Principles of Adult Behavior

Eine Erinnerung aus Anlass des Todes von John Perry Barlow

Andreas Mertin

Am 07. Februar 2018 starb John Perry Barlow, einer der großen Propheten des Internets und der gesamten Cyberkultur.

Einer größeren Welt-Öffentlichkeit bekannt geworden ist er 1996, als er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gegen die sich abzeichnende Aneignung des Internets durch Konzerne und Regierungen die sogenannte „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ artikulierte:

„Regierungen der Industriellen Welt, ihr müden Riesen aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, dem neuen Zuhause des Geistes. Als Vertreter der Zukunft bitte ich euch aus der Vergangenheit, uns in Ruhe zu lassen. Ihr seid nicht willkommen unter uns. Ihr habt keine Souveränität, wo wir uns versammeln.“[1]

Die Wikipedia fasst das zentrale Anliegen der Unabhängigkeitserklärung folgendermaßen zusammen:

Der Artikel lehnte die Anwendbarkeit von Konzepten wie Eigentum, Ausdruck, Identität, Bewegung und Kontext ab, da sie auf Materie basierten. Doch im Cyberspace gebe es keine Materie. Stattdessen, so der Text, werde das Internet seine eigenen sozialen Kontrakte (im Sinne eines Gesellschaftsvertrags) entwickeln und so bestimmen, wie Probleme zu lösen seien, basierend auf einer Ethik der Goldenen Regel.

Heute können wir angesichts dieses enthusiastischen Pathos‘ nur müde lächeln, denn die Wirklichkeit der virtuellen Welten wurde eine ganz andere. Damals aber inspirierte sein Aufruf eine ganze Generation, den Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen, sich auf das Abenteuer des Cyberspace einzulassen und dort aktiv zu werden. Mein Kollege Jörg Herrmann schrieb zwei Jahre später in der heute leider nicht mehr existierenden[2] Zeitschrift medien praktisch:

„Der Raum des Cyberspace ist ein virtueller Raum. Er ist nicht wirklich vorhanden. Jedenfalls nicht im Sinne unserer Alltagswirklichkeit. Der virtuelle Raum ist ein Möglichkeitsraum. Er ist elektronisch konstruiert, ständig veränderbar und grenzenlos. Er ist nicht lokalisierbar: ein Utopos. Man kann diesen Raum nicht verorten. Es gibt in ihm keine Körper, sondern allenfalls elektronische Repräsentanten von Körpern. Endlich, so beschwört es die von amerikanischen Netz-Propheten vor einigen Jahren formulierte „Magna Charta für das Zeitalter des Wissens“, gewinnen „die Kräfte des Geistes die Oberhand über die rohe Macht der Dinge“. „Unsere Welt“, so heißt es in einer anderen Deklaration, der „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ von Perry Barlow, „ist überall und nirgends; und sie ist nicht dort, wo Körper leben. (...) Es gibt im Cyberspace keine Materie“. Diese Tatsache werten die Cyberspace-Propheten als Befreiung. Die entkörperte Welt des Cyberspace erscheint als Ausweg aus der Vergänglichkeit und Endlichkeit des Physischen, aus der Materialität und dem Schmerz des Körpers ... Eine neue Betonung des Geistigen greift dabei um sich, die an gnostische Erlösungsvorstellungen erinnert: Der Körper gilt als Kerker, aus dem die Seele befreit werden muß. Die Probleme des Dualismus von Fleisch und Geist kehren damit auf neue Weise zurück. Und die Sehnsucht nach Erlösung von der Endlichkeit und dem Schmerz der Körpers erhält neue Nahrung, ebenso wie der Wunsch nach Befreiung von Gewalt und Unterdrückung. Der Cyberspace verspricht konkrete Erfüllung dieser Sehnsüchte: Erlösung durch Kommunikationstechnologie.

Auch die Zeiterfahrung verändert sich im Computernetz, erfährt eine Dekontextualisierung. Im Netz ist immer Tag. Irgendwo auf der Welt ist immer jemand wach und online. Das Netz kennt keine lokalen Rhythmen mehr. Zeitzonen verschmelzen. Das Ergebnis ist ein ewiges Jetzt. Wer sich in diesem Präsens länger aufhält, verliert das Gefühl für das Vergehen der Zeit. Online-Er­fahrene können ein Lied davon singen. Man wundert sich immer, wieviel Zeit vergangen ist, wenn man von seiner Cyberspace-Reise in den Alltag zurückkehrt. ...

Im Cyberspace kann man sich eine neue Identität zulegen. Die Entkopplung von Sender und Botschaft ermöglicht solche Rollenspiele. Aus Männern können Frauen werden und umgekehrt. Die User können ihren virtuellen Körper ganz nach ihrem Gusto beschreiben und auch graphisch entwerfen. Sie können sich auf diese Weise ganz neu inszenieren und die Grenzen ihres Körpers und ihrer Geschichte partiell aufbrechen. Sie können sich viele solcher virtuellen Identitäten zulegen und in der Kommunikation mit anderen Usern vielfältige neue Erfahrungen sammeln.[3]

Im selben Jahr 1998 gründete ich die Internetzeitschrift tà katoptrizómena, die ich bis heute herausgebe, die älteste noch bestehende theologische Online-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum, kostenlos, jedermann / jederfrau zugänglich. Das Internet, so schien es damals, ermöglicht gerade in seiner Kultur des Digitalen neue Zugänge zu kulturellen Gütern, die bis dahin nur Eliten zugänglich waren. Man benötigte nicht mehr großes Kapital, um sich zu artikulieren, keine Verlage und ihre Bedenkenträger, um zu publizieren, sondern man konnte sich selbst organisieren, mit gleich Gesinnten zusammentun und mit Hilfe des Computers, ein paar Programmen und eben des Internets an die Öffentlichkeit treten.

Das waren die Zeiten, in denen zum Beispiel auch das rpi-virtuell entstand, der Versuch, den kulturellen Reichtum des Internets und seine schier unübersehbaren Möglichkeiten auch für den einzelnen Religionslehrer, die einzelne Religionslehrerin zugänglich und handhabbar zu machen. Man konnte sich dort virtuelle Klassenräume einrichten und quasi rund um die Uhr präsent sein. Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben, über das Stadium einer nicht einmal gut gepflegten Datenbank ist das rpi-virtuell nicht hinausgekommen. Während Universitäten in den Jahren danach sich allmählich dem E-Teaching auf hohem Niveau näherten, blieb die kirchliche Lehre davon merkwürdig unberührt.

Und dann kam das Jahr 2013 und aus Enthusiasten wurden zunächst Irritierte, dann Desillusionierte und schließlich Skeptiker. Der Whistleblower Edward Snowden machte jedem klar, dass bei allem Fortschritt, den uns das Internet und die Digitalisierung brachten, der Preis, den wir dafür zahlen müssen, groß, vielleicht zu groß ist. Denn noch während John Perry Barlow seine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace abgab, arbeitete der Neo-Liberalismus im Hintergrund daran, zusammen mit den staatlichen Diensten die Fäden zu einem geschlossenen Überwachungsnetz zusammenzuziehen. Was beim Kinofilm Matrix noch wie eine ferne Zukunftsvision wirkte, war längst schon Wirklichkeit. Und diese Desillusionie­rung über die Differenz zwischen Hoffnungen angesichts der Möglichkeiten und der Ernüchterung angesichts der Realität wird auch von den Propheten des Internets wie John Perry Barlow, Sascha Lobo und neuerdings selbst Zuckerberg geteilt. Etwas ist grundlegend schief gelaufen seit dem Jahr 1996, in dem die Unabhängigkeitserklärung ausgerufen wurde.

Natürlich reden wir seit einigen Jahren über BigData und was das für den einzelnen bedeutet, aber – anders als beim Widerstand gegen die Volkszählung 1987 - waren wir es dieses Mal selbst, die BigData ermöglicht haben, weil wir im Tausch gegen Komfort und Sicherheit unsere Freiheit und unsere Souveränität aufgegeben haben. Die lächerlich wenigen Informationen, gegen deren Preisgabe wir uns 1987 mit Boykott und gegen Strafandrohungen gewehrt haben, geben wir heute vermutlich Woche für Woche preis und diese Informationen sind wesentlich persönlicher und aussagekräftiger, als es die staatlichen Erhebungen je hätten sein können.

Was lässt sich nun daraus lernen? Notieren wir zunächst das unbestreitbar Positive: das Internet macht uns auf überwältigende Weise Dinge zugänglich, auf die wir bisher keinen Zugriff hatten. Ich genieße es persönlich Tag für Tag in Archiven zu stöbern, die mir die kulturelle Überlieferung der Menschheit in einer Direktheit zugänglich machen, von der ich in meiner Jugend nur geträumt hätte. Das ist überaus faszinierend. Keine Frage, keine Herausforderung, worauf das Internet keine Antwort bereit hätte. Die Mehrzahl der Antworten mag nicht zielführend sein, aber es gibt die richtigen Antworten. Sie zu erkennen bedarf aber dergleichen kulturellen Kompetenzen, die auch in der Gutenberggalaxis galten. Würde ich über diese Kompetenzen nicht verfügen, wäre ich auch in den virtuellen Welten verloren. Das ist das erste, was man festhalten kann.

Das zweite Positive, das uns das Internet lehrt, und das mag sich paradox anhören, ist, dass alles im Internet ein potentieller Fake ist.

Werd‘ erwachsen, Raj, für die Wahrheit ist kein Platz im Internet

sagt Howard Wolowitz in der populären Fernsehserie „The Big Bang Theorie“. So ist es. So wie die Wirklichkeit der gedruckten Medien heute längst aus konstruierten und Photo­shop-Schein-Wirklichkeiten besteht, besteht auch das Internet aus Konstruktionen. Das ist aber eine elementare, für das Überleben in unserer Gesellschaft wichtige Erkenntnis, die wir verinnerlichen sollten.

Das dritte Wichtige, dass man durch das Internet lernt, ist: wer nicht selbst aktiv wird, verliert. Wer nur konsumiert, verliert. Aber man kann aktiv werden. Und das ist leichter als man denkt. Und es geht nicht darum, irgendwelche Meinungen kundzutun oder Schminktipps zu verbreiten. Das geht auch und viele machen das und manche werden erfolgreich damit, aber das meine ich nicht. Vielmehr ermöglicht das Internet tatsächlich aktives selbstbestimmtes Agieren und die Veränderung von Verhältnissen. Aber es ist nur ein extrem kleiner Teil der Menschen, der das vorantreibt. Daran kann man etwas ändern. Man kann Wirklichkeit – die des Internet und der Lebenswirklichkeit – als gestaltbare wahrnehmen.

Als John Perry Barlow im Februar 2017 starb, reagierte das Internet. Aber es bezog sich – sieht man einmal von den oberflächlichen Online-Auftritten der traditionellen Print-Medien ab – nicht auf die legendäre Unabhängigkeitserklärung des Internet, sondern auf ein Gespräch, das Barlow 2013 im Reddit-Format Ask me anything (www.reddit.com/r/AMA/) geführt hatte. Er war damals dort von den Nerds gefragt worden, was denn überhaupt ein sinnvolles Leben ausmache und welche Regeln man dazu beherzigen solle. Und als Antwort las er einen Zettel vor, den er sich als junger Mann gemacht hatte und der 25 beherzigenswerte Punkte umfasste. Nicht zufällig ist dieser Zettel eine Paraphrase von 1. Korinther 13. Er macht heute fast die Hälfte des Wikipedia-Artikels über John Perry Barlow aus.

Sollte uns das nicht – gerade auch als religiös interessierte Menschen - zu denken geben? Was können wir angesichts der Digitalisierung unserer Gesellschaft nachfolgenden Generationen vermitteln? Vielleicht dies:

  1. Sei geduldig. Immer.
  2. Keine üble Nachrede: Weise Verantwortung zu, nicht Schuld.
    Sag nichts über andere, was du ihnen nicht ins Gesicht sagen würdest.
  3. Geh nie davon aus, dass die Motive anderer
    ihnen weniger nobel erscheinen als deine Motive dir.
  4. Erweitere deinen Möglichkeitssinn.
  5. Belaste dich nicht mit Angelegenheiten, die du tatsächlich nicht ändern kannst.
  6. Erwarte von anderen nicht mehr, als du selbst leisten kannst.
  7. Halte Unklarheit aus.
  8. Lache oft über dich selbst.
  9. Kümmere dich darum, was das Richtige ist, und nicht darum, wer Recht hat.
  10. Vergiss nie, dass du dich irren könntest – auch wenn du dir sicher bist.
  11. Gib Hahnenkämpfe auf.
  12. Denk daran, dass dein Leben auch anderen gehört. Riskiere es nicht leichtsinnig.
  13. Lüge niemanden an – aus welchem Grund auch immer.
    (Unterlassungslügen sind manchmal erlaubt.)
  14. Erkenne und respektiere die Bedürfnisse der Menschen um dich herum.
  15. Vermeide die Suche nach dem Glück.
    Versuche dein Ziel zu definieren und verfolge es.
  16. Verringere deinen Gebrauch des ersten Personalpronomens.
  17. Lobe mindestens so oft, wie du tadelst.
  18. Gestehe deine Fehler freimütig und frühzeitig ein.
  19. Werde der Freude gegenüber weniger misstrauisch.
  20. Verstehe Demut.
  21. Denk daran, dass Liebe alles vergibt.
  22. Pflege Würde.
  23. Lebe denkwürdig.
  24. Liebe dich.
  25. Bleibe beharrlich.

Man müsste es nur durchbuchstabieren. John Perry Barlows „Principles of Adult Behavior – Regeln erwachsenen Verhaltens”[4] sind ein wunderbarer Reflexionsgegenstand. Alles, was über die Kultur des Internets zu sagen wäre, steckt in diesem Text. Man muss es nur entdecken und im Blick auf die Digitalisierung unserer Lebenswelten konkretisieren.

Anmerkungen

[2]    "medien praktisch war eine Fachzeitschrift für Medienpädagogik, Medientheorie und Kommunikationskultur. Sie wurde seit 1976 herausgegeben vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik. Sie verfolgte die Medienentwicklung kritisch, aber ohne bewahrpädagogisches Ressentiment. Aktuelle Trends und Entwicklungen im medienpädagogischen Bereich wurden aufgegriffen und beleuchtet. medien praktisch untersuchte zentrale medienpädagogische Probleme und bot Modelle und Tipps für die Praxis. medien praktisch verband anspruchsvolle Beiträge zur Theorie mit Berichten über originelle Projekte aus der Praxis. Medienpädagogik wurde in einem weiteren Sinne verstanden, der auch Kulturpädagogik, Bildungstheorie und politische Bildung einschloss und Fragen der Medienethik und Medienästhetik zum Gegenstand hatte. Das Erscheinen der Zeitschrift medien praktisch wurde mit Heft 27/2003 eingestellt." Auch dies ist ein Exempel für die Kurzsichtigkeit der EKD in Medienfragen. Während man Hundertausende in Totgeburten wie crossbot verschleuderte, reichte das Geld nicht, um eine renommierte Fachzeitschrift zu erhalten.

[3]    Jörg Herrmann, Die religiösen Dimensionen des Cyberspace. medien praktisch, 2/98, S. 54-57, hier 55.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/112/am621.htm
© Andreas Mertin, 2018