Rede an die Menschheit

Eine Buchvorstellung

Andreas Mertin

Im Heft 67 des Magazins für Kunst, Kultur, Theologie und Ästhetik hatte ich unter der Überschrift „Wahrnehmungsstörung“ Beobachtungen zur aktuellen protestantischen Kulturhermeneutik vorgelegt, die sich auf Ottmar Hörls Installation in Wittenberg bezogen. Inzwischen ist die Installation abgebaut und die Kunstobjekte verteilen sich über die Welt.

Zur Installation ist ein kleines Bändchen erschienen, das den Aufbau und die Durchführung der Installation dokumentiert und ein Interview mit dem Künstler enthält.

"Hier stehe ich …". Ein Kunstprojekt in der Lutherdekade = "Here i stand …". Hg. Von der Geschäftsstelle der EKD in Wittenberg u.a.  (2010): Lutherstadt Wittenberg [ISBN 3-9808638-2-4]

Erhältlich ist es bei der Geschäftsstelle der EKD in Wittenberg und im Buchhandel.


Wer sich grundlegender über die Kunst des Künstlers Ottmar Hörl informieren möchte, dem sei ein anderes Buch ans Herz gelegt, das ebenfalls 2010 erschienen ist:

Hörl, Ottmar (2010): Rede an die Menschheit. Unter Mitarbeit von Christoph Maisenbacher.

Das Buch ist eine Werkübersicht von 1978 bis 2010, umfasst 300 Seiten und erschließt die einzelnen Projekte durch ein erläuterndes Gespräch zwischen Ottmar Hörl und Christoph Maisenbacher.

In aller Regel assoziiert man mit Ottmar Hörl die seriellen Plastikfiguren von der Art, wie sie auch in Wittenberg zu sehen waren, welche das Gespräch über Luther und seine Verbindung zum Seriellen in Gang gesetzt hatten. Und diese Tatsache hat natürlich damit zu tun, dass diese Art der Kunst-Installation fast schon zu einem Markenzeichen des Künstlers Ottmar Hörl geworden ist.

Das Œuvre von Ottmar Hörl ist aber unendlich komplexer und umfangreicher, vor allem ist es – wenn man es einmal durchgearbeitet hat – offenkundig wesentlich politischer: gesellschaftspolitischer und kunstpolitischer Und vor allem ist es von Beginn an von einer intellektuellen Ironie durchdrungen, die fasziniert. Es macht Spaß, das Buch zu studieren, den einzelnen Aktionen und Interventionen nachzugehen. Und Christoph Maisenbacher stellt genau jene Fragen, die sich auch der Betrachter und Leser stellen würde und erleichtert damit das Verstehen. Und die Präsentation im Buch ist so gelungen, dass man die Kunstprozesse imaginieren kann, auch wenn man nicht dabei war.

Schon früh buchstabiert Hörl die Frage der Serialität durch, fragt, wo die Wieder-Holung Erkenntnisprozesse in Gang setzt. Das gilt für die Wellpolyester-Arbeiten wie für die früheren Arbeiten mit Stahl. Es gilt insbesondere für das Kuhprojekt mit der von Hörl gegründeten Gruppe Formalhaut aus dem Jahr 1986, in dem unendlich viel mehr als in den Formaldehyd-getränkten Werken von Damien Hirst steckt. 1991 dann die Besen-Objekte (das war die Zeit, in der ich selbst auf Ausstellungen und/oder Messen auf Ottmar Hörl aufmerksam wurde), die in den Raum ausgreifen. Hörl notiert dazu: „Besenstücke die sich alle auf das Monochrom beziehen. Was mich bei einem Monochrom immer gestört hat, ist die fehlende Tiefe – bei Öl auf Leinwand oder Farbe auf Leinwand ist es nur eine hauchdünne Fläche. Was mich interessiert, ist die sinnliche Präsenz eines Monochroms, dass es Tiefe hat!“ (S. 100). Nun habe ich in meinem Arbeitszimmer einige monochrome Arbeiten verschiedenere Künstler hängen, etwa von Günter Förg und Bernd Berner. Und die Tiefe habe ich eigentlich nicht vermisst, sondern mittels ihrer Arbeiten imaginiert. Ich fände es aber eine Herausforderung, einmal derartige Arbeiten neben ein Besenstück von Hörl zu hängen, um die Differenz zu beobachten. Es müsste sich so etwas ergeben wie Joseph Kosuths One and Three Chairs.

Geradezu hingerissen war ich von der Serie zum Thema Stillleben, die der Stilleben-Malerei des 17. Jahrhunderts nachgeht. Bei Ottmar Hörl gibt es ebenfalls ein Stillleben mit Spargel entsprechend dem nebenstehenden von Adriaen Coorte aus dem Jahr 1697. Aber es gibt darüber hinaus Stillleben für Gauner, mit Käse und Weingläsern und viele andere mehr. 

Es gibt noch so viele interessante und nachdenkenswerte Projekte, die in diesem Buch beschrieben und dokumentiert werden (wunderbar die 500 Rottweiler-Hunde im Nebel der Fußgängerzone von Rottweil), dass ich an dieser Stelle einfach abbreche und sage: Kaufen Sie das Buch.

Artikelnachweis: http://www.theomag.de/69/am341.htm
© Andreas Mertin, 2011