Paradigmen theologischen Denkens II


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Hanna und Paul Gräb und das Verhältnis von Kunst und Kirche

Andreas Mertin

Auf dem Gebiet der Begegnung von Kunst und christlicher Religion hat der Protestantismus in den letzten 200 Jahren wenig Wegweisendes zu bieten. So sich Theologen mit ihrer jeweils zeitgenössischen Kunst auseinander gesetzt haben, bezog sich das entweder auf das Grundsätzliche oder auf die Begegnung mit einzelnen ausgewählten Künstlern. Im übernächsten Jahr feiert die Evangelische Kirche im Rahmen ihrer Reformationsdekade das Jahr „Bild und Bibel“ und bezieht sich damit auf die enge freundschaftliche Beziehung zwischen dem Reformator Martin Luther und dem Künstler Lukas Cranach. Und gewiss ist diese Verbindung etwas ganz Besonderes und sie hat in den einschlägigen Werken von Cranach auch Wirkung gezeitigt. Allerdings ist diese Wirkung vor allem in der Religionsvermittlung deutlich geworden: Cranach wurde zum Bilddidaktiker der Reformation. Man denke nur an den Bildzyklus „Gesetz und Evangelium“ oder das Altarbild der Weimarer Stadtkirche.[1] Bildmächtig hat Cranach hier reformatorisches Gedankengut umgesetzt. Wie insgesamt die Reformation ohne den konsequenten Einsatz der Bilder sicher nicht so hätte stattfinden können. Das hat allerdings auch Folgen bis in die Gegenwart, insofern protestantische Theologen von der Kunst vor allem didaktische Impulse erwarten. Und daraus ergibt sich dann das illustrative Desaster in vielen Büchern zur Religion in der Gegenwart

Gut reformatorisch wäre aber etwas anderes: eben nicht die Suche nach christlicher Kunst im Sinne des Illustrativen, sondern die Begegnung von Subjekten auf Augenhöhe. Protestanten, die auf Künstlerinnen und Künstler zugehen und sagen: Du, mich interessiert Deine Arbeit. Nicht weil sie ein Kreuz oder ein Christusbild enthält, sondern weil es Bildende Kunst ist. Weil das zum menschlichen Spiel in der Freiheit gehört. Können wir nicht zusammenarbeiten? Protestanten, denen es völlig egal ist, ob ihr Gegenüber ein Protestant, ein Katholik, ein Buddhist oder Atheist ist, weil es um Kunst geht und nicht um Konfessionen.

Zu den wenigen Ausnahmegestalten des Protestantismus der letzten 100 Jahre, die dieses Verhältnis zur Bildenden Kunst frei und offen gepflegt haben, gehört das Badener Pfarrerehepaar Hanna und Paul Gräb.[2] In ihrem Lebenswerk verkörpert sich exemplarisch, was ein Protestantismus, der auf der Höhe der Zeit ist, in kulturellen Fragen zu leisten vermag. Ein Protestantismus, der nicht um sich selbst kreist, sondern der neugierig ist auf das, was Künstlerinnen und Künstler schaffen. Der sehen, ein-sehen und lernen will, was sich auf diesem Gebiet entwickelt. Der mit Künstlerinnen und Künstlern seit mehr als 50 Jahren an gemeinsam interessierenden Projekten zusammenarbeitet und etwas Besonderes schafft.

Erschienen ist nun ein großformatiges Buch, das über das Lebenswerk von Paul Gräb Auskunft gibt. Es trägt den treffenden Titel „Netze“:

Stiftung Hanna & Paul Gräb; Epting, Karl Chr.; Gräb, Paul; Mutter, Anne-Sophie (Hg.) (2012): Netze. Hanna & Paul Gräb - Ein Lebenswerk: Modo Verlag.

Das Buch zeichnet auf faszinierende Weise die Stationen dieses Lebensweges nach, von den Anfängen am Beginn der 60-Jahre über den Ausbau des Netzwerkes hin zu den großen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Öflingen und Wehr bis zum Bau des Diakoniezentrums und der kontinuierlichen Weiterarbeit bis in die Gegenwart.

Das Besondere dieses Buches sind nicht nur die zahlreichen abgebildeten Kunstwerke jener Kunstfreunde, mit denen Hanna und Paul Gräb über Jahre hinweg zusammengearbeitet haben, sondern auch die Fotos, die Andreas Mutter von den Atelierbesuchen angefertigt hat (S. 176-214). Hier entstehen viele beeindruckende Einsichten, dichte Atmosphären und es wird deutlich, was das Besondere dieser Beziehung zwischen Kunst und Kirche sein könnte. Ergänzt wird das Buch noch mit einigen Faksimiles von Künstlerbriefen und Dokumentarfotos aus der Geschichte des Diakonievereins.

Wenn in zwei Jahren im Rahmen der Reformationsdekade über das Verhältnis von Kunst und Kirche in protestantischer Perspektive nachgedacht wird, wird man an diesem Lebenswerk nicht vorbeigehen können. Ich wüsste nicht, wo seit den Zeiten Martin Luthers jemals wieder eine so intensive Beziehung von Bildender Kunst und evangelischer Existenz gelebt wurde.

Anmerkungen

[1]    Hofmann, Werner (Hg.) (1983): Luther und die Folgen für die Kunst. Hamburger Kunsthalle, 10.11.83 - 18.1. 84. Hamburger Kunsthalle. München: Prestel.

[2]    Vergleichbar ist er nur mit dem katholischen Priester und Kunstsammler Otto Mauer, der in Wien die Galerie nächst St. Stephan begründete und eine ähnliche Tiefenwirkung für das Verhältnis von Kunst und Kirche hatte.

Artikelnachweis: http://www.theomag.de/84/am440.htm
© Andreas Merin, 2013