Saint Eustache

Eine Kulturkirche

Andreas Mertin

Wie muss eine Kulturkirche aussehen und inszeniert werden? Was muss in ihr geschehen, was gehört zur Programmatik, was unterscheidet sie von einer Citykirche? Diese Frage stellte ich mir, als ich in Paris die Kirche St. Eustache besucht hatte. Die Kirche gilt als eine der bedeutendsten Kirchen von Paris und liegt in der Nähe der Börse und dem neuen Forum des Halles. Die Kirche stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde vor allem von den Händlern des früheren Pariser Großmarkts besucht (der unter anderem durch Émile Zolas Roman Der Bauch von Paris bekannt ist). Während der französischen Revolution war die Kirche der Tempel der Landwirtschaft. Ihren Namen hat die Kirche nach einem Heermeister einer Legion unter Kaiser Trajan, dem der Legende nach bei der Jagd ein Hirsch erschien, der in seinem Geweih ein strahlenumwobenes Kruzifix trug, worauf Eustachius (†118) sich bekehrte und später dann zum Märtyrer wurde. Heute zählt er zu den 14 Nothelfern.

St. Eustache, Paris; Foto: Reinhard Kuhlmann

Anders als Kirchen wie die Basilique du Sacré-Cœur oder Notre Dame de Paris ist St. Eustache keine Touristenkirche, sondern eine ganz „normale“ Kirche zur religiösen Grundversorgung und wird von den Parisern auch entsprechend genutzt. Nur ist das Angebot etwas anders, als es in anderen Städten vertraut ist.

So gibt es jeden Montag ein halbstündiges Orgelkonzert von 17:30 bis 18:00. Dabei wird das jeweils gespielte Repertoire vom Organisten vorgestellt und erläutert. Als wir da waren, spielte Vincent Crosnier das „Präludium und Fuge C minor (1836)“ von Félix Mendelssohn-Bartholdy und das „Prélude, Adagio et Choral varié sur le Veni Creator op. 4 (1930)“ von Maurice Duruflé. Die Kirche war gut gefüllt und die Mehrzahl der Besucher war eigens für das Konzert gekommen. Besucht wurde das Konzert, zu dem jeder freien Eintritt hatte, vor allem von Pariser Bürgern, die sich für eine halbe Stunde in der Kirche niederließen, sich die Musik anhörten und dann wieder zu ihren Alltagsgeschäften übergingen. An das Orgelkonzert schloss sich nahezu übergangslos ein Gottesdienst an, der wiederum von anderen Bürgern besucht wurde, die deutlich älter waren. Aber auch dieser Gottesdienst war insofern etwas Besonderes, als dass er sich in der gesanglichen Gestaltung von der normalen Messe deutlich abhob.

Berühmt ist die Kirche aber auch für ihre Gastfreundschaft gegenüber zeitgenössischen Künstlern, die hier Werke platziert haben.

Pierre et Gilles

Wir waren in die Kirche u.a. deshalb gegangen, weil dort im Rahmen der Ausstellung „La Force de l’Art 02“ ein Werk des französischen Künstlerpaares Pierre et Gilles installiert war. „La Force de l’Art 02“ ist eine Art Leistungsschau französischer Kunst, böse Zungen sagen eine Landwirtschaftsmesse für französische Gegenwartskunst.

Im Rahmen dieser Ausstellung durften fünf Künstler außerhalb des Grand Palais ihre Werke kontextualisieren, darunter eben auch Pierre et Gilles in St. Eustache. Ihnen wurde nach Absprache mit den Beteiligten die Taufkapelle im nördlichen Seitenschiff überlassen, die so und so zur Renovierung anstand und als „Baustelle“ erkennbar war. Dort platzierten die beiden Künstler ihr Werk, abgetrennt vom Publikum nicht nur durch ein in der Kirche bereits befindliches Gitter, sondern auch durch künstlich aufgestellte Leitkegel. Hinter dem Gitter eine Fülle von Kerzen und darüber die künstlertypische Arbeit, die die französische Schauspielerin marokkanischer Abstammung Hafsia Herzi zeigt, die inmitten eines Schrotthaufens und vor dem Hintergrund von Hochhäusern sitzt. Man könnte an das Magnifikat denken, wenn es nicht zu den Eigentümlichkeiten von Pierres et Gilles gehören würde, ihre Darstellung kitschig-pathetisch zu überhöhen. So aber ergibt sich ein eigentümlicher Kontrast von Überhöhung und Kontextualisierung, der sich in der Kapellenbaustelle in der Kirche wiederholt. Wer die Bilder von Pierres et Gilles kennt (eine Zusammenfassung gibt es hier), ist von der Präsentation wenig überrascht, kann aber ahnen, welche Herausforderung es für die Veranstalter gewesen sein muss, die beiden hier auszustellen und zu inszenieren. Faktisch haben sich die beiden aber dem Ort zu bereitwillig unterworfen:

„Das Ergebnis dieser Suche spielt mit Paradoxen und nicht mit Provokationen … Tatsächlich und gegen allen Anschein, bleiben Pierre und Gilles der klassischen Komposition treu … Die Haltung der Jungrau mit dem Kind auf dem linken Arm und in dem sie es mit der rechten Hand als Christus bestimmt, stimmt mit den ältesten christlichen Ikonographien überein.“ (Marie Caujoile)

Anders als bei ihrem berühmten schwülstigen Hl. Sebastian spielen sie dieses Mal aber nicht mit Ambivalenzen. Da ist ihnen der Mut auf der Zielgeraden verloren gegangen. Diese Kombination von Autoschrott und Hochhausghetto mit einer alles überstrahlenden Mutter Gottes ist fast schon normaler Bestandteil vieler katholischer Kirchen rund um die Welt. Das ist nur schwer als etwas Besonderes zu verkaufen:

„In dieser Komposition scheint alles darauf hinaus zu laufen, dass Pierre und Gilles einen falschen Schein erzeugen wollen. Auch wenn sie den klassischen Vorbildern treu bleiben, wollen sie demonstrieren, dass eine als altmodisch empfundene Darstellung Neues hervorbringen kann. Dieses Neue liegt nicht so sehr in der Form oder im Thema sondern eher in jenem, was als peripher erscheinen mag, das aber in dieser Komposition wie der Installation einen besonders wichtigen Platz einnimmt. Das ist vielleicht die Nachricht der „Erbauung" von den beiden Künstlern. Im Zentrum von Paris scheinen uns Pierre und Gilles einzuladen, unser Augenmerk auf das Periphere zu richten, was wir nicht beachten, auf unsere reichen Vorstädte.“ (Marie Caujoile)

Eine Sache für sich war der in der Kirche ausliegende Flyer zum Kunstwerk. Keine Nation vermag so blumig und Bedeutung erheischend über Kunst zu reden und schreiben wie gerade die Franzosen. Und der Pfarrer von St. Eustache tut dies ausgiebig:

„In einer Epoche, in der das Religiöse nur eine Karikatur seiner selbst zu bieten scheint, in einem Moment, in dem das Christentum in unserer vor Reichtum berstenden und von Unsicherheiten überbordenden westlichen Welt ausgelaugt (erschöpft) erscheint, in einer Periode, in der der Katholizismus den Eindruck erweckt, sich nur noch gegen Starrbilder zu stemmen, in dieser Zeit scheint es uns wichtig zu zeigen, wie wir in Wirklichkeit die Freuden und Hoffnungen, die Ängste und die Trauer teilen, die jede menschliche Existenz bestimmen, heute wie gestern.“

Und dann auf das ausgestellte Künstlerpaar Pierres et Gilles zielend:

„Das glücklicherweise sehr unterschiedliche Publikum, das die Kirche betritt - Gemeindemitglieder, Besucher, Touristen, Leute der Straße, Studenten der Kunstakademie und Fromme der heiligen Rita, Menschen auf der Suche nach Ruhe und Stille und Glückliche in der Ruhe und Stille, immer Wiederkehrende und schnell Vorbeiziehende in diesem großen Kirchenschiff - kurzum jeder dieser begierigen, fröhlichen, unruhigen oder müden Menschen soll sofort verstehen, worum es bei diesem Kunstwerk geht. Bei aller Verständlichkeit für ein breites Publikum muss das Kunstwerk gleichzeitig aber so ausgefeilt (ausgearbeitet) sein, dass es die Nachdenklichkeit derjenigen anregt, die bereit sind zu hinterfragen und sogar zum Umsturz bereit sind. In der Art und Weise wie Saint. Eustache Pierre und Gilles empfängt, scheint auch für sie selbst eine neuer Umgang mit ihnen in ihrer Historie als Künstler verbunden zu sein, da Saint. Eustache ein Werk ausstellt, das sich sofort in den kirchlichen Rahmen einordnet. Doch „Die Jungfrau und das Kind" geht über die einfache Illustration hinaus indem es religiöse Unterschiede hinterfragt, aber auch empfindliche Fragen nach der „Diversität» stellt, die dem Christentum bekannt sind, geboren aus der Vermischung der semitischen Welt mit der griechisch-römischen Welt und die alle Grenzen aufheben.“

Da fotografieren Pierre et Gilles eine Frau mit Kind in einer Baustelle und sofort eröffnet sich ein Kosmos, der die gesamte Geschichte des Christentums umfasst, das ist wirklich cool. Trotzdem ist die Inszenierung etwas Besonderes, mich würden vor allem Studien interessieren, wie die normale Bevölkerung, die sonst auch zu den Madonnendarstellungen in den Kirchen läuft, nun mit der Darstellung von Pierre et Gilles umgeht. Pierre et Gilles sind freilich nicht die ersten zeitgenössischen Künstler, die in St. Eustache eine Heimstatt gefunden haben.

Keith Haring

Geht man durch die Kirche hindurch findet man u.a. auch ein Werk von Keith Haring. Es ist fast schon unscheinbar in einer weiteren Seitenkapelle platziert. Beim ersten Mal bin ich direkt daran vorbeigelaufen ohne es wahrzunehmen. Das ist schade, denn es hätte eine bessere Inszenierung verdient. Das „Altar Piece“ ist ein Multiple von Keith Haring zum Leben Jesu, von dem drei in Kirchen (die katholische Cathedral Church of St. John the Divine in New York; die episkopale Grace Cathedral in San Francisco und eben St. Eustache in Paris) und fünf in Museen platziert sind. Virtuos spielt Haring mit seinem bekannten Formenvokabular, verzichtet dieses Mal aber auf jegliche Graffiti-Farbigkeit sondern setzt das ganze Werk in Gold. Das hat seinen eigentümlichen Reiz. Keinesfalls wirkt das Werk pathetisch, auch stellt sich die durch die Goldfarbe nahe liegende Assoziation an Ikonen oder sienesische Malerei nicht ein. Statt dessen generiert es eine geradezu transluzente Wirkung, so dass das Werk eher an ein Fenster zum Himmel erinnert als an ein dreiteiliges Altarbild. Als Andachtsaltar im eigentlichen Sinne würde ich ihn gerne einmal in Gebrauch sehen, allerdings verirrten sich bei unserem Besuch nur interessierte Touristen in die Seitenkapelle.

Kulturkirche

Betrachtet man St. Eustache als Kulturkirche, so fällt als erstes die Selbstverständlichkeit auf, mit der hier verschiedene Sparten der Kultur in den religiösen Alltagsvollzug wie in den allgemeinen Alltag der Menschen eingebunden werden. Natürlich kann nicht jede Kirche ein derartig qualifiziertes Angebot machen, aber in größeren Städten sollte es eine Kirche geben, die an zentraler Stelle ein qualifiziertes Kulturangebot unterbreitet. Die Differenz zur Citykirche sehe ich darin, dass diese sich in aller Regel von der nicht mehr vorhandenen Gemeinde her konstituiert. St. Eustache akzentuiert dies anders: „Das glücklicherweise sehr unterschiedliche Publikum, das die Kirche betritt - Gemeindemitglieder, Besucher, Touristen, Leute der Straße, Studenten der Kunstakademie und Fromme der heiligen Rita, Menschen auf der Suche nach Ruhe und Stille und Glückliche in der Ruhe und Stille, immer Wiederkehrende und schnell Vorbeiziehende in diesem großen Kirchenschiff …“ nämlich als Bereicherung in der Vielfalt. Die Kulturarbeit wird hier dezidiert als theologische und religiöse Aufgabe begriffen. An keiner Stelle hatte man das sonst in den Kirchen Deutschlands verbreitete Gefühl, es ginge um eine „um zu“-Handlung, d.h. man mache das nur, um die Menschen in die Kirche zu bekommen. Nein, die Kultur war in St. Eustache kein Lockangebot, sondern gehörte zur praxis pietatis hinzu.

Artikelnachweis: http://www.theomag.de/60/am285.htm
© Andreas Mertin, 2009