Wort „Jude“ im Pass neben den Personennamen zu setzen. Freilich wussten sich die Beamten zu behelfen. Im Süden Deutschlands notiert man 1818 in den Zeitungen Folgendes:

Nachdem die Israeliten in den preußischen Staaten das Bürgerrecht erhalten haben, ist es den Behörden daselbst untersagt worden, in den, den Israeliten auszufertigenden Reisepässen, den Zusatz ‚Jude‘ hinzuzufügen. Einer dieser Glaubensgenossen, ein Branntweinbrenner, kam neulich aus einer kleinen Stadt in Preußen, nach Hamburg, und zeigte seinen Paß vor: in demselben fand man bei seinem Namen den Zusatz ‚N.N. alttestamentarischer Branntweinbrenner.‘ Dieser Paß ist von mehreren glaubwürdigen Personen gesehen worden.[10]

Diese Notizen zeigt die Richtung für die anstehende Erforschung der Sprachgeschichte des Wortes „alttestamentarisch“ an. Es ist zunächst u.a. ein nicht abwertendes Ersatzwort für den diskriminierenden Gebrauch des Wortes „Jude“. Solange „alttestamentarisch“ noch kein negatives Wort war, konnten sich jüdische Bürger über die Bezeichnung „alttestamentarische Glaubensgenossen“ sogar freuen – zumindest war das die Überzeugung des jüdischen Aufklärers David Friedländer.

Das wird indirekt deutlich durch eine Notiz von Heinrich Graetz in seiner Geschichte der Juden. Denn durch Kabinettserlässe von 1820 und 1836 hatte sich die Situation der Juden am Hof in Preußen wieder verschlechtert, so dass Graetz notiert:

Die preußischen Juden waren damals durch eine, des byzantinischen Hofes würdige Verordnung des Königs Friedrich Wilhelm III. in einen Jammer geraten, der sich zugleich elegisch und komisch ausnahm. Statt die ihnen verbriefte Freiheit, wenn auch nur abschlagsweise, zu erhalten, sollten sie amtlich nicht mehr »mosaische oder alttestamentarische Glaubensgenossen«, sondern schlechtweg »Juden« genannt werden, und es sollte ihnen nicht gestattet sein, christliche Vornamen zu führen. Die Polizei wurde angewiesen, streng darauf zu halten.[11]

Das lässt erkennen, dass ganz am Anfang die Bezeichnung „alttestamentarisch“ bzw. „alttestamentarischer Glaubensgenosse“ durchaus eine halbwegs positive Intention, freilich keine wirklich positive Konnotation hatte.[12]

Dialektik der Aufklärung

Was Mitte des 18. Jahrhunderts noch nicht ging, war die Herabsetzung der Heiligen Schrift der Juden, denn mit der Beschimpfung des „Alten“ Testaments hätte man zugleich die christliche Theologie getroffen. Das heißt, man konnte noch nicht sagen, „der glaubt an das Alte Testament“, wenn man den Betreffenden herabsetzen wollte. Anfangs zögert die Aufklärung, bei aller religionsskeptischen Haltung ihrer Vertreter, sich gegen die Erste Bibel bzw. die Hebräische Bibel zu wenden. Mit der zunehmenden Durchsetzung der Aufklärung und ihrer Religionskritik fällt diese Schranke weg. Es ist eine Folge der Aufklärung, dass die Aggression, die sich bis dato auf das Judentum und da vor allem auf den Talmud gerichtet hatte („Talmudjude“), nun auf deren zentrale Heilige Schrift erweitert wurde, die ja bis dahin ein gemeinsam gelesener, wenn auch kontrovers gedeuteter Text von Judentum und Christentum war. Der Gegensatz von Altem und Neuem Testament wurde nun verstärkt hervorgehoben.

Jacob Katz fasst diese Entwicklung in seiner Darstellung zum Frühantisemitismus in Deutschland so zusammen:

Die [scil. alten] christlichen Gegner der Juden beschränkten sich in ihrer Beweisführung der Verderbnis der Juden auf die talmudische Lehre. Die berühmteste und umfangreichste Anklageschrift dieser Art, das 2000 Seiten umfassende "Entdeckte Judenthum" Eisenmengers, enthielt keine einzige Stelle aus dem Alten Testament. Das In-Beziehung-Setzen jüdischer Immoralität mit den Vorschriften und den Gestalten aus dem Alten Testament hätte auch den Glauben der protestantischen Theologen diskreditiert. Für die durch den Deismus geprägte Weltanschauung der Aufklärer fielen solche Hemmungen weg. Die Kritik am Alten Testament, seine Verhöhnung a la Voltaire gehörte doch zum eisernen Bestand der radikalen Aufklärung. Zu den talmudischen Zitaten im Stile Eisenmengers gesellten sich jetzt Hinweise auf biblische Gesetze und Gestalten, die die unmoralischen und misanthropischen Charakterzüge der heutigen Juden vorwegnahmen. Die so erwiesene Beständigkeit der jüdischen Eigenart wurde dann als Beleg für ihre Unwandelbarkeit in aller Zukunft unterstellt.[13]

Hier deutet sich schon an, inwiefern David Friedländers ursprünglich als positiv gedachte Absicht, das Wort „Jude“ durch „alttestamentarischer Glaubensgenosse“ zu ersetzen, später umstandslos in eine negative Charakterisierung umschlagen konnte. In dem Maße, in dem die Frühantisemiten später alle negativen Stellen der Hebräischen Bibel zusammentrugen und zum Charakteristikum „des“ Judentums bzw. „der“ Juden machten – ein Vorgang den wir heute analog beim Koran und „den“ Muslimen beobachten – musste dies auch Rückwirkungen auf die Konnotationen des Wortes „alttestamentarisch“ haben. Und da durch die Aufklärung die kritische Betrachtung der Bibel voranschritt, war es für die Gegner des Judentums ein Leichtes, die Juden mit all dem zu behaften, was zu ihrer Heiligen Schrift gehörte. Und das war dann als Teil einer früh-antisemitischen Strategie, vor allem Negatives.

Negative Konnotationen

Nach und nach nutzten die antijüdisch eingestellten Zeitgenossen das Wort „alttestamentarisch“ zur fortwährenden Herabsetzung der Juden. Heinrich Graetz schreibt dazu:

Die deutsche Literatur ist die reichste an Schmähschriften gegen Juden. Seitdem die lateinische Sprache aufgehört hat, den Gedankenverkehr für das Publikum zu vermitteln, sind die meisten und bedeutendsten Invektiven gegen den jüdischen Stamm und das Judentum in deutscher Sprache verfaßt worden. Pfefferkorn [1469-1529], Eisenmenger [1654-1704] und Schudt [1664-1722], diese Hauptlieferanten von Schmähartikeln für Judenfresser, gehören Deutschland und der deutschen Literatur an. Seit der Zeit, als Pfefferkorn und die Dominikaner im Interesse des Klerikalismus antijüdische Pamphlete schleuderten, sind aber nicht so viele in kurzer Zeit erschienen, wie in den beiden Jahren 1803 und 1804. Sie bilden die Vorläufer des reaktionären Schrifttums seit 1815, welches sich gegen die Emanzipation des Judentums steifte. Ihre Verfasser waren von dem Instinkt inspiriert, daß die Gleichstellung der Juden auch in Deutschland zur Sprache kommen werde, und sie wollten ihr gleich im Werden entgegentreten. Sie gruppieren sich meistens um die Schriften von Paalzow [1753-1824] und Grattenauer [1773-1838].[14]

Es beginnt bereits 1791 mit der heute dem jungen Carl Wilhelm Friedrich Grattenauer zugeschriebenen Schrift „Ueber die physische und moralische Verfassung der heutigen Juden“, die sich gegen die Judenemanzipation wendet. Hier sind alle jene Stereotypen versammelt, die bis heute zum Wortumfeld des Wortes „alttestamentarisch“ gehören:

Da die jüdische Religion solche unwürdige und schlechte Begriffe von der Gottheit hat, daß sie solcher die Eigenschaften eines Despoten und Tyrannen beileget, so gründet sich ihre Moral auf ebenso schlechte und niedrige Begriffe, und daher macht die Ausübung derselben, sie zu schlechten Menschen, und noch schlechtern Bürgern“.[15]

Das Wort „alttestamentarisch“ findet sich bei Grattenauer 1791 noch nicht, auch nicht in seiner Folgeschrift „Wider die Juden. Ein Wort der Warnung an alle unsere christliche Mitbürger“ aus dem Jahr 1803.[16] Im gleichen Jahr sieht sich Grattenauer aber gezwungen, seine widerliche Schrift gegen öffentliche Kritik zu verteidigen und er publiziert die „Erklaerung an das Publikum ueber meine Schrift: Wider die Juden“. Dort schreibt er (neben dem Eingeständnis, bei Juden verschuldet zu sein): „Ich hasse die Juden; laßt mir den Haß; ich beleidige niemand, ich verfolge keinen.“ Menschenrechte – „solche jakobinischen Blasphemien“ – möchte er den Juden nicht zubilligen. Er wütet mit all den antisemitischen Stereotypen gegen das Judentum und schließt dann seinen Text mit den Worten: „Sollten auch diese Schriften die Zufriedenheit der alttestamentarischen Glaubensgenossen nicht erhalten“, dann wolle er eine weitere Schrift wider die Juden schreiben.

Dass es dazu dann nicht mehr kam, lag schlicht daran, dass der Obrigkeit die Streitereien und die Hetze zu viel wurden:

»Der Unfug, der seit einiger Zeit durch Druckschriften wider und für die Juden und deren Verkündigungen durch die öffentlichen Blätter veranlaßt und getrieben worden, macht es nothwendig, hiermit auf Befehl eines hohen General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domainen-Directoriums festzusetzen und bekannt zu machen: Daß zur Steuerung dieses Unfuges die ernsthaftesten Vorkehrungen getroffen sind. Besonders ist es verfügt worden, daß Schriften dieser Art nicht weiter die Zensur passieren, und keine Anzeigen von Schriften dieses Gegenstandes in die hiesigen Zeitungen und Intelligenz-Blätter aufgenommen werden dürfen, welches zur Nachricht und Achtung hiermit bekannt gegeben wird.«
Berlin, den 20. September 1803. Königl. Preußisches Polizey-Direktorium. Eisenberg.
[17]

Das Wort „alttestamentarisch“ zur Diskriminierung der Juden hatte da aber schon Verbreitung gefunden. In seiner Schrift über den „Frühantisemitismus in Deutschland“[18] schreibt Jacob Katz daher, dass die Datierung des Frühantisemitismus in die Zeit von 1815 zu korrigieren sei:

In Wirklichkeit gab es bereits um diese Zeit eine mächtige Gegenströmung, deren Träger ihr Widerstreben gegen die Juden und ihre Ansprüche deutlich zum Ausdruck brachten. Anläßlich des josephinischen Toleranzpatents sprach ein Pamphlettitel in Prag "Über die Unnütz- und Schädlichkeit der Juden". Dohms Buch veranlaßte Schriften von Friedrich Traugott Hartmann und mittelbar auch die von Johann Heinrich Schulz, die, wie wir sehen werden, nichts an Schärfe hatten fehlen lassen. Im Laufe der Jahre tauchten dann die Namen von Karl Wilhelm Friedrich Grattenauer, Christian Ludwig Paalzow, Ernst Traugott Kortum, Friedrich Buchholz und andere mehr auf. Intellektuell waren sie zweit- und drittrangig. Aber gerade so dürfen sie als repräsentativ gelten für einen entsprechenden Ausschnitt der öffentlichen Meinung.[19]

Rare positive Befunde

Es gibt aber auch ein Beispiel unter den Funden, das den entgegengesetzten Weg andeutet. Der Altphilologe, Gymnasiallehrer und Literaturhistoriker Johannes Samuel Kaulfuß (1780-1832) entwirft 1817 einen „Plan zur Einrichtung des Erziehungswesens im Preussischen Staate“. Kaulfuß stand im Umgang mit Minderheiten für die souveräne Toleranz der Krone Preußens.[20] Und in seinem Entwurf kommt er auf das Verhältnis der Religionen an den staatlichen Schulen zu sprechen. Und er entwickelt die Idee einer stärkeren Zusammenarbeit der Religionen und verweist dazu auf ein positives Beispiel: „An dem königlichen Gymnasio zu Posen arbeiten ein und zwanzig Professoren und Lehrer, von denen neun katholischer, vier reformierter und acht lutherischer Religion sind. Die Schüler, deren Anzahl sich (heute den 16ten Januar 1817) auf 515 beläuft, sind Katholiken der Mehrzahl nach, Reformirte, Lutheraner, griechische Christen, alttestamentarische Glaubensgenossen (voriges Jahr auch Muhamedaner) und Lehrer und Schüler, beide unter sich, leben in der größten Eintracht.“[21] Hier blitzt ganz kurz die Möglichkeit eines eher deskriptiven Sprachgebrauchs von „alttestamentarisch“ im Sinne von jüdischen Mitbürgern in einer christlichen Gesellschaft auf. Aber es bildet eine Ausnahme.


Die lexikalische Bewusstwerdung der Sprachdifferenzierungen
1793 – Adelung

Das „Grammatisch-kritische Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart“[22] des Johann Christoph Adelung von 1793 führt über das Wort „testamentisch aus“:

„Schicklicher“ – das deutet an, dass sich die Wissenschaftler gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf den Gebrauch der Endung „...testamentlich“ zu einigen begannen. Das Wort „testamentarisch“ kennt Adelung 1793 nur im juristischen Sinne. Dementsprechent findet sich unter den Buchstaben A  und N nur:

Alttestamêntlich, adj. et adv. in dem alten Testamente und dessen Verfassung gegründet; im Gegensatze des neutestamentlich.
Neutestamèntlich, adj. et adv. was das neue Testament betrifft, in demselben gegründet ist; im Gegensatze des alttestamentlich. Das neutestamentliche Priesterthum.

1807 – Campe

In dem von Johann Heinrich Campe herausgegebenen Wörterbuch der Deutschen Sprache“ wird 1807 – wenn auch erkennbar widerwillig – das Lemma „Alttestamentlich“ aufgeführt:

Alttestamentlich, adj. u. adv. im alten Testamente oder im alten Bunde (Gottes mit den Menschen) gegründet, dazu gehörig, ihn betreffend. Eine alttestamentliche Schrift. Eine alttestamentliche Lehre, Vorstellung. Der alttestamentliche Begriff von der Gottheit. Es wird diesem halb undeutschen Worte nur darum hier eine Stelle eingeräumt, weil das fremde Wort Testament in seinen beiden Bedeutungen, sowol wie es die Gottes- als die Rechtsgelehrten gebrauchen, schon in der Volkssprache lebt, und weil jenes Wort auch in guten Schriften vorkömmt.[23]

Man spürt hier Campes Eintreten für eine deutsche Schriftsprache („halb undeutsch“) und sein aufklärerisches Pathos (wenn er zwischen guten und schlechten Schriften unterscheidet). Campe nennt nur das Wort „alttestamentlich“ – vielleicht auch deshalb, weil er von Haus aus Theologe ist. Andere Sprachformen, wiewohl es sie ja gab, kennt bzw. benennt er nicht.

1838/54 – Grimm

Das Gleiche gilt für das 1838 begonnene, aber erst 1854 erschienene Wörterbuch der Gebrüder Grimm. Es kennt „testamentalisch“ und „testamentarisch“ nur als juristische Begriffe und benennt „testamentlich“ als theologisches Wort. Alltestamentarisch kennt es nicht, vielmehr notiert es nur knapp:

alttestamentlich bildet man, obwol nicht gesagt wird alttestament, nur das alte testament.

1858 – Wurm

Auch in Christian Friedrich Ludwig Wurms 1858 erschienenem „Woerterbuch der Deutschen Sprache“ findet sich das Lemma „Alttestamentlich“ und hier wird zum allerersten Male (quasi prä-korpuslinguistisch argumentierend) in der Konnotation zwischen „alttestamentlich“ und „alttestamentarisch“ bzw. „alttestamentisch“ im Blick auf die Religion unterschieden:

Alttestamentlich, adi. «zum alten Testament gehörig, im Gegensatz zu neutestamentlich, gebildet aus das alt Testament, wie man ehemals gewöhnlich bei dem Neutrum des Adjectivs e abwarf. Häufig alttestamentarisch. Die katholischen Eroberungen hatten einen alttestamentarischen Charakter; eine alttestamentarische Parabel; Er ist ein starker Dreißiger mit einem stark ausgeprägten alttestamentarischen Gesichte; Die neutestamentalische Deutung; Die neue testamentische Auslegung. b. Von testamentum ist das Adj. Testamentarius. Nach neuerm Sprachgebrauche ist alttestamentlich, was zum alten Testament gehört, demselben gemäß ist; alttestamentisch, was dessen minder gute Seite darstellt. ‚Alttestamentisch bist du (Buonarotti), Zürnender, wie es dein Gott“.

Wurm geht von einer inzwischen verbindlichen Sprachform „alttestamentlich“ aus. Er macht aber kenntlich, dass dies eine Sprachentwicklung darstellt: „Nach neuerm Sprachgebrauche“. Das wird auch dadurch verstärkt, weil inzwischen ersten alt- und neutestamentlichen Theologien bekannt sind. 1848 werden aus dem Nachlass Heinrich Hävernicks Vorlesungen zum Alten Testaments publiziert, die im Vorwort als „alttestamentliche Theologie“ bezeichnet werden. August Dillmann lehrt in dieser Zeit in Tübingen laut Auskunft des Regierungsblatts für das Königreich Württemberg „Alttestamentliche Theologie“. Die Bezeichnung „Neutestamentliche Theologie“ war an den Universitäten schon üblich. Das Wörterbuch von Wurm meint die Entwicklung nun so charakterisieren zu können, dass alttestamentlich quasi den positiven Aspekt beleuchtet und „alttestamentarisch“ bzw. „alttestamentisch“ den negativen. Und es zitiert als Beleg aus einem Gedicht des Königs Ludwig von Bayern, das im Ganzen so lautet

Michael Angelo Buonarotti. Heydnische Ruhe und christliche Milde sie blieben dir fremde; Alttestamentisch bist du, Zürnender, wie es dein Gott.[24]

In diesem Lexikonartikel wird deutlich, wie sich in der Sprache der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Bewusstsein davon bildet, dass man durch die Verwendung von „alttestamentarisch“ etwas Negatives über das Alte Testament ausdrücken konnte – ohne damit zugleich das ganze Alte Testament herabzusetzen. Das hat weit reichende Folgen. Denn wenn es gelang, das Judentum unter dieses Wort zu fassen, konnte man mit „alttestamentlich“ das Positive benennen, mit „alttestamentarisch“ aber das Negative (= Jüdische).

Und tatsächlich wurde das eine verbreitete Praxis. Die Allgemeine Zeitung des Judentums berichtet 1858 wie der jüdischen Bevölkerung (hier in Polen) weiterhin alle elementaren Rechte abgesprochen werden:

Sie werden in allen von den Behörden an sie gerichteten Schreiben auf eine erniedrigende Weise behandelt. Niemals bewilligt man ihnen, wie den anderen Einwohnern, den titel ‚Pan‘, d.h. Herr, sondern tituliert sie stets ‚Starozakonny‘, d.h. Alttestamentarischer (Jude). Die Adressen der Briefe werden in demselben Style abgefaßt: ‚Do Starozakonnyo‘, „An den Alttestamentarischen“, obgleich die Dinge, um die es sich handelt, oft sehr trivial sind und nichts mit dem alten, noch neuen Testamente zu thun haben. ... Sehr häufig enthalten die Anzeigen von Submissionen und Entreprisen die Formel: ‚Die Alttestamentarischen sind ausgeschlossen.‘ ... Das sind die traurigen Folgen der Art und Weise, in der man die ‚Alttestamentarischen‘ behandelt oder richtiger gesagt, mißhandelt.“[25]

Hier wird erstmalig expressis verbis deutlich, dass „alttestamentarisch“ nicht nur herabsetzend gemeint war, sondern von der jüdischen Gemeinde auch so empfunden wurde.

1857-65 – Pierer

Das von Fachwissenschaftlern geschriebene Pierer's Universal-Lexikon enthält in der umfangreichen vierten Auflage das Wort „alttestamentarisch“ überhaupt nicht mehr und nutzt konsequent die Fachsprache. Was wissenschaftlich korrekt ist, ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts offenbar eindeutig.

1905 – Meyer

Meyers Großes Konversations-Lexikon benutzt nur einmal und da wohl eher versehentlich das Wort „neutestamentarisch“, verbindet ansonsten „testamentarisch“ nur mit dem Erbrecht. Über 200 Mal aber spricht das Lexikon dagegen von alttestamentlich oder neutestamentlich.

Was die Wörterbücher jedoch nicht reflektieren und thematisieren, ist der ganz alltägliche antisemitische Sprachgebrauch.

Weitere Wirkungsgeschichte

Denn von der Tendenz zur herabsetzenden Verwendung des Wortes „alttestamentarisch“ hat sich die deutsche Sprache nicht mehr lösen können. Unzählige Schriften pflegen den damit einhergehenden antijudaistischen und antisemitischen Diskurs. Auch im ganz normalen Journalismus, in der kunstgeschichtlichen Fachliteratur und neuerdings in den religionskritischen Pamphleten stoßen wir auf die Verwendung des Wortes „alttestamentarisch“. Nun könnte man einwenden, dass die Mehrzahl derer, die das Wort „alttestamentarisch“ verwenden, über die Genese und die konkrete Sprachgeschichte überhaupt keine Kenntnis hätten, das Wort quasi „unbefangen“ verwenden. In diesem Sinne vermutete schon Dolf Sternberger 1968 im einschlägigen Wörterbuch des deutschen Unmenschen:

... in ein paar Jahren steht eben das als herrschende Bedeutung in den Wörterbüchern, was eben noch für Mißbrauch ... galt.[26]

Und tatsächlich wird das Wort „alttestamentarisch“ irgendwann in den Duden aufgenommen, weil dieser den fortwährenden Gebrauch / Missbrauch des Wortes sozusagen ratifiziert.

Wie sprechen Nationalsozialisten?

Konnte das nur geschehen, weil die Nationalsozialisten in ihren Ansprachen das Wort zur selbstverständlichen Standardsprache erhoben? Hier einige oft zitierte Beispiele:

„Die Völker wollen nicht mehr auf den Schlachtfeldern sterben, damit diese wurzellose internationale Rasse an den Geschäften des Krieges verdient und ihre alttestamentarische Rachsucht befriedigt. Über die jüdische Parole ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch’ wird eine höhere Erkenntnis siegen, nämlich: ‚Schaffende Angehörige aller Nationen, erkennt euren gemeinsamen Feind’!“ Hitler im Januar 1939

„Er [scil. Roosevelt] wurde darin bestärkt durch den Kreis der ihn umgebenden Juden, die aus alttestamentarischer Habsucht in den Vereinigten Staaten das Instrument zu sehen glaubt, um mit ihm den europäischen, immer antisemitischer werdenden Nationen einen zweiten Purim  bereiten zu können. Es war der Jude in seiner ganzen satanischen Niedertracht, der sich um diesen Mann scharte, und nach dem dieser Mann aber auch griff.“ Hitler im Dezember 1941

„Die Auslandshetze gegen Heydrich nimmt von Stunde zu Stunde zu. Die Juden toben sich in einer Form aus, die man nur als alttestamentarisch bezeichnen kann. Man hat hier leicht Gelegenheit, festzustellen, was uns blühen würde, wenn wir einmal ein Schwächezeichen gäben.“ Goebbels im Tagebuch 1942

Aber vielleicht gibt es in unserem Volke den einen oder den anderen, der in einem unbewachten Augenblick geneigt sein konnte, ihre Weltbeglückungsphrasen ernster zu nehmen als ihre alttestamentarischen Haßausbrüche. Goebbels 1942

Man glaube nicht, daß die alttestamentarischen Racheausbrüche, mit denen sie ihre Zeitungen und Rundfunksendungen ausfüllen, bloße politische Literatur darstellten. Sie würden sie bis zum letzten Punkte verwirklichen, wenn sie die Macht dazu besäßen. Goebbels 1943

„Die [...] Herausstellung des alttestamentarischen Satzes 'Auge um Auge und Zahn um Zahn' wurde dahin gedeutet, daß der Kampf des Führers gegen das Judentum mit unerbittlicher Konsequenz zu Ende geführt und schon bald der letzte Jude vom europäischen Boden vertrieben werde." SD-Bericht 2.2.1942

Deutlich wird aus diesen Textfunden zunächst die enge Verknüpfung von „alttestamentarisch“ mit Rache, Rachsucht, Strafe und auch Habsucht. Fundamentiert wird so die antisemitische Redeform vom unwandelbar bösen Judentum seit biblischen Zeiten. Allerdings erscheinen die Redeformen nicht als fokussierte Sprachprägung, sondern geschehen eher beiläufig, was die Frage aufkommen lässt, wie bewusst die Verbreitung des Wortes „alttestamentarisch“ durch die Nationalsozialisten war. War es, wie die Mehrzahl derer, die sich mit dem Wort auseinandergesetzt haben, vermuten, wirklich eine Sprachstrategie?

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das eine zutreffende Beobachtung ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der einige Forscher von einem verbreiteten nationalsozialistischen Gebrauch des Wortes „alttestamentarisch“ ausgehen, ist ja noch kein Beleg für die Korrektheit dieser Ansicht. Die wenigen oben angeführten Belege bilden die wesentliche Grundlage für diese Behauptung und werden von den verschiedenen Forschern immer wiederholt, ohne durch weitere Angaben ergänzt zu werden. Das ist mir als Basis für eine solide Argumentation zu wenig.

Ich habe mir zuerst Max Domarus‘ Kompilation der Reden und Proklamationen Adolf Hitlers angeschaut,[27] bin dort aber nur zweimal auf das Wort „alttestamentarisch“ gestoßen. Hitler hat es sicher noch häufiger verwendet, aber als denunziatorische Vokabel ist es bei ihm nicht besonders hervorstechend. Er knüpft in seiner politischen Rhetorik eher an die alte herabsetzende Verwendung des Wortes „Jude“ bzw. „jüdisch“ an. In den Tagebüchern von Joseph Goebbels kommt das Wort sechsmal vor. Auch das ist nicht besonders viel, um dahinter eine  bewusste Sprachstrategie zu vermuten. Man sollte daher meines Erachtens vorsichtig mit der These sein, es handele sich bei „alttestamentarisch“ um ein „genuin“ nationalsozialistisches Wort. Eher ist es beiläufig und so verstärkend gebraucht worden. Und eigentlich widerspricht es auch dem nationalsozialistischen Anliegen, „die Juden“ insgesamt als solche herabzusetzen. Es war für sich einfacher, an der alten voraufklärerischen Diskussion anzuknüpfen, als sich das Wort „alttestamentarisch“ anzueignen.

Aber in der begleitenden, sozusagen eher zweitrangigen antisemitisch-nationalsozialistischen und auch der anti-nationalsozialistischen Literatur lässt sich das Wort immer mal wieder nachweisen. Aber nur in wenigen Aussagen zeigt sich so etwas wie eine bewusste Sprachstrategie.

1932 erscheint das Buch „Klärung. 12 Autoren, Politiker über die Judenfrage“[28], das Beiträge verschiedener Autoren enthält. Das Buch enthält Beiträge von Autoren, die unterschiedlicher kaum gedacht werden können[29] und heute kaum im selben Buch zusammen fänden: vom jüdischen Kommunisten über jüdische Zionisten und Anti-Zionisten, jüdische Hitler-Verehrer bis zum dezidierten Nationalsozialisten und fanatischen Antisemiten.[30] Wenn sich aber das Wort „alttestamentarisch“ als charakteristisch für die Antisemiten durchgesetzt hätte, müsste man es hier finden. Und tatsächlich lässt sich dort von einem der beteiligten Autoren, dem nationalsozialistischen Schriftsteller und späteren Präsidenten der Reichsschriftumskammer Hanns Johst (1890-1978) unter der Überschrift „Volk im Volke“ Folgendes lesen:

Ich traf auf meiner Reise in Nordafrika auf jüdische Dörfer, deren Einwohner, noch reinrassige Juden, Handwerker und besonders Schmiede waren von alttestamentarischem Körperbau. ... Alttestamentarisch! Damit ist die heroische Voraussetzung des jüdischen Volkskörpers in seiner geschichtlichen Epoche ausgesagt. Die Kirchenkunst der Päpste bis zur musikalischen Verherrlichung alttestamentarischer Rhythmen durch Händel, immer wieder begegnen wir der heldischen Sage der Propheten, der Könige, der Kämpfer! Dieses Motiv entzündete den nordischen Geist. Das Blutgericht des alten Testaments lag den Deutschen fast näher, als [das] milde, versöhnende ... Christentum.[31]

Wenn ich es recht verstehe, dann dient ihm die Vokabel „alttestamentarisch“ dazu, Juden als „Rasse“ zu bestimmen und zugleich das seiner Ansicht nach Überholte wie das Fremde des Judentums hervorzuheben. Das entscheidende Stichwort lautet „der jüdische Volkskörper in seiner geschichtlichen Epoche“. Es gab einmal eine „heroische“ Zeit des Judentums, die aber lange vorbei und überholt ist und dem „deutschen Wesen“ widersprechen, weil dieses es als „jüdisch“ empfindet:

„So wurde ich gezwungen |... | aus Liebe zu einem naiven Volkserhalt, einer Bewegung mich anzuschließen, die, aus der gleichen Liebe heraus antisemitisch werden mußte, weil ihre Selbstverständlichkeit auf Gegenkräfte stieß, die sie leidenschaftlich als fremd empfand und die sie letzten Endes als ‚Jüdisch‘ anspricht."[32]

Hier finden wir ein frühes Spiegelbild der Debatte, die sich heute in Deutschland unter dem Etikett „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ wiederfindet. Die Religion ist eine andere, aber die Argumente sind die gleichen. „Alttestamentarisch“ bezeichnet wie heute „islamisch“ das angeblich dauerhaft Volksfremde. Auch diese Vorstellung führen heutige Verwendungen des Wortes „alttestamentarisch“ bruchlos fort.

Ein interessantes und angesichts der aktuellen Entwicklungen sicher noch intensiver zu bedenkendes Argument führt seinerzeit der jüdische Autor Robert Weltsch an. Er meint – vor allem im Blick auf den Dialog mit den Christen – dass

„die Abwehr gegen das Jüdische vielleicht in letzter Sicht als das Aufbäumen des heidnisch-heroischen Weltbildes der Völker gegen die von Juden und Christen gemeinsam verkündete Offenbarung aufzufassen sei.“[33]

Ersetzt man das seinerzeit auf Alfred Rosenberg zielende heidnisch heute durch religionskritisch kommt man der Sache näher. Nach Eva G. Reichmann habe keiner der an den damaligen Diskussionen beteiligten Christen begriffen, dass „Juden und Christen nunmehr in der gleichen Abwehrlinien dem anstürmenden Heidentum entgegenstehen“. Stattdessen hätten diese das Christentum als „verjudet" erklärt und für eine „Reinigung“ des Christentums plädiert. Insbesondere aber hätten sie jene Überlieferungen hervorgehoben, die Judentum und Christentum voneinander trennen.[34] Die Sprachentwicklung aber gibt Weltsch Recht. Schon länger steht den Menschen das „neutestamentarische“ so fern wie das „alttestamentarische“.

In Alfred Rosenbergs berüchtigten „Mythos des 20. Jahrhunderts“ findet sich dennoch entgegen allen Erwartungen das Wort „alttestamentarisch“ nur einmal. In der Regel verwendet Rosenberg das akademische „alttestamentlich“, nicht zuletzt wegen der christlichen Theologen:

Im Gespräch mit gelehrten Theologen konnte ich ferner stets folgendes feststellen: sie gaben mir zu, daß die rassisch-seelische Geschichtsbewertung der Antike richtig sei, auch die Beurteilung des Hugenottentums stimme zweifellos. Aber, wenn ich dann die Schlußfolgerung zog, daß eben auch die Juden ihren ganz bestimmten Charakter, ihre blutgebundene Gottvorstellung haben müßten, daß folglich diese syrische Lebens- und Geistesform uns nicht das geringste anginge, da erhob sich wie eine Mauer zwischen uns das alttestamentliche Dogma; da erschien plötzlich die Judenheit als eine Ausnahme unter den Völkern. Allen Ernstes sollte der kosmische Gott identisch sein mit den zweifelhaften geistigen Niederschlägen des Alten Testaments!

Seine Vorstellung einer völkisch-bedingten Differenz eines jüdischen und eines christlichen Gottes hat eine lange Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart. Nur einmal, und zwar in einem bezeichnenden Zusammenhang, spricht er von „alttestamentarisch“:

... kaum war durch Konstantin das Christentum Staatsreligion geworden, da trat der alttestamentarische Geist des Hasses furchtbar in Erscheinung: mit Bezug auf das Alte Testament forderten die Christen die Anwendung der dort vorgeschriebenen Strafen gegen Götzendienst.

Das Alte Testament ist – so lange er im Gespräch mit den Christen ist - sozusagen die abzustreifende Schattenseite des Christentums. Und das macht er mit der Formulierung „alttestamentarischer Geist“ kenntlich.

Aus der Geisteswelt des Stürmers

Der Stürmer ist seit den späten 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts das antisemitische Periodikum schlechthin. Wenn das Wort „alttestamentarisch“ zur Sprachstrategie der Nationalsozialisten gehört hätte, dann müsste es hier gehäuft auftreten. Das tut es aber nicht. Beim Stürmer wird deutlich, dass vor allem an die antisemitische Hetze im Stil von Eisenmenger angeknüpft wird, man also vom „Talmudjuden“ redet und die jahrhundertealten Klischees und Vorurteile bedient, die vielfach zu Pogromen geführt haben. Das ist auch dezidiert das Ziel des Stürmers.

Ein anderes Machwerk aus der Geisteswelt des Stürmer-Verlages ist das 1937 erschienene Buch „Die Judenfrage im Unterricht“[35] des Stadtschulrats Fritz Fink. Schritt für Schritt leitet Fink die schulische Vermittlung des Antisemitismus an und kommt dabei auch zum Abschnitt „Der Gott der Juden“. Und hier wird klar, dass nach 1945 schlicht das Wort „Jude“ durch „alttestamentarisch“ ersetzt wurde, es ist quasi die Tarnvokabel für den weiterbestehenden Antisemitismus der deutschen Bevölkerung. „Ist der Juden Gott Jahwe unser Gott?“ lässt Fink die Kinder fragen und entwirft gleich ein Tafelbild der anzustrebenden Antworten: „Jahwe ist ungerecht. Er teilt die Völker ein in auserwählte und verstoßene. Er ist grausam. Er verlangt die Vernichtung der nichtjüdischen Völker ... Der Gott der Juden ist nicht unser Gott.“[36] Das setzt sich nach 1945 ungebrochen fort im Bild des rachsüchtigen, grausamen und darin alttestamentarischen Jahwe, der mit dem Liebesgott des Neuen Testaments nichts zu tun habe. Es ist – neben der Meme von den „Geldjuden“ – eines der erfolgreichsten Stereotypen der Nationalsozialisten. Dem Christentum und den christlichen Kirchen wird von Finke noch vorgehalten, sich nicht entschieden genug gegen die Juden zu wenden, weil sie insgeheim auf die Bekehrung der Juden hofften.[37] Da spricht die Schule Alfred Rosenbergs. Aber nach 1945 konnte man „jüdisch“ als Denunziationswort nicht mehr verwenden. Also griff man auf ein anderes Wort des 19. Jahrhunderts zurück: „alttestamentarisch“. Genau so macht die historische Verlaufskurve im Gebrauch des Wortes „alttestamentarisch“ Sinn (s. dazu unten den Abschnitt Entwicklungslogik). Alttestamentarisch wurde nicht gebraucht, weil die Nationalsozialisten es gebraucht haben, sondern, damit man weiter das Gleiche sagen konnte wie die Nationalsozialisten.


Sprachkritik nach 1945

Erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kommt es dann zu sprachkritischen Auseinandersetzungen mit dem Gebrauch des Wortes. 1976 beschäftigt sich Hildebrecht Hommel mit dem Wort und berichtet u.a., dass damals

... maßgebende Instanzen der Sprachpflege die Neuerung in Schutz nehmen, die ja auch wenigstens in der Ausgangsform ‚alttestamentarisch‘ als gleichberechtigt in die Lexika übergegangen ist. Kein geringerer als der Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, Bernhard Zeller, erklärt mir gegenüber brieflich am 25.3.1974 ... das Wort für ‚eher höherwertend als abwertend‘ und staunt, auch nach Befragen von Kollegen, Germanisten und indischen Literaturhistorikern über meinen Versuch, es ‚in das Wörterbuch des Unmenschen zu verdammen‘, wie er sich ausdrückt.[38]

Laut Hildebrecht Hommel argumentieren die Fachleute vor allem mit Hilfe der formalen Logik der Grammatik. Allein aus dem Suffix „... arisch“ lasse sich keine Abwertung erkennen. Ein Argument, das bis heute wiederholt wird. Aber die Grammatik ist politisch sozusagen blind. Die Korpuslinguistik war damals noch nicht verbreitet, sie fand erst in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts in der deutschsprachigen Forschung Berücksichtigung. Und sie hätte ganz andere Ergebnisse gezeitigt, die dem formalen Argument entschieden widersprechen.

1984 schreibt Hildebrecht Hommel[39] zusammenfassend in einem Essay zur grundsätzlichen deutschen Sprachverwilderung:

Nun aber zum Abschluß eine häßliche Wortvariante, mit deren Ursprung und Geschichte ich mich seit Jahren beschäftige. Die Suffixbildung 'testamentarisch' ist bei dem geläufigen Ausdruck der Juristensprache vom Lateinischen testamentarius direkt übernommen und längst eingebürgert und eine sinnvolle Hilfe, das Grundwort Testament von jenem anderen gleichlautenden Terminus der christlichen Theologie zu unterscheiden, wo die deutsche Anhängesilbe -lich seit alters die Zugehörigkeit bezeichnet: alttestamentliche Literatur, neutestamentlicher Lehrstuhl u. dgl. Nun hat aber unter der nationalsozialistischen Herrschaft – bei ausschließlicher Beschränkung auf das Alte Testament die Endung –arisch auch auf den theologischen Bereich übergegriffen. Namentlich der Propagandaminister Göbbels tat alles, um in immer wiederkehrenden Attacken einen angeblich 'alttestamentarischen Haß‘ der Juden auf alles Andersrassige anzuprangern. So konnte denn die naheliegende Vermutung aufkommen, Hitler oder Rosenberg hätten diese Neubildung überhaupt erst geprägt. Auch ich selbst hielt sie einst für eine nationalsozialistische Erfindung, die sich zur Aufheizung von Emotionen lieber des volltönenden Suffixes -arisch bedient habe als der schlichten Endung -lich. Wie denn in der Tat die Analogie von 'exemplarische Strafe' oder 'barbarischer Rachedurst“ solchem Ressentiment schon vom Klang her Vorschub leisten konnte.[40]

Die Erkenntnisse der Korpuslinguistik

Nun ist es tatsächlich eine Folge des Nationalsozialismus gewesen, dass das Wort zu einem „normalen“ Element der deutschen Sprache wurde. Aber nicht im Sinne der Einführung - es war schon vorher bei vielen anti-jüdisch eingestellten Deutschen im Gebrauch – sondern als Ersatzwort. Unsere Großeltern hatten sich an bestimmte von den Nazis über Juden verbreitete Meme gewöhnt, dass sie diese nun unter der Etikettierung „alltestamentarisch“ weiterführten und das Wort damit endgültig der deutschen Sprache zuführten. Die bisherige Zuweisung des Wortes an den Nationalsozialismus ist daher irreführend, es spiegelt vielmehr das Denken der Deutschen.

Und so erklärt sich auch, warum die negativen Konnotationen bis in die Gegenwart erhalten geblieben sind. Denn wenn die Menschen nicht (mehr) wüssten, dass ‚alttestamentarisch‘ abwertend ist, woher kommen dann die diskriminierenden Wortverbindungen, die mit dem Wort im Deutschen bis heute beobachtbar sind? Denn wenn man aktuell, also im Jahr 2018, die Worte ‚alttestamentlich‘ und ‚alttestamentarisch‘ in eine korpuslinguistische Datenbank eingibt, dann bekommt man zwei sehr unterschiedliche Ergebnisse:

Mit dem links abgebildeten Wortfeld zu „alttestamentlich“ verknüpft sich keine einzige(!) negative Konnotation, ganz im Gegenteil: Psalmen, Verheißung, Überlieferung, Kanon, Theologie, Weisheit – das sind die auszeichnenden Konnotationen.

Beim rechts abgebildeten Wortfeld zu „alttestamentarisch“ ist das ganz anders. Zwar gibt es Überschneidungen im Blick auf Bilderverbot und Propheten, ansonsten kommen nun aber andere Worte zum Tragen: Racheengel, Rachsucht, Strenge, Wucht, Zorn, Flüche, Vergeltung, Härte, Grausamkeiten, Rache, Hass – das sind hier die auszeichnenden Konnotationen. Ausgerechnet jene Worte, die schon die frühen und späten Antisemiten gebrauchten. Das bedeutet: wer das Wort „alttestamentarisch“ verwendet, spricht heute eben in der Regel nicht neutral, sondern setzt antisemitische Stereotypen mit. Andere Entwicklungen müssten sich sonst in der Korpuslinguistik ablesen lassen. Auf keinen Fall zeigt sich in diesem Wort – anders als es das Deutsche Literaturarchiv noch 1974 meinte – eine Höherwertung des Alten Testaments.

Die Tabelle rechts nennt noch einmal die größten Unterschiede in der Verwendung der beiden Worte. Die ersten fünf Nennungen gehören zu „alttestamentlich“, die restlichen zu „alttestamentarisch“. Hier wird auf einen Blick deutlich, welche Welten zwischen beiden Worten liegen und inwiefern es bis heute keinen unbefangenen Gebrauch geben kann. Erklärungsbedürftig bleiben aber meines Erachtens drei neuere Wortverbindungen. Dazu einige kurze Notizen:

„Alttestamentarischer Racheengel“

Das Wort „Racheengel“ hat erst seit 1955 Konjunktur. Davor ist es relativ selten. Als Synonyme werden in den Lexika die Erinnyen, die Medusa, die Rachegöttin, die Furien und die Eumeniden angegeben – alles Worte, die in die griechisch/römische Religionswelt verweisen. Wenn jemand die Wortkombination „alltestamentarischer Racheengel“ verwendet, könnte er meines Erachtens keine Bibelstelle mit einem solchen Engel benennen. Da aber die griechische Mythologie inzwischen vielleicht noch entfernter von der Lebenswelt der Menschen ist, verbindet sich hier etwas, was gar nicht zusammen gehört. Aber in der Tendenz ist es bedenklich.

„Alttestamentarische Wucht“

Vielleicht wird diese Kombination gebraucht im Sinne einer geradezu elementaren Naturgewalt. Das Grimm’sche Wörterbuch weist das Wort „Wucht“ dem 19. Jahrhundert zu. Gemeint ist wohl so etwas, wie es sich im folgenden Satz spiegelt: „Luther, der mit solcher Wucht zu dem ganzen Volke zu reden wusste“. Oder bei Lessing: „das gibt seinen Worten Wucht“. Die Kombination mit dem Alten Testament kennt das Grimm’sche Wörterbuch nicht, sie muss neueren Datums sein. Vermutlich spiegelt sich hier ein Entfremdungsprozess vom Alten Testament, der dieses in die Richtung „Archaik“ interpretiert. 

„Alttestamentarische Schöpfungsgeschichte“

Auch die Kombination von „alttestamentarisch“ und „Schöpfungsgeschichte“ ist neueren Datums, sie fand sich vor 10 Jahren noch nicht im Wortfeld von „alttestamentarisch“. Schaut man sich die Belege für diese Kombination an, dann kommt entweder sprachlich eine äußerste Distanz zur Bibel zum Ausdruck – dann wird „alttestamentarisch“ im Sinne von „uralt“ verwendet. Oder es wird auf den Kreationismus verwiesen. Dann sind wir in der gegenwärtigen religionskritischen Debatte, die dem Christentum vorhält, in seiner Deutung der Welt einem Modell zu folgen, das dem noch viel ferneren Alten Testament angehört und damit im Bereich der Weltdeutung nichts mehr zu suchen hat. Aber auch das setzt das Alte Testament herab.

Ein Blick auf einige neueste Verwendungen des Wortes

Das Wort „alttestamentarisch“ ist also eines, das den Antisemitismus in der deutschen Sprache fortsetzt. Die Journalisten und Publizisten, die es heute verwenden, können sich nicht darauf berufen, das Wort quasi „unschuldig“ einzusetzen, sie verwenden es, der korpuslinguistische Befund lässt keinen anderen Schluss zu, zur Abwertung des Judentums und – das ist eine neue Entwicklung, die sich ansatzweise aber schon mit der Aufklärung abzeichnet – weitergehend zur Abwertung alles Religiösen. Letzteres erklärt, warum es nun vermehrt zu Begriffen wie „neutestamentarisch“ kommt. Das lässt sich bis in jüngste Äußerungen zeigen.

Raoul Schrott

Wenn der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Raoul Schrott in seinem 2018 erschienenen Werk „Politiken & Ideen“ schreibt

Denn Götter sind so schrecklich, wie sie Schreckliches zulassen oder auch es selbst erleiden – ob der alttestamentarische Jahwe, Apollon, der Marsyas langsam die Haut in Streifen abzieht, oder Jesus an seinem Kreuz.[41]

dann ist das eben nicht nur inhaltlich ziemlich krude, weil es Täter und Opfer strukturell auf dieselbe Ebene stellt (zulassen oder erleiden), sondern auch tendenziös formuliert, indem es Sprachformen des frühen Antisemitismus übernimmt. Der „alttestamentarische Jahwe“ ist überhaupt keine neutrale Beschreibung, sondern ein herabsetzendes und zudem überaus tendenziöses Werturteil, das mit negativen Konnotationen spielt. Es nimmt dem Judentum die eigene Schrift weg und macht sie zum bloßen Vorläufer des Neuen Testaments. Zumindest grenzwertig ist vor dem Hintergrund der Geschichte die Rede vom „alttestamentarischen Ritual“.[42] Wenn Schrott den Eigennamen Gottes wieder und wieder wiederholt, dann missachtet er bewusst den jüdischen Glauben, der auf die Nennung bewusst verzichtet. Und wenn er schließlich die Landnahme als „alttestamentarische Imagination“ bezeichnet, reduziert er einen komplexen Prozess bis heute kontroverser historischer Forschung auf eine angebliche „Einbildung“.

Neues Deutschland

Am 30. März 2018 dokumentiert ein Kommentator im Neuen Deutschland noch einmal eindrucksvoll den Triumph des Antisemitismus in der deutschen Sprache. Er schreibt zum Konflikt zwischen Russland und den Nato-Staaten Folgendes:

Die Abfolge sich stetig aufschaukelnder Reaktionen folgt dabei dem alttestamentarischen Prinzip des Strafens, des »Auge-um-Auge, Zahn-um-Zahn«. ... Man muss nicht unbedingt gläubig sein, um an den Ostertagen an eine andere Möglichkeit, eine andere Logik zu denken – der neutestamentarischen des »Auch-die-andere-Wange-Hinhaltens«. Hoffnungsloser Idealismus, nur ein Fügen gegenüber der Gewalt? Es ist dort auch etwas anderes herauszulesen – zwei zugewandte Wangen ermöglichen erst den Blick in das Auge des Gegenübers. Und vielleicht das Erkennen der eigenen Ängste im Blick des anderen.[43]

Das ist der fortgeschriebene Antisemitismus und Antijudaismus im 21. Jahrhunderts. Dass in der hebräischen Bibel steht: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott“ wird unterschlagen und das Stereotyp des jüdischen rachsüchtigen Strafprinzips bemüht. Dass der Autor vom ius talionis[44] nichts versteht sei geschenkt, Bildung ist ein Privileg, über das Journalisten heute nicht mehr verfügen. Aber warum spricht er bei „Auge um Auge“ vom „alttestamentarischen Prinzip des Strafens“ und nicht vom wortgleichen und deutlich älteren babylonischen? Weil er das Judentum treffen will.

Bistum Münster

Aber selbst die Kirchen sind von diesem sprachlichen Schwachsinn nicht verschont geblieben. Ich hatte schon 2005 darauf verwiesen, dass in vielen Gemeindeverlautbarungen inzwischen das Wort „alttestamentarisch“ auftaucht. Es auf einer Seite eines Bistums(!) an herausragender Stelle, nämlich zur Beschreibung der Osterpredigt von Bischof Genn in Münster zu finden, hätte ich freilich nicht erwartet. Die bischöfliche Pressestelle schreibt:

"Jesus Christus stellte den Gesetzen des Todes die Kraft des Lebens gegenüber. Das ist die Osterbotschaft!" Das hat der Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, bei der Feier der Osternacht am 31. März im St.-Paulus-Dom in Münster betont. In seiner Predigt ging der Bischof von der Frage im alttestamentarischen Buch Baruch aus, die der Verfasser mit einer gewissen Skepsis stelle: "Wer hat je den Ort der Weisheit gefunden?"[45]

Das ist fast schon Satire. Denn das Buch „Baruch“ ist tatsächlich ‚nur“ alttestamentlich, weil das Judentum es nicht in den Tanach aufgenommen hat. Für Protestanten ist es nur apokryph, allein die Katholische Kirche verortet es im Alten Testament.[46] Für den Gebrauch des Wortes „alttestamentarisch“ auf einer Kirchenseite gibt es dennoch keine Entschuldigung.

Katholisch.de

Das gilt auch für die Plattform katholisch de, die einen Alttestamentler über einen Predigttext referieren lässt.[47] Und der schreibt auch korrekt von alttestamentlich und erläutert den biblischen Text. Aber was macht der Bildredakteur des Artikels? Man ahnt es schon:

Evangelisch.de

Und schließlich das protestantische Gegenstück. Im Text einer Preisverleihung des Gemeinschaftswerks Evangelischer Publizistik aus dem Jahr 2014 steht und so wird es bis heute auf evangelisch.de weiter verbreitet: „Tan entwirft eine Brudergeschichte von alttestamentarischer Wucht, die er jedoch im Interieur unserer Gegenwart ansiedelt.“ Ja, ja – alttestamentarische Wucht. Was immer christliche Westeuropäer sich darunter vorstellen. („Interieur unserer Gegenwart“ ist freilich auch nicht viel besser – hoffentlich wird da kein Porzellan zerschlagen.)

Frankfurter Rundschau

In einer Rezension der FR schreibt der Rezensent:

Es sind unfassbare, grandiose Geschichten, die von der 1925 in Georgia geborenen Kirchgängerin und Bibelleserin in knapper, ausgehärteter Komposition gestaltet werden. Alttestamentarische Wucht inmitten des heillosen 20. Jahrhunderts. Und der Wille, noch einmal von Offenbarungen zu sprechen, einer überirdischen Macht zu vertrauen.

Er meint es ja gut, aber weiß wirklich nicht, was er schreibt. Und der Leser weiß immer noch nicht, was er sich unter „alttestamentarischer Wucht“ vorstellen soll.[48]

Deutschlandfunk

Auch der kulturell so renommierte Deutschlandfunk macht sich einiger „Sündenfälle“ schuldig, hier einer aus der jüngsten Zeit. In einem Feature über Quellengewissheit meint Florian Felix Wey unter der Überschrift „Wahrheit ist Belegbarkeit“:

Was machen wir in Zukunft mit Zitaten, Zitierungen und Verlinkungen, wenn Info-Bits jederzeit gegen andere Info-Bits ausgetauscht werden können? Worauf beziehen wir uns zurück, wollen wir Fakten belegen und Wahrheitsvermutungen als relevant erklären? So trivial die technische Zukunft eines fluiden Quellensystems auf den ersten Blick erscheint, so herausfordernd sind die Folgen für den intellektuellen Diskurs. Müssen wir uns am Ende vom - letztlich alttestamentarischen - Geistesglauben verabschieden, es gäbe überhaupt so etwas wie verbindliche Quellen, Nullpunkte des Denkens?[49]

Es tut mir leid, aber das ist bar jeden Sinns. Wenn man jemanden schon eines Festhaltens an der Ἀλήθεια bezichtigen will, dann wäre es doch besser, ihn mit den Griechen und der griechischen Philosophie zu behaften. Gerade die Hebräische Bibel mit ihren lustvollen Ambivalenzen, gerade das jüdische Denken mit seinen in Jahrtausenden geschulten dialektischen Auseinandersetzungen (man denke nur an die talmudischen Dialoge), verbietet es, dem Ganzen einen „alttestamentarischen Geistesglauben an verbindliche Quellen“ zu unterstellen. Natürlich ist die Heilige Schrift verbindlich – aber doch nur als auszulegende Schrift. Ich habe nach einem Vorbild für Weys Formulierung gesucht und es schließlich im 18. Brumaire des Louis Bonaparte von Karl Marx gefunden. Marx schildert dort den Konflikt zwischen Parlament und Verfassung und schreibt, die Markionitische Meme von der jüdischen Gesetzesreligion aufgreifend:

Hatte aber die Ordnungspartei nicht ... die Verfassung der parlamentarischen Majorität untergeordnet? Beruhte ihre ganze bisherige Politik nicht auf der Unterordnung der Verfassungsparagraphen unter die parlamentarischen Majoritätsbeschlüsse? Hatte sie den alttestamentarischen Aberglauben an den Buchstaben des Gesetzes nicht den Demokraten überlassen und an den Demokraten gezüchtigt?[50]

Vom Aberglauben zum Geistesglauben. Es ist eine unselige Tradition.

Die bekennenden Antisemiten

Und dann gibt es ja auch noch die offensichtlichen Antisemiten, die heute aber ‚natürlich‘ so tun, als wären sie keine:

Es ist mir unverständlich, dass die alttestamentarische Mentalität der NETANJAHU-MEHRHEIT glaubt, mit weltweiter PROPAGANDA einen PHILOSEMITISMUS erzwingen zu können, wenn gleichzeitig NETANJAHU selbst den schlimmsten ANTISEMITISMUS weitertreibt, der heute vorstellbar ist. Wer und was SEMITEN und wer ANTISEMITEN sind, lässt sich verbal verdrehen. Doch die Tatsachen sprechen für sich.

Natürlich ist man kein Antisemit, wenn man antisemitisch denkt und spricht, aber die Juden, die sind immer antisemitisch – was auch sonst. Solche Argumentationen sind ein Fall für Psychologen und Psychiater und hoffentlich auch für den Verfassungsschutz.

Aber von diesen kranken Äußerungen gibt es so unendlich viele im Netz, das man sie nicht alle zitieren und kommentieren kann. Die Dummheit stirbt nicht aus.

Absurditäten

Bleibt noch das ganz normale Absurde. Kunsthistoriker werden vom ersten Semester an das Wort „alttestamentarisch“ gewöhnt. Sie lernen es nicht anders. Das kann man den Gebildeten unter den Professoren vorhalten, aber selbst die großen Kunsthistoriker der Gegenwart tun immer noch so, als ob die Herabsetzung der jüdischen Religion durch belastete Floskeln ihr Recht wäre. [Kindlers Malereilexikon weist 11 Belegstellen des falschen Wortes auf und 11 richtige Verwendungen, Seemanns Lexikon der Kunst 12 falsche, aber immerhin 100 richtige]. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Absolventen der kunsthistorischen Fakultäten dies weiter in die Welt tragen. Auf einer Auktionsseite wird so eine russische „Ikone mit einer alttestamentarischen Dreifaltigkeit“ angekündigt. Das muss dann wohl bedeuten, dass ein Kunsthistoriker meint, die Rede von der Trinität sei im ‚Alten Testament‘ bezeugt? Gemeint sind vermutlich die drei Engel bei Abraham und Sara, die für Christen schon früh als Vorbild der Trinität herhalten mussten. Aber haarscharf daneben ist eben auch daneben.


Entwicklungslogik

Die Verlaufskurve des Wortes „alttestamentarisch“ zeigt deutlich, wie dieses um 1760 in der deutschen Sprache auftaucht, sich nach und nach verfestigt und in der Zeit des Nationalsozialismus mit Stereotypen unterfüttert wird. Danach haben sich die Menschen so an das Wort gewöhnt (mit all seinen negativen Konnotationen), dass es bis in die Gegenwart in exakt dieser negativen Bedeutung Verwendung findet:[51]

Dagegen zeigt der Blick auf das Wort „alttestamentlich“, dass es zunächst den Regelgebrauch in der deutschen Fachsprache abbildet, dann aber nach 1900 gegenüber dem abwertenden „alttestamentarisch“ an Bedeutung verliert, bis sich dann in der Mitte des 20. Jahrhundert – nach dem Faschismus – in der außertheologischen Literatur der herabsetzende Gebrauch des Wortes durchsetzt:[52]

Seriöse Quellen, das muss man zum genaueren Verständnis der Kurve aber auch hinzufügen, sprechen aber in der Regel nicht von ‚alttestamentlich‘, sondern eher neutral von biblisch – was dann den Blick auf das Geschehen noch einmal deutlich aufhellt.[53] Die Zeitschrift DIE ZEIT etwa verwendet in neun von zehn Fällen das Wort „biblisch“.

Und auch das lässt sich beobachten: In jüngster Zeit kommt es häufiger zur analog gebildeten Verwendung des Wortes „neutestamentarisch“. Das kommt zwar viel seltener vor als das Wort „alttestamentarisch“, aber es breitet sich in der deutschen Sprache aus – und leider gerade auch in den Nachbarwissenschaften der Theologie. Hier wäre eine inneruniversitäre Aufklärung vonnöten. Blickt man auf die Kurve seit 1700, dann wird der Zusammenhang mit der Aufklärung und der neuesten Distanzierung von Religion deutlich[54]:

Textkorpora

Aussagekräftig ist schließlich noch einmal der Blick auf die spezialisierten Text-Korpora, insbesondere der Wochenzeitschrift DIE ZEIT und der Tageszeitung Der Tagesspiegel [zu beachten sind dabei allerdings die ungleichen Zeitrahmen; ich habe den Textkorpus der ZEIT in der mittleren Spalte einmal dem Zeitraum des Textkorpus‘ des Tagesspiegel angeglichen].

Korpus ð
Zeitrahmen

Die Zeit
1946-2016

Die Zeit
1996-2005

Tagesspiegel
1996-2005

Deutsch. Textarchiv
1473 bis 1927

Biblisch

3441

704

817

1331

Alttestamentarisch

421

72

136

17

Alttestamentlich

157

34

16

85

Neutestamentarisch

13

3

11

1

Neutestamentlich

93

27

9

75

Deutlich wird daraus, dass Journalisten der großen Zeitschriften, wenn sie spezifisch das Alte Testament bezeichnen wollen, in aller Regelmäßigkeit das falsche Wort dafür wählen (bzw. das richtige, wenn sie damit zugleich das Judentum und das Alte Testament abwerten wollen). Dabei ist die Tendenz beim Tagesspiegel bedenklicher als bei der Zeit. Grundsätzlich überwiegt aber der Gebrauch der neutralen Bezeichnung „biblisch“. Aber immerhin in 9% (Zeit) bzw. 16% (Tagesspiegel) der Fälle liegen die Zeitschriften sprachlich daneben. Ein, wie ich finde, zu hoher Prozentsatz. So kann einen der regelmäßige Gebrauch des Wortes „biblisch“ nicht darüber hinwegtrösten, dass es Antijudaisten und Antisemiten gelungen ist, mit „alttestamentarisch“ ein tendenziöses Wort dauerhaft in der deutschen Sprache zu verankern. Zur Sprachpflege gehört es daher weiterhin, den eigenen Sprachgebrauch sorgfältig zu reflektieren und auf den Gebrauch einen belasteten Wortes zu verzichten.

Herausforderung

Nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen wäre es Zeit für eine sorgfältige sprachgeschichtliche und korpuslinguistische Studie zum Wort „alttestamentarisch“. Denn bisher, das wurde ja auch mit diesem Text deutlich, basieren alle Schlussfolgerungen eher auf Zufallsfunden und das heißt mehr oder minder auf Spekulationen.

  1. Eine solche Studie müsste zunächst kulturgeschichtlich klären, wie es nach 1750 überhaupt zur Bildung des Wortes „alttestamentarisch“ kommt und warum nicht „alttestamentlich“ genutzt wurde. Letzteres hätte besser zur sich etablierenden theologischen Wissenschaft gepasst. Dabei muss man sich freilich vor Augen führen, wie „jung“ die Lehrstühle für Altes Testament bzw. Biblische Theologie universitätsgeschichtlich sind. Es gab noch keinen wirklichen Konsens in dieser Frage. Deutschsprachige theologische Texte verwenden seit der Mitte des 16. Jahrhunderts öfters das Wort ‚alttestamentisch‘,[55] das sich auch noch in Aufzeichnungen von Schleiermacher findet.
  2. Diese Erkenntnisse müssten mit der Diskussion um die Judenemanzipation nach 1780 verbunden werden. Zu klären wäre anhand konkreter Texte, ob anfangs tatsächlich nur eine neutralere Bezeichnung an Stelle von „Jude“ gesucht wurde. Aufklärungsbedürftig wäre dann aber, warum zunächst ganz selbstverständlich von „alttestamentarischen“ und nicht „alttestamentlichen“ oder „alttestamentischen“ Glaubensgenossen gesprochen wurde. Was bewegte die Vertreter der jüdischen Gemeinde, den Behörden genau diese Sprachform vorzuschlagen? Lag sie ihnen schon vor?
  3. Es müsste dann gezeigt werden, wie mit der Aufklärung und der mit ihr verbundenen Religionskritik eine kritische Neubewertung des Alten Testaments erfolgte, welche erst die Voraussetzung für die spätere Abwertung der Ersten Bibel ermöglichte.
  4. Dann wäre zu zeigen, wie die Gegner der Judenemanzipation dem jüdischen Volk bestimmte unveränderliche Stereotypen anhängten, die sich nach ihrer Darstellung schon aus dem Alten Testament ablesen lassen (Grattenauer) und deshalb auch nicht veränderbar sind.
  5. Und schließlich müsste die Entwicklung vom Anti-Judaismus zum Antisemitismus sprachkritisch nachgezeichnet werden und woran das sprachlich konkret wird. Aufzuzeigen, ob und wie die Antisemiten dann den Sprachgebrauch dominieren, wäre der nächste Schritt.
  6. Notwendig wäre dann eine sprachstatistisch basierte und damit empirisch abgesicherte Untersuchung des nationalsozialistischen Umgangs mit dem Wort ‚alttestamentarisch‘. Hier arbeiten wir im Wesentlichen noch mit Vermutungen und Unterstellungen. Man müsste einen größeren nazistischen Textkorpus untersuchen.
  7. Ein besonderes Augenmerk müsste dabei auf die Kombination der Worte „alttestamentarisch“ und „Rache“ gelegt werden, eine Verbindung, die vielleicht erst in den letzten Jahren des Nazi-Regimes verstärkt aufkommt und dann nach 1945 in quasi negativer Projektion[56] geradezu explodiert. Auffällig ist jedenfalls, wie ausgerechnet nach 1945 diese Wortkombination sich verstärkt und sprachbildend wird.
  8. Und schließlich müsste gezeigt werden, wie auch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus 1945 das polemische Gift[57] des Wortes „alttestamentarisch“ sich weiter ausbreitet, warum also zum Beispiel bei nichttheologischen Wissenschaftlern der Gebrauch des Wortes „alttestamentarisch“ nicht anstößig war,[58] ja, warum das Deutsche Literatur-Archiv 1974 der Meinung sein konnte, dass „alttestamentarisch“ das bessere Wort sei.
Fazit

Wie es aussieht, steht die Aufklärung der Sprachgeschichte von „alttestamentarisch“ erst am Anfang. Ungeklärt ist im Detail, wie aus einem Wort, das emanzipationsorientierte Juden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Alternative zum Wort „Jude“ einbrachten nach und nach ein Wort aus dem Wörterbuch des Unmenschen wurde und warum es nicht gelang, nach 1945 diese Entwicklung aufzuhalten. Unbestreitbar ist der korpuslinguistische Befund der Gegenwart: wer das Wort gebraucht, transportiert – ob er nun will oder nicht – etwas Negatives. Vermutlich glaubt, wer so spricht, tatsächlich, es gäbe einen Konnex von Hebräischer Bibel und Racheengel, Rachsucht, Strenge, Wucht, Zorn, Vergeltung, Härte, Grausamkeiten, Rache, Hass. Das ist aber Ausdruck eines zutiefst antisemitischen Denkens. Nur weil man ‚unschuldig‘ an Unsinn glaubt, ist man noch lange nicht auf der unschuldigen Seite. Auch für naiven Sprachgebrauch ist man verantwortlich. Auch wer aus Unbedacht „polemisches Gift“ verteilt, verteilt dennoch Gift.

Anmerkungen

[2]    Der Text bei Brentano lautete: „So war das unglückliche Ende dieser neunmal neunundneunzig Braven; sie, die nicht der grausame Sündenbock der alttestamentarischen Glaubensgenossen hatte besiegen können, unterlagen den Sünden des jugendlichen Übermuts, die schon manchem Helden den Helmbusch geknickt haben; sie, die den langen Tag der Juden bezwungen hatten, wurden von einem kurzen Freudentage erdrückt und erblickten das Licht nicht wieder, welches ihnen mit der Lichtputze ausgelöscht worden.“ So schrecklich dieses Rheinmärchen im Blick auf die Darstellung der Juden auch ist, im Fall des Gebrauchs des Wortes „alttestamentarisch“ könnte es sein, dass Brentano sich hier nur der amtlichen Bezeichnung bedient hat.

[4]    Starke, Johann George (1747): Synopsis bibliothecae exegeticae in Vetus Testamentum. Kurzgefasster Auszug der gründlichsten und nutzbarsten Auslegungen über alle Bücher Altes Testaments. Leipzig.

[5]    Riesbeck, Johann Kaspar (1782): Neue Briefe, für und wider das Mönchswesen, mit unparteiischer Feder entworfen. Band 2. http://gutenberg.spiegel.de/buch/briefe-uber-das-monchswesen-4919/13

[6]    Jacobson, Jacob (Hg.) (2018): Die Judenbürgerbücher der Stadt Berlin 1809–1851. Mit Ergänzungen für die Jahre 1791–1809. Reprint 2018. Berlin, Boston: de Gruyter (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, 4). Online verfügbar unter https://doi.org/10.1515/9783110836219.

[7]    Zit. nach Jacob Jacobsohn, Allgemeine Zeitung des Judentums, 1912, Nr. 32, S. 379

[8]    Ebd.

[9]    So Ludwig Geiger, Geschichte der Juden in Berlin, 1871, S. 135.

[10]   Das Google-Book-Suchergebnis verweist auf die Erlanger Real-Zeitung, die Baierische National-Zeitung, die Weimarische Zeitung und den aufrichtigen und wohlerfahrenen Schweizer-Boten.

[11]   Graetz, Heinrich (1870): Geschichte der Juden vom Beginn der Mendelssohn'schen Zeit (1750) bis in die neueste Zeit (1848). Aus den Quellen neu bearb. Leipzig: Leiner

[12]   Was man in Preußen wirklich dachte und intendierte wird bei Wilhelm von Humboldt in seinem Entwurf zu einer neuen Konstitution für die Juden deutlich: „Die Individuen werden gewahr werden, dass sie nur ein Zärimonial-Gesetz und eigentlich keine Religion hatten, und werden, getrieben von dem angeborenen menschlichen Bedürfniß nach einem höhern Glauben, sich von selbst zu der christlichen wenden.“

[13]   Jacob Katz, Frühantisemitismus in Deutschland, http://www.antisemitismus.net/geschichte/katz.htm.

[14]   Graetz, a.a.O.

[15]   Grattenauer, Karl Wilhelm Friedrich (1791): Ueber die physische und moralische Verfassung der heutigen Juden. Stimme eines Kosmopoliten. Germanien (Leipzig).

[16]   Grattenauer, Karl Wilhelm Friedrich (1803): Wider die Juden. Ein Wort der Warnung an alle unsere christliche Mitbürger. Zweite Auflage. Berlin: Schmidt.

[17]   Zit. nach Heinrich Graetz, Geschichte der Juden, Abschnitt „Die Schmähschriftenliteratur gegen Juden und Judentum im Anfang des 19. Jahrhunderts“.

[18]   Jacob Katz, Frühantisemitismus, a.a.O.,

[19]   Ebd.

[21]   Kaulfuß, Johann S. (1817): Die Erziehung für den Staat. S. 27f.

[22]   Adelung, Johann Christoph (1793ff.): Grammatisch-kritisches Wörterbuche der Hochdeutschen Mundart. mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten besonders aber der Oberdeutschen. Leipzig: Breitkopf.

[23]   Johann Heinrich Campe, Wörterbuch der Deutschen Sprache, Erster Theil A bis E, Braunschweig 1807. S. 115.

[24]   Gedichte des Königs Ludwig von Bayern, Zweyter Teil, München 1829. Gedicht LXXIV.

[25]   Allgemeine Zeitung des Judenthums, 22. Jahrgang, Nr. 29, Leipzig 12. Juli 1858. Artikel: Die Juden im Königreiche Polen.

[26]   Sternberger, Dolf; Storz, Gerhard; Süskind, Wilhelm E. (1968): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Neue, erw. Ausg. mit Zeugnissen d. Streites üb. d. Sprachkritik. 3. Aufl. Hamburg, Düsseldorf: Claassen. S. 12.

[27]   Domarus, Max (1988): Hitler, Reden und Proklamationen 1932 - 1945. 4. Aufl., Leonberg: Pamminger.

[28]   Johannsen, Ernst; Hielscher, F.; Euringer, R.; Naumann, Max; Heller, O.; Heinz, F. W. et al. (1932): Klärung. 12 Autoren, Politiker über die Judenfrage. Berlin: Verl. Tradition (Die Diskussionsbücher, [1]).

[29]   Stefan Vogt ordnet die Schrift in seinem Buch „Subalterne Positionierungen. Der deutsche Zionismus im Feld des Nationalismus in Deutschland 1890-1933“ unter die Versuche zionistischer Autoren ein, mit Vertretern der Konservativen Revolution ins Gespräch zu kommen.

[30]   Eva G. Reichmann, Diskussionen über die Judenfrage 1930-1932, in: Mosse, Werner E. (Hg.): Entscheidungsjahr 1932. Zur Judenfrage in der Endphase der Weimarer Republik. 1966, S. 503-535, hier S. 521: „Was die Art der Beweisführung anlangt, die man in diesen Bänden und Sonderheften vorfindet, so könnte sie uneinheitlicher nicht gedacht werden. Der Niveauunterschied, der zwischen den einzelnen Beiträgen besteht, würde normalerweise ihre Zusammenfassung in geschlossenen Publikationen unmöglich gemacht haben. Schon dieser Gegensatz beweist, daß es sich hier um den Zusammenstoß verschiedener Welten handelt. Auf der einen Seite waltet das Bemühen, zum mindesten eine gemeinsame Plattform zu finden, die gegenseitiges Verständnis, vielleicht sogar einen Ausgleich der Spannungen ermöglicht; auf der andern das verwegene, geradezu übermütige Spiel mit apodiktischen Behauptungen, für die ein Beweis nur selten gesucht wird. Nur wenige der radikalen Judengegner berufen sich auf anerkannte wissenschaftliche Autoritäten. Günstigstenfalls zitieren sie ihre eignen Werke, die oft abstruse Gedankengänge verfolgen“.

[31]   Johst, Hanns (1932): Volk im Volke. In: Ernst Johannsen, F. Hielscher, R. Euringer, Max Naumann, O. Heller, F. W. Heinz et al. (Hg.): Klärung. 12 Autoren, Politiker über die Judenfrage. Berlin: Verl. Tradition (Die Diskussionsbücher, [1]), S. 117–123.

[32]   Ebd., S. 123.

[33]   So fasst Eva G. Reichmann Weltschs Argumentation zusammen, s. Diskussionen, a.a.O., S. 512.

[34]   Ebd.

[35]   Fink, Fritz (1937): Die Judenfrage im Unterricht. Nürnberg: Der Stürmer, Abt. Buchverl.

[36]   Ebd., S. 22f.

[37]   So Fink im Kapitel „Wie verhalten sich die Kirchen zum Volke der Christusmörder?“.

[38]   Hildebrecht Hommel, Symbola, 1976, S. 464.

[40]   Hommel, Hildebrecht (1984): Bemerkungen zur deutschen Sprachverwilderung. In: Arizcuren u.a. (Hg.): Navicula Tubingensis. Studia in honorem Antonii Tovar. Tübingen: Narr (Tübinger Beiträge zur Linguistik, 230), S. 199–210. Hommel verweist dann auf Thomas Mann als einen frühen Verwender des Wortes „alttestamentarisch“. Aber auch diese Erkenntnis ist inzwischen überholt. Heute muss man von der Mitte des 18. Jahrhunderts ausgehen.

[41]   Raoul Schrott: „Politiken & Ideen“. Vier Essays. Hanser Verlag, München 2018

[42]   Das einschlägige Klischee vom „jüdischen Ritual“ vermeidet er noch.

[50]   Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Marx/Engels: MEW Bd. 8, S. 181.

[51]   Wortverlaufskurve „alttestamentarisch“, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache.

[52]   Wortverlaufskurve „alttestamentarisch · alttestamentlich“, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache.

[53]   Wortverlaufskurve „alttestamentarisch · biblisch“, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache.

[54]   Wortverlaufskurve „neutestamentarisch“, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache.

[55]   So Sebastian Franck 1534; Johann Gropper 1556; Franciscus Agricola 1586;

[56]   Dafür sprechen Formulierungen wie „alttestamentarische Rache der Morgenthau-Leute“ oder „alttestamentarische Rache an den Deutschen“. Noch deutlicher wird der Zusammenhang hier, einer Publikation des Jahres 1954: „Gleich ihnen trauern Millionen heimatvertriebener Menschen andren Stammes um den verlorenen Lebenskreis der Heimat, Heilloses Unrecht geschah so in der Welt, himmelschreiend und von schwersten Folgen! Hemmungslose Machtgier und alttestamentarische Rache — Auge um Auge — sind nicht zu vereinen mit abendländischem Christentum, von dem so viel geredet wird. Sein Geist fordert das Menschenmöglichste an Gutmachen, nicht Fortsetzung und Verewigung von Gräueltaten!“ Die Oberpfalz, Band 42.

[57]   Hannes Stein, Thora, Newiin, Ketiwim, Die Welt: „Das Wort ‚alttestamentarisch‘ trägt polemisches Gift in sich. Es will uns die bekannteste hebräische Anthologie aller Zeiten madig machen: ein buntes Bündel von Gestalten und Geschichten, ohne die der größere Teil der abendländischen Literatur schlicht unverständlich würde.“

[58]   Interessant wäre es etwa, am noch zu erstellenden Textkorpus der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ zu untersuchen, wie auch in diesem illustren Kreis der Gelehrten das tendenziöse Wort ‚alttestamentlich‘ als normal erscheint. Vielleicht nicht zufällig taucht das Wort erstmalig 1971 beim Kolloquium „Terror und Spiel“ auf, bei dem die Theologen konsequent von „alttestamentlich“ sprechen und Germanisten nicht selten von „alttestamentarisch“. 1988 taucht es gleich mehrfach auf, etwa bei Odo Marquards Beitrag.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/113/am629.htm
© Andreas Mertin, 2018