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Magazin für Theologie und Ästhetik


Dance on the Volcano

Kirchentag als Kult(o)ur

Harald Schroeter-Wittke[1]

Wer auf dem Vulkan tanzt, liebt das Wagnis, die Herausforderung, das Risiko. Der Kirchentag ist ein solcher Tanz auf dem Vulkan, voller Wagnis, Herausforderung, Risiko. Und schon mancher hat hier sein Pompeji erlebt. Aber für die meisten hat sich das Wagnis Kirchentag gelohnt. Warum sonst würden sich zigtausend Menschen diesem Stress aussetzen, die Vorbereitung, Durchführung und Mitarbeit beim Kirchentag zweifelsohne bedeuten? Keiner weiß so genau, was und warum - aber er lohnt sich für sie, der Kirchentag. Denkt man vorher mit seinen Plänen, Projekten und Erwartungen: Alles unmöglich, so ging es am Ende doch "irjendswie"[2].

Wenn wir über den Kirchentag als Kultur nachdenken, so ist dies meine erste Beobachtung. Kirchentag macht "irjendswie" gute Laune. Das Geschehen Kirchentag versprüht Optimismus, Lebensmut, Kraft, Hoffnung - Worte, die manchmal einen schalen Beigeschmack haben, abgegriffen sind. Aber - es ist verrückt, beim Kirchentag kann man diese Phänomene "irjendswie" erleben. Es gibt bei uns leider nicht mehr viele von diesen positiv gestimmten Kulturen.

Voraussetzung dafür ist, dass wir alle nicht so genau wissen, was Kirchentag ist und wie er funktioniert. Dieses Nichtwissen macht es möglich, dass so viele Menschen beim Kirchentag mitmachen und hingehen. Sie alle erwarten ihren Kirchentag, werden oft enttäuscht und haben trotzdem was davon. Der Kirchentag bietet eine riesengroße Projektionsfläche für all die Sehnsüchte, die wir mit Gott, der Welt, der Kirche, dem Glauben, dem Leben haben. Diese Sehnsüchte reisen alle mit auf den Kirchentag.[3] Nur weil niemand - vielleicht mit Ausnahme des Heiligen Geistes - so genau weiß, was Kirchentag ist und was er soll, können Kirchentage diese Projektionsfläche bieten. Sobald sich der Kirchentag nach außen profilierter zeigen würde und damit Abgrenzungen vornehmen würde, würde er nicht mehr so viele Menschen sammeln können.

Man sagt ja, wer für alles offen ist, der sei nicht ganz dicht. Dem ist wohl so. Daher plädiere ich für einen nicht wasserdichten Kirchentag, für einen Kirchentag, der auch weiterhin seine Einladung an Unbekannt ergehen lässt, wie sein Gründer Reinold von Thadden-Trieglaff so wunderbar formuliert hat.[4] Der Kirchentag ist Fragekultur im Horizont der Lebensbejahung. Oder, wie es in der Präambel heißt: Der Deutsche Evangelische Kirchentag will Menschen zusammenführen, die nach dem christlichen Glauben fragen. Dazu gehört die Einladung an Unbekannt. Einladung an Unbekannt ist nämlich etwas anderes als Einladung an Jedermann. Das Unbekannte kann eben wie ein Vulkan sein. Die Unbekannten kann man eben nicht im Griff haben. Die Begegnung mit Unbekannt ängstigt eben auch, verunsichert und stellt in Frage. Das lässt der Kirchentag mit sich machen. Und dieser Kultur möchte ich heute morgen weiter nachdenken.

Ich beschreibe dazu in einem 1. Teil 4 Merkmale der Kirchentagskultur und schließe dann in einem 2. Teil mit 11 Thesen zum Verhältnis von Kirchentag und Kunst. Mein weiter Kulturbegriff versucht, die Trennung von U- und E-Kultur, die in protestantischen Kreisen immer noch sehr verbreitet ist, nicht weiter festzuschreiben.[5] Das 1. Merkmal des 1. Teils hatten wir schon:

1.1. Kirchentag ist Fragekultur im Horizont der Lebensbejahung.

1.2. Kirchentag ist darstellendes Handeln.

Der berühmte Philosoph und Mitbegründer der Berliner Humboldt-Universität, der Theologieprofessor Friedrich Schleiermacher, hat für das menschliche Handeln 2 Kategorien benannt: Es gibt zum einen das wirksame Handeln, zum anderen das darstellende Handeln. Zum wirksamen Handeln gehört nach Schleiermacher das politische, das medizinische, das ökonomische oder auch das diakonische Handeln. Zum darstellenden Handeln gehört nach Schleiermacher z.B. die Kunst, der Gottesdienst, das Fest, heute würden wir wohl auch die Medien dazu zählen. Im darstellenden Handeln kommt zur Aufführung, was Menschen bewegt. Wir Menschen brauchen beide Formen des Handelns in ausgeglichener Weise. Zwar ist es so, dass man das darstellende Handeln vom wirksamen Handeln nicht trennen kann und darf, denn das darstellende Weise ist der Grund der Möglichkeit wirksamen Handelns, aber es macht doch Sinn, beide Handlungsweisen zu unterscheiden.[6] Denn wer vom wirksamen Handeln immer die schönen Dinge des Lebens erwartet, erwartet sie am falschen Ort - ebenso, wer vom darstellenden Handeln immer wieder Wirksamkeit erwartet. Meine These lautet: Der Kirchentag ist in erster Linie darstellendes, nicht wirksames Handeln. Somit widersetzt sich seine Kultur den Fragen nach messbarer Wirksamkeit. Daher kann die Frage nach der Effizienz eines Kirchentages nur eine nachgeordnete Frage sein.

Der Kirchentag hat in seiner Struktur dafür ein sehr interessantes Instrumentarium. Er basiert auf der Kultur der Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit. Diese Freiwilligkeit und Ehrenamtlichkeit entzieht sich finanzieller wirtschaftlicher Logik. Denn das, was dort geleistet wird, ist unbezahlbar. Natürlich ist damit immer auch eine Gratwanderung zwischen Euphorie und Ausbeutung verbunden. Der Gotteslohn dieser Freiwilligkeit besteht in dem Ansehen, das diejenigen genießen, die diese ehrenamtliche Arbeit machen. Wird dieses Ansehen auf Dauer beschädigt, kann das für die Struktur des Kirchentags fatale Folgen haben. Denn Darstellung will gesehen, angesehen werden - und dieses Ansehen will genossen werden.[7]

1.3. Kirchentag als Kult-Tour

Der Kirchentag wechselt seinen Austragungsort und befruchtet dort die kirchliche Landschaft. Er verkörpert eine mobile Kirche, Kirche in Bewegung. Der Austragungsort ist jedoch immer eine Großstadt. Kirchentage verwandeln für ihre Austragungsdauer das Stadtbild und den Flair dieser Großstädte. Viele Städte, die sich einmal um Kirchen herum entwickelt haben, werden nun für einen kurzen Zeitraum wieder von kirchlicher Kultur geprägt. Das schafft manchmal auch Irritationen. Aber diese Form von Kirche auf Zeit, wie sie der Kirchentag darstellt, scheint Großstädten gegenüber besonders angemessen. Dabei spielt die spezifische Verbindlichkeit von Kirche auf Zeit eine wichtige Rolle.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Kirchentag auch im Kirchenjahr etabliert hat. Zwar findet er nur alle 2 Jahre statt, aber dazwischen gibt's ja auch noch den Katholikentag. So trägt das Wechselspiel beider Institutionen der Entwicklung Rechnung, dass unser Lebensrhythmus immer intensiver vom Jahresrhythmus geprägt wird und weniger wie früher vom Wochenrhythmus. Kirchentage finden im größtmöglichen Abstand zum gesellschaftlichen Hauptfest Weihnachten statt. Dabei verdankt sich das Fest Kirchentag nicht einer kirchlichen Tradition oder einem heilsgeschichtlichen Datum, sondern es fußt auf Bedürfnissen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Der Kirchentagsgänger ist ein Festtagskirchgänger eigener Prägung. Denn das Fest Kirchentag wird nicht über die Sozialisationsform Familie, sondern vorwiegend über die Sozialität von Gruppen vermittelt. Daher kann er als öffentliche Kasualie bezeichnet werden. Als Kirche auf Zeit ist er eine Form von Kirche bei Gelegenheit[8], die durch große Erlebnisdichte charakterisiert ist.

Als Kirche auf Zeit hat er aber auch eine große Affinität zu unserer Freizeitgesellschaft. Hier kommen Ativität und Muße, Kontemplation und Kommunikation, Freiheit und Gemeinschaft, Engagement und Toleranz zusammen. Hier entstehen die für eine politische Kultur notwendigen Nischen und Wege, in denen man der Kontrolle, Disziplinierung und Normierung entgehen kann.[9] So ermöglicht er die Sensibilisierung gegenüber gesellschaftlichen Prozessen, durch die konstruktive, weitsichtige Veränderung allererst möglich wird.

Das Kirchentagsgeschehen spielt sich aber nicht nur weitgehend in der Freizeit seiner Teilnehmenden ab, sondern hat auch geradezu Urlaubscharakter - als Zeit der Erholung, aber auch als eine Art Urlaub vom Kirchenalltag. Bis 1973 fanden Kirchentage in der Haupturlaubszeit im Sommer, also im Juli oder August statt. Besonders in den 50er Jahren war die Reise zum Kirchentag für viele mit dem Jahresurlaub gleichbedeutend oder verbunden. Ab 1975 werden Kirchentage in die "Vorsaison" Mai/Juni gelegt, so daß sie nicht mehr mit den Urlaubsgewohnheiten der Deutschen konkurrieren. Seitdem kann man den Kirchentag auch als zeitgemäßes evangelisches Pfingstfest bezeichnen.[10]

Henning Schröer hat diese kulturellen Dimensionen des Kirchentags in seiner Beschreibung des Kirchentags als einer evangelischen Wallfahrt ohne Heiligenbild zusammengeführt.[11] Hierin kommt auch seine liturgische Struktur zur Geltung. An- und Abreise werden dabei ebenso gewürdigt wie die Eröffnungsgottesdienste, die Bibelarbeiten, das Feierabendmahl als auch der Schlussgottesdienst, der als medialer Inszenierungshöhepunkt des Kirchentags gelten kann.[12] Die Wallfahrtsthese denkt den Kirchentag von der gelebten Religion her, weniger von seinen Inhalten her. Kirchentage sind erlebnis-, nicht ergebnisorientiert. Dies führt auch bei der Frage nach den Unterschieden und Verbindungen von Kirchentag und Kirchenalltag weiter. Denn eine Wallfahrt ist nicht Alltag, und Kirchentag ist nicht Kirchenalltag. Was dort geschieht, ist deutlich vom Alltag unterschieden, prägt ihn aber dennoch. Kirchentag ist eine Reise, von der wir anders zurückkehren als wir hingefahren sind.[13] Die Transformationen zwischen Kirchentag und Kirchenalltag sind indirekt und betreffen meist die kulturelle Dimension zuhause. Wer zuhause so leben will wie im Urlaub, wird anecken. Das passiert auch vielen Kirchentagsteilnehmenden. Aber die Menschen bringen Souveniere nach hause mit, z.B. Lieder, Ideen und Gedanken, Symbole und Rituale, Erfahrungen mit Menschen, Entdeckungen mit der Bibel. Hiervon wird manches in den Alltag zuhause einfließen, manches unbemerkt. Aber auch in den gesellschaftlichen Bereich hinein hat Kirchentag kulturell gewirkt. Der Markt der Möglichkeiten, der z.B. auch auf Parteitagen Einzug hielt, ist eine Erfindung des Kirchentags.

Ich fasse meinen 1. Teil zusammen mit einer These:

1.4. Kirchentag ist gute Unterhaltung.[14]

Er unterhält uns, wie jemand, der uns Unterhalt zahlt. Für viele von uns bietet er geistige und geistliche Nahrung.

Er unterhält uns, wie wir uns untereinander unterhalten. Die partnerschaftliche Form des Gesprächs auf gleicher Augenhöhe kennzeichnet ihn und prägt seine Teilnehmenden.

Er unterhält uns, wie ein Entertainer uns unterhält. Kirchentag macht Spaß. Und wenn es ihn nicht geben würde, müsste man ihn auf der Stelle erfinden.

Soweit zur Kirchentagskultur, zum Kirchentag als Gesamtkunstwerk, als sozialer Plastik.[15]

Mein 2. Teil würdigt den Kirchentag in 11 Thesen als Kunstereignis. Schon 1952 in Stuttgart hatte Reinold von Thadden-Trieglaff dem Kirchentag ins Stammbuch geschrieben: "In das Herz des Kirchentages gehört die Kunst."[16] Es hat dann allerdings über 30 Jahre gedauert, bis dies 1983 in Hannover mit einem ersten Forum Kunst und Kirche bei Kirchentagen eine mittlerweile etablierte Form finden konnte.

2. Der Kirchentag als Kunstereignis - Vision noch nicht ausgeschöpfter Möglichkeiten

In München 1993 stand das Forum Kunst unter der Überschrift: Störfall Kunst. Kunst als Störfall scheint mir das durchgehende Thema des Forums Kunst seit seiner Gründung zu sein, auch wenn es nur einmal explizit so genannt wurde. Das ist auch gut so, weil Störfälle sich nicht einplanen lassen, sondern nur zugelassen werden können. Der Kirchentag hat immer wieder versucht, solche Zulassungsbedingungen aufzustellen, die Störfälle allererst ermöglichen. Diese Zulassungsbedingungen versuche ich nun in 10+1 Thesen deutlich zu machen:

2.1. Kunst auf Kirchentagen ist ein Störenfried. Auch in Zukunft wird Kunst, wenn sie denn Kunst sein will, weiterhin die Kirche ebenso wie den Kirchentag stören. Kunst stört den falschen Frieden auf - eine Voraussetzung, um durch Störung Frieden stiften zu können.

2.2. Kunst auf Kirchentagen stört den Kirchentag, indem sie zeigt: Kunst hat keine Botschaft. "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." (Paul Klee) Kunst transportiert also nicht irgendetwas, was auch ohne sie schon vorhanden wäre, sondern sie schafft Neues - Unerhörtes! Unerhört![17] Das unterscheidet Kunst von den vielfältigen kommunikativen Gestaltungsformen des Kirchentags und seiner Gruppen. Dieser Unterschied darf aber nicht dazu führen, den einen Bereich gegen den anderen auszuspielen oder den einen Bereich durch den anderen Bereich zu okkupieren.

2.3. Kunstwerke sind autonom - auch und gerade auf Kirchentagen. Sie stellen es den Zuschauenden und Zuhörenden frei, was diese an ihnen ent-decken, aufdecken wollen. Kunst stellt einen der wenigen botschaftsfreien Räume auf Kirchentagen dar - und dies ist nach allem, was wir seit den 80er Jahren von Teilnehmenden an Reaktionen auf die Kunstforen bekommen haben, einer der wichtigsten Aspekte. Nirgendwo sonst wird die Erfahrung so deutlich: Die Gedanken sind frei!

2.4. Kunst auf Kirchentagen ist eine Form von öffentlicher Klage, von öffentlicher Seelsorge.[18] Biblisches Leitbild ist hier für mich Hiob. Das Leid und das Leiden von Menschen an Gott und der Welt, welches zum Himmel schreit, wird hier öffentlich zur Darstellung gebracht. Kunstwerke provozieren Gott, Mensch und Welt, rufen sie heraus aus ihrem Privatissimum, ihrer Isolation und werden so politisch, indem sie sich in einem Prozess mit ihnen befinden. In diesem Prozess werden die Zuschauenden und Zuhörenden zu einem eigenen Urteil herausgefordert. In solcher Kunst kommt zur Darstellung, dass es Phänomene gibt, die nicht mehr kommunikabel sind, die sich jeglicher Kommunikation verweigern. Nur wo und indem solche Darstellungen ermöglicht werden, kann Gewalt und Krieg verhindert werden.

2.5. Kunst auf Kirchentagen verletzt religiöse Gefühle, weil sie das zur Diskussion oder auch in Frage stellt, was uns heilig ist. Als solche stiftet sie "sinnvolle problematische Erfahrungen" (Dietrich Zilleßen)[19] und wehrt allen Formen von Götzendienst. Darin ist sie prophetisch.

2.6. Kunst auf Kirchentagen widersetzt sich der "Wut des Verstehens" (Friedrich Schleiermacher)[20]. 1799 hatte Schleiermacher in seinen Reden über die Religion deutlich gemacht, dass es "nicht die Zweifler und Spötter" sind und "auch nicht die Sittenlosen", die "das Gedeihen der Religion" hindern, "sondern die Verständigen" mit ihrer "Wut des Verstehens" "und die praktischen Menschen", die alles nur nach Funktion und Nutzen beurteilen.[21] Der Kirchentag braucht den Freiraum Kunst,[22] dem eine Distanz zum Kirchentag notwendig eignet, gerade weil hier Momente des Unsinnigen und Sinnlosen[23] in Szene gesetzt werden.

2.7. Kunst auf Kirchentagen inszeniert Formen als Inhalte. Darin hat das Forum Kunst exemplarischen Charakter für den Kirchentag insgesamt. Hier werden andere Formen der Darstellung und der Partizipation erprobt. Neue Formen wie etwa Papphockergespräche, Kunstprozessionen, multimediale Inszenierungen, die künstlerisch und religiöse Ingebrauchnahme eines Autohauses bei laufendem Verkehr und Verkauf, interaktive Selbstdarstellungen, Führungen oder Diskurse als Performances sind auf Kunstforen erprobt worden. Das Experimentierfeld der Kirche braucht eine Form, ein Forum, das solche Experimente ermöglicht. Formen als Inhalte zu lesen und in Szene zu setzen, das betrifft schon die Wahl des Veranstaltungsortes des Forums Kunst, die deshalb in der Kirchentagsorganisation anderen Kriterien und Bedingungen unterliegen muss als bei anderen Foren!

2.8. Spezifikum der vom Deutschen Evangelischen Kirchentag veranstalteten Kunst auf Kirchentagen sind die Bibeltexte des Kirchentages.[24] Sie werden im Forum Kunst als autonome Kunstwerke betrachtet. Sie bilden den Bezugspunkt zu allen Kunstwerken auf Kirchentagen, allerdings so, dass den Künstlerinnen und Künstlern bei der Gestaltung ihrer Kunstwerke völlig freie Hand gelassen wird. In diesem spannungsvollen Mit- oder Gegeneinander von Bibeltexten und Kunstwerken stellt sich heraus, welche unerhörten und uneingebildeten Inhalte die Bibeltexte als gestaltete Formen freizusetzen in der Lage sind. In diesem Prozess vertraut die Forumsleitung darauf, dass jeder herrschaftliche Gebrauch von Bibel und/oder Theologie seitens der Kirche oder des Kirchentages oder der Forumsleitung von den Künstlerinnen und Künstlern entschieden zurückgewiesen wird - zum Glück für Forumsleitung, Kirchentag und Kirche!

2.9. Durch die Bibeltexte wahrt der Kirchentag seine über die Region des Kirchentagsortes hinausgehende Aufgabe der Zeitansage. Diese Zeitansage mit künstlerischen Mitteln zu Gehör zu bringen und in Szene zu setzen, dazu bedarf es eines eigenständigen Forums Kunst. Insofern der Kirchentag aber ebenso auch Ortsanweisung ist, ist die Zusammenarbeit mit den regionalen Kunstplanungen vor Ort zu fördern.

2.10. "Kunst ist schön - macht aber auch viel Arbeit!" (Karl Valentin) Damit bin ich bei organisatorischen Fragen. Das Forum Kunst in seiner bisherigen Form muss nicht immer dreitägig sein. Es kann auch sein, dass es mit anderen Foren zusammen in einer Halle kooperiert. Was aber sein muss, ist ein Ort, der während eines Kirchentages von Donnerstag bis Samstag durchgängig mit künstlerischen Mitteln "bespielt" wird. Dieser Ort kann auch, wie etwa in Hamburg, ein ganzer Stadtteil sein (Kunstprozession in St. Georg), oder wie in Leipzig, ein ganzes Abrisshaus, oder wie in Stuttgart, eine Mercedes-Verkaufshalle, oder wie in Berlin, eine Spree-Wiese am Berliner Dom.

2.11. Weil Kunst einen Mehrwert hat - auch gegenüber Dekalogiken, sei hier zum Schluss das 11. Gebot an den Kirchentag formuliert: Du sollst der Ästhetik, der Kunst der Wahrnehmung als einer durchgehenden und grundlegenden Dimension all deiner Veranstaltungen Wohnung geben in all deinen Planungen und Durchführungen. Wenn dein Kind dich morgen fragt: Warum habt ihr auf Kirchentagen Kunst gemacht?, so sollst Du mit einem Paderborner Kneipennamen antworten: Das 11. Gebot - Du sollst genießen![25]

Anmerkungen
  1. Vortrag vor dem Landesausschuss Westfalen des Deutschen Evangelischen Kirchentags am 6.3.04, der als zweitägige Kulturveranstaltung unter dem Motto "Pas de deux" stattfand.
  2. Dieses Kölsche Wort wird auf dem Kirchentag 2007 in Köln sicherlich noch eine große Rolle spielen - auch theologisch.
  3. Und viele Befürchtungen und negative Erwartungen bleiben zuhause und bestätigen sich bei denen, die den Kirchentag medial erleben - oder auch nicht.
  4. Vgl. dazu Harald Schroeter: Kirchentag als vor-läufige Kirche. Der Kirchentag als eine besondere Gestalt des Christseins zwischen Kirche und Welt. PTHe 13, Stuttgart u.a. 1993.
  5. Vgl. dazu Harald Schroeter-Wittke: Thesen zu einer Praktischen Theologie der Popkultur; in: PrTh 38 (2003), 170-175.
  6. Vgl. dazu Harald Schroeter: "Denn die Lehre feiert auch, und die Feier lehret." Prospekt einer liturgischen Didaktik, Waltrop 2000, 21-30.
  7. Das Ansehen, das wir genießen, ist verwandt mit der Aufmerksamkeit, die wir schenken oder bekommen, welche wiederum als knappstes Gut unserer Zeit anzusehen ist; vgl. dazu Jochen Hörisch / Harald Schroeter-Wittke: Was ist Geld? Vortrag und Spiel; in: Christoph Quarch / Dirk Rademacher (Hg.): Deutscher Evangelischer Kirchentag Frankfurt am Main 2001. Dokumente, Gütersloh 2001, 692-705.
  8. Vgl. dazu Michael Nüchtern: Kirche bei Gelegenheit. Kasualien - Akademiearbeit - Erwachsenenbildung. PTHe 4, Stuttgart u.a. 1991.
  9. Vgl. dazu Henning Luther: "... mehr als eine bloße Imitation von Kirchentagselementen..." Ein Gespräch mit Ulf Grüner; in: Hans-Gernot Kleefeld (Hg.): Ideen für den Weg vom Kirchentag zum Kirchenalltag. Eine Arbeitshilfe als "Anstiftung zum Weitermachen", Nürnberg (Landesausschuss Bayern) 1989, 11-15.
  10. So Peter Bubmann: Kirche in vorlaufender Nachfolge; in: ZEE 39 (1995), 79f.
  11. Vgl. dazu Henning Schröer: Kirchentag als evangelische Wallfahrt; in: EvErz 35 (1983), 88-90; sowie Ingrid Lukatis: Church Meeting and Pilgrimage in Germany; in: SocComp 36 (1989), 201-218.
  12. Vgl. dazu Harald Schroeter: Massenliturgie - Medienliturgie. Hermeneutische Überlegungen zu den Schlußversammlungen des Deutschen Evangelischen Kirchentages; in: Dietrich Zilleßen / Stefan Alkier / Ralf Koerrenz / Harald Schroeter (Hg.): Praktisch-theologische Hermeneutik, Rheinbach 1991, 483-502.
  13. Zum Reisen als theologischem Topos vgl. Helga Kuhlmann / Martin Leutzsch / Harald Schroeter-Wittke (Hg.): Reisen. Fährten für eine Theologie unterwegs. INPUT 1, Münster u.a. 2003.
  14. Zur Unterhaltung als theologischem Topos vgl. Harald Schroeter-Wittke: Unterhaltung. Praktisch-theologische Exkursionen zum homiletischen und kulturellen Bibelgebrauch im 19. und 20. Jahrhundert anhand der Figur Elia. Friedensauer Schriftenreihe C 4, Frankfurt/M. u.a. 2000.
  15. Vgl. auch Harald Schroeter: Kirchentag als Gesamtkunstwerk. Ein Bericht über seine kulturellen Dimensionen; in: Helmut Donner (Hg.): Kirche und Kultur in der Gegenwart. Beiträge aus der evangelischen Kirche, Frankfurt/M. 1996, 326-342.
  16. Wählt das Leben! Der Vierte Deutsche Evangelische Kirchentag vom 27. bis 31. August 1952 in Stuttgart (hg. i.A. des Präsidiums des DEKT), Stuttgart 1952, 16.
  17. Vgl. dazu Dietrich Zilleßen: Hörproben; in: Gotthard Fermor / Hans-Martin Gutmann / Harald Schroeter (Hg.): Theophonie. Grenzgänge zwischen Musik und Theologie, Rheinbach 2000, 15-39.
  18. Vgl. dazu Harald Schroeter-Wittke: "Da : Zwischen" - Performative Seelsorge auf dem ÖKT in Berlin. Beobachtungen zu: Der Waschplatz. Performative Installation von Ute Pinkert und Hanne Seitz; in: WzM 56 (2004) Heft 5.
  19. Vgl. Dietrich Zilleßen: Sinnvolle problematische Erfahrungen; in: JRP 7 (1990), 277-295.
  20. Friedrich Schleiermacher: Reden über die Religion (1799), 3. Rede, 144; zit. nach der Ausgabe von Carl Heinz Ratschow, Stuttgart 1980, 96f.
  21. Vgl. dazu hermeneutisch Jochen Hörisch: Die Wut des Verstehens. Zur Kritik der Hermeneutik, Frankfurt/M. 1998; religionspädagogisch und praktisch-theologisch Bernd Beuscher: Leistungskurs Religion. Vorlesungen zur Kunst der Religionspädagogik, Norderstedt 2000; sowie Harald Schroeter-Wittke: Praktische Theologie als Performance. Ein religionspädagogisches Programmheft mit 7 Programmpunkten; in: Eberhard Hauschildt / Ulrich Schwab (Hg.): Praktische Theologie für das 21. Jahrhundert, Stuttgart 2002, 143-159.
  22. Auf dem Ruhrgebietskirchentag 1991, vorangetrieben durch die Arbeit der RAST, deren damaliger Vorsitzende der jetzige Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß, war, hieß das Kulturprogramm folgerichtig "FreiRäume". In kultureller Hinsicht war dies ein Durchbruch für die Wahrnehmung der Künste auf Kirchentagen. Dass aus dieser Arbeit heraus die noch heute existierende und immer noch wegweisende Einrichtung AKKU (Arbeitsstelle Kunst und Kultur in Dortmund - wesentlich geprägt durch Michael Küstermann) entstand, verdient eigens hervorgehoben zu werden. Der Ruhrgebietskirchentag, der seinerzeit in der Presse wegen seiner dezentralen Struktur und der damit zusammenhängenden medialen Nichtdarstellbarkeit schlecht wegkam, scheint für die Gestaltung der kulturellen Dimension des Kirchentags überhaupt aber sehr prägend gewesen zu sein. Denn mit seinen Zentren am Wegen hat er eine Struktur erprobt, die für die Etablierung der kulturellen Gestaltungsvielfalt auf Kirchentag wesentlich geworden ist. Heute sind die vielen kulturellen Veranstaltungsorte in der Kirchentagsstadt gar nicht mehr wegzudenken. Sie sind für sehr viele jugendliche Teilnehmende die Hauptattraktionen von Kirchentagen.
  23. Dietrich Zilleßen hat diese Einsicht in seinen vielen verstreut erschienen Publikationen und Diskurs-Performances zu phänomenologischen Fragen der Wahrnehmung immer wieder vorgetragen und entfaltet, vgl. z.B. ders.: Der Sinn des Unsinns. Zur Ausstellung künstlerischer Arbeiten im kirchlichen Raum; in: EvErz 45 (1993), 634-639; ders.: Die Poesie des Körpers; in: Henning Schröer / Gotthard Fermor / Harald Schroeter (Hg.): Theopoesie. Theologie und Poesie in hermeneutischer Sicht, Rheinbach 1998, 67-86; ders.: Phänomenologische Religionspädagogik: Diskurs und Performance; in: Bernhard Dressler / Friedrich Johannsen / Rudolf Tammeus (Hg.): Hermeneutik - Symbol - Bildung. Perspektiven der Religionspädagogik seit 1945, Neukirchen-Vluyn 1999, 84-104; sowie ders.: Raumbeschreitungen. Wie Didaktik der Religion bei Sinnen ist; in: Thomas Klie / Silke Leonhard (Hg.): Schauplatz Religion. Grundzüge einer Performativen Religionspädagogik, Leipzig 2003, 67-91.
  24. Harald Schroeter-Wittke: Kirchentag als ManiFest. Beobachtungen zur öffentlichen Bibeldidaktik nach 1945; in: JBTh 18 (2003).
  25. Winfriedstraße / Am Turnplatz, 33098 Paderborn.

© Harald Schroeter-Wittke 2004
Magazin für Theologie und Ästhetik 28/2004
https://www.theomag.de/28/hsw3.htm