Luther und die Avantgarde

IV – Satellit Kassel

Andreas Mertin

Was erwartet den Besucher von „Luther und die Avantgarde“ in Kassel? Schon vom Kontext her ist Kassel für die Ausstellung ein Ort mit einer besonderen Herausforderung. Während Kunstausstellungen in Berlin jeweils eine unter vielen in der Bundeshauptstadt sind und eine Ausstellung moderner Kunst in Wittenberg ein Alleinstellungsmerkmal besitzen, tritt man in Kassel ob man nun will oder nicht in Konkurrenz zur documenta. Das begründet vielleicht die Vorsicht, mit der die Kuratoren hier auftreten. Konzeptuell dürfte eine große Nähe zur documenta 14 bestehen, auch diese präsentiert Haltungen zu gesellschaftspolitischen Fragen. Es wäre natürlich lustig und bizarr, aber eigentlich auch konsequent protestantisch gewesen, wenn man einfach die documenta 14 selbst zum Satelliten der Ausstellung erklärt hätte. In der Logik der Hinwendung des Protestantismus zur Säkularität wäre das faszinierend gewesen. Aber man hat eine andere Lösung gewählt.

Schon von weitem kann der Besucher in Kassel die kleine hugenottische Karlskirche geradezu symbolhaft wahrnehmen, denn der deutsche Künstler Thomas Kilpper hat sein bekanntes Work in Progress, das Projekt „Ein Turm für Lampedusa“ in Kassel aufgegriffen und den Turm der Karlskirche als Leuchtturm gestaltet. Das Material der Gestaltung stammt dabei von Überresten jener Boote, mit denen die Flüchtlinge aus Afrika versuchen, nach Lampedusa zu gelangen – allzu oft vergeblich. Der von Kilpper nun geplante Leuchtturm auf Lampedusa soll die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer vor dem sicheren Tod bewahren und ihnen Orientierung geben.

Ergänzend dazu dokumentiert Kilpper in Zusammenarbeit mit Massimo Ricciardo auf der Orgelempore der Kirche Fundstücke jener Flüchtlinge, die auf dem Weg nach Lampedusa und ins sichere Europa gescheitert sind oder nach erfolgreicher Flucht Gegenstände zurückgelassen haben. Diese eindrückliche, geradezu auratische Installation macht an diesem spezifischen Ort insofern Sinn, als dass die Karlskirche die Heimatkirche der französischen Hugenotten ist, die als Refuges nach Kassel kamen und die damalige Bevölkerungszahl Kassel von etwa 8.000 auf 10.000 erhöhte. Damit war innerhalb nur weniger Jahre jeder 5. Kasselaner ein Migrant. Das dokumentiert die Aufnahmefähigkeit einer Gesellschaft.

Im Innern der Karlskirche stößt der Besucher dann – neben den Objekten Kilppers und Ricciardos auf der Orgelempore – auf mehrere Arbeiten der indischen Künstlerin Shilpa Gupta. Wenn man die Kirche betritt, hört man einen monotonen Sprechgesang aus dem Dunkel des Kircheninnern. Erst wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, blickt man auf eine Klanginstallation mit einer großen Traube aus Mikrophonen, aus denen in einer Endlosschleife ein Text gesprochen wird:

Your garden is growing on me
I will take it away with me
To a land which you can mark no more
Where distances don’t grow anymore
I keep falling at you.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Künstlerin die intensive Wirkung erzielt, die sie offenkundig anstrebt. Das hat etwas damit zu tun, dass sie die Kirche nur als Ausstellungsraum behandelt und die ortsspezifische Logik eines hugenottischen Kirchenraumes nicht verstanden hat. Das war 10 Jahre vorher bei Yves Netzhammer noch anders. Gupta behandelt ihre Mikrofontraube als absolutes Objekt, das aus sich heraus Wirkung entfalten soll. Das kollidiert mit dem Raum, in dem sie das Objekt platziert. Sie muss der reformierten Tradition Gewalt antun, indem sie diese ja eher rationalistische Religion mythisch überlädt - was der Raum aber gar nicht zulässt. Das gilt auch für das Heat Book, das der Besucher im Kirchenschiff vor dem Altar findet. Auf einem Gestell liegt ein Buch aus Metall, das vor lauter Hitze zu glühen scheint und wenn man ihm nahetritt, verspürt man den Hitze­strom, der von ihm ausgeht. Auch Worte und Texte können in Flammen versetzen, die Strahlkraft der Heiligen Schriften können Menschen verbrennen. Ursprünglich durchaus religionskritisch angelegt, verkommt die Arbeit in Kassel zu einem bloß sensualistischen Effekt. Ihre Platzierung macht zudem Versammlungen der Gemeinde vor Ort problematisch, dem sie die kommunikative Orientierung der Gemeinde unterläuft. Das ist kein Dialog von Kunst und Religion, sondern nur eine Bekundung einer Haltung mit wenig Sensibilität gegenüber dem Gastgeber. Die Arbeit „Nothing will go on Record“ möchte ich nicht kommentieren, sie bedürfte intensiver Studien und Analysen. Meine Sorge ist, dass sie antizionistische Klischees aufgreift. Richtig deutlich wird es aber nicht.

Der Zusammenhang aller von Gupta gezeigten Arbeiten ist in ihrer grundsätzlichen Ausein­andersetzung mit der Wirkungsweise und den Möglichkeiten des Wortes gegeben. In der konkreten Verortung ist das überaus spannend, wenn es gelingt, dies auch in einem kritischen Gespräch aufzunehmen.


Blick aus der Vogelperspektive auf die katholische Elisabethkirche (links) und die hugenottische Karlskirche (rechts)


Supplementum

Die katholische Kirche zeigt in Kassel dieses Mal eine sensible raumbezogene Arbeit von Susanne Gathmann, eine außerordentlich gute Wahl gegenüber dem bemühten Gestus der großen Namen in all den anderen Ausstellungen. Für ihre Arbeit zieht Gathmann ein Band aus Aluminiumstäben durch die Elisabethkirche, nicht auf dem Boden, sondern als Resonanzraum durch die Luft. Statik der Resonanz heißt die Arbeit. Das erste, was auffällt, ist, dass der Kirchenraum, genauer die Bestuhlung offenkundig für die Arbeit verändert werden musste. Die Bänke sind entfernt worden, dafür sind Stuhlreihen aufgestellt worden und der Mittelgang zum Altar ist nun deutlich breiter als vorher. Erkennbar spielt die Arbeit mit Raumvolumina, mit dem gesamten Komplex, der den Versammlungsraum einer christlichen Gemeinde etwa von einem Bürgersaal unterscheidet. Sie arbeitet implizit aber auch mit den körpermotorischen Implikationen der katholischen Liturgie, das Abholen des Menschen aus der Hektik des Alltags, das Herunter- und Zu-Sich-Kommen des Einzelnen und seine Erhebung durch den Gottesdienst. Das ist sehr schön subtil ausgearbeitet. Die Skulptur als Resonanzkörper dessen, was auch der Sinngehalt des umgebendes Ortes ist. Richtig interessant wird es dann, wenn man im Prospekt der Begleitveranstaltungen auf die Entwurfsskizze der Künstlerin stößt:

Und dann merkt man, dass hier doch weit mehr geschieht, als ‚nur‘ ein Spiel von Statik und Resonanz, dass wir, die wir bei Architekturzeichnungen in aller Regel auf den Grundriss schauen, etwas übersehen, nämlich die räumliche Dynamik. Das aber will und muss vor Ort erfahren werden. Eine Entdeckung, die zu besuchen sich lohnt.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/107/am589.htm
© Andreas Mertin, 2017