"Stultorum plena sunt omnia"*

Oder: Argumente im Sinkflug

Andreas Mertin

Es gibt eine Form des sich katholisch nennenden konservativen Journalismus, der es am wenigsten um die Sache, noch weniger um die Sprache, sondern vor allem um Ideologie geht. Alles Abweichende muss beiseitegeschoben und denunziert werden. Dazu ist einem dann jedes Argument recht – unabhängig davon, ob es zutrifft oder nicht. Nun kann einem das als Kulturbürger in Deutschland relativ egal sein, mit welchen Tricks und Verzerrungen hier gearbeitet wird. In aller Regel ergießt sich das auf irgendwelchen obskuren sich katholisch-konservativ nennenden Webseiten, die eher der allgemeinen Belustigung als der intellektuellen Reflexion dienen. Etwas anderes ist es, wenn etablierte Magazine für politische Kultur diesen Ideologieschleuderern eine Plattform bieten. Da muss man sich schon fragen, was die Herausgeber eigentlich motiviert, dieses Niveau zu fördern.

In der Ausgabe des Cicero von Anfang Februar 2013 geht es in einem Salon-Beitrag um eine Studie, die sich mit der Haltung von Katholiken zu ihrer Kirche auseinandersetzt. Ausgehend von der Sinus-Milieu-Studie wurde nämlich in einer ergänzenden qualitativen Befragung erkundet, ob sich das Verhältnis der Befragten in den letzten Jahren zur Kirche verändert hat. Das Ergebnis der Studie war wegen der öffentlichen kontroversen Diskussionen um die katholische Kirche natürlich absehbar: Die Haltung der Menschen zur Kirche ist kritischer geworden.

Dieses Ergebnis hat nun bei konservativen Katholiken für Verstörung gesorgt. Nicht, weil sie das Ergebnis im Ernst hätten bezweifeln können, sondern, weil man so etwas nicht macht: Forschung zum Nachteil der Kirche zu betreiben. Und nun schlägt man wild um sich. Eine qualitative Studie sei nicht empirisch relevant. Die Sinus-Milieu-Studie sei soziologisch umstritten. Und so weiter und so fort. Keinesfalls wird auf die Sache selbst eingegangen – also auf die faktische Aussagekraft qualitativer Sozialforschung. Es wird nur gesagt, diese sei keine quantitative Forschung. Auch wird nicht dargelegt, warum die Milieus der Sinus-Studie (die ja empirisch-quantitativ erhoben wurden) nicht zutreffend seien. Man zitiert irgendwelche Sozialethiker oder Meinungsforscher, die sich zum Urteil herablassen, „in der Realität fände man diese Milieus meistens nicht“. Das sind Sätze, die einen an der Intelligenz solcher Forscher zweifeln lassen. Kernpunkt ist aber, dass man eigentlich nicht möchte, dass Dinge publiziert und erforscht werden, die nicht im Interesse der Sache – sprich des selbstentworfenen Bildes von Kirche – sind.

Es ist Alexander Kissler, der in der Zeitschrift Cicero sich dergestalt zur „Kirche im Blindflug“ äußert. Schon diese Überschrift ist irreführend. Die vernünftige Reaktion auf die These, die Kirche befände sich im Blindflug, müsste ja lauten: Hoffentlich. Denn mit Blindflug bezeichnet man in der deutschen Sprache das Steuern des Flugzeugs in schwierigen Situationen nicht mehr im bloßen Sichtflug, sondern mit Hilfe von Instrumenten:

„Beim Instrumentenflug wird die Fluglage ausschließlich über Instrumente im Flugzeug und bei den Fluglotsen am Boden kontrolliert. Damit ist auch das Fliegen in Wolken und bei eingeschränkter Sicht möglich. Der Instrumentenflug macht den Flugverkehr weitgehend wetterunabhängig und ist die Voraussetzung für die Einhaltung von Flugplänen.“ [Wikipedia]

Wenn man unterstellt, die katholische Kirche befände sich in einer unübersichtlichen gesellschaftlichen Gemengelage, dann wäre die Steuerung mit Hilfe von Instrumenten (zum Beispiel einer soziologischen Studie) überaus dringend angeraten. Das aber meint Kissler gerade nicht. Denn er setzt auf die unterschwellige Assoziation, ein Blindflug wäre ein blinder Flug, aber er ist das genaue Gegenteil davon. Es ist ein sehender Flug unter Verhältnissen, in denen die gewöhnliche Sichtweise unmöglich ist. Passagiere jedenfalls freuen sich, dass es bei Schlechtwetterlagen den Instrumentenflug gibt. Alexander Kissler freut das offensichtlich nicht.

Immerhin zeigt er im Gegenzug, was wirklich verlässliche und solide Arbeit im Interesse der Kirche ist. Dazu wählt er Beispiele, von denen mir eines besonders aufgefallen ist, weil es die Grundsolidität seiner Argumentation schön vor Augen führt: Es besteht nahezu ausschließlich aus Falschdarstellungen (vermutlich weil er seine Argumente im Sichtflug zusammenstellt). In seinem Beitrag heißt es zur Einleitung:

„Die Kirchen in Deutschland haben eine lange Erfahrung darin, sich ins eigene Bein zu schießen. Dem protestantischen Zweig etwa gebührt das gar nicht hoch genug einzuschätzende Verdienst, durch die „Lutherbibel“ deutsche Sprache und Theologie enorm bereichert zu haben. Also gefiel es der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor wenigen Jahren, eine kaum lesbare „Bibel in gerechter Sprache“ als Konkurrenzprodukt auf den Markt zu werfen. Luther drehte sich im Grabe um.“

Lassen wir mal die sprachliche Merkwürdigkeit des ersten Satzes beiseite – ich dachte immer, es hieße „sich ins eigene Knie zu schießen“ bzw. „sich ins eigene Fleisch zu schneiden“. Der zweite Satz ist schon interessanter. Der protestantische Zweig der Kirchen in Deutschland habe mit der „Lutherbibel“ deutsche Sprache und Theologie bereichert. Ja, das ist zumindest im Blick auf die Sprache ein weit verbreitetes Urteil und entspricht dem im 19. Jahrhundert sich ausbildenden nationalen Mythos von Luther. Dieser ist sicher mit vielen Formulierungen seiner Übersetzung sprichwörtlich und sprachbildend geworden. Theologisch dürfte freilich seine Theologie unendlich viel wichtiger sein, die Lehre von der Rechtfertigung, die Abendmahls- und Sakramentenlehre, die Einschätzung der Schrift, die religiöse Freisetzung des Subjekts etc. Das mag Kissler wohl nicht so sehr loben.

Luthers Bibelübersetzung lobt er aber nur, um im Gegenzug den „Blindflug der Kirche“ akzentuieren zu können. Denn seine These soll ja lauten, dass, immer wenn die Kirchen etwas Gutes haben, sie es fahrlässig zugrunde richten. Und so fährt er fort, obwohl die Kirche doch die „Lutherbibel“ gehabt hätte, habe es der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vor wenigen Jahren gefallen, „eine kaum lesbare ‚Bibel in gerechter Sprache‘ als Konkurrenzprodukt auf den Markt zu werfen“.

Aus diesem Satz kann man einiges schließen. Erstens hat Kissler die Bibel in gerechter Sprache offenkundig nicht gelesen. Weniger, weil er sonst niemals die Behauptung aufgestellt hätte, diese sei in „kaum lesbarer“ Sprache geschrieben, sondern, weil schon auf der ersten Seite deutlich wird, dass diese Bibel nicht(!) von der EKD auf den Markt gebracht wurde.

Ganz im Gegenteil, die „Evangelische Kirche in Deutschland“, die keine Kirche ist, sondern eine Verwaltungseinheit von Gliedkirchen, hat die Bibel in gerechter Sprache vehement bekämpft. Um das zu wissen, braucht man nicht einmal Protestant zu sein, der Vernunft und Bildung auf sein Panier geschrieben hat. Es reicht der schnelle Blick in die Wikipedia, um zu prüfen, ob das, was man da vor sich hin quatscht, zutreffend ist oder eben eine Lüge darstellt. Es gibt eine Stellungnahme des Rates der EKD zu diesem Sachverhalt, die seinerzeit öffentlich diskutiert wurde und die die Bibel in gerechter Sprache ablehnt. Nichts da mit einer von der EKD produzierten Bibel in gerechter Sprache. Aber Kissler setzt lieber auf die partielle Amnesie seiner Leserinnen und Leser.

Ich vermute, er weiß auch nicht, dass quasi seit Jahrhunderten von den evangelischen Kirchen durchaus andere „Konkurrenzprodukte“ zur Lutherbibel liebevoll gepflegt werden. Vielleicht sollte er einmal in einem Lexikon unter dem Stichwort „Elberfelder Bibel“ oder unter dem Stichwort „Zürcher Bibel“ nachschlagen.

Letztere ist gerade wieder einer Revision unterzogen worden. Die populärkulturelle Wikipedia, deren Wissen man inzwischen als Minimalstandard journalistischer Kenntnisse voraussetzen sollte, führt dazu aus: „1984 beschloss die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Zürich eine Neuübersetzung, einerseits wegen der Fortschritte in Bibelwissenschaft und Philologie, andererseits auch wegen der Veränderungen in der deutschen Sprache. Als Ziel wurde vorgegeben, „eine wissenschaftlich zuverlässige und sprachlich sorgfältige Übersetzung für die Gegenwart, verwendbar in Gottesdienst und Unterricht“ zu schaffen. Das Alte Testament wurde in der Hauptsache von drei Personen übersetzt: Einem Hebraisten, einem Exegeten und dem Germanisten Johannes Anderegg. Zu diesem Kernteam kamen Gegenlesegruppen, die den Text auf bestimmte Aspekte kontrollierten, so beispielsweise ein jüdisches Team mit einem Rabbiner, das auf etwaige versteckte antisemitische Aussagen überprüfte, oder eine Frauenlesungsgruppe, die auf allfällige Diskriminierungen durch die Übersetzung aufmerksam machen sollte.“

Und dieses „Konkurrenzprodukt“ wurde tatsächlich von einer Evangelischen Kirche in Auftrag gegeben und erfreut sich weltweit wegen seiner besonderen Nähe zur ursprünglichen Textgestalt besonderer Wertschätzung.

Wie aber kommt Kissler nun dazu, wahrheitswidrig zu behaupten, die EKD habe die von ihr kritisierte und abgelehnte Bibel in gerechter Sprache in Auftrag gegeben? Weil es ihm gar nicht um die Wahrheit geht – sondern um Ideologie. Die Kirchenleitungen – so seine Unterstellung – tun derzeit alles, um die Bedeutung der Kirche zu mindern. Sie passen sich dem Zeitgeist an. Und wo etwas zu dieser These nicht passt – wie in den beiden gerade benannten Fällen – da wird es passend gemacht, indem man die Fakten verändert. Aber es ist und bleibt eine falsche Behauptung. Da sie aber in der Argumentation von Kissler eine tragende Rolle spielt – es ist das seine Argumentation eröffnende erste Beispiel – hat er sie bewusst ausgewählt und insofern: bewusst gelogen. Anders kann man es nicht nennen, wenn ich jemanden, der sagt, er wolle damit nichts zu tun haben, unterstelle, er habe es in Auftrag gegeben. Aber wie schon vor einiger Zeit an dieser Stelle berichtet, fällt bei manchen konservativen Katholiken jede Hemmschwelle, wenn sie nur „Bibel in gerechter Sprache“ hören.

Ob - wie Kissler schließlich meint - Martin Luther sich wirklich im Grabe drehen würde, wenn er heute von der Bibel in gerechter Sprache hören würde, sei dahingestellt. Ich glaube es nicht. Luther war eher - wie die Reformierten - ein Vertreter des Ecclesia semper reformanda.

Der Cicero aber sollte überlegen, ob er nicht zur Hebung der Qualität seiner Beiträge auf sprachliche und inhaltliche Entgleisungen wie die von Kissler verzichtet.


* Stultorum plena sunt omnia - Die Welt ist ein Irrenhaus;
Cicero: Ad familiares (Briefe an Freunde) IX, XXII

Artikelnachweis: http://www.theomag.de/81/am423.htm
© Andreas Mertin, 2013