Kunst und Religion - Ein kontroverses Verhältnis

Eine Rezension

Andreas Mertin

Einer Vortragsreihe an der Akademie der Bildenden Künste München im Jahr 2006 verdankt sich dieses Buch, das philosophische, systemtheoretische und kunsthistorische Beiträge zum Thema enthält. Dabei geht es um das grundsätzliche Verhältnis beider Bereiche, nicht um ihre Situierung in der Gegenwart.

Markus Kleinert (Hg.), Kunst und Religion. Ein kontroverses Verhältnis. Mainz 2010

Das Buch enthält fünf Vorträge, die sich zum Teil an konkreten Künstlern (CD Friedrich, Barnett und Mark Rothko), zum Teil an allgemeinen Konstellationen abarbeiten.

Der erste Vortrag der Soziologin Elena Esposito von der Universität Modena geht der Realität des Imaginären in Kunst und Religion[1] nach.

In systemtheoretischer Perspektive entwirft sie eine Verhältnisbestimmung von Kunst und Religion und geht der Frage nach „welche Wirkung die Realitätsverdoppelung in Kunst und Religion hat“. Ihre „Hypothese ist, dass gerade die Formen der Realitätsverdoppelung es ermöglichen, eine Annäherung beider Bereiche herbeizuführen und sie zugleich endgültig voneinander zu unterscheiden“ (15). Dabei gilt: „Sowohl Kunst als auch Religion setzen die vertraute Welt alternativen Möglichkeiten aus – aber verwalten diese Möglichkeiten ausgehend von ganz anderen Prämissen.“ (19) Aufgabe von Religionist es dabei „das Unvertraute in der vertrauten Welt erscheinen zu lassen oder, genauer, nicht zufällige Modalitäten vorzuberreiten, um die Differenz von vertraut und unvertraut im Vertrauten und Zugänglichen zu behandeln …“ (19) Mit steigender gesellschaftlicher Komplexität ändert sich die Form der Religion: „... wenn die soziale Realität komplexer wird ... (reicht es) nicht mehr aus, heilige Dinge und profane Dinge zu unterscheiden und die Welt (die eine einzige Welt) in sichtbare und unsichtbare Dinge nach dem alten Schema von nah und fern, zugänglich und unzugänglich einzuteilen. Die religiöse Perspektive muss komplexer werden und es erlauben, das Religiöse in jedem Aspekt des realen Lebens zu erfassen - wenn dies die interessierende Perspektive ist. Das Religiöse ist nicht mehr Eigenschaft bestimmter Objekte, sondern wird zur Eigenschaft des Beobachters, der dessen Anwesenheit bei allen irdischen Gelegenheiten erfassen kann.“ (20/21)

Die Kunst setzt sich mit einem ähnlichen Problem wie die Religion auseinander(der Realitätsverdoppelung), optiert aber für eine entgegen gesetzte Lösung. „Sie interessiert nicht so sehr, was passiert, sondern wie es dargestellt wird: nicht, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird oder warum es so gesagt wird.“ (24) Grob gesprochen macht die Religion das Unvertraute vertraut, während die Kunstdas Vertraute unvertraut macht (25/26). D.h., „Religion und Kunst … operationalisieren zwei entgegengesetze Weisen, über die Vertrautheit der unmittelbaren Erfahrung zu reflektieren.“ (26/27) Unterschieden sind Kunst und Religion im Blick auf die Inklusion. Beide haben in der Moderne eine eher schwache Inklusionsfähigkeit. Während das für die Kunst aber eine Chance ist, ist es für die Religion ein Problem. (29)

Natürlich ist es wie immer, wenn man Äußerungen aus der Schule von Niklas Luhmann zuhört: es beschleicht einen schnell das Gefühl, dass es zu schematisch, zu routiniert abgewickelt wird, weniger am Phänomen orientiert, als an der idealen Konstruktion. Dennoch ist es erhellend und hilft dabei, die vorschnelle Rede von der Geschwisternschaft von Kunst und Religion auf ihre Sachhaltigkeit zu überprüfen.

Der zweite Vortrag von Reinhard Brandt über Caspar David Friedrich bzw. über die Landschaftsmalerei als Seelenführung[2]. Er schreibt: „Hier freie Kunst und Natur, dort Devotion und Christentum – im zeitgenössischen Streit um die Kunst von Friedrich geht es nicht nur um neue Malerei, um die sachfremde Allegorisierung der Landschaft und ihre Christianisierung, sondern um die Verkehrung von Oben und Unten in Natur und Gesellschaft“ (38). Und worum geht es Caspar David Friedrich? „Friedrich zielt auf eine Landschaft als eine Allegorie im Ganzen, jedes Landschaftsbild ist eine Chiffre unseres begrenzten In-der-Welt-Seins, aus dem der Gläubige erlöst wird ... Die conditio humana ist immer dieselbe: Der Mensch überschreitet das Gegenwärtige, Äußerlich-Räumliche zum Eigentlichen, Seelischen“ (49/50).

Der dritte Vortrag von Errore Rocca handelt vom ästhetischen und religiösen Geheimnis bei Kierkegaard.[3] Er kommt zu der Schlussfolgerung: „Kierkegaard stellt die Möglichkeit einer autonomen Kunst infrage, die imstande ist, die Wahrheit zu äußern. Gleichzeitig stellt er die Möglichkeit einer Ästhetik infrage, die sich durch Reflexion über die Kunst als Fundamentalphilosophie rechtfertigen kann … Meiner Meinung nach plädiert Kierkegaard für eine heteronome Kunst. Indem sie die sinnliche Welt darstellt, verweist sie auf das Übersinnliche, das das Sinnliche stützt und gleichzeitig ausschließt … Sie erhebt nicht den Anspruch, Erfahrung des Wahren zu sein, sondern Erfahrung des Schattens des Wahren“ (76/77). Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Kierkegaard – abgesehen von einigen Äußerungen von Theologen über Kunst – heute in der Kunstdiskussion keine Rolle mehr spielt.

Der vierte Vortrag von Willibald Sauerländer geht über die Transzendenz nach dem Tode Gottes am Beispiel von Barnett Newman und Mark Rothko.[4] Seinen Text habe ich mit viel Genuss gelesen, spiegelt er doch auch die aktuellen Debatten im theologischen Gespräch über die Bildende Kunst und akzentuiert hier die aufklärerischen Positionen. Sauerländer setzt nicht im 20. Jahrhundert ein, sondern zu Recht beim biblischen Bilderverbot und den Problemen, die die christliche Kirche mit dessen Befolgung (oder eben nicht Befolgung) hatte. Sauerländer räumt auch rasch auf mit all den Romantizismen, die bis heute von einer Partnerschaft von Kunst und Religion im Mittelalter fabulieren: „Die Kirche als sakramentale Institution und Gnadenvermittlerin sah in der Kunst nicht ihre Schwester oder Geliebte, sondern nur ihre Dienerin … So war die Kunst im Dienste der Religion … mediatisiert“ (82/84). Als Beispiel für die „Exzesse römisch-kirchlicher Bilderverehrung“ verweist Sauerländer dann auf die skandalösen Vorgänge um die Wallfahrtskirche zur Schönen Maria in Regensburg (84/85). Spätestens mit der Aufklärung und der französischen Revolution ist diese Zeit endgültig zu Ende: „Die eigenständigen, wahrhaftigen religiösen Bilder des 19. Jahrhunderts … brechen radikal mit der traditionellen christlichen Ikonographie und künden vom Tod oder vom Erlöschen der Religion“ (90). Was dann zum Verhältnis von Kunst und Religion noch gesagt (und gemacht) werden kann, zeigt Sauerländer dann am Beispiel des Zyklus „Stations of the Cross“ von Barnett Newman und den Bildern der so genannten Rothko-Kapelle in Houston. Hier gilt: „Die Kunst ist an die Stelle der Religion getreten und soll die Religion vertreten“ (106). Sauerländer räumt ein, dass die jüngste Kunst „solche radikalen Positionen unterlaufen (hat). Der metaphysische Anspruch der Kunst scheint fragwürdig geworden“ (107). Das ist sicher wahr, bedeutet aber nicht das Ende der Reflexion, sondern gerade die Neueröffnung eines Spielraumes, in dem nun – nach der Moderne – die Bestimmungen neu vorgenommen werden müssen.

Der fünfte und letzte Vortrag von Bernhard Lypp geht über die Vorstellungsräume von Kunst und Religion[5]  und führt dabei noch einmal die hegelschen Reflexionen über Kunst, Religion und Philosophie vor Augen. „Worin kann die Gemeinsamkeit der Vorstellungsräume von Kunst und Religion liegen, nachdem sie sich ja in einer Art Götzendämmerung der Reflexion voneinander getrennt und zu selbständigen Lebensdeutungen ausgebildet haben? ... Gemeinsam ist beiden Deutungssystemen die Spaltung der bloßen Wirklichkeit gewöhnlichen Lebens in eine reale und eine imaginäre Realität. … Im Skeptizismus und im Spott über die Welt der natürlichen Gewohnheit setzen wir uns zunächst einmal in eine artifizielle Distanz zu uns selbst und der Welt. Wir setzen die gesellschaftliche Umwelt und uns selbst in Anführungszeichen. Wir klammern die erste Welt ein, um eine zweite an die Stelle des ersten zu setzen“ (129/130) Und Lypp schließt seine Überlegung mit dem schönen Satz: „Wohin die Reise dabei letztlich geht, bleibet aber im Dunkeln“ (131). Das ist schon fast wieder zu theologisch gesprochen.

Fazit: „Kunst und Religion – Ein kontroverses Verhältnis“ ist ein in der Zusammenstellung der unterschiedlichen Zugangsweisen gut gelungenes und bereicherndes Buch im grundsätzlichen Sinne. Man wünschte sich, es gäbe analoge Bücher zum Verhältnis von Kunst und Religion in der Gegenwart (die das Buch weitgehend ausspart), die ebenso erhellend wären.

Anmerkungen

[1]    Esposito, Elena (2010): Die Realität des Imaginären in Kunst und Religion. In: Kleinert, Markus (Hg.): Kunst und Religion. Ein kontroverses Verhältnis. Mainz: Chorus, S. 11–30.

[2]    Brandt, Reinhard (2010): Caspar David Friedrich. Landschaftsmalerei als Seelenführung. In: Kleinert, Markus (Hg.): Kunst und Religion, a.a.O., S. 31–55.

[3]   Rocca, Ettore (2010): Ästhetisches und religiöses Geheimnis. Kierkegaards heteronome Kunst. In: Kleinert, Markus (Hg.): Kunst und Religion, a.a.O., S. 57–77.

[4]   Sauerländer, Willibald (2010): Transzendenz nach dem Tode Gottes. Barnett Newmans "Stations of the cross" und Mark Rothkos "Chapel". In: Kleinert, Markus (Hg.): Kunst und Religion, a.a.O., S. 79–108.

[5]    Lypp, Bernhard (2010): Vorstellungsräume von Kunst und Religion. In: Kleinert, Markus (Hg.): Kunst und Religion, a.a.O., S. 109–131.

Artikelnachweis: https://www.theomag.de/67/am328.htm
© Andreas Mertin, 2010