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Magazin für Theologie und Ästhetik


Videoclips XXI

Grabgesang? Oder: Totgesagte leben länger!

Andreas Mertin

Am 11. Dezember 2004 verkündete die Süddeutsche Zeitung gleich in drei Artikeln auf einer ganzen Seite den Tod des Videoclips und der mit ihm verbundenen Musiksender:

"Wir werden Zeuge, wie MTV sich als Musiksender abschafft - und den dazu gekauften Kanal Viva gleich mit. Ein Zerfallsprozess vor laufender Kamera: Das Musik-TV verabschiedet sich, weil die Popkultur sich offensichtlich kein Bild mehr von sich selber machen kann - It was the best of times, it was the worst of times - it were our times. Clips waren einmal die Avantgarde der Bildproduktion. Und wir ließen sie in unsere Zimmer. Dann sind sie sang- und klanglos und vor allem grundlos wieder verschwunden. Was für ein gottverdammt trauriger Abschied. Ein Special aus gegebenem Anlass."

In einer Reihe von Titeln wie "Im Himmel" - "Im Fernsehen" - "Am Ende", die vermutlich poetisch anmuten soll, wurde der Grabgesang auf eine ganze Zunft angestimmt. "Das Internet hat das Musikfernsehen nicht nur als Video-Abspielstation überflüssig gemacht. Es hat ihm seine Relevanz genommen: Die neuen Jugendkulturen sind virtuell, sie konstituieren sich in Weblogs und Netzforen, sie kennen keinen Modestil. Internet has killed the music television."

Das war es also. 11 Jahre nach dem Auftreten des World Wide Web, fast ein Vierteljahrhundert nach der Etablierung der Musik-Fernsehsender, sind diese durch das erstere am Ende. Ist das wirklich so? Was in der Welt lässt derartige Schlussfolgerungen zu? Der Wirrwarr bei der Neuordnung der Fernsehlandschaft rund um VIVA und MTV oder was? "Die Zeichen deuten auf ein baldiges Ableben des Mediums Videoclip." Zeichen lesen (Mantik) ist eine hohe Kunst und Journalisten sind ihrer nur in den seltensten Fällen mächtig. Die Tatsache, dass der Retro-Kult überhand nimmt oder dass spärlich bekleidete Mädchen in dicken Schlitten mit schwarzen Jungs im Videoclip gezeigt werden wie zu den Anfängen dieses Mediums, ist noch kein Zeichen für das Ende eines Mediums, allenfalls für eine temporäre Schwäche von Kreativität. Könnte man Ähnliches nicht auch für den Kinofilm behaupten? Schwächelt nicht auch hier der Absatz und die Innovation? Aber das bekümmert die Autoren wenig. Sie klagen: "Mal ehrlich: Welche Schmach! Welch gottverdammt trauriges Ende für eine Kunstform, in der einst die neue Grammatik des Sehens geschrieben wurde, in der selbst die strenge Sekte der Experimentalfilmer einen kurzen Sommer der Popularität erlebte". Der "Sommer", der hier beschrieben wird, erstreckte sich immerhin über 20 Jahre, wenn man Medienereignisse wie "Triumph / Can you feel it" der Jackson 5 mitzählt.

Unbestreitbar ist, dass das Medium "Videoclip" die visuelle Branche überrollt hat wie kaum ein zweiter Vorgang in der Geschichte der visuellen Künste. "Im Zuge dieser Befreiung hat der Videoclip im Handumdrehen die Führungsrolle in der Welt der Bilder übernommen. Danach war es eigentlich normal, dass man beim Zappen immer wieder auf Videos stieß, die einem die Augen übergehen ließen: Die frühen Arbeiten von Mary Lambert, die auf einen Spezialeffekt namens 'Madonna' vertrauen konnten; die beiläufigen Auftritte der teuersten Supermodels, etwa bei George Michael oder Chris Isaak; oder die ersten Gehversuche künftiger Stars wie Liv Tyler, die für Aerosmith aus einem Internat ausbrach – immer hatte man das Gefühl, an der vordersten Front der Bildproduktion dabei zu sein. Genauso wirkten, eine Ecke anspruchsvoller, die düsteren Surrealismen von Chris Cunningham (Leftfield, Aphex Twin), die visuellen Extravanganzen von Michel Gondry (Björk, Chemical Brothers) oder der unnachahmliche Lo-Fi-Humor aus dem Skater-Universum von Spike Jonze (Beastie Boys, Fatboy Slim). Das Gefühl, dass man die frischesten Bilder der Welt im Musikfernsehen sehen konnte, lang bevor sie den Weg ins Kino oder in die Werbung fanden, wurde etwas Alltägliches – so alltäglich, dass wir den schleichenden Niedergang fast verpasst hätten. Wo waren sie in der letzten Zeit, die Cunnighams, Gondrys, Jonzes? Vermutlich haben sie der Musikindustrie still und leise den Rücken gekehrt – einer Industrie, die gerade von schnellen DSL-Leitungen ausgesaugt wird, in hässliche 'Raubkopierer sind Verbrecher'-Kampagnen verwickelt ist und wohl allen Charme als lässiger Auftraggeber eingebüßt hat."

Der Charme dieser Beschreibung und seine melancholische Stimmung entstehen aber lediglich dadurch, dass unterschlagen wird, dass im Bereich der Videoclips schon immer nur ganz selten Gutes produziert wurde, dass die Mehrzahl der Clips schlicht fantasieloser Schrott war. Nicht umsonst kann man die Regisseure, die aus der Masse herausragen, an den Händen abzählen. Und tatsächlich gab es auch vorher schon Zeiten, in denen ein zwei Jahre nichts Aufregendes auf den Markt kam.

Faktisch betrauert die SZ aber nur das Ende eines Mediums – des Musikfernsehens. Ob Videoclips sich erhalten werden oder nicht, ist davon weitgehend unabhängig. Schon längst hatte das Medium selbst begonnen, sich zu historisieren. Wenn Sendungen die besten Clips zu einem bestimmten Thema zusammenstellen, versuchen sie, ihre eigene Geschichte zu konstruieren und zu schreiben. Retro-Kult, Cover-Moden – das sind durchaus Zeichen der Innovationsmüdigkeit, aber keine sicheren Indizien des Endes eines Mediums. Die Videoclips, die so revolutionär und ikonoklastisch daher kamen, mussten nun im Rahmen von Ausstellungen wie "VIDEO – 25 Jahre Videoästhetik" feststellen, dass auch sie sich in der Wahrnehmung vor einer Geschichte ihres Mediums verantworten müssen, dass es nicht reicht, ein paar schnelle Schnitte und Schwenks zu machen, um unerhörte MTV-Ästhetik zu generieren.

Die Videoclips – das wäre meine These – haben die Schwelle zur kulturellen Wahrnehmung, und das heißt zur Etablierung von Kriterien, anhand derer sie beurteilt, bewertet und gesammelt werden können, gerade es erreicht. Weltweit gibt es erst wenige Museen oder Institutionen, die Videoclips sammeln und damit auch vergleichbar machen.

Als Hegel vor 170 Jahren pathetisch das Ende der Kunst verkündete, meinte er auch nur den Innovationscharakter dieses Mediums im Blick auf die Erkenntnis des Weltgeistes. Und jeder weiß, dass seitdem die Kunst höchst kreativ weiter existierte und zwischenzeitlich wohl ein Dutzend Mal erneut von anderen Zeitgeistpropheten für tot (nun aber endgültig!) erklärt worden ist.

Wenn das gleiche mit der Kultur der Videoclips geschieht, haben wir noch viel Interessantes zu erwarten. Denn was die SZ nicht erläutert, ist, was denn das Medium Videoclip ablösen soll? Das Internet ist es sicher nicht, hier stößt man in den seltensten Fällen auf eine Kreativität, die der von Mark Romanek oder Chris Cunningham vergleichbar wäre. Im direkten Vergleich ist das Internet eine Veranstaltung gähnender Langeweile, allenfalls ein Eldorado für Ego-Shooter-Fans, wohl aber kaum für kreative Geister. Denn was ist der Kern des Arguments der Süddeutschen Zeitung? Dass die Jugendlichen sich ihre Clips nun aus dem Internet laden. Das ist so, das mache ich auch. Aber das setzt gerade voraus, dass Videoclips existieren, produziert werden und in einer Konkurrenz des Ausdrucks mit anderen Clips stehen. Warum sollten sich Jugendliche Clips laden, wenn sie mit ihnen nichts anfangen können?

Bleibt also nur noch das Argument übrig, dass für Musik-Fernsehsender wie VIVA und MTV die exklusive Bindung an Videoclips nach eigener Einschätzung nicht mehr ausreicht, um ihr jugendliches Publikum exklusiv zu erreichen. Mit anderen Worten, dass Jugendliche den Videoclip, nachdem er auch in die Erwachsenenkultur eingedrungen ist, nicht mehr als spezifisches Abgrenzungsmedium gegenüber der Erwachsenenwelt wahrnehmen. Das hat eine hohe Plausibilität. Nur noch Religionslehrer und evangelische Sozialarbeiter wollen Jugendliche vor dem Zugriff der Erwachsenen auf das jugendliche Medium "Videoclip" schützen. Derartiges Denken ist aber schon lange überholt und hatte vermutlich noch nie einen hohen Grad an Plausibilität. Nur weil man sich Videoclips ansieht, ist man lange noch nicht jugendlich. Die Tatsache, dass selbst im Musikantenstadl des Karl Moik Videoclips zur Volksmusik gezeigt werden - wie etwa zu dem Stück 'Ich schwör' der Kastelruther Spatzen -, belegt das drastisch.

Wenn die Musiksender bisher von dem Mythos gelebt haben, allein die Ausstrahlung von Videoclips garantiere ein jugendliches Publikum, werden sie sich nun nach etwas Neuem umschauen müssen. Videoclips werden Geschichte - aber das hat noch nie das Ende einer Mediengalaxis bedeutet.


© Mertin 2005
Magazin für Theologie und Ästhetik 33/2005
http://www.theomag.de/33/am141.htm