75 Jahre danach: Kunst und Kirche


Heft 74 | Home | Heft 1-73 | Newsletter | Impressum und Datenschutz

Je nach Passepartout

Die Kunst der Kirche - Eine Synopse

Andreas Mertin

Im Artikel zum Evangelischen Kunstdienst schreibt die Wikipedia für die Zeit nach 1934: „Im Jahre 1934 … übernahm der Nationalsozialist und Architekt Winfried Wendland, der aktiv im ‚Kampfbund für deutsche Kultur’ mitwirkte und Kustos der Hochschule für Bildende Künste in Berlin war, die Führung im Kunstdienst. In Kunst- und Kulturzeitschriften einschließlich kirchlich orientierten positionierte er die evangelische Kirchenkunst als eine völkische und ‚artgemäße’ Kunst, die von der zeitgemäßen NS-Weltanschauung durchdrungen sein müsse.“

Die Forschungsdatenbank zur Baukultur gibt zur Person von Wendland folgende Informationen:

  • Geb. in Gröben (Kreis Teltow); 1922 Steinmetzlehre; Studien an der Baugewerke- und an der Kunstschule in Berlin; in mehreren Architekturbüros tätig; 1928 freier Architekt, 1931 NSDAP-Mitglied (Mitglieds.-Nr. 712.329); 1933 Kustos der Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst in Berlin; 1933 Kustos (Professor für Kirchenkunst) der Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst in Berlin (Vereinigten Werkschulen); 1933 Mitarbeit bei der Mailänder Werkbundausstellung auf der Triennale und der deutschen Kirchenkunstabteilung der Chicagoer Weltausstellung; Hilfsreferent (Kunst) im Preuß. Kultusministerium, in diesem Rahmen unmittelbar an der Schließung des Bauhauses beteiligt; Kunstreferent im Reichskulturausschuss der Deutschen Christen, Mitbegründer des evangelischen Reichsamtes für kirchliche Kunst; Mitglied des Kampfbundes für Deutsche Kultur; 1934 Veröffentlichung von „Kunst und Nation“; Geschäftsführer des Vereins für religiöse Kunst; Initiator der Berliner Ausstellung 'Deutsches Siedeln und symbolisches Bauen'; um 1938 Geschäftsführer des Vereins für religiöse Kunst; 1940 Buch „Die Kunst der Kirche“; 1941 Kriegsdienst; bis 1947 französische Kriegsgefangenschaft; 1949–53 im Bauamt des ev. Konsistoriums Berlin-Brandenburg tätig; 1953–66 Kirchenbaurat in Potsdam; 1962–76 Leiter des Kunstdienstes der evangelischen Kirche.

Wendland baute in den dreißiger Jahren Kirchen, Kapellen und Gemeindehäuser rund um Berlin, die die Oxford Grove Art Enzyklopädie folgendermaßen charakterisiert:

  • „Traditional in style and materials, they reflect the ideas both of the Heimatschutzbewegung, a movement concerned with preserving the German regional heritage, and of the National Socialist cultural organizations to which Wendland belonged. During this period Wendland also worked as a curator in the state art schools, as an official in the Prussian Ministry of Culture, as a member of the governing board of the Deutscher Werkbund and as co-editor of the periodical Kunst und Kirche. Through these activities he actively promoted the artistic ideas of NAZISM. For instance, on the occasion of the political realignment of the Deutscher Werkbund with the Nazi state in 1933, he wrote against Neues Bauen, Rationalism and foreign influences on German architecture, and in favour of an indigenous, regional and patriotic style.“ (Art. Winfried Wendland; Grove Art, Oxford University Press)

Wendland ist, wie man seiner Biographie unschwer entnehmen kann, der konservative Karrierist schlechthin. Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, ändert man geringfügig das Erscheinungsbild und setzt seine Karriere in einer verwandten etablierten Institution fort. Selbst der Wechsel von einem totalitären, Menschen vernichtenden System zur Nachkriegsdemokratie macht man ohne größere Einbußen mit, ja man kann sogar weitgehend das Theoriegerüst übernehmen, nur einige Retuschen sind notwendig, es wird schon niemand protestieren.

Wie das genau funktioniert, dass jemand, der gerade das Führerprinzip zur Leitgröße kirchlicher Kunstaktivitäten erhoben hat, dennoch im kirchlichen Auftrag nach 1945 einfach weiter wirken kann, lässt sich im vorliegenden Fall ganz gut studieren, denn Wendland hat sein Buch „Die Kunst der Kirche“ zwei Mal veröffentlicht: Einmal 1940 zur Hochzeit seines Einflusses auf den kirchlichen Kunstbetrieb während der nationalsozialistischen Herrschaft und 13 Jahre später zur Hochzeit seines Einflusses auf den kirchlichen Kunstbetrieb nach der nationalsozialistischen Herrschaft, nämlich als evangelischer Kirchenbaurat. Und da er das Buch 1953 nicht neu geschrieben, sondern nur überarbeitet / retuschiert hat, es sozusagen einfach nur einem neuen Passepartout angepasst hat, kann man im Vergleich beider Werke sehen, wie viel der ursprünglich nationalsozialistischen Grundierung einfach durch Weglassen von einigen Worten und die Umformulierung mancher Sätze dennoch weiter Bestand hat und wie Wendland hoffte, seine reaktionäre Gesinnung auch unter neuen Vorzeichen weiter zur Geltung zu bringen.

Winfried Wendland
Die Kunst der Kirche
Berlin-Spandau 1940
Wichern-Verlag Herbert Renner

Winfried Wendland
Die Kunst der Kirche
Berlin 1953
Lutherisches Verlagshaus.

S. 7

Aus vergangenen Jahrtausenden weht uns aus den Trümmern der Bauten ein Hauch des Wesens längst vergangener Geschlechter an

S. 9

Aus den Bauten früherer Jahrtausende weht uns ein Hauch des Wesens längst vergangener Geschlechter an


Die Änderung mag marginal erscheinen, ist aber für Wendland deshalb wichtig, weil der von ihm propagierte Nationalsozialismus ganz Europa in Schutt und Asche gelegt hat, demgegenüber die Trümmer vergangener Zeiten nun kaum noch ins Gewicht fallen.

S. 11f.

Jahrhunderte haben an ihnen (scil. den Domen und Kirchen; A.M.) geschaffen, Generationen sind dahingegangen, ehe das Werk vollendet wurde. Und so sind sie Zeugnis der christlichen Gemeinde in Deutschland, ebenso wie sie Zeugnis deutschen Volkstums geworden sind. Denn jedes Volk schafft Räume aus seinem von Gott gegebenen Volkstum heraus, so dass arteigene Ausdrucksmöglichkeiten zu allen Jahrhunderten entstehen. … Nur zu den Zeiten künstlerischer Zersetzung ist die Frage des Raumes nicht gelöst worden oder in Vergessenheit geraten.

S. 13

Wir dürfen neu anfangen. Vielleicht ist sogar unserem Volke in seinem zerstörten Lande mit den fast unübersehbaren Bauaufgaben von Gott die Aufgabe zuteilgeworden, den Völkern des christlichen Abendlandes ein Beispiel zu geben. Lassen wir daher die Tradition der alten Baumeister bei uns lebendig werden, die Jahrhunderte hindurch an ihren Domen und Kirchen bauten. … Aber hüten wir uns, irgendwelche romantischen Experimente zu versuchen. Neues christliches Bauen kann nur wachsen aus der klaren Erkenntnis der Bauaufgabe in einem neuen missionarischen Geiste der Kirche.


Klar, dass Wendland in der 2. Auflage die völkische Kunst außen vor lässt, aber es raubt einem schon den Atem, wenn man sieht, wie er nun aus der Niederlage des von ihm vertretenen Nationalsozialismus ein bauästhetisches Vorbild für das Abendland zu drechseln sucht. Wo er dagegen in der ersten Auflage die Worte so wählt, dass sie zur nationalsozialistischen Kunstideologie passen (Zersetzung), sind es in der 2. Auflage romantische Experimente, die er (wie schon in der ersten Auflage) ablehnt, was aber auch gar nicht zur Debatte stand.

S. 15f.

Man hat in der jüngsten Vergangenheit eine Fülle von Versuchen gemacht, die den Kirchbau mit den modernsten Mitteln fortführen wollten. Hierbei sind entscheidende Fehler gemacht worden. Nicht dass die modernen Konstruktionen falsch gewesen wären. … Der Fehler lag vielmehr darin, dass man aus einer Materialgerechtigkeit zu einer Materialvergötzung kam, die uns in eine geistige und vor allem in eine künstlerische Verödung hineingeführt hat. Diese Haltung ist heute überwunden. Eine neue große künstlerische Entwicklung hat eingesetzt. Mit seinen Bauten hat der Führer der Architektur wieder den bedeutenden Platz unter den Künsten zugewiesen …

S. 17

In der evangelischen Kirche hat seit dem Ende des ersten Weltkrieges eine neue Entwicklung begonnen. Die Versuche Otto Bartnings um neue Grundrisslösungen, seine und anderer Versuche …, die modernen Materialen auch für den Kirchenbau fruchtbar zu machen, sind nicht ohne Erfolg geblieben. Nicht alles, was an modernen Lösungen geschaffen worden ist, wird sich als fruchtbar erweisen, vor allem, wenn die moderne Konstruktion lediglich um ihrer selbst willen, um modern zu sein verwendet wurde. Aber das sollte heute überwunden sein. Die maßgebenden Kirchenbaumeister sind sich in der Verwendung modernen Konstruktionen und Materialien durchaus einig.


Man kann aus dem Vergleich der Formulierungen schließen, dass schon 1940 eine direkte Abgrenzung zu Otto Bartning intendiert war, auch wenn dieser dort mit der Kreuzkirche in Chemnitz und der Markuskirche in Karlsruhe Erwähnung findet und in der 2. Auflage nur eine Notkirche hinzukommt. Aber Bartning war Zielpunkt der Attacke. Die Rückdatierung des Beginns der großen künstlerischen Entwicklung von 1933 auf 1918 zeigt die Gesinnungslosigkeit des Autors, der sich den gewandelten Zeitumständen anpasst. Die Ersetzung des Führers aus dem Text von 1940 durch „die maßgebenden Kirchbaumeister“ im Text von 1953 ist schon atemberaubend.

S. 16

Die evangelische Kirche ist in diese Entwicklung einbezogen. Sie war von jeher ihrem Volke eng verbunden, und besonders im Grenzkampf im Osten hat sich in den letzten Jahrhunderten jedes evangelische Kirchenhaus als eine Burg des deutschen Volkstums erwiesen.

-

In der 2. Auflage entfallen.


Ja, der „Grenzkampf im Osten“ ist 1953 natürlich nicht mehr ganz so aktuell wie 1940, aber die These, dass sich noch „jedes evangelische Kirchenhaus als eine Burg des deutschen Volkstums erwiesen“ habe, sollte man noch einmal auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen und nötigenfalls Konsequenzen daraus ziehen. Letztlich scheint hier die Verbundenheit von Wendland mit der Bewegung der Heimatschutzarchitektur durch, die er in beiden Ausgaben seines Buches mit der Hervorhebung „ortsüblicher Baumaterialien“ und der Anpassung an die regionale „Kulturlandschaft“ deutlich macht.

S. 17

Die Neubauten werden sich … nach den für unser Volk neu gefundenen uralten Gesetzen architektonischer Gestaltung … zu richten haben. Die Kirche sei ein wahrhaftiger Raum, der als Symbol der anbetenden Gemeinde, in der ‚Gott in der Mitten’ ist, diese umschließt als ein steinerner Lobgesang oder ein steinernes Gebet, dass er sie sammle und emporführe, dass er sie hinlenke auf die Gegenwart Gottes und fernhalte von aller Äußerlichkeit.




S. 19




Die Kirche sei ein wahrhaftiger Raum, der die anbetende Gemeinde umschließt, als ein steinerner Lobgesang und ein steinernes Gebet.


Die „uralten Gesetze architektonischer Gestaltung“ sind hier genuine Nazi-Terminologie, die das Völkische für die Architektur hervorheben sollen. Die Rede vom „steinernen Lobgesang“ scheint dagegen gegen jeden vernünftigen Einwand die Zeiten zu überdauern.

S. 23f.

Die Entwicklung des Kirchenbaues in Deutschland seit 1933 zeigt, wie stark die evangelische Kirche auch ihrerseits bemüht gewesen ist, den Forderungen der Gegenwart nach einer sorgfältigen und heimatgebundenen Architektur zu folgen. … Bei der gewaltigen Völkerwanderung, die die Umsiedlung weiter deutscher Volksteile heute darstellt, brauchen wir ferner für einen großen Teil dieser Menschen eine Fülle von neuen Kirchengebäuden.

S. 28

Die letzte Entwicklung des Kirchenbaues vor dem Kriege … zeigt, dass wir auf dem richtigen Wege waren. Jedoch weisen die noch verschiedenartigen Lösungen auf eine noch immer vorhandene Unsicherheit hin, die auch heute bei den Bauten der Nachkriegszeit zu spüren ist. Diese Unsicherheit liegt nicht an mangelnder Gestaltungsfähigkeit der Architekten, sondern an der allgemeinen theologischen Unklarheit in bezug auf die Liturgie.


Das ist schon interessant modifiziert. Der Nationalsozialismus wird nicht erwähnt, kommt aber in der Formulierung „vor dem Kriege“ dennoch zur Sprache. Und natürlich: man war damals auf dem richtigen Wege. Und Schuld an Fehlern sind natürlich die Theologen und nicht die Architekten.

S. 27

Aber auch aus völkischen Gründen haben wir hier mannigfache Verpflichtungen. Die Kirche verwaltet in ihren Kunstwerken einen großen Teil unseres Kunsterbes und hat Sorge zu tragen, dass dem Volke, in das sie hineingestellt ist, diese Werte nicht verloren gehen. Nichts kann uns ihre nationale Bedeutung deutlicher machen als die großen Kunstwerke deutscher Meister im deutschen Osten, wo sie umbrandet vom Ansturm des fremden Volkstums Zeugnis ablegen von dem Geist ihrer Gründer und Werkmeister.



S. 33



Mit diesem Glaubenserbe verwaltet die Kirche aber auch den bedeutenden Teil des Kunsterbes des Volkes und hat auch aus diesem Grunde Sorge dafür zu tragen, dass dem Volke, in das sie hineingestellt ist, diese Werte seines Väterglaubens nicht verloren gehen.


Nicht immer lassen sich die völkischen Argumente wegretuschieren, hier bleiben sie einmal abgemildert stehen und werden nur vom Völkischen zum Väterglauben umgedeutet.

S. 28

Es gibt auch manche stilistischen Absonderlichkeiten, die wir heute nicht mehr verstehen und die uns unerträglich geworden sind, weil sie letztlich zeitgebunden sind. So findet sich z.B. auf manchen Barockaltären oder Türen das Wort „Javeh“ in hebräischen Buchstaben; wir werden es ohne Schaden entfernen und an seine Stelle z.B. ein Symbol der Dreieinigkeit oder ein Christusmonogramm setzen. Damit ist dem christlichen Glauben kein Abbruch getan. Im Gegenteil!


S. 34


Ein Kirchenbau ist ein lebendiger Organismus, der mit dem Leben der Gemeinde mitlebt und die auch ihren Wandlungen unterworfen ist.


Das Judentum als stilistische, zeitgebundene und unerträgliche Absonderlichkeit – soviel Chuzpe muss man schon haben. Natürlich lässt man das 13 Jahre später weg, es wäre ja auch zu peinlich, aber umschreibt den Vorgang feingeistig mit den Wandlungen, denen Gemeinden unterliegen. Früher war Antisemitismus „normal“, jetzt hat sich das gewandelt. Man liest es und kann und mag es nicht glauben.

S. 32

[Die Gemeinde] darf sich niemals auf die Sorge für einen guten Bauzustand beschränken, sondern muss das Haus Gottes stets weiter verschönern und herrlicher gestalten, damit wir vor den Geschlechtern der Zukunft nicht so ärmlich dastehen wie jene Zeit, die uns diese trostlosen Kirchen überließ. Der innere Reichtum unserer Zeit, die Zeuge so großer weltgeschichtlicher Ereignisse ist, muss auch hier Gestalt werden.

S. 40

[Die Gemeinde] darf sich niemals auf die Sorge für einen guten Bauzustand beschränken, sondern muss das Haus Gottes stets weiter verschönern und herrlicher gestalten. An dem Hause Gottes erkennt man die Dankbarkeit der Gemeinde für seine großen Taten und die Gabe seines Evangeliums.


Man fragt sich an solchen Stellen, was hier eigentlich Oberfläche und was noch vertretener Inhalt ist. Kaschiert die religiöse Phrase den tragenden nationalsozialistischen Gedanken oder versteht der Autor ernsthaft die weltgeschichtlichen Ereignisse als Analogon zu den großen Taten Gottes? Oder meinte er schon 1940, dass Kirchenbau zur dankenden Antwort der Gemeinde gehört, schrieb aber lieber, man betreibe schönen Kirchenbau, um vor späteren Generationen besser dazu stehen? Man muss kein Fachmann für die Theologie des Kirchenbaus sein, um zu begreifen, dass sich beide Argumente ausschließen. Entweder soli deo gloria oder zur Ehre der Gemeinde vor der Nachwelt.

Im folgenden Abschnitt VON BILDERN UND BILDWERK verteidigt Wendland den Einsatz von Kunstwerken in der Kirche. Das ist sein gutes Recht, auch wenn er als Protestant merkwürdig konstant mit der Tradition (statt mit der Schrift) argumentiert. An einer Stelle gibt es zwischen den sonst weitgehend deckungsgleichen Darstellungen zwischen 1940 und 1953 einige bedenkenswerte Abweichungen.

S. 35

Auch der evangelischen Kirche ist hier ein großes Vermächtnis geschenkt. Namen wie Lukas Cranach und Rembrandt stehen am Beginn der evangelischen Kunst, und noch aus jüngster Vergangenheit können wir Namen wie Hans Thoma, ja sogar Corinth und Slevogt nicht nennen, ohne nicht auch der Werke zu denken, die sie der kirchlichen Kunst gewidmet haben.

S. 43

Auch der evangelischen Kirche ist ein großes Vermächtnis geschenkt. Namen wie Lukas Cranach und Rembrandt stehen an Beginn und Höhe christlicher Kunst in der evangelischen Kirche, und noch in jüngster Vergangenheit können wir Namen wie Hans Thoma, Steinhausen, ja sogar Corinth und Slevogt nicht nennen, ohne nicht auch der Werke zu denken, die sie der kirchlichen Kunst gewidmet haben.


Trivial ist vielleicht noch die Nuance, dass 1940 Cranach und Rembrandt den Beginn der protestantischen Bildkunst darstellen, während sie 1953 auch schon dessen Höhepunkt bilden. Zweitens fällt auf, dass alle genannten Künstler bei Abfassung der ersten Auflage lange verstorben waren: Hans Thoma (1839-1924) – Lovis Corinth (1858-1925) – Max Slevogt (1868-1932). Für jemandem, der im Rahmen seiner Arbeit im Kunstdienst u.a. auch mit Emil Nolde und Ernst Barlach zu tun hatte, ist das schon eine merkwürdige Beschränkung. Die Nennungen von Thoma und Slevogt lassen sich sicher leicht erklären, während das bei Corinth schon schwieriger ist. Offensichtlich kann sich Wendland 1940 darauf verlassen, dass die nationalsozialistische Trennung in einen frühen guten und einen späten schlechten Corinth jedermann bekannt ist. In der zweiten Auflage kann er dann so tun, als habe er den ganzen Corinth gemeint. 1953 fügt Wendland ohne weitere Begründung seiner Aufzählung von Künstlern des großen Vermächtnisses der evangelischen Kirche einen weiteren Namen hinzu: Steinhausen. Ehrlich gesagt, ich musste erst nachschlagen, um festzustellen, dass wohl Wilhelm Steinhausen (1846-1924) gemeint ist. Steinhausens Werke waren „in religiös gesinnten Kreisen weit verbreitet (Schlatter-Bibel, Gesangbuch-Illustrationen, Konfirmations-Urkunden, Kunstdrucke)“ und hat „die volkstümliche Rezeption religiöser Motive beeinflusst“ (wikipedia). Auch Steinhausen war bei der Abfassung der ersten Auflage schon verstorben. Warum taucht er also dort nicht auf? Die Erklärung ist einfach: Steinhausen hatte eine jüdische Mutter. Das hätte 1940 natürlich nicht gepasst, 1953 dafür um so mehr. Es ist einfach nur widerlich.

S. 36

Kunst ist seit jeher nicht nur Können, sondern Künden. Staatliche Kunst kündet von der Größe und Macht des Volkes, von der Schönheit seiner Menschen und seines Landes. Christliche Kunst kündet von der Wahrheit des Evangeliums …

S. 44

Kunst ist seit jeher nicht nur Können, sondern auch Künden. Christliche Kunst kündet von der Wahrheit des Evangeliums …


An einer Stelle schreibt Wendland sogar explizit, dass der Staat der Kirche an Bedeutung vorgeordnet sei. Deshalb ist auch hier die Reihenfolge nicht zufällig.

S. 40

Unsere Kirchen müssen in ihren Bildern wieder an die ‚Gemeinschaft der Heiligen’ erinnern. Sie, die ‚ein Leib’ mit uns sind, denen wir uns über Raum und Zeit hinweg verbunden fühlen, sollen im Bild als Zeugen der Wahrheit des Evangeliums gegenwärtig sein, ebenso wie jene jüngsten Märtyrer von Dorpat und Bromberg.

S. 47

Unsere Kirchen sollten mit ihren Bildern wieder an die ‚Gemeinschaft der Heiligen’ erinnern. Sie, die ein Leib mit uns sind, denen wir uns über Raum und Zeit hinweg verbunden fühlen, sollten im Bild als Zeugen der Wahrheit des Evangeliums gegenwärtig sein.


Abgesehen davon, dass Wendland das mit der „Gemeinschaft der Heiligen“ offensichtlich nicht verstanden hat (er versteht darunter die Heiligen der Kirchengeschichte), ist die unmittelbare Übernahme der Goebbelschen Propaganda (Bromberger Blutsonntag) in den theologischen und religiösen Deutungshorizont (Märtyrer) ungeheuerlich.

S. 42

Die Mächtigkeit romanischer Formung, die Innigkeit gotischer Gestaltung und die Lebensfreudigkeit des Barock, sie alle sind an der kirchlichen Kunst nicht vorübergegangen, sondern in ihr aufgegangen und haben sie zu schönsten und edelsten Werken geführt. Und so muss auch heute der kräftige und gesunde Gegenwartswille unserer Zeit, das gewaltige völkische und politische Geschehen der letzten dreißig Jahre in unserer Kunst Gestalt werden und seinen Spiegel finden. Auch in der kirchlichen Kunst, da ja letztlich auch diese ungeheure Erschütterung, die über die Völker der Erde geht, aus der Hand des Herren der Geschichte kommt.

Wir müssen wieder lernen, auch die kirchliche Kunst nicht allein unter dem engen Gesichtswinkel ihrer kirchlichen Bestimmung zu sehen, sondern darüber hinaus die Ausstrahlung beachten, die von einer starken, innerlich gefestigten Kunstentwicklung in der Kirche auf das Volk und die Völker der Erde ausgehen kann.

S. 47f.

Die Mächtigkeit romanischer Formung, die Innigkeit gotischer Gestaltung und die Lebensfreudigkeit des Barock sind ja von der christlichen Kunst ausgegangen und haben sie zu schönsten und edelsten Werken geführt. Und so wird auch der Kampf und das unendliche Leid unserer Zeit in unserer Kunst ihren Spiegel finden. Sie kommt aus der Hand des Herrn, dem sie dienen soll und den sie preisen wird.




Wir müssen aber auch die christliche Kunst nicht allein unter dem engen Gesichtswinkel ihrer kirchlichen Bestimmung ansehen, sondern darüber hinaus ihre Ausstrahlung beachten, die von ihr als einer starken, auf die Mitte des Evangeliums bezogenen Kunstentwicklung auch auf die außerhalb der Kirche stehende Kunst und auf andere Völker ausgeht.


Ein weiteres Beispiel für die Beliebigkeit der Argumentation. Ob durch den Weltkrieg ausgelöste Erschütterung oder ob durch den Krieg verursachtes Leid, alles wird ideologisch integriert. Was bleibt, ist aber die völkische Wirkung auch kirchlicher Kunst, denn Kunst ist und bleibt für Wendland Ausdruck von Ideologie.

Die nächsten drei Kapitel beschäftigen sich mit dem kirchlichen Gerät, dem christlichen Haus und der letzten Wohnung. Hier fällt vor allem die Regelungswut des Autors auf. Bis in das kleinste Detail des Haushalts hinein soll bestimmt werden, wie evangelische Existenz künstlerisch auszusehen habe. Das Buch schließt dann mit dem Kapitel DIE AUFGABE.

S. 66

Wir haben gesehen, dass die Kirche auf dem Gebiet der christlichen Kunst vor großen und wichtigen Aufgaben steht.

S. 73

Über uns liegen die Zeichen einer wahrhaft apokalyptischen Zeit. Allmählich werden die Trümmerberge der Städte zwar bewältigt, aber in den Herzen der Menschen brennt noch immer die düstere Flamme des Chaos. Die Christenheit steht unter dem Gericht, das ihr schönste Werke der Kunst ihrer Väter nahm.


Nein, natürlich war es nicht der Nationalsozialismus und seine kirchlichen Apologeten, die für den Zweiten Weltkrieg und die Vernichtung von Menschen und Werken sorgte. Es war irgendwie ein Gericht, das die Werke nahm und eine Apokalypse, die zu den Trümmern führte. Das klingt schön religiös und kirchlich und dokumentiert doch nur, dass Wendland nicht einmal im Ansatz bereit ist, zu sagen: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.“ Oder wie Karl Barth es in einem Brief an Martin Niemöller von den evangelischen Kirchenleitern forderte, einzugestehen, dass die gegenwärtigen Nöte Deutschlands und Europas auch eine Folge des eigenen Fehlverhaltens seien.

S. 69

Will die christliche Gemeinde nun das künstlerische Element in ihrem Gotteshause nicht missen, so muss sie selbst zur Tat schreiten und muss Auftraggeberin für alle bildenden Künste werden. Damit wird sie sich dann auch in das gesunde und lebendige Kunstleben des Volkes eingliedern und die Aufgaben erfüllen, die einer großen öffentlichen Körperschaft zustehen. Dass die christliche Kunst innerhalb der völkischen Kunst steht, ist eine Tatsache. …

Aber das große Geschehen unserer Zeit ist ja auch an der Kirche nicht spurlos vorübergegangen. Und auch ihr werden aus Schutt und Asche dieses Krieges, aus dem Neuwerden im deutschen Osten wie aus der Heimkehr der Gebiete im Westen viele, viele Aufgaben erwachsen, die gemeistert werden müssen. …

Diejenigen aber, die das Feld vor sich sehen, müssen danach trachten, die Entwicklung, die sich in den ersten sieben Jahren der Kirche im neuen Reich angebahnt hat, vielfältiger zu entfalten, weil in dieser Zeit einer neuen beginnenden Kunstentwicklung der Gemeinde und damit der Kirche die Aufgabe erwachsen ist, der Kunst in ihrem Bezirk erneut Raum zu geben …

S. 77

Aber alle diese guten Ansätze werden erst dann weiter wirken können, wenn es gelingt, den Künstlern Aufgaben zu stellen. Denn allein der Auftrag bringt die Entwicklung weiter.


Am Ende seines ersten Buches wird Wendland noch einmal nationalsozialistisch pathetisch, am Ende seines zweiten Buches religiös (un)inspiriert schweigsam. Tatsachen sind plötzlich keine mehr und unterliegen der Amnesie. Aber die Aufgaben bleiben natürlich, ganz gleich in welchem Passepartout man sich bewegt: Auferstanden aus Ruinen kann das Programm leicht modifiziert fortgesetzt werden.

Winfried Wendland war von 1949 bis 1953 im Bauamt des evangelischen Konsistoriums Berlin-Brandenburg tätig; von 1953 bis 1966 Kirchenbaurat in Potsdam; von 1962 bis 1976 Leiter des Kunstdienstes der evangelischen Kirche.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/74/am376.htm
© Andreas Mertin, 2011