Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Magazin für Theologie und Ästhetik


Bilderstreit und Kulturverlust

Über die Reizbarkeit des religiösen Gefühls am Beispiel von Leonardos Abendmahl

Andreas Mertin

Auch wenn die Bilderstreitigkeiten in der Gegenwart im Kontext anderer Religionen virulenter sind, ist es nicht so, dass die Konflikte mit Bildern im Christentum mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts aufgehört hätten. Allenfalls haben sie sich transformiert und - infolge des Verlustes der Möglichkeit eines direkten Eingriffs - auf die juristische und gesellschaftliche Ebene verlagert. Die Auseinandersetzungen um Herbert Achternbuschs "Das Gespenst" datieren in das Jahr 1983. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft verbot den Film zunächst, weil er "das religiöse Empfinden und die Würde des Menschen grob verletze". Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" datiert in das Jahr 1988 und löste einen ähnlichen Skandal aus: Christen protestierten gegen die vom Neuen Testament abweichende Darstellung der Passionsgeschichte und riefen zum Boykott der Kinovorführungen auf. Terrence McNallys Theaterstück "Corpus Christi" aus dem Jahr 1997 führte zu diversen Protesten und zur Strafanzeige durch das Erzbistum Köln. Ein besonderes Feld des Engagements der christlichen Kirchen gegen den Gebrauch von religiösen Bildmotiven betrifft deren Einsatz in der Werbung. Offenkundig sind die christlichen Kirchen der Meinung, eine Art Exklusivrecht auf bestimmte Figurenkonstellationen zu haben. Wenn daher andere gesellschaftliche Gruppen derartige Figurenkonstellation ebenfalls verwenden, geht man mit juristischen Mitteln gegen sie vor.

Ein klassisches Beispiel ist das Abendmahl. Wo immer in der säkularen oder populären Kultur ein Bild mit der für das Abendmahl nach Leonardo charakteristischen Figurenkonstellation auftaucht, wird erst einmal protestiert, Boykott angedroht und schließlich angezeigt. Das Interessante daran ist, dass sich das historische Abendmahl mit Sicherheit nicht so abgespielt hat, wie auf dem Abendmahl von Leonardo da Vinci im Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grade in Mailand dargestellt. Leonardos Abendmahl ist selbst keine historische Rekonstruktion des biblischen Geschehens, sondern eine zeitgenössische Konstellation, m.a.W. eine Konstruktion. Keinesfalls beansprucht sie wie es Mel Gibson mit seinem Machwerk 500 Jahre später tat, die Dinge zu zeigen, wie sie wirklich waren. Leonardos Abendmahl ist wirkungsgeschichtlich zu einer Art Ikone der Religion wie der Kulturgeschichte geworden, sie ist tausendfach beerbt, re-inszeniert, verändert oder karikiert worden. In dieser formalen Zuspitzung - eine Gruppe von Personen an einem langen Tisch mit einer zentralen Figur in der Mitte - wurde das Bild zu einer kulturellen Folie, auf die man nahezu jeden kulturellen Gehalt applizieren konnte.

Adaptionen in der modernen Kunst

Salvador Dalis Abendmal aus dem Jahr 1955 lässt klare Bezüge zu Leonardo erkennen, weniger in der Anordnung des Tisches und der Jüngergemeinschaft als vielmehr in der Raumkonzeption und der Figur Jesu. Direkter ist der Bezug auf Leonardo dagegen in der Abstraktion des Abendmahlbildes von Ben Willikens von 1976/79, das heute im Architekturmuseum in Frankfurt einen eigenen Raum hat. Er hat die vielleicht radikalste Transformation vorgenommen, die bei vielen Betrachtern geradezu einen Horror vacui auslöst. Religionspädagogen pflegen spätestens am Ende der Stunde die Schüler aufzufordern, das Bild mit Figuren wieder auszumalen. Einen ganzen Zyklus hat der späte Andy Warhol dem Abendmahl nach Leonardo da Vinci gewidmet und sich 1987 in zahlreichen Detailstudien, aber auch populärkulturellen Applikationen dem Bild genähert. In Amerika haben zahlreiche Interpretationen des Abendmahls nach Leonardo da Vinci für Aufsehen und religiöse Proteste gesorgt: Mary Beth-Edelson bzw. Renee Cox

Kunstgewerbliche Adaptionen

Geradezu unerschöpflich sind die kunstgewerblichen Applikationen des Bildes. Ich bin dem Leonardoschen Abendmahl zum ersten Mahl auf einer plastischen Kupferarbeit bei meinen Großeltern begegnet, lange bevor ich Bilder vom Original gesehen habe. Ähnliches findet man heute immer noch, wie diese "antike" Skulptur beweist. Noch schöner sind dann freilich gewirkte Tapisserien, wie man sie sich im Internet ebenfalls finden kann.

Politische Adaptionen

Die Auseinandersetzung Jesu mit Judas beim Abendmahl, also das Motiv des angekündigten Verrats, hat natürlich auch viele politische Karikaturisten angeregt, das Motiv aufzugreifen, hier Beispiele aus der Ära von Franz Josef Strauß und Mao Tse Tung:

Populärkultur

In der populären Kultur finden wir Umsetzungen des Motivs in Hülle und Fülle (wobei man natürlich auch schon die kunstgewerblichen Adaptionen als populärkulturelle Aneignungen des Abendmahls nach Leonardo begreifen kann). Das beginnt mit der einfachen Transformation des Motivs in den abstrakten Comic-Stil bis zur eher schon komplexen und nicht so leicht zu durchschauenden Adaption in der Zeichentrickserie Simpsons mit Homer als Jesus am Tresen oder schließlich in einer Montage von Fans der Science-Fiction-Serie StarWars mit dem jungen Luke Skywalker(!) als Christus. Nach einer gewissen Zeit der Beschäftigung wird man vermutlich jede Figuration mit einer zentralen Handlungsfigur an einem langen Tisch mit Menschen in seiner Begleitung mit den Abendmahl nach Leonardo da Vinci in Verbindung bringen.

Adaptionen in der Werbung

So irritierend die vorstehenden Motive für manche Betrachter auch sein mögen, wirkliche Konflikte gibt es in der Regel nur, wenn es um die Verbindung dieses Motivs mit Waren geht, also in der Werbung. Eine Zwischenform ist die Inszenierung von Bettina Rheims, die die kunsthistorische mit einer werbeästhetischen Bildstrategie mischt und nicht zuletzt deshalb auf Protest gestoßen ist. Den allfälligen Protest gegen die Verwendung des Motivs hat eine Spielhölle zur Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit ausgenutzt, die unter dem Motto "There‘s a place for fun and games" das Bild zu einem Pokertisch abwandelt. Aber das ist eine wirklich schwache Adaption. Anders ist das schon bei der Werbung der dänischen Möbelfirma Montana, die nahe an das Abendmahl von Ben Willikens herankommt und in einer interaktiven Darstellung im Internet das Abendmahl mit den firmeneigenen Möbeln ausstattet und neben Wasser und Brot auch McDonalds-Produkte zur Speise anbietet. Im europäischen Kontext kaum beachtet wurde schließlich diese Werbung von Sina Corporation, einem chinesischen Medienunternehmen, die nicht nur Frauen am Abendmahlstisch um einen weiblichen Christus platziert, sondern das ganze Geschehen auch noch vor überdimensionalen Buddha-Figuren ablaufen lässt.

Skandalisierungen

Dies alles hat aber allenfalls zu verhaltenen Protesten und einigen Verbotsanträgen geführt. Anders war das bei zwei Werbeanzeigen, die einmal in Deutschland und einmal in Frankreich zu heftigen Debatten geführt haben.

Die Werbung von Otto Kern hat über viele Jahre mit religiöser Symbolik und ihrer kreativen Umsetzung für den Zeitgeist gearbeitet. Otto Kern. The magic of fashion war mehr als nur ein Programm. Die Magie bzw. Mythologie (des Christentums) hatte es Otto Kern angetan. Den Höhepunkt, was die allgemeine Aufmerksamkeit betrifft, erreicht Kern mit seinen Serie biblischer Motive, u.a. mit Daniel in der Löwengrube. Vier Motive zeigen dabei das Abendmahl, zwei daraus wurden veröffentlicht, eins offiziell inkriminiert. Dieses zeigt einen jungen Mann inmitten von zwölf jungen Frauen an einem Tisch sitzend. Die Inszenierung ist übernommen von Leonardo Abendmahl. Alle Beteiligten tragen blaue Jeans und sind ‚oben ohne‘. Der Text zur Anzeige variiert, zunächst lautete er: Wir wünschen mit Jesus, dass die Frauen die Männer respektieren lernen, in der späteren Fassung: Wir wünschen mit Jesus, dass die Männer die Frauen respektieren lernen. Die zweite Variante der Anzeige zeigt die gleiche Konstellation mit umgekehrten Geschlechterverhältnissen, die beiden nicht veröffentlichten sind jeweils mit nur einem Geschlecht besetzt. Die Aufregung um die veröffentlichten Bilder war gewaltig. Die Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs stellte einen Antrag auf Verbot des Gesamtkatalogs wegen der Nutzung biblischer Sujets zu Werbezwecken, konnte sich damit aber nicht durchsetzen.

In einer kirchlichen Verlautbarungen wurde geschrieben, auf diesem Poster(!) werde ein gekreuzigter Mensch umgeben von 12 barbusigen Frauen gezeigt, der Otto-Kern-Jeans trage. Beklagt wurde die sexistische und brutale Seite des Posters und die Christen wurden aufgefordert, die Produkte zu boykottieren! Nun ist Jesus zur Zeit des Abendmahls noch nicht gekreuzigt und ist auf der Anzeige auch relativ lebendig. Sexismus scheint sich hier auf die bloße Nacktdarstellung zu beziehen, was ebenfalls Unsinn ist. Es steht zu vermuten, dass ebenso wie die Protestierenden in den arabischen Ländern im Blick auf die dänischen Karikaturen, auch die christlichen Beschwerdeführer die Anzeigen überhaupt nicht richtig zur Kenntnis genommen haben.

Nach den Verbotsanträgen hatte Otto Kern mit seinem Fotografen Heinz Wackerbarth auf den Protest gegen diese Werbung reagiert. In Anknüpfung an den sog. Hosenmaler Daniele da Volterra, der im Auftrag von Papst Pius IV. die nackten Figuren Michelangelos übermalte, veröffentlichte Kern zunächst übermalte Versionen des Abendmahls, bei denen die beanstandeten Stellen mit primitivem Strich überdeckt wurden und zudem die Figuren mit altväterlichen Vollbärten versehen wurden. Und zu guter Letzt veröffentlichen sie noch eine Anzeige mit dem Titel ‚Steinzeit‘, auf der der Künstler Wolfgang Petrovsky ein kunstvolles Steinarrangement mit Fragmenten der Kernschen Abendmahlsdarstellung in der barbusigen Version zeigt. Danach stellte Kern leider die Werbung mit religiösen Motiven ein. Durchaus ein kultureller Verlust.

Noch verschärfter stellt sich die Sachlage angesichts der seit 2005 in Frankreich verbotenen Werbung des französischen Modehauses Marithe et Francois Girbaud dar. Dieses kunstvolle Werk der Fotografin Brigitte Niedermaier ist tatsächlich auf Intervention der katholischen Kirche letztinstanzlich verboten worden. Ein Skandal sondergleichen, nicht nur, was die Freiheit der Kunst betrifft, sondern auch, was den Umgang mit kulturgeschichtlichen Gütern angeht.

Das Kunstwerk greift in inzwischen vertrauter Weise auf die Inszenierung von Leonardos Abendmahl zurück, spielt mit ihr und trägt Resonanzen ein, die sehr vielfältig und vor allem dicht sind. Das Bild ist zunächst einmal in der Breite gestaucht und in der Höhe verlängert, so dass ein etwas gedrängterer Eindruck der Versammelten entsteht. Trotzdem bleibt für die zentrale Figur sehr viel Freiraum, mehr als bei Leonardo, so dass der bedrängte Bildeindruck auf der rechten Seite neben Jesus vermieden wird.

Dann hat Brigitte Niedermaier das Thema in der Genderthematik spezifiziert: Nicht dreizehn Männer versammeln sich um den Tisch, sondern zwölf Frauen und ein Mann. Diese Konstellation ist aber eine andere als bei dem Abendmahl von Horst Wackerbarth in der Werbung von Otto Kern. Nicht Christus wird als Mann dargestellt, sondern ein einzelner Jünger. Der Mann ist abweichend dargestellt: zwar sind alle(!) Models modisch gekleidet, aber der Mann trägt keine Kleider am Oberkörper und er wendet dem Betrachter den Rücken zu. Nach der Figurenkonstellation bei Leonardo da Vinci müsste es sich um Jesu Lieblingsjünger Johannes handeln, der hier von einer Petra umarmt wird; wobei allerdings bei näherer Betrachtung auch die weibliche Judasfigur ihre Hand im erotischen Spiel hat, wobei sie gleichzeitig mit dem Betrachter flirtet.

Interessanterweise ist der gesamte Hintergrund der Szene, der ja etwa den Künstler Ben Willikens bei seiner abstrakten Bearbeitung so interessiert hatte, in dieser Darstellung fortgelassen worden. Das Ganze spielt vor einem Grau-in-Grau-Hintergrund, der in der Mitte und auf der Ebene der Füße ausgeleuchtet ist. Die Szenerie wird hier zum ersten mal "ortlos".

Der nächste Blick, zeigt, dass nicht nur der Hintergrund fehlt, sondern dass das gesamte Mobiliar mit Ausnahme der Tischplatte und der Accessoires auf ihr "entfernt" wur-den. Weder hat der Tisch Beine noch sitzen die dreizehn Protagonisten auf Stühlen. Die Surrealität der Szene macht das ganze Geschehen unverortbar. Wie weiland in Stanley Kubricks "2002 - Odyssee im Weltraum" schwebt eine Platte im Zentrum des Geschehens und die sie umgebenden Figuren haben allen Anhalt an der Schwerkraft verloren. Man kann diese Ortlosigkeit für trivial halten, für einen bloßen Gag der Künstlerin, aber warum sollte sie sich so viele Mühe für einen simplen Gag machen?

Verwiesen werden kann statt dessen darauf, dass eines der berühmtesten Werke der Kunstgeschichte, das mindestens ebenso wichtig ist wie Leonardos Abendmahl, ebenfalls gekonnt mit der Ortlosigkeit einer Hauptfigur spielt. Masaccios Trinitätsfresko in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz - 70 Jahre vor Leonardos Abendmahl entstanden - gilt als die erste Perspektivkonstruktion in der Kunstgeschichte. Es ist fast perfekt - mit einer Ausnahme. Überträgt man das Gemälde in eine Perspektivkonstruktion von der Seite dann fällt auf, dass Gott quasi im Raum hängt. Er hat nichts, worauf er stehen könnte. Man kann das für einen Fehler des Künstlers halten, für einen Gag bei der Anwendung der Perspektive oder für einen bewussten Akt, um die Ortlosigkeit Gottes zu verdeutlichen. Der Kunsthistoriker Edgar Hertlein sieht in der Unbestimmtheit des Verhältnisses der Figur Gottes zum Raum keinen Fehler Masaccios. Vielmehr erscheint ihm diese Verunklärung beabsichtigt, »um das Überirdische der Erscheinung, die in dieser Welt keinen ‚Platz‘ hat und damit auch nicht den Gesetzen und Darstellungsregeln des Diesseits unterworfen ist, zum Ausdruck zu bringen«. (Hertlein, Masaccios Trinität, 1979). Ich will nicht behaupten, dass Brigitte Niedermaier bewusst auf Masaccio anspielt, das ist eher unwahrscheinlich. Aber ich möchte doch deutlich machen, dass Bilddetails wie das Schweben der Figuren Dinge sind, die in der Bildinterpretation deutungsbedürftig und deutungswürdig sind. Und das gilt eben nicht nur für historische Kunstwerke, sondern im Rahmen einer erweiterten Bildwissenschaft auch für Bildwerke der Werbung.

Offenkundig hat Brigitte Niedermaier darüber hinaus eine Aufteilung des Bildes in zwei Hälften vorgenommen, von denen die obere realitätsbezogener und -konformer ist. Sie zeigt eine offenkundig zwar stilisierte Szene, es ist aber zugleich auch eine geronnene Situation, wie sie etwa ähnlich bei Luis Buñuels berühmter Bettlerszene in dem Film Viridiana aus dem Jahr 1961 zu finden ist.

Unterhalb der Gürtellinie, d.h. unter dem Tisch kehren sich die Realitätsverhältnisse dramatisch um. Nichts ist mehr so, wie es scheint. Der genauere Blick auf diesen Teil des Bildes von Brigitte Niedermaier offenbart zahlreiche Anomalien. Wir zählen nach der Logik des Abendmahls 13 Teilnehmer, finden aber nur 17 oder 18 Beine. Und als ob das nicht genug wäre, hat eine der Frauen gleich drei Beine. Aber wir sehen natürlich die Beine der zentralen Figur, während wir diese beim Jesus in Mailand nicht mehr sehen können, weil das Gemälde den Mönchen so ‚heilig‘ war, dass sie ganz profan eine Tür an der Stelle der Beine einbauten. Auf der Suche nach weiteren Besonderheiten findet sich unter dem Tisch auch noch eine Taube auf einer Hand, die niemandem gehört. Aber auch das dürfte symbolisch gemeint sein und würde im Rahmen traditioneller christlicher Ikonographie auf den Heiligen Geist anspielen. Der Radiorekorder auf der linken Seite platziert das Geschehen ebenso wie die verwendete Kleidung in der Gegenwart.

Was die Symbolik der Gegenstände auf dem Tisch betrifft, so ist sie eher konventionell, Früchte, Getränke, Brot und zwei Fische. Nur letztere besitzen eine spezifisch christliche Symbolik und werden seit der Katakombenkunst auch im Rahmen der Ikonographie des Abendmahls eingesetzt. Sie zeigen aber zugleich an, dass wir uns nicht im Rahmen einer historischen Rekonstruktion, sondern einer zeichenhaften Bearbeitung des Themas befinden, die nach der Logik der Dinge immer auch eine zeitgenössische Bearbeitung enthält.

Soweit eine erste Annäherung an das Foto von Brigitte Niedermaier. Sicher wäre es sinnvoll, auch ihr sonstiges Oeuvre in die Interpretation einzubeziehen, das muss an dieser Stelle aus Platzgründen unterbleiben, dürfte aber noch einmal äußerst produktiv sein!

Ich wende mich nun der Kritik zu, die das Kunstwerk in der französischen und schweizerischen katholischen Öffentlichkeit bzw. Amtskirche ausgelöst hat. Grundsätzlich wäre eine Kritik insoweit ja eigentlich überhaupt nicht zu erwarten gewesen, als dass das Foto ja keineswegs das Abendmahl darstellt, sondern in ironischer Form auf eine Figurenkonstellation eines der berühmtesten Gemälde der europäischen Kunstgeschichte anspielt. Diese Art der Bezugnahme auf kunsthistorische Vorbilder hat in der europäischen Kunst eine lange Geschichte und ist geradezu ein Grundelement der Kunstentwicklung, fragt sie doch kunsthermeneutisch nach der je aktuellen Ausdrucksform eines Motivs. Aber es ist offenkundig, dass in einer Zeit, in der der Klerus nicht mehr über die minimalen Kenntnisse im Umgang mit bildender Kunst verfügt, die Beschäftigung mit Bildern sich auf deren scheinbaren dogmatischen Kern reduziert. Lesen wir zunächst eine Meldung des katholischen online-Portals kreuz.net zum Bild:

"Eine Parodie des Gemäldes soll als Werbeträger für das französische Modehaus Marithe et Francois Girbaud herhalten. Sie zeigt anstelle von Christus und den Aposteln anziehende weibliche Fotomodelle in Designerkleidung. Eine der Ersatzapostelinnen hält in ihrem Arm einen für einen öffentlichen Auftritt ungenügend bekleideten Herrn in Jeans. Der Rechtsvertreter der katholischen Kirche, Thierry Massis, erklärte vor der Presse: ‚Wenn man die Fundamente einer Religion trivialisiert und das Heilige angreift, dann ist das eine unerträgliche Gewaltausübung.‘ Diese stelle eine große Gefahr für die heranwachsende Generation dar: ‚Morgen‘ - so der Rechtsvertreter -‚ wird Christus am Kreuz Socken verkaufen‘."

Diese Darstellung lässt einen zunächst sprachlos: Parodie - ungenügend bekleideter Herr - Fundamente einer Religion trivialisiert - unerträgliche Gewaltausübung ? Das ist ein derartiges Missverhältnis von Betrachtungsgegenstand und Deutung, dass man es kaum versteht. "Man muss" so schrieb Karl Kraus einmal, "die leichte Reizbarkeit des katholischen Gefühls kennen. Es gerät immer in Wallung, wenn der andere es nicht hat." Das scheint im vorliegenden Fall in verschärfter Form zuzutreffen.

Schon die Frage, ob wir es hier mit einer Parodie zu tun haben, dürfte man nach der bisherigen Bildanalyse verneinen. Nichts deutet darauf hin, dass das Abendmahl oder Leonardos Darstellung des Abendmahls verspottet werden sollten. Man lacht ja nicht über das Abendmahl oder Leonardo nachdem man das Werbeplakat gesehen hat. Dazu ist es auch viel komplex. Auch der Gedanke der Ersatzapostel dürfte nur jenen einleuchten, die die Jüngerschar Jesu ex cathedra für männlich und weibliche Jüngerinnen als Teilnehmer der Tischgemeinschaft Jesu für ausgeschlossen halten.

Noch absurder ist der Vorwurf, das Werbeplakat würde einen für einen öffentlichen Auftritt ungenügend bekleideten Herrn zeigen! Da bin ich mal gespannt, wie dem unbedarften Betrachter dann Michelangelos Darstellung des David vor den Uffizien in Florenz erklärt wird, also der öffentliche Auftritt eines unbekleideten Herrn! Diese Argumentation ist schlichtweg lächerlich und beweist eine stupende Unkenntnis der christlichen Bildgeschichte. [Andererseits habe ich schon religiöse Bildkritiken anderer Werbungen gelesen, bei denen Adam und Eva vorgeworfen wurde, nur unzureichend bekleidet zu sein.] Das Mindeste was man vor jeder Zensur doch erwarten kann, ist die sorgfältige Analyse des inkriminierten Gegenstands.

Der nächste Vorwurf, hier würden Fundamente der Religion trivialisiert, bedürfte einer Begründung. Kunsthistorisch ist die Ausstattung der am Abendmahlstisch Versammelten mit jeweils zeitgenössischer Mode gut belegt. Wenn das das Problem wäre, müsste man sich über viele Werke der Hochkultur aufregen. Die Hälfte der religiösen Kunst in Florenz war eher eine Werbetafel für die beauftragenden Zünfte als ein inniges "Soli Deo Gloria". Wer das eine akzeptiert und das andere verurteilt, misst mit zweierlei Maß.

Bleibt noch der Vorwurf der unerträglichen Gewaltausübung durch das Bild, das zudem eine große Gefahr für die heranwachsende Generation darstellt. Da kommen einem doch Zweifel am gesunden Menschenverstand. Es lohnt sich, diese Argumentation mit den Reaktionen der Muslime auf die Mohammed-Karikaturen zu korrelieren. Wenn die Nicht-Darstellung Christi und das Aufgreifen der Abendmahlskonstellation in einer Frauenrunde als unerträgliche Gewaltausübung bezeichnet wird, wie muss man dann erst die Darstellung Mohammeds als bombender Terrorist bezeichnen? Der Soziologe Wolfgang Sofsky hat dazu treffend in der WELT vom 15.02.2006 unter dem Titel "Der Mob der Frommen" angemerkt: "Das populäre Wort von der 'Verletzung religiöser Gefühle‘ mißachtet die Essenz des religiösen Glaubens. Die inbrünstige Verehrung eines heiligen Idols lässt sich von übler Nachrede ebensowenig beeindrucken wie von irgendwelchen blasphemischen Karikaturen. Dass Menschen glauben, ihrem Gott beispringen zu müssen, ist eine Anmaßung. Götter oder Propheten können durch Bilder gar nicht verunglimpft werden. Nur wer seine Götter zu Menschen degradiert hat, kann auf die Idee kommen, sie vor Angriffen schützen zu müssen." Das trifft ungleich stärker auf die Kritik der französischen Werbeanzeige als auf die Reaktion auf die Karikaturen Mohammeds zu. Aufgeklärt ist der Westen nicht! Was den Streit mit und um die Bilder betrifft, so müssen wir auch hier noch viel lernen, vor allem interreligiös. Dabei ist es leichter, die Wege zu benennen, die nicht funktionieren: das Verbot und die Berufung aufs Gefühl.

Am Schluss dieses Abschnitts deshalb ein etwas ausführlicheres Zitat von Prof. Dr. Muhammad Kalisch vom Zentrum für religiöse Studien an der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster aus seiner Stellungnahme zum Karikaturenstreit, dem ich mich in der Sache vollständig anschließe:

"Meines Erachtens zeigt uns alle historische Erfahrung, dass ein besonderer strafrechtlicher Schutz von Religion stets missbraucht wurde und im Übrigen mit der Freiheit der Meinungsäußerung und der Freiheit der Wissenschaft nicht zu vereinbaren ist. Ich bin daher auch für eine ersatzlose Streichung des § 166 StGB, der ein Relikt aus dem Mittelalter darstellt und einer Gesellschaft, die sich rühmt, den Prozess der Aufklärung durchgemacht zu haben, unwürdig ist ...

Ein strafrechtlicher Schutz von Religion und religiösen Gefühlen ist schon deswegen unsinnig und abzulehnen, weil sich der Tatbestand niemals genau definieren lässt und dadurch automatisch immer in die Nähe von Willkür gelangt. Willkür aber ist für einen rechtsstaatlichen Juristen das schärfste Unwerturteil überhaupt. Diese Undefinierbarkeit des Tatbestandes ist die Folge der Tatsache, dass jeder Mensch eine unterschiedliche Wahrnehmung davon hat, wann er sich in seinen religiösen Gefühlen beleidigt fühlt. Bei religiösen und philosophischen Auffassungen kommt nun noch das Problem hinzu, dass das, was für den einen blanker Unsinn ist, für den anderen eine unumstößliche Wahrheit darstellen kann." (Prof. Dr. Muhammad Kalisch)


© Mertin 2006
Magazin für Theologie und Ästhetik 41/2006
http://www.theomag.de/41/am186.htm