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Magazin für Theologie und Ästhetik


'-arisch' oder: Sprache als Indiz

Zur Renaissance eines Adjektivs

Andreas Mertin

Keine Stilfrage

Wer aufmerksam die Äußerungen der Gegenwartskultur zu religiösen Fragen verfolgt, kann feststellen, dass eine Formulierung zunehmend wieder Verbreitung findet, von der man hoffen konnte, dass sie mit dem Nationalsozialismus überwunden wurde. Gemeint ist das Adjektiv "alttestamentarisch" statt des richtigen "alttestamentlich".

Als jüngst Kardinal Meisner seinen unsäglichen Vergleich von bethlehemitischem Kindermord, nationalsozialistischer Judenvernichtung und aktueller Abtreibung vorbrachte, stieß er zu Recht auf einhellige Empörung. Aber es ist nicht so, dass die Protestierenden und die darüber Berichtenden selbst davor gefeit wären, die Sprache des Unmenschen zu verwenden. In demselben Artikel, in dem der SPIEGEL über Meisners Entgleisung berichtet, schreibt die Redaktion: Der Kindermord von Herodes, an den die katholische Kirche jährlich am 28. Dezember erinnert, ist historisch nicht belegt. Viele Theologen halten die Geschichte, die sich im Lukas- und Matthäusevangelium findet, für eine frühchristliche Parallelerzählung zur alttestamentarischen Moses-Legende. [Nach einer Intervention per Email wurde die Passage immerhin sofort geändert.] Dieser Gebrauch des Wortes sollte nicht nur auf den legendarischen Charakter der Mose-Erzählung hinweisen, er sollte zugleich dem darin erzählten Stoff etwas Barbarisches, Archaisches, jedenfalls aber menschheitsgeschichtlich Überholtes anhängen.

Wer einmal in eine Suchmaschine das Wort "alttestamentarische" eingibt, stößt auf weit mehr als 7000 Belege für den Gebrauch dieses Wortes in Online-Quellen, Tendenz steigend. Das heißt, dass inzwischen mehr als 10% aller Verwendungen des Adjektivs "alttestamentlich / alttestamentarisch" falsch und tendenziös antijudaistisch ist. Word für Windows, das Programm, mit dem ich diese Zeilen schreibe, moniert nicht einmal in der Rechtschreibkorrektur die Verwendung des Begriffes, es gehört offenkundig zum deutschen Wortschatz hinzu.[1]

Nun könnte man das einerseits mit der zunehmenden Unkenntnis der deutschen Sprache, andererseits mit der Unvertrautheit mit der Welt des Religiösen erklären. Nachdem der Sprache selbst kaum noch Bedeutung zugemessen wird, komme es doch nur noch darauf an, nachzuvollziehen, was der Autor eigentlich meinte. Und auch beim Wort "alttestamentarisch" sei klar, dass er sich auf die Welt des so genannten Alten Testaments beziehen möchte.

Nur gibt es einen Unterschied zwischen dem, was jemand meint, und dem, was er sagt. Das wird deutlich, wenn man die assoziierten Begriffe zum Wort "alttestamentarisch" genauer in den Blick nimmt. Birte Platow hat in ihrem Aufsatz "Das Wort zum Sonntag" im Heft 33 des Magazins für Theologie und Ästhetik[2] dankenswerter Weise auf die Möglichkeiten der Korpuslinguistik und dabei auf das entsprechende Wortschatz-Modul der Universität Leipzig hingewiesen. Gibt man dort das Wort "alttestamentarische" ein, stößt man auf folgenden Graphen:

Hier wird schlagartig deutlich, dass es sich bei der Verwendung des Wortes "alttestamentarisch" keineswegs um eine quasi neutrale, weil nur versehentlich falsche Sprachverwendung handelt. Vielmehr zielt die Verwendung des Wortes tendenziös auf Konnotationen, die sich mit "Auge um Auge - Zahn um Zahn", Rache und Strafe verbinden, die also das Stereotyp des "alttestamentarischen Rache- und Zornesgottes" pflegen. Wer mir in dieser Interpretation nicht folgen will und sie für überzogen hält, kann im Gegenzug den Graphen für das Wort "alttestamentliche" aufrufen und er wird folgendes Ergebnis bekommen, das an Eindeutigkeit kaum zu wünschen lässt:

Drei Buchstaben Differenz und die sprachlichen Konnotationen ergeben ein völlig anderes Bild! Die einzige Gemeinsamkeit beider Graphen ist das Wort Gebot. Ansonsten aber scheinen ganz unterschiedliche, ja unvereinbare Phänomene beschrieben zu werden. Das hat wenig mit Zufall oder Dummheit und viel mit Vorurteil und Antijudaismus zu tun.

Nun bietet der Wortschatz der Universität Leipzig nicht nur Zusammenstellungen der Umgebung eines Wortes, sondern darüber hinaus auch die Möglichkeit, sich ausgewählte Belegstellen für dessen Verwendung angeben zu lassen. Und hier überrascht es doch ein wenig, wie verbreitet dieser Sprachgebrauch im deutschen Journalismus ist. Unter den ausgewählten Belegstellen finden sich einige aus dem SPIEGEL, vier aus der Wochenzeitschrift DIE ZEIT, siebzehn in der Zeitung DIE WELT (wobei freilich zweimal in Klammern auf die falsche Sprachverwendung hingewiesen wird), elf in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, vierzehn in der BERLINER ZEITUNG, sechs in der FRANKFURTER RUNDSCHAU (auch hier zum Teil mit kommentierenden Einschränkungen) und schließlich darf natürlich auch die TAZ mit sieben Belegen nicht fehlen.

Fundstellen

Und schaut man genauer hin (siehe dazu den nebenstehenden Textkasten), dann finden sich geradezu groteske Zuschreibungen und Assoziationen. Etwa, wenn es in einem Artikel der Süddeutschen heißt: "Manchmal, wenn im Trainer Klaus Toppmöller der Fußballer durchbricht, kann das durchaus alttestamentarische Züge entwickeln". Oder wenn dieselbe Quelle davon spricht, dass einem Menschen der "alttestamentarische Gaul" durchgeht???? Als Einzelfall hätte das sicher seine (unfreiwillige) Komik, in der Massierung ist es nur noch erschreckend.[3]

Neben dem deutschen Journalismus sind es vor allem Kunsthistoriker, Literaturwissenschaftler[4] und Germanisten, die durch den Gebrauch des Wortes "alttestamentarisch" auffallen. Gleich die erste Fundstelle, die Google ausweist, ist ein Aufsatz auf dem Server der romanischen Abteilung der Universität Tübingen aus der Fachzeitschrift für Katalanistik mit dem Titel "alttestamentarische Metaphorik im Werk von Joan Oliver".[5] In der Zeitschrift für Literatur und Linguistik schreibt ein Autor angesichts des Bilderverbots vom alttestamentarischen Tabu und wenn Kunsthistoriker biblische Geschichten erwähnen, werden daraus schnell und gerne "alttestamentarische Geschichten".

Aber selbst christliche Gemeinden pflegen den unseligen Sprachgebrauch, weniger allerdings in antijudaistischer Tendenz, als vielmehr aus bloßer Dummheit und Unkenntnis. Die Evangelische Jugend in Köln und Umgebung kennt etwa eine "alttestamentarische Geschichte der Königin von Susa" und während der "sieben Bibel-Tage in der Kirchengemeinde Castrop [stand] die alttestamentarische Geschichte von Josef im Mittelpunkt" und für die Ev. Kirchengemeinde St. Goar erinnerte ein Hühnchenbrustfilet auf Linsencurry "an die alttestamentarische Geschichte von Esau, der durch den Betrug seines Bruders Jakob sein Erstgeburtsrecht für ein 'Linsengericht' verlor". Und schließlich informiert uns das Christus-Web in zweifelhafter Ambivalenz, dass der heute gängige Begriff "onanieren" von seinem Wortstamm auf die alttestamentarische Person des Onan zurückgeht.

Neben diesen Belegen fehlen natürlich auch die obligaten Antisemiten und die Vertreter der deutschen Rechten nicht, die konsequent den tendenziösen Sprachgebrauch pflegen. Aber das überrascht vermutlich niemanden. Allenfalls dort, wo ein katholischer Theologe von "alttestamentarischer Abstammung" schwafelt, gibt es glücklicherweise Protest.[6]

Verwunderlicher ist da schon, dass Sozialdemokraten auffällig häufig von "alttestamentarisch" sprechen. Böse und mit Karl Liebknecht gesprochen, könnte man natürlich "Antisemitismus ist Sozialismus für Dumme" sagen, aber das greift entschieden zu kurz. Eine Erklärung wäre, dass sich die SPD durch eine bestimmte Religionsferne auszeichnet, so dass man vermuten könnte, die entsprechenden Politiker wie Peter Struck[7], Ulrich Klose[8], Gernot Erler[9], Heinz Kaiser[10] und viele andere wüssten gar nicht, wovon sie sprechen. Dagegen spricht freilich, dass sie in Verbindung mit dem Gebrauch des Wortes immer jene Konnotationen pflegen, die mit Strafe, Rache, Gewalt zu tun haben. Wenn Sprache ein Indiz ist, sollte die SPD dringend ihren Sprachgebrauch überprüfen und ihre Abgeordneten und Vertreter ermahnen, sensibler mit diesem Thema umzugehen.

Wie kommt der Begriff in die deutsche Sprache?

Zu den wenigen im Internet zugänglichen Texten, die auf den Hintergrund der Verwendung dieses Wortes hinweisen, gehört ein Artikel des Alttestamentlers Erich Zenger auf den Seiten des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Er schreibt dort: "Wenn israelische Politiker und Militärs auf terroristische Bomben und Selbstmordattentäter mit Gegenschlägen reagieren, heißt es bei uns in vielen Kommentaren, das entspreche dem typisch 'alttestamentarischen Racheprinzip' nach der Formel 'Auge um Auge' ('alttestamentarisch' statt 'alttestamentlich' ist übrigens Nazisprache). Und wenn nach dem 11. September dieses Jahres bei der Diskussion über den notwendigen Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zu Recht das Prinzip Vernunft gegen die Irrationalität der Rache eingefordert wird, bemühen viele gerne das Alte Testament als Kontrast- und Schreckensfolie."[11] Tatsächlich ist es so, wie Zenger schreibt, dass die Nationalsozialisten den Gebrauch des Wortes "alttestamentarisch" gepflegt und forciert haben.[12]

Nicht ganz zutreffend ist es jedoch, dass dieses Wort genuine Nazisprache ist. Es hat eine viel längere, zunächst antijüdische, dann antisemitische Tradition. Es dürfte, wenn mich meine Recherchen nicht täuschen, in die Zeit des Wechsels von der Frühromantik zur Spätromantik datieren. Die ersten Belegstellen, die sich finden lassen, gehören zu jenen romantischen Schriftstellern, denen Antijudaismus, zumindest aber antijüdische Klischees nicht fremd waren. In der Zeit der Klassik findet sich das Wort "alttestamentarisch" jedenfalls in der deutschen Hochliteratur noch nicht. Der erste Beleg, den ich gefunden habe, stammt von Clemens von Brentano in seinen Rheinmärchen aus dem Jahre 1811: "So war das unglückliche Ende dieser neunmal neunundneunzig Braven; sie, die nicht der grausame Sündenbock der alttestamentarischen Glaubensgenossen hatte besiegen können, unterlagen den Sünden des jugendlichen Übermuts, die schon manchem Helden den Helmbusch geknickt haben; sie, die den langen Tag der Juden bezwungen hatten, wurden von einem kurzen Freudentage erdrückt und erblickten das Licht nicht wieder, welches ihnen mit der Lichtputze ausgelöscht worden."[13] Eine andere frühe Belegstelle ist der Erzähler Wilhelm Hauff, der 1826 in seinen "Mitteilungen aus den Memoire des Satan" von einem "alttestamentarischen Kostüm" schreibt. Weder bei Hauff noch bei Clemens von Brentano kann man dabei an einen Zufall glauben. Die nächste meiner Fundstellen datiert in Jahr 1844 und hier ist es Karl Gutzkow, der in "Mystères de Berlin?" das Klischee aufgreift.[14] Mehrfach macht dann Fritz Reuter von dem Wort Gebrauch. Sowohl 1855 in "Meine Vaterstadt Stavenhagen" als auch 1856 in den "Memoiren eines alten Fliegenschimmels" und in "Abendteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Meckelborg-Schwerin, von ihm selbst erzählt"[15] kommt das Wort vor, es scheint für ihn bereits selbstverständlicher Sprachgebrauch zu sein. Franz Freiherr von Dingelstedt ist dann die nächste gefundene literarische Quelle, in den Amazonen von 1869 kommt das Wort mehrfach vor.[16] August Strindberg versammelt 1897 an einer Stelle in seinem Stück "Inferno" alle Klischees, die es zu diesem Thema gibt in einem Satz.[17]

Gegenlesungen

Um nicht den Eindruck zu erwecken, alle Quellen des 19. Jahrhunderts hätten das Wort "alttestamentarisch" gebraucht und eine andere Verwendung sei gar nicht Usus gewesen, sei eine kurze Gegenlesung gestattet. Natürlich ist der Regelgebrauch des Wortes die korrekte Form. Hingewiesen sei etwa auf den Theologen und Schriftsteller Jean Paul wie auch auf den Theologen und Kunsthistoriker Jacob Burckhardt, die beide ganz selbstverständlich in ihren Werken korrekt "alttestamentlich" schreiben. Das Grimmsche Wörterbuch kennt das Wort "alttestamentarisch" gar nicht und erläutert in seiner Lieferung 1,2 aus dem Jahr 1852 (bearbeitet von Jacob Grimm) nur das Wort alttestamentlich. Auch Meyers Großem Konversationslexikon von 1888 (4. Auflage) bzw. 1909 (5. Auflage) ist es unbekannt, während die korrekte Form "alttestamentlich" an vielen Stellen verwendet wird.

Neutestamentarisch?

Macht man nun einmal die Gegenprobe und untersucht das Vorkommen des Adjektivs "neutestamentarische", so wird man feststellen können, dass auch diese Wortbildung sich häuft. Word für Windows hat jedenfalls keine Rechtschreibprobleme mit dem Wort, ganz im Gegensatz zu "neutestamentlich", das er sofort als falsche Wortschreibung unterkringelt. Der Duden dagegen, der beim antijudaistischen "alttestamentarisch" so kulant gewesen war, erlaubt die analoge Bildung fürs Neue Testament nicht. Der Blick in den Wortschatz der Universität Leipzig zeigt, dass die Konnotationen zu dieser Wortbildung dann jedoch eher neutral bis positiv sind. Da taucht vor allem das Wort Liebe im näheren Kontext auf, während "neutestamentliche" mit Exegese und Theologie konnotiert wird. In der Gegenüberstellung wird aber die fatale Logik deutlich, denn während "alltestamentarisch" mit Rache" konnotiert wird, wird dem Wort "neutestamentarisch" das Gegenteil zugewiesen.

Gibt man bei Google das Stichwort "neutestamentarische" ein, so stößt man auf immerhin knapp 1000 Belegstellen.[18] Die skurrilste Fundstelle ist gleich die erste, nämlich die Ankündigung von "Libri.de" für Schneemelchers 'Neutestamentliche Apokryphen'. Obwohl das Bild des Buchcovers direkt daneben prangt, hat der Verantwortliche für den Eintrag gleich 'Neutestamentarische' daraus gemacht.

Weitere Belege bei Google verweisen vor allem auf Diplomarbeiten und schulische Referate. Und auch Esoteriker offenbaren ihr geballtes Unwissen über biblische und theologische Begrifflichkeiten. Nicht recht glauben kann ich die Information einer Webseite, dass ein Buch im Kreuz-Verlag, nämlich Margot Penningtons "Memento Mori", Überschriften mit "alttestamentarisch" und "neutestamentarisch" enthalten soll. Lektoren in einem theologischen Verlag sollten die Begrifflichkeiten beherrschen.

Vielleicht ist es aber auch so, dass der zunehmende Gebrauch des Wortes "neutestamentarisch" eine immer weiter fortschreitende Distanzierung zur Bibel und zur jüdisch-christlichen Erzählwelt indiziert. Judentum und Christentum sind für manche Kreise nur noch archaische Relikte, über die die Gegenwart hinweg gerollt ist. Während aber das Alte Testament als Projektionsfolie des Aggressiven dienen muss, bleibt das Neue Testament immerhin noch eine archaische Kulturquelle.

Epilog

Dass vieles auch für simple Dummheit spricht, wenn manche Zeitgenossen die Worte "alt- oder neutestamentarisch" gebrauchen, belegt eine Seminarausschreibung des Instituts für Soziologie der Universität Flensburg. Dort wurde im Wintersemester 2004/05 ein Seminar zum "Ehr-Begriff in unterschiedlichen religiösen und gesellschaftlichen Kontexten" ausgeschrieben, dessen Ausschreibungstext[19] nicht nur voller Fehler, sondern auch jenseits aller sprachlichen Verständlichkeit liegt: "Pflicht- und Ehrgefühl als die Kehrseiten einer gemeinsamen Münze?" ... "Dem Fuße folgt unsere individuelle Bereitschaft zum Eid" ... "wir beeiden unsere Bundesflagge" ... " Wie ernst ist also der Stand dieser Begrifflichkeiten, und wie geboten ist die Ernsthaftigkeit der zelebrierten Ereignisse?" ... "Ist es wirklich so süß, den ehrenvollen Tod in kauf u nehmen? ... Falls dies damals die Finte eines Propagandaaktes war, besteht denn dann die ... mehr oder weniger begründete ... Gefahr des Abgleitens z.B. vom Zapfenstreich als Staatsakt um happening oder Medienspektakel?". Ihren Höhepunkt erreicht die Ausschreibung mit der Aufzählung der möglichen "Eckpunkte" des Seminars:

  • Der Ehrbegriff im Kontext von Schuld und Sühne.
  • Der Liebesschwur "bei meiner Ehre" - eine rein poetische Dimension, oder medialer Sprengstoff?
  • Ehrbegriff als Bühne gesellschaftlicher Wirklichkeit.
  • Schillers "Bürgschaft" als Schauplatz individueller Wirklichkeit.
  • Alttestamentarische Ehre.
  • Neutestamentarische Ehre
  • Ehre im Koran.
  • Vom "ehrenvollen deal" zum saberen / fairen Geschäftsabschluß.
  • Die ehrenhafte Freundschaft und die "ungenaue" Kollegenschaft.
  • Sicherheit und Glaubhaftigkeit in Lebensgemeinschaften unter der Prämisse, daß die Menschenwürde unantastbar ist – ein Raster für Kommunikationsregeln?
  • Wird somit der Ehrbegriff zur Worthülse für Kommunikationsregeln, d.h. Normen, Werte, Umgangsformen, Rituale?

Da kann man nur mit Georg Christoph Lichtenberg sagen: Er hat es verhunzdeutscht. Zugleich braucht man sich um die Ursachen der deutschen Bildungsmisere keine Gedanken mehr zu machen. Wenn nicht einmal Universitätsdozenten es für nötig halten, ihre Sprache und ihren Sprachgebrauch zu reflektieren, wie soll man es dann von den Studierenden, Schülerinnen und Schülern oder gar von der breiten Masse verlangen?

Der Gebrauch der Sprache ist aber immer auch ein Indiz für den Zustand einer Gesellschaft. Und da sieht es finster aus.

Anmerkungen
  1. Und auch der Duden erlaubt selbst in der neuesten Ausgabe das Wort "alttestamentarisch" noch als korrekte Sprachform!
  2. Birte Platow, Das Wort zum Sonntag, www.theomag.de/32/bp1.htm
  3. Eine Zeitschrift, in der die Verwendung des Wortes "alttestamentarische" in Verbindung mit Rache und Strafe immer wieder vorkommt, ist das E-Zine telepolis. Hier kann man den journalistischen Vorurteilen präzise nachgehen. Ist es ein Zufall, dass sich im forum des E-Zines Antisemiten nur so tummeln?
  4. Zu den herausragenden Peinlichkeiten gehört der Gebrauch des Wortes im Brockhaus. Im Fachartikel über Shakespeares großes Welttheater heißt es: "Der alttestamentarisch Rachsüchtige (Shylock) kontrastiert mit christlich Vergebungsbereiten (Portia) - und dem eigentlich racheunwilligen Hamlet."
  5. Dass auf dem Server der Uni Tübingen ausgerechnet aus dem Seminar für Allgemeine Rhetorik in einer Lobrede auf Eberhard Jüngel das Wort von der alttestamentarischen Sexualmoral vorkommt, hat wiederum schon humoreske Züge.
  6. http://www.hagalil.com/archiv/2004/06/prantner.htm
  7. In der Plenardebatte vom 10.11.1998
  8. http://klose.spd-hamburg.de/pdf/FES04062002.pdf
  9. http://www.zeit.de/archiv/2002/08/200208_tr-erler.xml
  10. http://www.spd-landtag.de/aktuell/presse_anzeigen.cfm?mehr=858
  11. http://www.zdk.de/salzkoerner/salzkorn.php?id=112
  12. "ihre alttestamentarische Rachsucht" Adolf Hitler 30. Januar 1939; "Haß und Rache von wahrlich alttestamentarischem Charakter sprechen aus diesen Plänen" Goebbels 4.10.1944.
  13. http://gutenberg.spiegel.de/brentano/maerchen/Druckversion_rheinm.htm
  14. "Wenn dem religiösen Fanatismus keine Grenzen gesteckt werden, so erleben wir noch die krankhaftesten Erscheinungen. Die übertriebene Heiligung des Sonntags kann förmlich alttestamentarisch werden."
  15. "Ich war somit ein gesetzlich attestierter alttestamentarischer Glaubensgenosse und Judenonkel."
  16. Zieh die Schuhe aus, miserabler Leser, der du zu Fuß durch unsere fashionable Geschichte gehst; zum mindesten die Überschuhe, wenn du das Unglück hast, mit diesem Erzeugnis unseres Kautschukzeitalters auf deinem schmutzigen, leichdornenvollen Lebenswege behaftet zu sein. Hut ab, ihr alle, wes Standes und Alters ihr seid, mit Ausnahme des ehrwürdigen Hebräers, der lieblichen Tochter aus dem Stamme Juda, die uns folgen. Sie mögen nach alttestamentarischer Sitte ihr Haupt bedecken, da wir in den Tempel desjenigen Gottes treten, den in prophetischem Fernblick ihr auserwähltes Volk schon vor etwelchen Jahrtausenden in der Wüste anbetete – das goldene Kalb!"
  17. "Ich rufe den Schutz der Vorsehung an, ich lese die Psalmen Davids wider seine Feinde, ich hasse meinen Feind mit einem alttestamentarischen Haß, während mir doch der Mut fehlt, mich der eben erlernten Mittel der schwarzen Magie zu bedienen."
  18. Einige davon - die der freien Enzyklopädie Wikipedia - habe ich inzwischen wieder entfernt.
  19. http://www.uni-flensburg.de/soziologie/ws04-12.html

© Mertin 2005
Magazin für Theologie und Ästhetik 33/2005
http://www.theomag.de/33/am145.htm