75 Jahre danach: Kunst und Kirche


Heft 74 | Home | Heft 1-73 | Newsletter | Impressum und Datenschutz

Authentizitätskultur? - Videoclips XXIX

Besprechungen ausgewählter Musikclips

Andreas Mertin

Authentischer Pop – was war das noch? fragte ZEIT ONLINE am 24.11. 2011 und verwies darauf, dass heutzutage nach Authentizität nur noch Relikte aus dem letzten Jahrhundert fragen. Und setzte dem entgegen: „Das alles ist Geschichte. Der Popmusiker von heute bedient sich so unbefangen bei allem, was ihm fruchtbar erscheint, dass nicht einmal der Retro-Begriff mehr etwas bedeutet.“ Daran ist sicher einiges wahr. Und wenn Ralf von Appen im Gespräch mit der ZEIT in derselben Ausgabe sagt, heute „wird gar keine Frage nach Authentizität gestellt. Diese Künstler machen kein Identifizierungsangebot, sie sagen nicht, für welche Szene sie stehen. Es sind einfach Popstars, denen es nur um Entertainment geht“ dann hat das seine offensichtliche Plausibilität.

Und trotzdem will einem die jugendbewegte Absage an das Authentizitäts-Konzept nicht ganz und gar einleuchten. Denn seitdem Madonna das Authentizitäts-Konzept der alten Avantgarden a la Rolling Stones oder Bon Jovi in ein variables Stil-Konzept überführt hat, ohne es gleich der Beliebigkeit preiszugeben, muss Authentizität heute als Stimmigkeit beurteilt werden. Und da lässt sich zeigen, dass die wenigsten Pop-Künstler auf das Konzept des Stils oder der Stimmigkeit verzichten.

Einen Videoclip von Katy Perry, der Goodwill-Ikone der Mittelschicht, wird man immer wieder erkennen. Sie kann die Themen wechseln sooft sie will, aber der Stil bleibt doch kenntlich, die angedeutete Grenzüberschreitung die deutlich vor der Grenze bleibt. Ein Video von Pink zeichnet die gleiche Charakteristik aus, der beschwingte Aufstieg aus schlechten Vorausetzungen und ungünstigfen sozialen Gegebenheiten, der gegen eine We3lt durchgesetzt wird, die sich an anderen Idealen orientiert. F**ckin’ Perfect eben. Katy Perry könnte F**ckin’ Perfect nicht machen – schon gar nicht mit diesen Bildern. Und Pink wäre Friday night einfach nur peinlich. Wenn das aber so ist, dann sind Restelemente des Konzeptes Authentizität doch noch vorhanden. Und sie gehen über die bloße Inszenierung hinaus. Jugendliche als taffe Medienkonsumenten zu charakterisieren, die die Inszenierungen der Medienwelten durchschauen, weil sie sich selbst inszenieren und die Inszenierung inzwischen universal geworden ist, bringt einen nicht wirklich weiter. Denn die gleichen Jugendlichen nutzen das Zeichensetting trotzdem als Empowerment im Rahmen eines Stil-Konzeptes.

Das einzige aufregende Beispiel, das ich zur Zeit kenne, dass dem Stilkonzept im weiteren Sinne nicht folgt, ist Jessie J, bei der ich den Eindruck habe, dass sie Stile nahezu kontingent nutzt. Das einzige was bei ihr die Verbindung zwischen „Do it like a dude“, „Price tag“, „Domino“ und den anderen Songs herstellt, ist das stimmliche Konzept.

Die Kritik ist angesichts der fehlenden Kategorisierbarkeit der Absolventin der London School for Performing Arts & Technology gelinde gesagt irritiert: Music critic Matthew Perpetua of Pitchfork Media compared Jessie J to her peers Adele and Amy Winehouse, but admitted she was missing something: "Whereas Adele and Winehouse also have powerhouse voices, they fit into clear aesthetic niches and invest their songs with depth and humanity. Jessie J doesn't have even a fraction of their restraint." Perpetua added: "Her idea of showcasing her gift is to shoot for a blaring melisma on "Mamma Knows Best" that makes Christina Aguilera seem as subtle as Joni Mitchell by comparison." Ailbhe Malone of the music magazine NME also recognized Cornish's "undeniably potent voice". However, she pointed out the possible "identity crisis" that might have been caused by Jessie's songwriter past: "This is an album of singles for other artists. There’s Rihanna Jessie (‘Do It...’), Perry Jessie (‘Abracadabra’), Pixie Jessie (‘Mamma Knows Best’), Ellie Jessie ('Big White Room')." (Wikipedia)

Das genau glaube ich das Zukunftsweisende am Auftreten von Jessie J. Zwar wird sie niemand mit Rihanna, Perry, Pixie, Ellie, Pink oder gar Miley verwechseln, aber sie könnte diese jederzeit simulieren. In einem gewissen Sinne ist die Popmusik erst mit Jessie J wahrhaft postmodern, während Madonna und Kollegen nur postmoderne Ankündigungen und intentionalen Konzepten weiter verbunden waren.

***

Hinweisen möchte ich noch auf zwei Clips, die ich eher zufällig bei der kursorischen Lektüre meines Videoclip-Streams von Google+ entdeckt habe und an denen mein Auge dann hängen geblieben ist.

William Shatner – Bohemian Rhapsody

Es ist irgendwie komisch, als Captain Kirk fand ich William Shatner immer ziemlich affig und überhaupt nicht kultig. Schätzen gelernt habe ich den 1931 geborenen Kanadier erst mit der Rolle des Denny Crane in der Serie Boston Legal, die zwischen 2004 und 2008 gedreht wurde.

Dass Shatner auch Musiker ist, wusste ich nicht. Aber im Oktober 2011 verbreitete sich ein Videoclip wie ein Virus auf Google+, er wurde immer wieder vorgestellt und weiterverbreitet und die Kombination von Sänger und gecovertem Titel mochte man zunächst nicht glauben. William Shatner singt (oder sollte man nicht besser sagen: spricht) Bohemian Rhapsody von Queen aus dem Jahr 1975. Sicher, auch der alternde Denny Crane in Boston Legal hat einen Hang zum Pathos, aber das hat sein Kollege Allan Shore (gespielt von James Spader) dort ebenfalls. Die Frage aber war für mich, ob sich William Shatner mit Freddie Mercury würde messen können. Vorab konnte man sich noch auf der Wikipedia zur Musik von Shatner so informieren lassen: „Shatners Musikstil zeichnet sich durch seine als ‚Spoken Word’ bezeichnete Gesangsweise aus, die tatsächlich eher an eine schauspielerisch gestaltete Lyrikrezitation mit musikalischer Untermalung als an Gesang erinnert. 1968 kam sein erstes Album The Transformed Man heraus. Die darauf enthaltene Version des Beatles-Titels Lucy In The Sky With Diamonds wurde von den Zuschauern des Fernsehsenders Music Choice zum schlechtesten Beatles-Cover aller Zeiten gewählt. Sein bislang letztes Album Has Been erschien 2004, produziert von Ben Folds. Es enthält als Duett mit Joe Jackson unter anderem eine Neueinspielung des Titels Common People der Gruppe Pulp. Auf dem Album wirken neben Ben Folds auch Henry Rollins, Aimee Mann und Brad Paisley als Gastvokalisten mit.“ Bohemian Rhapsody erschien im Herbst 2011.

Der Clip ruft zum einen durch die Untertitelung den Liedtext von Bohemian Rhapsody in Erinnerung, positioniert das Ganze in eine kitschige Liebesszene vor Weltraumhintergrund und lässt ansonsten Shatner als Schemen vor dem Universum vor sich hin brabbeln. Das ist sicher urkomisch, erfüllt aber keinerlei Ansprüche an Qualität oder Stimmigkeit, sondern ist eher schon burlesk. Ein Blog titelte: That ... Was Painful: William Shatner Covering Queen's 'Bohemian Rhapsody' (Terribly). Wie wahr. Anschauen kann man es sich trotzdem.

Hold your horses - 70 Million

Dieses Video reinszeniert einige der so genannten Meisterwerke der Malerei in videoästhetischer Form. Das hat seit bald 20 Jahren eine gewisse Tradition in der Popkultur und wurde schon von Gruppen wie R.E.M. in „Losing my religion“ (Hommage an Caravaggio), Metallica in „Until it sleeps (Hommage an Hieronymus Bosch) oder Michael & Janet Jackson in „Scream“ (Hommage an die jüngere Kunstgeschichte) eingesetzt.

Bei Hold your horses ist nun in „70 Million“ ein heiteres Gemälde-Raten daraus geworden. Jeder kann am Videoclip seine Grundkenntnisse abendländischer Kunstgeschichte überprüfen. Fans haben als Video-Response selbstverständlich längst eine Fassung erstellt, die die verwendeten Gemälde decouvriert. Aber schauen und raten Sie selbst:

Artikelnachweis: http://www.theomag.de/74/am372.htm
© Andreas Mertin, 2011