Paradigmen theologischen Denkens II


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Denken im Taubenschlag

Eine Medienanalyse

Andreas Mertin

Apodemy von Katerina Athanasopoulou (2012)

Wir sehen eine Video-Arbeit einer in Griechenland geborenen, aber in London lebenden Künstlerin, die sie 2012 in der Gruppenausstellung „Visual Dialogues 2012“ in der Plato Akademie in Athen gezeigt hat und die auf verschiedenen Film-Festivals der Welt zu sehen ist.[1]

Beschreibung

Man kann dieses Video zunächst einmal auf sich wirken lassen, seine Atmosphäre und seine Stimmung erkunden, es formal studieren und dann einzelne Elemente zu identifizieren suchen.

Wir sehen zunächst eine Landschaft von über- und untereinander herführenden Autostraßen. Diese liegen zwischen Hochhäusern, die aus einer Art von Dunstwolke herausragen. Die Straßen sind auto- und menschenleer und man hat auch nicht das Gefühl, dass sie irgendwo hinführen, sondern sie brechen unvermittelt ab, so als ob wir uns in einem post-apokalyptischen Szenario befinden würden. Auch die Hochhäuser sind menschenleer, ja sie sind zum großen Teil gar nicht zu Ende gebaut bzw. bereits in ihrem Zerfallsstadium begriffen. Die Kamera fährt durch diese Schluchten der Betonödnis als wolle sie für uns Eine Erde ohne Menschheit[2] dokumentieren. Nach etwa 1 Minute taucht mitten auf der Straße der Umriss eines Linienbusses auf, freilich nur eine Art von Skelett, ein stillstehender Omnibus ohne Fahrerhaus ohne Innenausstattung, ohne Sitze, nur der tragende Rahmen, so dass er auf den ersten Blick wie ein Käfig wirkt.  20 Sekunden später erblicken wir im Dunkel einer Straßenunterführung zahlreiche fliegende, vogelähnliche Elemente. Sie bilden einen Vogelschwarm und versammeln sich über dem Bus. Wie durch Geisterhand setzt dieser sich langsam in Bewegung. Umkreist von einer Wolke der Vögel fährt er durch die Stadt und man hat den Eindruck, es werden zunehmend immer mehr Vögel, die den Bus begleiten.

Nach etwa drei Minuten sehen wir dann Hände einer anthropomorphen Großskulptur, die an einem Kran hängen und die in einer wie auch immer gearteten Bewegungsbeziehung zum Bus mit der Vogelwolke stehen. Man hat schnell den Eindruck, als wollten die Hände der großen Skulptur den Omnibus samt den herumkreisenden Vögeln einfangen und festhalten. Nachdem das Video vier Minuten gelaufen ist erreicht der Bus plötzlich das Ende einer Straße und stürzt einfach in den Abgrund. Weiterhin umgeben von der Wolke aus Vögeln wirbelt er nach unten, bis sich die ersten Vögel von ihm zu lösen beginnen und wieder nach oben streben. Für den Rest des Videos umflattern die verbliebenen Vögel nun die durch die Luft schwebenden Hände der anthropomorphen Skulptur, die nun durch die menschenleere Stadt schweben. Nach 5 Minuten fadet das Video aus und der Abspann erscheint.

Ich bin auf dieses Video gestoßen, weil die Videoplattform Vimeo es an einem Tag im April 2013 als so genanntes Staff Pick[3] vorgestellt hat. Staff Picks sind Videos, die die Betreiber der eher künstlerisch inspirierten New Yorker Videoplattform im Rahmen des Gesamtangebots für außergewöhnlich halten und den Nutzern deshalb zur Betrachtung empfehlen.

Was haben wir nun eigentlich über den gerade beschriebenen Phänomenbestand hinaus gesehen? Religion in einem expliziten Sinne kommt in diesem Video nicht vor. Von Religion oder der medialen Präsenz des Religiösen zumindest auf den ersten Blick keine Spur. Wer beim Betrachten auf der Suche nach religiösen Codierungen war, lief beim unmittelbaren Identifizieren ins Leere. Zunächst einmal ergibt sich nur ein atmosphärischer Eindruck von Ödnis, Verlassenheit, ja zivilisatorischer Steppe. Und doch legt die Machart des Clips dem Betrachter irgendwie nahe, ihn nicht nur als atmosphärische Verdichtung eines Lebensgefühls (auch das ist er sicher), sondern darüber hinaus auch als Umsetzung einer Metapher zu begreifen, die religiöse Konnotationen hat. Aber wofür steht diese Metapher? Was müssen wir investieren, um diesem Video einen / seinen Sinn abzugewinnen? Steckt die Lösung im Clip / im Medium selbst, so dass er als Spiegel einer Idee begriffen werden kann? Oder müssen wir selbst als Subjekte etwas in die Betrachtung des Videos einbringen – z.B. Deutekategorien –, das es für uns lesbar macht? Könnten wir „Religion“ im weitesten Sinne als Lampe nutzen, um es auf dieses Video zu richten, damit in diesem Fokus etwas von einem Sinn durchschimmert: Mit der Religion verhält es sich wie ... ?

Lesarten

Gehen wir der Sache Schritt für Schritt nach. Tatsächlich handelt es sich um eine visuelle Metapher, aber nicht zwingend eine religiöse, vielmehr um ein vielfach perspektivisch deutbares Bild.

  • Erkenntnis: Im ersten Sinn scheint dieses Video eine Spiegelung einer sehr alten Metapher zu sein, die Platon im Dialog Theätet zur Verdeutlichung eines philosophischen Gedankengangs über Erkenntnis verwendet hat. Was wäre, wenn wir unser Wissen und unseren Umgang mit ihm mit dem Bild eines Taubenschlags und den in ihm gesammelten Tauben vergleichen würden?
  • Politik: Im zweiten Sinne ist dieses Video weniger ein Spiegel als vielmehr eine Lampe, die ein erhellendes Schlaglicht auf die aktuelle Situation der griechischen Gesellschaft im Rahmen der ökonomischen Krise in Europa werfen soll. Welche Unruhe ist im Kontext einer nicht mehr als lebenswert empfundenen Gesellschaft spürbar und wann lösen sich die Subjekte aus dem Kontext und brechen zu neuen Kontexten auf?
  • Civitas: Zum dritten lässt sich dieses Video und das in ihm aktualisierte Bild aber auch in einem generalisierten Sinn interpretieren, als Metapher unserer Existenz. So kann man auch verschiedene religiöse Fragestellungen in Anschlag bringt, z.B. die nach der Sinnhaftigkeit des Lebens, nach den Perspektiven von Zivilisation und Kultur fragt. Inwiefern sind wir alle Erben Kains, die heimatlos und ruhelos auf der Erde ihr Leben fristen?
1. Erkenntnis - Taubenschlag

Zum ersten: In Platons Dialog Theätet[4] erörtert dieser verschiedene Konzepte von Wissen und Erkenntnis. Was ist eigentlich Erkenntnis? Die erste Antwort, die Theätet gibt lautet: Erkenntnis ist Wahrnehmung. Dies wird von Platon ausführlich diskutiert und verworfen. Die zweite Antwort lautet: Erkenntnis ist wahre Meinung. Auch das wird von Platon skeptisch gesehen. Die dritte Antwort lautet: Erkenntnis ist wahre Meinung mit Erklärung. Da sich die Diskussionsteilnehmer nicht auf dieses Modell einigen können, endet das Gespräch ohne Lösung.

Im Rahmen des zweiten Lösungsversuches Erkenntnis ist wahre Meinung wird nun auch das „Taubenschlagmodell“ vorgestellt, das den konzeptuellen Hintergrund des eben betrachteten Videos bildet.

„Die Seele wird verglichen ... mit einem Taubenschlag, in dem die Erkenntnisse wie Vögel herumflattern und erst unter der Gefahr von Verwechslungen eingefangen werden müssen. ‚Höchst einfältig ist es, wenn wir die Erkenntnis suchen und behaupten, sie sei richtige Meinung mit Erkenntnis des Unterschieds oder von sonst etwas.‘“[5]

Platon unterscheidet dazu „zwischen dem bereits erworbenen, somit verfügbaren und aktualisierbaren Wissen im dispositionalen Sinne einerseits, und dem in einem Urteilsakt jeweils aktualisierten Wissen im Sinne eines gegenwärtigen Bewusstseinsinhaltes, andererseits. Das verfügbare Wissen ist vergleichbar mit dem Besitz von Tauben, die in einem Taubenschlag verfügbar sind, und das aktuelle Wissen ist vergleichbar mit der Situation, in der man eine Taube in einem bestimmten Augenblick tatsächlich in Händen hält.“[6]

Uns braucht an dieser Stelle nicht die logische Konsistenz dieses Beispiels zu interessieren, wichtig ist, dass es darum geht, dass es im Bild um Wissen als verfügbarer Besitz und um Wissen als handhabbare Haltung geht.

Käfig – Vögel – zugreifende Hände: das sind, wie wir jetzt erkennen, die Elemente welche die Künstlerin aus dem Dialog Platons aufgreift und in ihr Video einarbeitet. Sie verweist selbst in ihrer Erläuterung zum Video darauf, dass Platon die menschliche Seele mit einem Taubenschlag vergleiche, in dem Wissen die fliegenden Vögel sind. Die Menschen seien mit diesem Käfig leer geboren und während wir wachsen, sammeln wir Vögel und tun sie für künftige Verwendungen in den Käfig. Wenn wir aktuell Wissen brauchen, greifen wir in den Käfig, fangen einen Vogel – nur manchmal eben den falschen. Soweit das Bild, dem sie mit ihrem Video Ausdruck geben möchte.

Damit ist das Video keinesfalls umfassend erklärt, aber es wird eine mögliche Lesart transparent. Wir werden also in bestimmte Strukturen geboren, auf denen eine Vielzahl von Wegen vorgebahnt ist. Es bedarf aber erst eines bestimmten Wissens und Erkenntnisse, um sich auf den Weg zu machen und seinen Weg zu finden. Und irgendwann wird dieser Weg zu Ende sein. Dazwischen aber greifen wir auf das akkumulierte Wissen zur Orientierung in der Welt zurück.

Erklärungsbedürftig ist dann allerdings, die Ödnis der gesamten Bildkonstruktion, die menschenleeren Häuser und Straßen. Sie werden erst plausibel, wenn man davon ausgeht, dass die Künstlerin neben dem ersten Bild vom Taubenschlag noch ein anderes Bild verfolgt.

2. Politik - Zugunruhe

Und das bringt uns zum zweiten, zur postapokalyptischen Landschaft des Videos. Nun ist eine Verbindung der gezeigten Inszenierung mit der Lage in Griechenland – sieht man einmal von der Biographie der Künstlerin ab – nicht gerade zwingend. Keinesfalls ist Athen eine Stadt der Hochhäuser und des unkontrollierten Megacity-Baubooms, bei dem aufgrund der Finanzkrise nun zahlreiche Projekte als Ruinen herumstehen würden. Da könnte man eher an Spanien denken. Nur als Bild im übertragenen Sinn ergibt sich ein Zusammenhang. Es beschreibt dann die Unruhe der avancierten jungen Bürger der griechischen Großstadt, ihre Suche nach einem Fluchtweg, nach der Emigration raus aus dem Moloch eines als erdrückend und keine Perspektive bietenden Lebens: „Ornithology uses the term “Zugunruhe” to describe the turbulent behaviour of birds before they migrate, whether free or caged.” Ein Blick nicht auf die Stadt, sondern ins Innere ihrer Bürger: „In a time when Europe seems to be imploding, this is my portrait of Athens.“

Migration ist tatsächlich ein zentrales Stichwort. So schreibt die Böll-Stiftung: „Die ‚neuen‘ Einwander_innen sind oft  jung, hochqualifiziert und mehrsprachig. Ihre Flucht aus Griechenland aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen, die inzwischen bei über 45 Prozent liegt, während die Arbeitslosenquote in Griechenland insgesamt offiziell mehr als 20 Prozent beträgt, ist für Griechenland ein großer Verlust“.[7] Die Künstlerin verweist explizit auf das Phänomen der „Zugunruhe“. Und das trifft auch für im Käfig gefangene Vögel zu: „Werden Zugvögel in so genannten Registrierkäfigen gehalten und so am Vogelzug gehindert, lässt sich die Zugunruhe quantitativ erfassen ... Die Zugunruhe hält so lange an, wie der Vogel in freier Natur ziehen würde ... Nach Ablauf des Zuggeschehens kehren auch im Käfig gehaltene Vögel zu ihrem außerzuglichen Tag-Nacht-Rhythmus zurück.“[8] Es geht also um die Unruhe, die im alten Europa spürbar ist, um die Migrations-Mobilität, die auch dort wahrnehmbar ist, wo man an den Kontext, in dem man lebt, gebunden ist.

Käfig – unruhige Vögel – zugreifende Hände – Unwirtlichkeit der Stadt: Im Rahmen der Relation zum erkenntnisleitenden Begriff der Politik verändert sich die Bedeutung der eingesetzten Bilder. Die Vögel stehen nun für die einzelnen Subjekte, die zugreifenden Hände für Ideen, die das Leben der Subjekte leiten oder bestimmen (wollen), der Bus als Käfig für die Zwänge, denen wir unterliegen und die Unwirtlichkeit der Stadt[9] für das Kälterwerden des Lebens in einer globalisierten Welt. So wird das Video zum „artistischen Blick auf die Euro-Krise“.

3. Civitas – Heimatlos

Zum Dritten: Wenn wir uns von der Erkenntnis-Metapher Platons und dem Fokus auf die Krise in Europa lösen, was können wir darüber hinaus in diesem Video lesen? Erkennbar lautet ein Thema auch Großstadt und Zivilisation – aber nicht Kultur. Offenkundig befinden wir uns nicht in der Natur, sondern in unvollendeten oder schon zerstörten architektonischen Konstruktionen der (Post) Moderne. Es geht freilich auch nicht um eine futuristische Beheimatung, nicht um ein mögliches menschliches Habitat, dazu sind es zu verstörende, kalte Konstruktionen, auf die wir im Video blicken. Womit könnte man es vergleichen? Richard Sennett schreibt in seinem Klassiker „Civitas“:

„Unterschied, Diskontinuität und Desorientierung sind auch die Grundsätze einer bestimmten Art von Architektur, die sich als dekonstruktiv bezeichnet. Konstruktionen dieser Art, etwa das Wexner Center for the Arts in Columbus, Ohio, von Peter Eisenmann, setzen diese Prinzipien in ein Gebäude um, das bestimmte Grundannahmen der Vergangenheit in Frage stellt, etwa die Ansicht, dass sich Wände und Decken in einem Winkel von neunzig Grad treffen sollen. Das Wexner Center hat die gekippte Welt von Wrights Guggenheim-Museum ins Extrem getrieben. In einer dekonstruktiven Stadt würden die gleichen Prinzipien nach außen gewendet; eine solche Stadt könnte zum Beispiel Hauptverkehrsadern aufweisen, die als Sackgasse enden ... Eine Stadt der Dekonstruktionen wäre angefüllt mit aggressiven Objekten.“[10]

Ohne Eisenmann zu nahe treten zu wollen, nicht zuletzt, weil ich seine Entwürfe und insbesondere das Mahnmal in Berlin für überzeugend halte, so gibt es doch eine formale Ähnlichkeit der Inszenierung im Video mit seiner Konstruktion des  Wexner Center for the Arts. Nun ist die städtebauliche Realität selbst in den Megacities dieser Welt nicht so wie im Video dargestellt und es skizziert auch keine zu erwartende Zukunft. Man befindet sich hier eher in einer der düsteren Szenen des Films Bladerunner als tatsächlich im Gürtel einer Stadt wie etwa Shanghai mit seinen Hochhaustürmen und seinem Autobahnkreuz als „sechsfachem Überwerfungsbauwerk“ wie es so schön in der Fachsprache heißt.

Interpretieren könnten wir das Video dagegen als einen Blick in unser Inneres. Das ist historisch erst einmal ungewohnt, denn wir pflegen mit unserem Inneren eher das Innere eines Hauses zu verbinden als eine ganze Stadt: „Die Vorstellung, das Innere des Hauses sei der wahre Schauplatz des inneren Lebens, ist ein Erbe, das die säkulare Gesellschaft von der christlichen Vergangenheit übernommen hat.“[11] Dass wir uns als eine Großstadt mit zahlreichen Räumen und Verbindungen (aber auch Sackgassen und abbrechenden Straßenverbindungen) begreifen könnten, ist sicher erst eine moderne Vorstellung.

Wir könnten aber auch das Video als Metapher der grundsätzlichen und unentrinnbaren Flüchtigkeit menschlicher Existenz begreifen. So wird Kain, der Ahnvater menschlicher Zivilisation, in Genesis 4 von Gott mit dem Bannspruch belegt: unstet und flüchtig sollst du sein auf der Erde (Luther), heimatlos und ruhelos (in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache), rastlos und ruhelos (in der Einheitsübersetzung). Nun ist der erste Städtebauer, den die Bibel kennt, nach Genesis 4 nicht zufällig der Gleiche, dem von Gott verheißen wurde, er werde dauerhaft heimatlos und ruhelos sein: Kain. Wir bauen zwar Städte, kommen darin aber nicht zur Ruhe, ganz im Gegenteil. Schon Walter Ruttmanns experimenteller Stummfilm „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ zeigt ja die sich beschleunigende Hektik der Metropole.

Das Video Apodemy von Katerina Athanasopoulou symbolisiert in diesem Sinne so etwas wie das Herzflattern des unbehausten Menschen der Gegenwart, jener Mensch, der erkennt, dass er, nachdem er einige Zeit damit zugebracht hat, Städte als dauerhafte Trutzburgen einzurichten, nun innerhalb kürzester Zeit realisieren muss, dass diese doch nur transitorischen Charakter haben. Die Zukunft des Menschen, so hat es Vilém Flusser zugespitzt formuliert, ist die Migration:

„Während der weitaus größten Zeitspanne seines Daseins ist der Mensch ein zwar wohnendes, aber nicht ein beheimatetes Wesen gewesen. Jetzt, da sich die Anzeichen häufen, dass wir dabei sind, die zehntausend Jahre des sesshaften Neolithikums hinter uns zu lassen, ist die Überlegung, wie relativ kurz die sesshafte Zeitspanne war, belehrend. Die sogenannten Werte, die wir dabei sind, mit der Sesshaftigkeit aufzugeben, ... erweisen sich dann nämlich nicht als ewige Werte, sondern als Funktionen des Ackerbaus und der Viehzucht. Das mühselige Auftauchen aus der Agrikultur und ihren industriellen Avataren in die noch unkartographierten Gegenden der Nachindustrie und Nachgeschichte wird durch derartige Überlegungen leichter. Wir, die ungezählten Millionen von Migranten (...), erkennen uns dann nicht als Außenseiter, sondern als Vorposten der Zukunft.“[12]

Vilèm Flusser hat dafür in seinen „Nomadischen Überlegungen“ eine ebenso fantastische wie treffende Beschreibung gefunden, die den Prozess zusammenfasst:

„Wir dürfen also von einer gegenwärtig einbrechenden Katastrophe sprechen, welche die Welt unbewohnbar macht, uns aus der Wohnung herausreißt und in Gefahren stürzt. Dasselbe lässt sich jedoch optimistischer sagen. Wir haben zehntausend Jahre lang gesessen, vielleicht als Strafe für eine Sünde, die wir beim Übergang aus dem Paläolithikum ins Neolithikum begangen haben. Das Paläolithikum mit seinen unzähligen leicht erjagbaren Grasfressern und seinen üppigen Beeren und Pilzen war das Paradies und die Erbsünde bestand vielleicht darin, dass wir uns hingesetzt haben. Aber jetzt haben wir die Strafe abgesessen und werden ins Freie entlassen. Das ist die Katastrophe: dass wir jetzt frei sein müssen. Und das ist auch die Erklärung für das aufkommende Interesse am Nomadentum.[13]

Unwirtlichkeit der Stadt – unruhige Vögel – Käfig  – zugreifende Hände: In dieser Perspektive wären die Bilder keine pessimistischen Bilder, sondern Spiegelungen unserer heutigen Existenz. Wie wir uns von der Sesshaftigkeit befreien, wieder in Bewegung setzen, die festgefahrenen Wege verlassen: „Wir beginnen zu nomadiseren nicht nur, weil der Wind durch unsere zerlöcherten Häuser braust, sondern vor allem auch, weil er in uns hineinfährt.“[14]

Anmerkungen

[1] Katerina Athanasopoulou  http://kineticat.co.uk/

[2] Vgl. die Dokumentation „Life after People“ http://de.wikipedia.org/wiki/Zukunft_ohne_Menschen

[4] Plato.; Schleiermacher, Friedrich; Becker, Alexander (2007): Theätet. [griechisch-deutsch]. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[6] Hardy, Jörg (2001): Platons Theorie des Wissens im "Theaitet". Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (Hypomnemata, 128). S. 190f.

[9] Mitscherlich, Alexander ((1972, 1965)): Die Unwirtlichkeit unserer Städte. 11. Aufl. (Frankfurt a.M.): Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 123).

[10] Sennett, Richard (2009): Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds. Berlin: Berliner Taschenbuch Verl (BvT, 622). S. 316ff.

[11] Ebd. S. 56.

[12] Vilém Flusser, Von der Freiheit des Migranten, Einsprüche gegen den Nationalismus, Bensheim 1994, S. 16

[13] Ebd., S. 64

[14] Ebd., S. 61.

Artikelnachweis: http://www.theomag.de/84/am448.htm
© Andreas Mertin, 2013