Ein theologischer Spaziergang über die d(13)

6 - Weitere Orte

Andreas Mertin

Es gibt eine Fülle weitere Orte, die auf der dOCUMENTA(13) bespielt werden, so viele, dass man als Einzelner im Rahmen eines Ausstellungsbesuches hoffnungslos überfordert ist. Aber das ist bei den Biennale-Besuchen in Venedig ja ebenso, dass man schnell erkennen muss, dass man nicht jeden Pavillon auf den Inseln besuchen kann. Deshalb an dieser Stelle nur eine kleine Auswahl, die bei Gelegenheit (d.h. sich später anschließenden Besuchen vor Ort) noch weiter ergänzt wird.

01 – Der Garten

Kristina Buchs Arbeit vor dem Staatstheater hat für denjenigen, der häufiger die documenta-Ausstellungen in Kassel besucht hat, natürlich bestimmte assoziative Querverbindungen zu früheren Werken auf dem Platz vor dem Fridericianum. Nahe liegend ist die die Verbindung zum Mohnblumenfeld von Sanja Iveković während der documenta 12 des Jahres 2007. Ein Pflanzenfeld, das „den Platz in ein Bild verwandeln wollte, das erzählt, wie der Traum von einer Revolution aufblüht und greifbar wird und schließlich vergeht.“ (Dirk Schwarze) Auch hier ging es um die Anpflanzung und die Pflege der Natur, um die Beobachtung eines Prozesses über einen Zeitraum von mehr als 100 Tagen. Und auch hier war es wichtig, etwas vom Konzept der Künstlerin zu wissen, um dem Ganzen einen Sinn zu geben, der über das naturästhetische Geschehen hinausgeht.

Die andere Verknüpfung die ich sehe, ist die zum Baum der Hoffnung von Mo Edoga auf der documenta 9 des Jahres 1992. „Mo Edoga arbeitet an seinem Turm bis zum Sonntag Abend, bis zum letzten documenta-Tag. Und dann? Wird danach abgebaut? Den Künstler interessiert diese Frage nicht: ‚Kunstwahrnehmung hat mit der Entstehung nichts zu tun. Der Weg ist das Ziel’.“ So ähnlich würde Kristina Buch vermutlich auch auf die Frage nach dem Verbleib ihrer Arbeit antworten.

Sie hat im Zentrum des Platzes vor dem Staatstheater ein Rechteck abgetrennt und mit zahlreichen Pflanzen ausgestattet, die auf den ersten Blick beim Näherkommen verwundern. Der Betrachter sieht zunächst Brennesseln, dann aber auch blühende Sträucher im Zentrum des Karrees. Zugänglich ist dieser „Garten“ nicht. Im Vorfeld und während der 100 Tage der documenta setzt nun Kristina Buch immer wieder Schmetterlingsraupen in diesem Garten aus. Gleichzeitig bewässert sie das Ganze, sie pflegt es in einem Prozess der 100tägigen Zuwendung. Was mit den Raupen passiert, entzieht sich natürlich ihrer Kontrolle. Ob sie davonfliegen oder weggeweht werden, ob sie Vögeln als Speise dienen oder ob sie sich den Garten als Heimstatt auswählen, ist etwas, was man kaum beeinflussen kann. Bei den ersten Besuchen auf der documenta waren noch wenige Schmetterlinge zu sehen. Aber es kann natürlich auch sein, dass im Laufe der Zeit, weitere Schmetterlinge angezogen werden. Wichtig ist der Künstlerin aber der Prozess der Zuwendung, das Hinwenden zum Garten.

02 - Das Hospital

Im ehemaligen Hospital und zwischenzeitlichen Restaurant in der Obersten Gasse 4 wird auf dieser documenta erstmalig als Ausstellungsraum genutzt. Und er ist Studierenden aus Afghanistan vorbehalten, die zugleich die jüngsten Teilnehmer der documenta 13 sind. Man betritt die Location ironischerweise durch die frühere Toilette und tastet sich dann in den ehemaligen Restaurantraum vor. Interessant ist die Art und Weise, wie die afghanischen Lebensumstände reflektiert werden, aber auch, wie die westliche Formensprache der Moderne eine wichtige Rolle spielt. Nicht alle künstlerischen Arbeiten vermögen mich zu überzeugen (aber das tun ja auch nicht alle Arbeiten bei Akademierundgängen), aber die Bandbreite der Werke ist durchaus interessant.

Hervorzuheben ist unter all den ausgestellten Arbeiten im ehemaligen Hospital insbesondere die Videoarbeit „What we have overlooked“ von Lida Abdul (* 1973), die in einer beeindruckenden Art und Weise einen Mann mit eine Fahne in der Hand zeigt, der in einen See hineinwatet bis er schließlich nicht mehr zu sehen ist. Es geht um „den Kontrast zwischen den Versprechungen nationalistischer Ideologien und ihrem letztlich unausweichlichen Scheitern“.

03 – Die Beichte

Auf dem Weg zwischen documenta-Halle und Neuer Galerie stößt der Besucher auf eine kleine Kabine an der Schönen Aussicht, in der eine Frau fleißig in die Tasten hämmert. Lori Waxmann (* 1976), kanadische Kunstkritikerin, erstellt an drei Tagen in der Woche in Kassel für angemeldete Künstlerinnen und Künstler im Rahmen eines 25 Minuten Zeitlimits Kunstkritiken zwischen 100 und 200 Wörtern Länge. Der Prozess der Beurteilung der vorgelegten Kunstwerke wird dabei auf einem Monitor übertragen. »Das Projekt zielt auch darauf ab, das Schreiben in einer kurzen Form an seine Grenzen zu treiben. Herauszufinden, was verloren geht und was man gewinnt, wenn die Texte kürzer und schneller und vielleicht auch ergiebiger werden. Den Teufelskreis zu vermeiden, der Künstler außerhalb der Metropolen und den Nachwuchs oft im Abseits stehen lässt. Zu sehen, was passiert, wenn das Gesicht hinter dem Verfassernamen sichtbar wird und die einsame Autorin vor die Öffentlichkeit tritt. Zu ermitteln, was eine Rezension wem wert ist, wenn sie auf Abruf geschrieben wird. Letztlich löst 60 wrd/min art critic die Probleme der Kritik nicht; sie macht sie auf experimentellem Wege sichtbar.« (L. Waxmann) Ich glaube nicht, dass es wirklich um Kunstkritik geht – allenfalls ironisch. Eher geht es um eine Art Künstlerseelsorge, um die Möglichkeit für Menschen, die sich als Künstler begreifen, für eine bestimmte Zeit an der knappen Ressource Aufmerksamkeit zu partizipieren. Es ist fast wie bei einer Beichte (mit einer ja auch verwandten räumlichen Inszenierung), nur dass hier die malerischen Taten zur Begutachtung und Freisprechung vorgelegt werden und der Prozess öffentlich ist.

04 – Inszenierung und Vergegenwärtigung

Den Hinweis auf die Kunst in der Unteren Karlstr. 14 verdanke ich Tim Pickartz, einem der Worldly Companions der dOCUMENTA(13). Die an diesem Ort befindliche Lagerhalle, so ist dem Begleitbuch der documenta zu entnehmen, sollte vor einigen Jahren in eine Moschee umgebaut werden, die Bauarbeiten blieben jedoch unvollendet und das Projekt unrealisiert. Spuren des Vorhabens lassen sich heute nicht mehr erkennen.

In der Lagerhalle sind nun vier künstlerische Positionen vertreten. Drei der vier Positionen beschäftigen sich mit den „Rahmenbedingungen für zeitgenössische Kunst“, man könnte allgemeiner sagen: sie fragen nach den Rahmungen kultureller Ereignisse.

Aryeen Anasta (*1968) und Rene Gabri (*1968) haben am Eingang ihres Ausstellungsraumes einen Wandtext platziert, der sich quasi persönlich an die Ausstellungsbesucher wendet: „Dies ist ein Wandtext. Normalerweise dienen Wandtexte dazu, Kunstwerke zu beschreiben oder zu kontextualisieren. Dieser Wandtext versucht, die Situation umzukehren und fragt: Was, wenn alles in diesem Raum eigentlich der Kontext für diese Arbeit wäre, die als ein Wandtext erscheint?“ Nun ist das ja keine neue Fragestellung. Dass der Kommentar selbst zumindest „wesentlicher Bestandteil“ des Kunstwerks geworden ist, hatte schon Arnold Gehlen Ende der 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts festgestellt. Die Autonomisierung des Wandtextes im Verhältnis zum Bild war 1987 Thema eines Beitrags des Architekten Hans Hollein auf der documenta 8 mit dem Titel „Museumsraum“: „Er wandelte die erklärenden Schilder in die eigentlichen Bilder um, und ließ die Gemälde zu den begleitenden Hinweistafeln werden.“[1] Hollein war damals von Manfred Schneckenburger gebeten worden, Überlegungen im Kontext von Kunstvermittlung anzustellen. Und genau darum geht es auch bei den drei Positionen in der Unteren Karlstr. Anastas und Gabris Intervention ist wesentlich gewitzter als Holleins seinerzeitige ziemlich direkte Intervention, sie sucht das Gespräch mit dem Betrachter und imaginiert dessen Reaktionen, während man Holleins Beitrag eine gewisse Kunstbanausen-Verachtung nicht absprechen kann. Auch die Ausstellungsbesucher sind inzwischen gewitzter geworden.

Die Kunstreflexionen von Walid Raad (1967), der schon in Form seiner Stiftung „The Atlas Group“ an der documenta 11 teilnahm (wobei damals der Wandtext eine zentrale Funktion spielte), sind überaus faszinierend. Welcher räumlichen Inszenierung bedarf es, um etwas zu vergegenwärtigen? Dazu gliedert Raad die Halle in drei Abschnitte, die jeweils unterschiedliche Akzente setzen. Im vorderen Teil gibt es eine Videoarbeit, im mittleren Teil verschiedene Ausstellungsinszenierungen und im dritten Teil so etwas wie Ausstellungsrahmungen. Gleichzeitig werden regelmäßig einstündige Begehungen mit dem Künstler und von Dozenten geführte Rundgänge angeboten.


[Update]

05 – „religiös-kulturell“ oder: Hugenottenhaus

Etwas schwammig ist die Formulierung des Begleitbuches zur documenta zum Hugenottenhaus. Es handele sich um eine „Stätte, deren Geschichte wiederum auf eine Gemeinde aus religiös-kulturellen Gründen Exilierter zurückgeht.“[2] Das ist deshalb interessant, weil die benannte Gemeinde der aus „religiös-kulturellen“ Gründen Exilierten natürlich weiter besteht und es die documenta gerade erfolgreich geschafft hatte, eine Kunstausstellung am Kirchenraum der Hugenotten zu verhindern – sie also ein weiteres Mal zum religös-kulturellen Exil gezwungen hatte – Ironie der Geschichte. Trotz des knappen Verweises erfährt man – und das bei einer Documenta, die sich mit dem Thema „Zerstörung und Wiederaufbau“ beschäftigt – nichts über die Bedeutung der Hugenotten für Kassel. Dass der von der documenta-Leitung so vehement vor kirchlichen Übergriffen geschützte Friedrichsplatz einmal architektonisch vom hugenottischen Baumeister Simon Louis du Ry geprägt wurde, wird konsequent verdrängt. Erst zur Halbzeit der dOCUMENTA(13) wird das Pressebüro die Öffentlichkeit um nähere Informationen zum Hugenottenhaus bitten.

Die Inszenierung von Theaster Gates (* 1973) im seit Jahrzehnten nicht mehr genutzten Hugenottenhaus und deren Wirkung auf die Ausstellungsbesucher ist überaus bizarr. Und ich bin mir unsicher, was hier eigentlich ausgestellt wird. Zusammen mit Teilnehmern von Arbeitsförderungsmaßnahmen baut Theaster Gates das Haus um und schafft „ein bewohnbares Labor für Objekte, Performances, Diskussionsveranstaltungen, Festessen und Installationen.“ Ein ganz normales Diakonie-Projekt also.

Wer aber das Verhalten der Ausstellungsbesucher betrachtet, könnte auch den Eindruck bekommen, diese würden im Rahmen einer Performance vorgeführt. Sie laufen durch das Haus mit einer Neugier, als ob sie noch nie ein baufälliges Haus aus dem 19. Jahrhundert gesehen hätten. Das Pittoreske ist für sie vermutlich die Differenz zur eigenen Lebenswirklichkeit. Man fühlt sich an die RTL II-Doku-Soap "Die Schnäppchenhäuser" erinnert, die Menschen zeigt, die sich für wenig Geld und mit viel Enthusiasmus den Traum vom Eigenheim erfüllen. Auch hier liegt der Reiz weniger in der Verwirklichung des Traumes als vielmehr in der am Bildschirm wahrnehmbaren Differenz des baulichen Alptraums zu den eigenen Wohnverhältnissen. Wenn es aber das nicht ist, was Gates uns zeigen will (und nur wenig deutet darauf hin), dann ist es ein ganz normales Sozialarbeiterprojekt mit artifiziellem Touch.

06 - Des Büchermachens ist kein Ende

Direkt gegenüber vom Hugenottenhaus hat Paul Chan (*1973) mehrere Räume eingerichtet. Sein Kunstwerk besteht darin, dass er Bucher, die er auf ihre Einbände reduziert hat, durch malerische Eingriffe zu „Bildern“ umgestaltet und fast seriell präsentiert.

Man beginnt unwillkürlich, Zusammenhänge zwischen den Buchrücken und den malerischen Eingriffen zu konstruieren. Gibt es eine Logik zwischen dem Buch über Madonna und der Bearbeitung des Bucheinbandes?

07 – This is the End, my friend

This is the end, beautiful friend
This is the end, my only friend, the end
Of our elaborate plans, the end
Of everything that stands, the end
No safety or surprise, the end
I'll never look into your eyes...again
Can you picture what will be
So limitless and free
Desperately in need ...
of some ... stranger's hand
In a ... desperate land
Lost in a Roman ... wilderness of pain
And all the children are insane
All the children are insane
Waiting for the summer rain, yeah

Das ist das Ende, schöner Freund
Das ist das Ende, mein einziger Freund, das Ende
Von unseren sorgfältigen Plänen, das Ende
Von allem, das besteht, das Ende
Weder Sicherheit noch Überraschung, das Ende
Ich werde dir nie wieder in die Augen sehen
Kannst du dir vorstellen, was sein wird
So grenzenlos und frei
Verzweifelt angewiesen
auf die Hand eines Fremden
In einem hoffnungslosen Land
Verloren in einer römischen Wildnis voller Schmerz
Und alle Kinder sind wahnsinnig
Alle Kinder sind wahnsinnig
Warten auf den Sommerregen

Nach dem Besuch hätte ich mir gewünscht, in Francis Alÿs (* 1959) Räumen in der Oberen Karlstr. 4 wäre ohrenbetäubend laut „The End“ von den Doors zu hören gewesen. Es hätte gepasst. Vor  Ort war sein Video, das nun auf der Webseite der documenta gezeigt wird, nicht einsichtig. Warum eigentlich nicht? Platz genug wäre gewesen. So bleibt ein White Cube in einer ehemaligen Bäckerei mit reduzierten Bildern in Kassel und ein Film über kindliches Spiel unter kriegsähnlichen Zuständen in Kabul. And all the children are insane / Waiting for the summer rain. This is the End.

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Anmerkungen

[1]    Vg. Dirk Schwarze, Schild als Bild, http://dirkschwarze.net/2010/01/05/schild-als-bild/

[2]    documenta und Museum Fridericianum (2012): Documenta 13. Katalog 3/3, das Begleitbuch: Hatje Cantz Pub, S. 430

Artikelnachweis: http://www.theomag.de/78/am404.htm
© Andreas Mertin, 2012