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Magazin für Theologie und Ästhetik


Seelenverkäufer

Mit Bart Simpson einem religiösen Phänomen auf der Spur

Andreas Mertin

Im Kinokultfilm "Pulp fiction" jagen die Hauptfiguren Vincent und Jules, zwei Profikiller, einem Koffer hinterher, der ihrem Gangsterboss gehört. Als sie den Koffer finden und öffnen, kann man seinen Inhalt nicht sehen, aber ein goldener Glanz erfüllt den Raum. In den einschlägigen Newsgroups des Internets wird seitdem darüber spekuliert, was dieser Koffer wohl enthalten mag. Die dabei immer noch am häufigsten vertretene Theorie lautet, dass er die Seele des Gangsterbosses beherberge, deren goldener Widerschein sich im Angesicht der Betrachter spiegele.[1] Mit dem Thema Seele beschäftigen sich auch mehrere Folgen der beliebten amerikanischen Zeichentrickserie "Die Simpsons", als deren auffallendste Eigenschaft vielleicht die freche Zitation von Medien- und Kulturelementen angesehen werden kann.[2]

Die Simpsons als kulturelles Phänomen

Die Simpsons dienten 1987 zuerst zur Überbrückung zwischen Sketchen und Werbung in der "Tracy Ullman Show".[3] Der Cartoon wurde aber so populär, dass er seine Umgebung überlagerte und deshalb zu einer eigenständigen Serie ausgebaut wurde. Man kann die darin dargestellte Familie als "Antwort der neunziger Jahre auf die uns in den fünfziger und sechziger Jahren präsentierte Medienrealität" verstehen.

Die Familie setzt sich aus verschiedenen Charakteren zusammen, die je auf ihre Weise versuchen, in einer durch Medien bestimmten Welt zurecht zu kommen. Die Hauptfigur Bart ist ein frecher Bursche, der sich durch kein Medienereignis reinlegen lässt und die Medien selbst für seine Strategien nutzt. Sein etwas tumber Vater ist Repräsentant einer früheren Mediengeneration und nimmt diese oft noch wörtlich. Seine Schwester Lisa leidet unendlich unter der Medialisierung der Welt und fühlt sich durch sie entfremdet. Seine Mutter Marge ist eine gutmeinende und allen helfen wollende Person. Zwischentöne kennt sie kaum. Daneben gibt es eine Fülle wiederkehrender Typen, die jeweils für bestimmte Medieninstitutionen und politische bzw. gesellschaftliche Institutionen stehen, der Pfarrer, der Boss, der Bürgermeister, der Nachrichtensprecher, der Schuldirektor etc.[4]

Wer die Simpson regelmäßig sieht, begreift schnell, dass wir nicht mehr in einer Welt leben, in der einfach nur Medien betrachtet werden, sondern vielmehr in einer Welt, in der wir Medien betrachten, in denen Medien betrachtet werden, in denen Medien betrachtet werden. Die Zeiten medialer Unschuld sind lange vorbei und die Jugendlichen heutiger Tage sind in dieser Konstellation aufgewachsen: "Wir können alles ertragen. Wir sind die MTV-Generation. Wir fühlen keinen Höhen oder Tiefen" sagt Lisa, die schlaue Tochter von Homer Simpson, ganz selbstreflexiv.

Die gesamte Serie setzt sich aus Medienfragmenten zusammen. Ob Hitchcocks "Vögel" oder der biblische Exodus, ob George Bush oder Fernsehwerbung, ob Edvard Munchs "Der Schrei" oder Halloween, alles was in Medien vorkommt, wird in der Serie aufgegriffen und reflexiv gespiegelt. Wenn die Serie eine Intention verfolgt, dann die: "Der verbindende Gesichtspunkt ist, dass die Medien blöd und manipulativ sind, das Fernsehen ein Narkotikum ist und alle großen Institutionen korrupt und böse sind."[5]

Zugleich ist die Serie, worauf ihre Macher mit Stolz verweisen, eine der gebildetsten im Fernsehen überhaupt. Mehr als zwei Drittel der Autoren haben einen Harvard Abschluss. Das Arbeiten mit Versatzstücken aus der Kulturgeschichte der Menschheit geht ihnen leicht von der Hand. Man kann davon ausgehen, dass nahezu jede Szene einer Episode voller Anspielungen steckt. Subversiv ist die Sendung darin, dass sie wie ihr Held Bart keinen Respekt vor irgendetwas hat, und daher sowohl in den amerikanischen Wahlkampf wie auch in die Predigt des Sonntagsgottesdienstes eingreift.[6]

Die Episode: Bart verkauft seine Seele

Gleich zu Beginn der Episode "Bart verkauft seine Seele" hat dieser wieder einmal den (von den Impulsen der 70er Jahre desillusionierten[7]) Pfarrer ausgetrickst und ihm für den Sonntagsgottesdienst ein berühmtes Rock'n'roll-Lied als Gemeindegesang untergeschoben. Das untergeschobene Lied, Iron Butterflys "In-A-Gadda-Da-Vida", hat seine eigene Genese und Wirkungsgeschichte, die dem Thema der Simpsons-Folge entspricht. Man kann geradezu von einer kongenialen Wahl sprechen: "'In-A-Gadda-Da-Vida' was written by the Iron Butterfly's lead singer and keyboard player Doug Ingle. Ingle, the son of a church organist, had originally written it as a short little country folk song called "In the Garden of Eden".[8] Während der Ausarbeitung des Stückes betrank sich der Sänger so, dass er den Titel nicht mehr korrekt aussprechen konnte und lallte daher den Titel "In-A-Gadda-Da-Vida", der dann auch Verwendung fand. Die 17-minütige(!) Performance des Stückes transformiert es dann vom unschuldigen Folk-Stück zur satanischen Inszenierung: "In-A-Gada-da-Vida" is heavy metal made by the devil himself, taking an innocent little tale of Edenic innocence ... and corrupting its very soul."[9] Seine besondere Pointe bekommt das Stück schließlich dadurch, dass es in der Verfilmung von "Manhunter" aus der Hannibal Lector Trilogie zur Vorbereitung eines Mordes gespielt wird: "And when Dollarhyde (Tom Noonan) takes a young blind lady (Joan Allen) back to his pad for that final delusional Blakeian sacrifice what does he play on his Centrex eight-track cartridge player but the full-volume, full-length 17 minute version of Iron Butterfly's 'In-A-Gadda-Da-Vida'."[10] Anstößig scheint so weniger die Tatsache, dass im Gottesdienst ein Rock'n'roll-Stück gespielt wird, sondern welches Stück gewählt wurde. Ob der amerikanische Zuschauer des Jahres 1995 diese Bezugnahme auf einen Kinofilm des Jahres 1986 realisieren kann, sei dahingestellt. Jedenfalls wird hier luzide auf das Motiv der Episode - der Kampf um die verlorene Seele - verwiesen.

Zur Strafe für seine subkulturelle Untat muss Bart die Orgelpfeiffen reinigen. Dabei gerät er in einen Streit mit seinem Freund Milhouse, in dem er die Ansicht vertritt, die Seele sei eine kirchliche Erfindung und in Wahrheit gäbe es sie gar nicht.[11] Darauf fordert Milhouse Bart heraus und kauft ihm seine Seele für 5$ ab. Deutlich ist hier die Aufnahme des Faust-Stoffes, aber auch zahlreicher populärkultureller Stoffe aus der Märchen- und Sagenwelt wiederzuerkennen. Der Teufelspakt ist ein beliebtes Thema des 19. und 20. Jahrhunderts. "Die eigentliche literarische Konjunktur des Teufels setzte nach der Aufklärung ein, die seine Existenz in Frage stellte und schließlich negierte. Vor allem der Okkultismus der Goethezeit griff das literarische Motiv auf, variierte es ihn vielfältiger Weise. Goethe selbst gestaltete es in Form des Teufelspaktes (der gleichfalls auf eine lange Vorstellungs- und Literaturtradition zurückblickt) in seiner Tragödie Faust (1808 und 1833), die wiederum andere Autoren zur Nachahmung anregte, auch hinsichtlich der halb dämonischen, halb satirischen Auffassung der Teufelsfigur Mephisto. Während die romantische Novelle den poetischen Reiz des Infernalischen ausschöpfte, machten ihn Jean Paul (Auswahl aus des Teufels Papieren) und Wilhelm Hauff (Mitteilungen aus den Memoiren des Satan, 1824) in der Tradition Lésages (Der hinkende Teufel, 1759) zur Zentralgestalt satirischer Werke. Adelbert von Chamisso lieh seiner Teufelsfigur in Peter Schlemihls wundersame Geschichte (1814) bereits ein modernes Gewand, indem er ihn als undämonischen, höflichen Geschäftsmann zeichnete. Der mit Chamisso befreundete E. T. A. Hoffmann dagegen hielt in seiner Replik auf den Schlemihl, der Binnenerzählung der Abenteuer der Sylvester-Nacht (Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbilde, 1814), an einer traditionellen Teufelsikonographie fest, die auch in der Oper (Jacques Offenbach: Hoffmanns Erzählungen) weiter wirkte. Ein modernes Beispiel des Teufelspaktes ist Thomas Manns Roman Dr. Faustus. Die Geschichte des Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde (1948), der dort das problematische Verhältnis des Künstlers zur Diktatur symbolisiert. Während der Protestantismus längst vom Teufelsglauben abgerückt ist, ist seine Existenz in der katholischen Kirche ein nach wie vor gültiges Dogma."[12]

Die unmittelbare Assoziation an den Teufelspakt wird in der Episode insofern vermieden, als Milhouse eigentlich keine dämonischen Interessen hat. Er simuliert zwar bei seinem Spiel einen "Krieg" um Barts Seele (an dem auch ein Ayatollah beteiligt ist), aber das bleibt eher im Assoziativen.[13] Milhouse ist in seiner religiösen Sozialisation vermittelt worden, dass die Seele etwas Wertvolles ist, weshalb er den Erwerb von Barts Seele als ganz selbstverständliches Geschäft ansieht [Er tauscht sie später ebenso selbstverständlich gegen Alf-Plaketten ein].

Von nun an scheint für Bart alles schief zu laufen (wobei nicht deutlich wird, woran das liegt). Die Tiere knurren ihn an, er kann nicht mehr lachen,[14] und selbst automatische Türen öffnen sich nicht mehr für ihn.[15] Und als er seine Seele zurückhaben will, ist der Preis zunächst ins Unermessliche gestiegen und dann ist sie auch noch eingetauscht worden. Und so macht sich Bart schließlich auf die Suche nach seiner Seele, um sie wiederzugewinnen. Aber er kann sie nicht erwerben, denn sie wurde an eine(n) Unbekannten verkauft. Am Ende bekommt er sie dann geschenkt - von seiner Schwester Lisa, die sie zwischenzeitlich erworben hat. Ihr Standpunkt: die Seele besitzt man nicht an sich, sondern muss sie sich durch Leiden, Nachdenken und Beten verdienen. Bart jedenfalls verspeist erleichtert den wiedergewonnenen Zettel[16], mit dem er seine Seele verkauft hat. Interessant ist, dass die Seele hier wenig mit gut und böse zu tun hat: erst mit seiner Seele ist Bart endlich wieder jener freche Junge, der er vorher war.[17]

Die Parallelhandlung

Die Mehrzahl der Episoden aus der Simpson-Serie besteht aus mindestens zwei parallelen, in der Regel aufeinander bezogenen Handlungssträngen.[18] In diesem Fall erzählt der zweite Handlungsstrang vom Versuch des Kneipiers Moe, aus seiner finsteren Spelunke ein freundliches und vor allem profitables Familienrestaurant zu machen, was jedoch nicht zuletzt an den Ansprüchen seiner Kunden scheitert. Der Sinn dieser Parallelhandlung ist nicht leicht zu entschlüsseln, mit etwas Phantasie könnte man in ihr eine moderne Paraphrase und Umschreibung des Exodus-Motivs sehen. Dafür spricht ein kleines Detail: Als Moes Spelunke zum ersten Mal von außen ins Blickfeld gerät, sieht man am Nachbarladen - einem Musik-Store - ein (überarbeitetes und verzerrtes) Abbild einer Pharaomaske. Das könnte als Symbol für die Knechtschaft in Ägypten gewertet werden.

Moe's (= Moses) Aufbruch in das gelobte Land ("darin Milch und Honig fließt")[19] scheitert jedoch ebenso an seiner eigenen Halsstarrigkeit wie der seiner anspruchsvollen Klientel, so dass Moe schließlich resigniert zu den Fleischtöpfen Ägyptens[20] zurückkehrt. So gelesen wäre es freilich eine äußerst ironische Verkehrung des Exodus-Motivs. Aber das bleibt Spekulation.

Die Simpsons und die Religion

Die Beantwortung der Frage, warum in der Fernsehserie "Die Simpsons" Religion so häufig vorkommt und vor allem, warum die Seele eine solch besondere Rolle spielt, ist nicht ohne Interesse. Versteht man "Die Simpsons" als innermediale Medienreflexion, kann man der Frage nachgehen, worauf die Folge "Bart verkauft seine Seele" eigentlich reagiert, was sie spiegelt und welche "Botschaft" sie hat. Denn Religiosität ist offensichtlich - zumindest in Amerika - eine Realität, auf die zu reagieren es sich lohnt.[21]

Im September 2001 erschien ein Buch, das sich explizit mit dem Thema "Religion und 'Die Simpsons'" auseinandersetzt.[22] Sein Verfasser, Mark I. Pinsky, kommt zu dem Schluss: "The Simpsons is a situation comedy about modern life that includes a significant spiritual dimension; because of that, it more accurately reflects the faith lives of Americans than any other show in the medium."[23] Interessant ist das Buch nicht zuletzt deshalb, weil auch die Macher der Simpsons zum Thema Religion befragt wurden. Und ihre Aussagen sind mehr als überraschend. So äußert sich Al Jean über die Gründe, Religion in die Serie einzubeziehen:

"I consider myself someone who believes in the teachings of Jesus Christ, but who is not a huge fan of organized religion," said Al Jean, who returned to the job as The Simpsons' runner in 2001. "We respect everyone's belief." Jean began working on the show in 1989 and, with Mike Reiss, is credited in over 200 episodes, which provides him with perspective on the way the presentation of religion in the series has evolved. "Often things on the show grow of their own accord," he said. "We didn't set out on the show with an agenda. But very early on we showed characters going to church, and we began exploring that venue, which was obviously very rich. So, for example, we looked at the Ten Commandments as source material. As writers, we are always looking for aspects of life that are under-covered or under-represented on TV, and religion is definitely one of them." And the frequent inclusion and favorable slant on faith? "It wasn't because of any conscious attempt at the beginning," he said. "We didn't want to take cheap shots. It was a subject that was not explored much in prime time sitcoms. We're not perfect, but we definitely are very thoughtful and funny. The show is something a family can watch." Jean acknowledged that there are some taboos in the religion area: No crucifixion or resurrection jokes. "People are very sensitive to those things," he said. "Images of Christ on the Cross, things like that can't avoid offending a huge group of people. We're pretty cautious about that." Crossing such lines, he said, "would erode all the good will the show generates, and would undermine the show's moral messages."

While there are people on the staff who may now be irreligious, he said, religion plays a part in The Simpsons because the writers were raised in middle or upper middle class homes where faith and observance were part of their lives. "We're just aiming to depict what we saw as reality. We just want you to believe these are real people. ... Without a doubt, religion has been accepted in the show because it is reflective of life, but we never forget that comedy is the real point of it all." [24]

Die christliche Religion wurde also gewählt, weil sie nicht nur ein reichhaltiges Themenspektrum bietet, sondern explizit auch, weil Religion an sich medial unterrepräsentiert war: As writers, we are always looking for aspects of life that are under-covered or under-represented on TV, and religion is definitely one of them. Die faktische Medienpräsenz der Religion in der Serie "Die Simpsons" wäre demnach eine Kritik jener Medienrealität, die diesen Aspekt des Lebens im Medium Fernsehen tabuisiert: "Without a doubt, religion has been accepted in the show because it is reflective of life." Des weiteren spielt Religion offensichtlich eine Rolle, weil die Autoren selbst - auch wenn sie inzwischen religiös-institutionell distanziert sind - aus Elternhäusern stammen, in denen Religion zum Alltag und zur Alltagsorientierung gehörte. Und schließlich ermöglicht die Serie aber auch - anders als etwa die moralisch-religiös bestimmte Serie 7th Heaven (Eine himmlische Familie) - eine ironische Distanzierung.[25] Es scheint den Autoren wichtig zu sein, Religion nicht zu idealisieren, sondern ganz realistisch und ohne Verklärung in ihrer Alltäglichkeit zu zeigen. Dem Friedenszeichen im Gottesdienst folgt eben allzu oft der "Stinkefinger" vor der Kirchentür: "Mike Scully, at the time the series' executive producer and "show-runner," explained to me that the series wanted to reflect through its characters the fact that faith played a substantial part in many families' lives, although it is seldom portrayed on television. "We try to represent people's honest attitudes about religion," he said in another interview. "You see the Simpsons and all the townspeople in church together, just like real life. You're in church giving the sign of peace to somebody and then in the parking lot afterward, you're giving them the finger because he's blocking your way. It's just human nature," he told another interviewer."

Selbst Evangelikale und die amerikanische religiöse Rechte können sich mit dieser Form der ambivalenten Thematisierung von Religion einverstanden erklären. In der allgemeinen theologischen Diskussion Amerikas finden die Simpsons sogar weitgehend Zustimmung: "William Romanowski, author of 'Pop Culture Wars: Religion and the Role of Entertainment in American Life', found that 'The Simpsons is not dismissive of faith, but treats religion as an integral part of American life.' At the same time, the Calvin College professor said, 'Episodes generally leave the matter of God and religion open to multiple interpretations, perhaps so as not to potentially alienate audience members, but also as a reflection of American attitudes.'[26]

Das Spiel mit Zeichen

Romanowskis Einschätzung, dass die Episoden der Simpsons die Darstellung religiöser Themen bewusst für vielfältige Interpretationen und Anschlüsse offen halten, soll zum Schluss noch einmal explizit bedacht werden. Das lustvolle Spiel mit Zeichen, das die Autoren der Serie "Die Simpsons" grundsätzlich - und nicht nur im Blick auf religiöse Themen - pflegen, kann an der Initial-Sequenz "Das untergeschobene Rock'n'roll-Lied" nachvollzogen werden.

Grundsätzlich stellt sich zunächst die Frage, worin der Konflikt, also das Vergehen Barts eigentlich besteht. Es geht um gut und böse. Aber was ist das Böse? Das Unterschieben eines Liedes? Oder das Unterschieben dieses Liedes? Bart ist sich offensichtlich - das wird aus seinen Gesten klar - von vorneherein über die Unzulässigkeit seines Vorgehens im Klaren; sonst wäre es auch kein Streich. Woraus sich diese Gewissheit speist, aus der Geschichte des Liedes oder bloß wegen seiner Form als Rock'n'roll, ist jedoch nicht zu entscheiden.[27] Dieses Lied gehört nicht in den Gottesdienst, aber es steht zu erwarten, dass die Gemeinde es trotzdem singen wird, einfach weil es auf dem offiziellen Liedzettel steht. Der Streich wird also dem Vertreter der Kirche Reverend Lovejoy gespielt.

Bei dessen Ankündigung des Liedes[28] ist keine Irritation bemerkbar, was insofern überrascht, da Lovejoy ein klassischer 70er-Jahre-Typ ist, der einen der erfolgreichsten Titel der damaligen Zeit eigentlich kennen sollte. Die Gemeinde setzt mit ihrem Gesang ein und es wird schnell deutlich, dass dies kein "normales" Kirchenlied ist. Bei Homer löst das Lied vor allem biografisch-erotische Erinnerungen an Begegnungen mit Marge aus.[29] Lovejoy dämmert nun die Erkenntnis, dass hier Rock'n'Roll aufgeführt wird, dennoch unterbricht er das Geschehen nicht (obwohl er meint, dass dadurch die Orgel entweiht wird). Die Gemeinde scheint dagegen ziemlich hingerissen zu sein, denn im Stil von Rock-Konzerten schwenkt sie am Schluss (also nach 17 Min. Orgelspiel!) Kerzen durch die Luft. Eine Blasphemie oder Ähnliches hat sie offenkundig nicht wahrgenommen. Im Anschluss an den Gottesdienst wird von Lovejoy klargestellt, dass etwas Strafwürdiges geschehen ist, denn Pop- und Rock-Musik entweiht eine Kirche.

Damit ist aber erst ein Teil jener "Links" angesprochen, die zu dieser Eingangssequenz gehören:

  • Homers Assoziation verweist z.B. auf den Liedtext, der wiederum auf John Miltons "Paradise lost" anspielt, wo Eva im neunten Buch ihre durch den Sündenfall intensivierte Liebe zu Adam formuliert.[30]
  • Die Reaktion der Gemeinde verweist auf die nahezu kultische Rezeption des Liedes Ende der 60er Jahre, als es ein Jahr lang unter den Top Ten war und zur ersten Platin-LP der Plattengeschichte wurde.
  • Der Betrachter vorm Bildschirm ist einem Trommelfeuer assoziativer Verknüpfungen ausgesetzt. Er weiß schon, dass es "irgendwie" um gut und böse geht. Insofern er Kenntnisse um Iron Butterfly hat, weiß er um den Heavy-Metal-Kontext und die Umformung einer Folkballade in ein Psychodelic-Stück. Kennt er sich in Filmgeschichte aus, kann er der Verknüpfung zum diabolischen Manhunter-Film nachgehen, welcher zugleich Verweise auf William Blake enthält, der John Miltons Werke illustriert hat. Und so schließt sich der Kreis.

So ist schon die Eingangssequenz ein dichtes Wahrnehmungsangebot, das verschiedene Lesarten - abhängig vom Kenntnisstand des Betrachters - ermöglicht. Ein Missverstehen kann es aber insofern nicht geben, als die Gesten von Bart und der ihn umgebenden Figuren immer eine primäre, "naive" Lesart vorgeben. Was aber als "religiös" oder "irreligiös" angesehen wird, hängt offensichtlich von der jeweiligen Perspektive, das heißt der Lesart bestimmter Zeichen ab.

Material- und Literaturhinweise
  • Die Video-Kaufkassette "Die Simpsons. Himmel und Hölle" enthält die Folgen "Bart verkauft seine Seele", "Marge als Seelsorgerin", "Ein gotteslästerliches Leben" und "Die Fahrt zur Hölle". Bis auf letztere (die mehr auf Halloween bezogen ist) eignen sich die Folgen für den Religionsunterricht.
  • Mark I. Pinsky, The Gospel According to the Simpsons. The Spiritual Life of the World's Most Animated Family. Westminster John Knox Press 2001.
  • D. Rushkoff: media virus. Die geheimen Verführungen in der Multi-Media-Welt. Frankfurt 1995.
  • http://www.prosieben.de/simpsons/
  • http://www.epguides.de/simpfaq.htm (Die wichtigsten Fragen rund um die Simpsons)
  • http://www.idler.co.uk/html/library/gadda.htm
  • http://www.markpinsky.com/excerpt.htm
Anmerkungen
  1. Vgl. dazu Verf. Pulp fiction. Gewaltfilm oder theologisches Lehrstück? Religionspädagogik Rundbrief - Informationen für Religionslehrerinnen und Religionslehrer im Bistum Hildesheim Juli/2001
  2. In einem Wettbewerb des Religionspädagogischen Instituts Loccum zum Thema "Jugend - Kultur - Religion" setzte sich ein Wettbewerbsbeitrag einer westfälischen Schulklasse mit einer dieser religiös inspirierten Episoden auseinander. Die Schülerinnen ließen sich durch die populäre Zeichentrickserie zu einer Spurensuche nach (dem Phänomen) der "Seele" in der Gegenwart anregen. Das spannende und zur Nachahmung anregende Ergebnis kann unter http://www.rpi-loccum.de/wettbewerbe/jugend/beitr/seele.html eingesehen werden.
  3. Vgl. zum Folgenden Douglas Rushkoff: media virus. Die geheimen Verführungen in der Multi-Media-Welt. Frankfurt 1995. (Insbesondere Kapitel 4: Kinderfernsehen)
  4. Eine Aufstellung mit weiterführenden Hinweisen findet sich unter http://www.epguides.de/simpfaq.htm
  5. Zit. nach Douglas Rushkoff, a.a.O.
  6. "Diese Serie ist so respektlos, dass sie eine Attacke von George Bush [sen.] provozierte, der dafür plädierte, dass die amerikanische Familie sich eher an den Waltons als an den Simpsons orientieren sollte. Die Autoren der Serie antworteten schnell und ließen Bart in einer Folge sagen: "He, Mann, wir sind doch wie die Waltons. Beide Familien beten für ein Ende der Depression.'" Rushkoff, a.a.O., S. 114.
  7. Vgl. die Folge "Marge als Seelsorgerin".
  8. http://www.idler.co.uk/html/library/gadda.htm
  9. Douglas Rushkoff, a.a.O.
  10. Ebd.
  11. Zuvor entspinnt sich ein Dialog über die Eigenschaften der Seele. Milhouse behauptet, die Seele könne sogar schwimmen, Rad fahren etc. Wer das für lustig oder naiv hält, sei auf die altkirchlichen Spekulationen zur Seele verwiesen. Vgl. zum Stichwort Seele etwa die Texte der Kirchenväter. Eine Auswahl nach Themen geordnet, München 1963.
  12. Art. "Teufel", Microsoft(R) Encarta(R) 99 Enzyklopädie.
  13. Allenfalls könnte man bei ihm die Rolle des Satans im Hiobbuch erkennen, der als Staatsanwalt vor Gott auftritt und die Menschen auf die Probe stellt.
  14. Zur Bedeutung des Lachens für den Menschen schreibt der Neurophysiologe Detlef Linke in Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Biotechnik [ http://www.spiegel.de/spiegel/21jh/0,1518,75773,00.html ]: "Heute ist es wichtiger denn je, von außen schützend auf das zeigen zu können, was ein Mensch ist. Neue Entwicklungsschritte sind nur dann gerechtfertigt, wenn die Gesellschaft bereit ist, lieber zu viel als zu wenig unter Schutz zu stellen, auch wenn es kostspielig sein mag. Natürlich kann man dabei Besonderheiten des Menschen hervorheben. Zum Beispiel das Lachen und den Schrei. Nach der gegen den Computer verlorenen Schachmeisterschaft mag der Mensch sich vielleicht fragen, ob es sich noch um einen Computer oder schon um eine Art Menschen handelt, der gesiegt hat. Das Lachen, das der Verlierer im Versagen von sich gibt, zeigt jedoch seine Besonderheit gegenüber dem Computer, die durch keine programmierte Gesichtsmimik eingeholt werden kann." Und bei dem Theologen Reinhold Niebuhr findet sich der Satz: "Humor is a prelude to faith,and laughter is the beginning of prayer"
  15. Darüber hinaus versucht Bart, eine Glasplatte anzuhauchen, was aber misslingt, da er ja keine Seele (Anima = Hauch) mehr hat. Damit wird die in der abendländischen Philosophie wie Theologie präsente Idee der Hauch-Seele aufgegriffen.
  16. Vgl. zum Verspeisen von Schriftrollen Hesekiel 2,9-3,1: Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! Vgl. auch Offenb. 10,9.
  17. Dargestellt ist die Seele in den (Alp-) Träumen Barts als körperhaftes Schemen. Hingewiesen werden sollte daher darauf, dass damit eine Darstellung der Seele aufgegriffen wird, die im Mittelalter eine gängige war: nämlich die schemenhafte Verdoppelung des Körpers. Auf dem Grabmal der heiligen Elisabeth in Marburg kann man sehen, wie die Engel die Seele aus dem Körper der aufgebahrten Elisabeth holen. Vgl. zum selben Motiv im populären Videoclip Verf., Videoclips im Religionsunterricht, Göttingen 1999, S. 49f.
  18. Die von zahlreichen Episodendetails noch ergänzt werden, z.B. einer in die Zeichentrickserie "Simpsons" integrierten Zeichentrickserie "Itchy und Scratchy".
  19. Exodus 3, 8: Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt
  20. Exodus 16,3: "Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst"
  21. Die Verweise auf Religion und biblische Texte sind derartig zahlreich, dass das Simpsons Archiv im Internet [http://www.snpp.com/lists.html] eine eigene Referenzliste hat: http://www.snpp.com/guides/religion.html
  22. Mark I. Pinsky, The Gospel According to the Simpsons. The Spiritual Life of the World's Most Animated Family. Westminster John Knox Press 2001.
  23. http://www.markpinsky.com/excerpt.htm
  24. http://www.markpinsky.com/excerpt3.htm
  25. Nach Marvin Pinsky spielt Glaube "the role it would play in a family like the Simpsons. It's the role it plays for most Americans." ... Und gerade Flanders ist nach Pinskys Ansicht das beste Beispiel eines religiösen Menschen: "He's a doofus, but he's not hypocritical, which has been the sin of most American religious leaders. He's an essentially good person." Auch wenn sich die Serienautoren über Flanders Meinungen lustig machen, stellen sie seinen Glauben doch nicht in Frage, wie Pinsky hervorhebt: "Even though it's got this anti-establishment wrapping, it's very conservative in its presentation of religion." (http://www.markpinsky.com/excerpt2.htm)
  26. Alle vorstehenden Zitate: http://www.markpinsky.com/excerpt.htm
  27. Geht man davon aus, dass Bart um 1980/81 geboren ist und die Szene altersmäßig (nach der festgesetzten Logik der Serie) um 1991 spielt, dürfte das Lied für ihn ein absoluter Oldie sein und eher dem Geschmack der Serienautoren als seinem eigenen entsprechen.
  28. Hier wiederholen die Autoren noch einmal den lautmalerischen Verschiebungsakt, den Iron Butterfly mit dem Liedtitel vollzogen hatten, diesmal jedoch am Namen der Band: Sie wird als I. Ron Butterfly angekündigt.
  29. Homer ist 1955 geboren, hat 1974/75 seinen High-School-Abschluss gemacht und 1980 geheiratet. Der Titel "In-A-Gadda-Da-Vida" fällt daher mit dem Erscheinungsdatum 1968 und der anschließenden Erfolgsgeschichte in Homers Pubertätszeit. Als der Song erscheint ist er etwa 13 oder 14 und geht mit Marge in dieselbe High-School.
  30. "Wie sehnt ich mich nach deiner Gegenwart! / Noch nie empfand ich solche Liebespein, / Und nicht ein zweites Mal möchte ich ertragen / Die Qual, die unbedachtsam ich gesucht, / Die Qual, von dir getrennt zu sein ..." John Milton, Das verlorene Paradies, 9. Buch, 857ff.

© Andreas Mertin 2003
Magazin für Theologie und Ästhetik 22/2003
http://www.theomag.de/22/am83.htm