Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Magazin für Theologie und Ästhetik


Revisited

crossbot nach zwei Jahren

Andreas und Jörg Mertin

Zwei Jahre ist es her, dass im Magazin für Theologie und Ästhetik kritisch über die christliche Qualitätssuchmaschine crossbot diskutiert wurde. Inzwischen gab es nicht viel Neues zu diesem Thema zu berichten. Crossbot tat seinen Dienst, doch wird der Nutzen dieser Suchmaschine weiterhin wenig plausibel. Verglichen mit anderen Suchmaschinen und Verzeichnissen ist ein besonderer Erkenntnisgewinn schwer vermittelbar. Crossbot formuliert einen umfassenden quantitativen und qualitativen Anspruch, doch in Wirklichkeit handelt es sich um ein binnenkirchlich fokussiertes und gefiltertes Angebot der evangelischen Kirche in Deutschland.

Das offensive Bekenntnis zur Filterung der angezeigten Ergebnisse gehörte zu den Gründungsdokumenten von crossbot. Gläubigen sei es nicht zuzumuten, bei der Eingabe des Stichwortes “Abendmahl” als erstes auf das – inzwischen gar nicht mehr existierende – Restaurant “Abendmahl” in Berlin statt auf christliche Lehre zu stoßen. Stolz verkündete man daher, dass crossbot in der Lage sei, derartige Ergebnisse zu vermeiden, d.h. sie auszufiltern. Nun ist der Einsatz von Filtern (der ja etwas anderes ist als ein Ranking von Ergebnissen) immer problematisch, weil er es gestattet, bewusst Dinge herauszulassen, die einem nicht passen – bestenfalls das erwähnte Restaurant, schlimmstenfalls unerwünschte Kritik. Gewiss schliesst beinahe jede Suchmaschine Webseiten aus. Bei google findet man nicht direkt pornographische Angebote und auch manche ideologischen Seiten werden offenkundig unterdrückt. Bei der Bildersuche weist Google explizit darauf hin, dass es derartige Filter verwendet und nicht alles anzeigt, was es findet. Begründet wird dies mit dem Jugendschutz. So weit, so gut und nachvollziehbar. Die Frage aber bleibt, in welchem Umfang und mit welchem Ziel Filter angewandt werden. Zusätzlich muss man bei thematischen Verzeichnissen nach der positiven Norm fragen. Es muss also nicht nur nach dem Wegzulassenden, sondern auch nach dem Aufzunehmenden gefragt werden. crossbot hat ausführlich Auskunft über die Kriterien gegeben, die angewendet werden. Die Kriterien von crossbot sind im Prinzip institutioneller Art. Webseiten von christlichen Gemeinden sowie Seiten, die sich im Horizont der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen bewegen, werden aufgenommen. Auch die privaten Seiten werden diesen Kriterien zugeordnet. Somit werden kirchlich-institutionelle Informationen angefordert, aufgenommen und geboten. Also handelt es sich bei crossbot um ein kirchliches Informationsangebot mit einem indirekt erkennbaren konfessionellen Hintergrund.

Crossbot könnte sich deutlicher als solches Angebot zu erkennen geben. Der Begriff “christlich” ist zu besitzergreifend und gleichzeitig zu undeutlich. Es gibt mehrere, im einzelnen allerdings nur bedingt vergleichbare kirchliche Informationsangebote im Netz. Zum Beispiel:

chrisnet - kathweb - feuerflamme - jesus.de - kirche21 - kirche im Internet

Hinzu kommen die säkularen Verzeichnisse, zum Beispiel:

bellnet - yahoo - google - google

Es fällt übrigens auf, dass es (siehe crossbot) im evangelischen Bereich üblich ist, die Institution Kirche nicht zu nennen bzw. den Begriff schwächer zu gebrauchen als die katholischen Angebote. Doch gerade “crossbot” ist von allen nichtkatholischen Anbietern der “institutionellste”.

Ein konfessionell-institutionelles Informationsangebot zu erstellen, ist gut vertretbar. Doch dieses Angebot zu verschleiern, indem als universal christlich bezeichnet wird, was lediglich Informationen aus einem ganz bestimmten Kirchenbereich sammelt, schmeckt nach Ideologie und Public relations. Man spürt den Überbietungsversuch, insbesondere wenn man an den ebenfalls verwendeten Begriff “Qualitätssuchmaschine” denkt. Statt Überbietung wäre differenzierte Kenntlichmachung erforderlich.

Wahrscheinlich aufgrund der institutionellen Interessengebundenheit fehlen auch weithin kritische Reflexionsansätze, wie Religionssoziologie, Kirchenreform, Kirchenkritik, Religionskritik. Eine aufgeklärte Religion sollte sich doch aber im Gegenwartsbezug darstellen, als denkerisch relativ. Dabei wird der positiv-konfessionelle Kern nicht verwässert, sondern lediglich in Beziehung gesetzt zur aufgeklärten Gegenwart.

Da ist man, wenn man schon Suchmaschinen bemühen will, bei den technischen Anbietern besser bedient. Wer das Stichwort “Kirchenkritik” eingibt, findet bei der crossbot bedienenden Suchmaschine abacho 3210 Fundstellen, bei crossbot 380 (beim Suchwort Kirchenreform ist das Verhältnis 3798:758). Das ist ein Verhältnis von 1:8 (bzw. 1:4,5) und bedarf der Erklärung. Bei den 3210 Fundstellen von abacho wird an erster Stelle auf den entsprechenden wikipedia-Artikel, an zweiter Stelle auf die Adresse www.kirchenkritik.de und an dritter Stelle auf www.ekhn-kritisch.de verwiesen. Geht man nun die 380 Fundstellen bei crossbot durch, findet man weder das Stichwort von Wikipedia noch die Adresse www.kirchenkritik.de noch die Seite des hessischen Pfarrers, der www.ekhn-kritisch.de betreibt. Bei der Anmeldung der zuletzt genannten Seite fragte der sie betreibende Webmaster die Suchmaschine crossbot nach der Kategorie, unter der bei crossbot Kirchenkritik gelistet wird. Das sei eine private Homepage wurde ihm beschieden. Das in einer Kirche zu hören, die das ecclesia semper reformanda als wichtige Erkenntnis vermittelt, offenbart einen blinden Fleck.

Auch im Einzelnen stellen sich immer wieder Fragen. Die Seiten des Magazins für Theologie und Ästhetik sind offenkundig im Verzeichnis von crossbot gelistet. Heißt das auch, dass jene Seiten des Magazins, die sich kritisch mit der “christlichen Suchmaschine” beschäftigen, gelistet werden? Mitnichten! Google findet die Texte innerhalb einer zehntel Sekunde, aber crossbot schweigt … Der entsprechende Artikel wird bewusst ausgeblendet. Bewusst, denn im Autorenverzeichnis, das crossbot korrekt erfasst, ist er ausgewiesen. Nur der Artikel selbst wird nicht indexiert. Ein Spider, einmal angesetzt auf eine Adresse wie www.theomag.de erfasst aber alle Seiten, die innerhalb der Adresse intern verlinkt sind. Und da crossbot selbst jene Seite erfasst hat, die explizit für Spider eingerichtet wurde (www.theomag.de/liste.htm), gibt es keine Erklärung dafür, dass bestimmte Seiten bei der Erfassung ausgelassen werden. Es sei denn, sie werden manuell oder mit spezifischen Filterregeln entfernt.

Eines der Probleme (es könnte aber auch eine Chance sein, siehe unten) von crossbot ist seine Abhängigkeit von der Selbsteintragung der Internetquellen. Wenn man ausschließlich per Selbsteintragung hineinkommt, dann kennt crossbot keinen organisierten Weg zur angestrebten Vollständigkeit und Repräsentanz. Denn die Erwartung des Nutzers, er werde hier bei crossbot alle “christlich” relevanten Web-Adressen finden, muss bei dieser Art Abhängigkeit von den Nutzereinträgen enttäuscht werden. Und auch weil crossbot den Robotern und automatischen Filtern misstraut und eine personale Kontrollinstanz dazwischen schiebt, sind die Möglichkeiten der Erfassung der Pluralität christlicher Erscheinungsformen im Netz extrem begrenzt – zumal im Zeitalter knapper werdender finanzieller Ressourcen. So bleibt es (trotz einer im Vergleich zu anderen Informationsangeboten hohen Zahl eingetragener Seiten) letztlich doch nur eines der vielen Branchenbücher mit Lücken, die es im Netz gibt.

Es fällt auf, dass es eigentümlich ruhig um das Projekt geworden ist. Wird es einen leisen Tod sterben? Vielleicht sollte man doch noch einen Profilierungsversuch unternehmen. Man könnte das Projekt neu durchdenken und vielleicht erst einmal Ziele formulieren, die man verfolgt. Vor allem aber müßte man sich sowohl von dem Begriff “christlich” als auch von dem Begriff der “Suchmaschine” verabschieden (dass der Name “crossbot” problematisch ist, haben wir schon anfangs angemerkt und dem ist nichts hinzuzufügen). Was jetzt im Netz steht, ist ein Verzeichnis von Anbietern aus dem weiteren Bereich der evangelischen Kirche(n) in Deutschland. Wenn man sich dazu bekennen würde, wäre es völlig in Ordnung. Es müsste dann nur der Mehrwert dieses Verzeichnisses gegenüber anderen erkennbar sein. Das könnte die Vollständigkeit und Aktualität sein, es könnte der differenzierte Katalog sein, es könnte die Bindung an die Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen sein, es könnte die Zuordnung zur evangelischen Kirche in Deutschland sein, usw. Wie wäre es mit: “www.evangelische-kirche(n)-im-web.de?” Und im Untertitel: “Internetverzeichnis der evangelischen Kirchen”? Da gibt es sicher noch bessere Ideen. Dann könnte man verschiedenes überlegen: Wie will sich die Institution evangelische Kirche darstellen? Sollen Kategorien ergänzt oder überarbeitet werden? (z.B. neue Kategorien einführen, etwa Kirchenkritik / Kirchenreform) Dies ist keineswegs zwingend erforderlich, könnte aber die Offenheit und Auseinandersetzungsbereitschaft der Kirche dokumentieren.

Sollten die Kategorien aufeinander verweisen? Soll man weiterhin auf den Eintrag der Nutzer warten oder verstärkt selbst Such- und Redaktionsarbeit machen? Man kann aber auch zusätzlich oder grundsätzlich einen völlig anderen Weg einschlagen und auf die freien Kräfte im Protestantismus setzen. So könnte man nach dem Modell von dmoz.org oder wikipedia interessierte und kompetente Nutzer als Redakteure einladen [Das Open Directory Project (ODP), auch bekannt als DMoz (für “Directory at Mozilla”), ist das umfangreichste von Menschen erstellte Open-Content-Link-Verzeichnis des World Wide Web. Es wird bearbeitet und aktualisiert von einer Gemeinschaft freiwilliger Editoren.] Das wäre eine Richtungsänderung. Aus einer offiziösen Seite (EKD) würde eine Seite mit Beteiligung. Und wäre das nicht auch im evangelischen Sinne gut vertretbar? Aber es wäre wohl ein anderes Projekt als das vorliegende.

Jedenfalls erscheint eine klärende Überarbeitung angebracht, damit man weiss, was man vor sich hat. Und wahrscheinlich ist erheblich mehr Redaktionsarbeit notwendig, denn auf der rein technischen Ebene des Suchens sind die normalen Suchmaschinen ausreichend. Sinnvoll und notwendig aber scheint die Aufbereitung der durch die Suchmaschinen bereitgestellten Informationen zu sein. Ein gut redigiertes Verzeichnis für den Bereich der evangelischen Kirche in Deutschland wäre sicher sehr hilfreich.


© Mertin/Mertin 2006
Magazin für Theologie und Ästhetik 41/2006
http://www.theomag.de/41/mm1.htm