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Magazin für Theologie und Ästhetik


Videoclips XXII

Wollust am Trivialen oder: Heidi im Kunstatelier

Andreas Mertin

Hitparade

Als Softvariante der Inversion der Geschlechterverhältnisse dient uns Annett Louisan ihr Geträllere unter dem Titel "Das Spiel" an. Und doch ist es wenig mehr als die Coverversion von Johanna Spyris "Heidi" in ihrer späten Emanzipationsphase als Kunststudentin mit einem Fabel für das längst Kunstgeschichte gewordene Informel.[1]

Ziemlich unerträglich belagert Annett Louisan unsere Ohren und Sinne und inständig bleibt zu hoffen, dass sie es auch weiterhin tut, statt - wie sie es angeblich vorhat und ungefragt androht - ihr Kunststudium fortzusetzen. Wenn das, was sie im Clip zu "Das Spiel" malt, ihr Malstil ist, ist es besser, sie nervt unsere Ohren statt unsere Augen.

Das Klischee vom ungezügelten Künstler mit dem Atelier in der Loft, das sie uns im Clip andient, ist tiefstes Kleinbürgertum des 19. Jahrhunderts, heute nur noch trivial und peinlich. Was in der Regel weniger freie Wahl als vielmehr bittere ökonomische Notwendigkeit war (die Fabrikhalle als Atelierstandort), wird hier verklärt und überhöht. Und die Bohéme, von der Louisan singend träumt, etablierte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris und fand in Opern von Puccini und Leoncavollo ihren bürgerlichen Abgesang.

"Bohéme ist Albumtitel und gleichzeitig Überschrift für den Lebensentwurf von Annett Louisan. Bohéme bedeutet für die Kunststudentin, sich Zeit lassen zu können für den richtigen Moment und spontan der Inspiration folgen zu können. Sie will nichts und niemandem nachjagen - sie will entspannt beobachten, selbst entscheiden, wann sie was tut. Bohéme ist für sie, frei zu sein. Und wenn dabei der ganze Tag draufgeht."[2] Präziser kann man den Gegensatz zur realen Kunst kaum beschreiben. Und so bleibt nur zu hoffen, dass sie weiter sinkt.

Die falsche Religion der Liebe

Wer glaubt, die populäre Anästhetik des Religiösen ließe sich nicht noch unterbieten, hat sich noch nicht Sarah Connors Clip zu "Living to love you", jenen Pas de deux von Kitsch und irrealer Naivität angeschaut, ein barock agierendes Brechmittel selbst für sensualistisch ausgerichtete Geschmacksnerven. Wie die vorher beschriebene Heidi im Kunstatelier wälzt sich die Protagonistin zunächst im Bett, um die Lyrismen ihrer Liebe loszulassen. Dann aber folgt die barocke Modenschau der Sarah Connor, der kein Stilmittel des Kleinbürgertums zu schade ist, um Effekte zu erzielen. Und da ist alles nun wirklich versammelt: von Blitz, Gewitter und Regen, herbstlich fallende Blätter, lieblichen Schmetterlingen, Schnee und Wasserfall bis zur Madonnenstatue, Kreuz und der Kniebank für Hochzeitspaare in der Kirche. Das ist Edelkitsch pur, das Einzige, was fehlt, ist der Sonnenuntergang. Nicht umsonst rangiert das bei VIVA unter der Kategorie "Liebe, Sex & Video", was eingestandenermaßen ja mit "Lügen, Sex & Video" zu übersetzen ist.

Wer einmal seine Depressionen über den kulturellen Stand dieser Gesellschaft vertiefen will, dem empfehle ich, den Clip zu "Living to love you" bei voller Lautstärke in verdunkeltem Zimmer mehrfach hintereinander zu hören. Schlimmer geht's nimmer. Welcher Regisseur das auch immer verbrochen haben mag, er gehört bestraft. Das hat nichts mit der von der Postmoderne geadelten (und auch von mir geschätzten) Oberfläche zu tun, da schimmert die reale Substanz unserer Kultur durch: ihre vollendete Nichtigkeit, Verblendungszusammenhang pur, steigerbar nur noch durch die nachfolgende Werbung für Sweety, das Küken, den abzockenden Klingelton. "Die Absage ans herrschende Unwesen der Kultur setzt voraus, dass man an diesem selber genug teilhat, um es gleichsam in den eigenen Fingern zucken zu fühlen, dass man aber zugleich aus dieser Teilhabe Kräfte zog, sie zu kündigen."[3]

Anmerkungen
  1. "Sie suchte nach Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Gefühle und Wahrnehmungen und wandte sich erstmal der Malerei zu. Ein Studium an der Kunsthochschule in Hamburg folgte. Sie malte Akt, figürlich und dann wieder ungebremst bunt und radikal." (so wörtlich auf ihrer Website)
  2. Von einer angeblichen Fanseite.
  3. Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt 2000

© Mertin 2005
Magazin für Theologie und Ästhetik 34/2005
http://www.theomag.de/34/am151.htm