Ulf Poschardt macht den Pilatus des Protestantismus

Ein Einwurf zum Borderline-Journalismus

Andreas Mertin

„Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?

Man weiß bei Ulf Poschardt, nach einigen Betriebsunfällen inzwischen Chefredakteur der „Welt­N24“-Gruppe, nie genau, ob er das wirklich ernst meint, was er da vor sich hin twittert oder ob es sich um Fiktionen, sozusagen Testballons in Sachen Erregungsmanagement handelt. Die FAZ fühlte sich jedenfalls gleich an das AfD-Gestammel von der „links-grün-ver­siff­ten“ Gesellschaft erinnert – nicht zu Unrecht wie ich meine. Aber einmal angenommen, Poschardt glaubte an den Realitätsgehalt dessen, wovon er da twittert, dann würden sich ja zumindest die links-grün-Versifften dieser Gesellschaft in der evangelischen Christmette ganz wohlfühlen. Wenn wir davon ausgehen, dass dies – nach den aktuellen Wahlumfragen – 42% der Wähler sind (SPD – Grüne – Linke), dann sind es mehr als der Protestantismus zur Zeit überhaupt Kirchenmitglieder hat. Aber das hat Herr Poschardt vermutlich nicht gemeint.

"Wie im Eimer ein Großteil des Protestantismus ist, merkt man, wenn diese Konfession nicht mehr zwischen Glaube und Politik trennen kann oder will."

Was er meint, ist, dass Christentum und Politik sorgfältig getrennt werden müssten. Da kennt er aber die Geschichte des Christentums nicht. Ich weiß nicht, in welcher Kirchengemeinde er groß geworden ist (er selbst nennt sich einen bekennenden Laizisten, an anderer Stelle einen U-Boot-Christen), aber selbst in den tiefsten deutschen Provinzen sollte man wissen, dass nicht nur das katholische Christentum ohne Politik nicht zu haben ist. Der Vorwurf, dass er das römische Reich gefährde hat Gottes Sohn vor seine weltlichen Richter gebracht. Es ist ein politischer Prozess, der mit der römischen Strafe für politische Gefangene endet. Und mit dem das Christentum beginnt. Pontius Pilatus ging es wie Ulf Poschardt um Ruhe im Gottesdienst, aber dieser Wunsch ist eben auch ein politischer und vom Christentum nur um den Preis der Selbstaufgabe zu erfüllen.

Vielleicht sollte Poschardt ein wenig bei der Sozialkritik eines Amos oder Hosea nachschlagen, um zu begreifen, wie harmlos die politischen Prediger des Protestantismus heute sind. Und er sollte sich fragen, ob er bei Religionen, die so konsequent Politik und Glauben miteinander verbinden, wie es das Judentum und das Christentum tun, wirklich heimisch ist.

Deutsche Eimer müssen groß sein, wenn sie nach Poschardt einen „Großteil des Protestantismus“ aufnehmen sollen (oder bereits aufgenommen haben). Der Protestantismus umfasst immer noch ca. 23 Millionen Menschen in Deutschland, von denen Poschardt nun in seinem vorlauten Tweet den größeren Teil auf dem Müll zu erkennen glaubt. Welche Hybris, wenn ein U-Boot-Christ wie Poschardt meint, er könne und dürfe große Teile des Protestantismus einfach für Abfall erklären. Will er ihn entsorgen, so wie Gauland einst eine Ausländerbeauftragte der Bundesregierung entsorgen wollte? Poschardts Satz klingt harmloser, läuft in der Substanz aber auf dasselbe hinaus. Protestantismus ist Müll. Wie würden wir reagieren, wenn jemand dieselbe Aussage über das Judentum machen würde?

Dass Poschardt sich nicht nur im Ton vergriffen hat, sondern meint, was er sagt, wird spätestens dann deutlich, wenn er vom „Gift des säkularisierten Protestantismus“ spricht. Darf man daran erinnern, wo die Kombination von Gift und Religion herkommt? Haben wir nichts aus der Geschichte gelernt?

Es sind immer die gleichen, die dem Protestantismus die Ausgestaltung seiner Religion vorschreiben wollen: ob sie nun Matussek, Fleischhauer, Poschardt oder Broder heißen. Da kann ich nur sagen: macht es einfach in Eurer Welt besser, zeigt, wie Ihr ohne die von Euch so inkriminierte Zivilreligion, die Ihr auf den Protestantismus zurückführt, leben wollt. Etabliert erst einmal eine Kultur des zivilisierten Miteinanders.

Natürlich ist es einfach, den Protestantismus, auf den man stößt, zu kritisieren, wenn man vergisst, dass der Protestantismus nicht eine hierarchisierte Organisation, sondern eine Gemeinschaft von Individuen ist. Und in einer überaus pluralistischen Gemeinschaft ist es so, dass man, wenn man in Berlin oder Hamburg einer Predigt zuhört, vielleicht eher auf einen liberalen Prediger trifft, und wenn man an anderen Orten wohnt, auf einen konservativen Lutheraner. Das ist die Wirklichkeit des Protestantismus heute. Das ist gelebte Pluralität. Die zahlreichen politischen Predigten von konservativen, der CDU nahestehenden Lutheranern, die ich im Laufe meines Lebens gehört habe, haben mich ja auch nicht dazu geführt, diesen Teil meiner Konfession in den Mülleimer zu wünschen. Wer wirklich zu Weihnachten seine Ruhe haben will, soll eine Bach-Kantate besuchen und nicht in die Christmette gehen.

Ich lese gerade die Predigten eines katholischen Priors von 1720 und kann nicht erkennen, dass diese weniger politisch, weniger sozialkritisch sind als heutige Predigten. Sie sind in ihrer Belesenheit elitär bis ins Letzte, aber nie unpolitisch. Sie kümmern sich um die Ehe für alle (wenn auch in einem anderen Sinne als heute), um das Sozialwesen und die Gerechtigkeit. Ich vermute, Poschardt hätte als Predigthörer auch 1720 protestiert. Die Pilatus-Figuren dieser Welt wollen immer nur ihre Ruhe haben und sehen Unruhestifter als Gift an.

Supplement

Die umstrittene Plattform kath.net referiert die Diskussion um Poschardt mit folgendem Teaser:

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt: Es waren „sozialreligiöse Schwärmer, die mich am liebsten mundtot gemacht hätten“ – Gegen eine „Protestantisierung“ Deutschlands fordert Poschardt: „Wir sollten mehr katholische Flüchtlinge aufnehmen“

Das findet kath.net natürlich gut. Zwar ist ein guter Teil der Meldungen, die man bei kath.net findet, vom protestantischen Nachrichtenportal idea übernommen, aber sobald es gegen Protestanten geht, ist kath.net an vorderster Front dabei. Da wirken sie dann wirklich wie begeisterte Lefebvre-Jünger früherer Zeiten. Es sei ihnen gegönnt. Nun kenne ich andererseits kein Portal im Netz, das sich so protestantisch gebärdet, wie ausgerechnet kath.net. Während protestantische Seiten heute in der Regel gut ökumenisch ausgerichtet sind und Freundlichkeiten über Rom und den Katholizismus von sich geben, erinnert die Kritik, die kath.net am aktuellen Papst übt, durchaus an die Romschelte Martin Luthers. Zuletzt sah man den Papst dort unter Häresieverdacht, weil er sich für die Barmherzigkeit aussprach und das Dogma eher in die zweite Reihe stellte. Und machen wir uns nichts vor: sowohl für kath.net wie für Ulf Poschardt zählt Papst Franziskus zu den „sozialreligiösen Schwärmern“, die mehr von Politik als von Religion reden. Liest man die Kapitalismuskritik von Papst Benedikt, könnte man ja manchmal am Ende der Predigt denken, man habe einen Abend bei der Partei „Die Linke“ verbracht.

Bemerkenswert ist es aber, und das sollten Protestanten in Deutschland aufmerksam zur Kenntnis nehmen, dass in den konservativen Debatten um Flüchtlinge nun anscheinend nicht mehr nur zwischen muslimischen und christlichen Flüchtlingen unterschieden wird, sondern zwischen guten katholischen Flüchtlingen einerseits und schlechten muslimischen und protestantischen Flüchtlingen andererseits. So viel Religionskrieg war in Deutschland lange nicht mehr. Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945 Flüchtlinge aufgenommen, ohne jemals nach ihrer Religion oder gar Konfession zu fragen. Wer daran rüttelt, kündigt den zivilisatorischen Kontrakt auf, der diese Gesellschaft zusammenhält.

Gerade Laizisten und U-Boot-Christen kann nicht daran gelegen sein, in Deutschland aus durchsichtig konservativ-politischen oder reaktionären Gründen das Geschäft der Gegenreformation zu betreiben. Dann würden sie sich von Salafisten nicht mehr unterscheiden. Dorothee Sölle hat für diese Lesart von Religion und Politik, die manchem hier vorzuschweben scheint, einen deutlichen Begriff geprägt: Christofaschismus. Ich würde nicht zögern, jene, die Flüchtlinge nur dann nach Deutschland lassen wollen, wenn sie katholische Christen sind, Christofaschisten zu nennen. Sie haben mit der Katholischen Kirche in Deutschland wenig zu tun, mit manchen katholischen Sekten und Abspaltungen umso mehr.

Wenn also Ulf Poschardt und kath.net für ihre nächste Christmette eine Adresse finden wollen, so kann ich ihnen eine nennen: die Pius-Brüder sollen dem Vernehmen nach all jenen, denen der Protestantismus und die protestantisierte katholische Kirche ein Gräuel geworden sind, eine Heimat bieten. Auf eines werden sie allerdings zu Weihnachten dort auch nicht stoßen: auf politikfreie Predigten. Ganz im Gegenteil. Ich finde die Predigten der Piusbrüder im vielfältigen Wortsinn als extrem politisch, um nicht zu sagen: politisch extrem.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/111/am614.htm
© Andreas Mertin, 2018