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Magazin für Theologie und Ästhetik


Michael Jackson

Der Erlöser als synthetisches Medienprodukt?!

Gerd Buschmann

1. Michael Jackson - doketischer Messias

Kaum ein anderer Popmusiker stilisiert sich, - in den Epiphanien seiner Live-Konzerte -, so sehr als eine Art Gott wie Michael Jackson (M.J.).[1] "Zum geschlechts- und rasselosen ´Weltmythos avanciert, lädt sich diese Ikone der Populärkultur durch die Identifikation mit der Jesus-Gestalt religiös auf. Die messianische Selbststilisierung ist auf Vergötterung angelegt."[2] Höchst kreativ reinszeniert er, - wie andere Popmusiker -, mit mythologischem Material das Heilige und seine Popkonzerte nehmen Formen gottesdienstlicher Handlungen an.[3] Dabei wird der gottesdienstliche Ritus mit gnostisch-doketischen Inhalten angereichert. Im Dualismus von Licht und Finsternis erscheint der Erlöser-Messias als unwirklicher, weltfremder Mensch, der privat auf seinem für Kinder eingerichteten, geheimnisvollen Anwesen Neverland lebt, einem Wunderland des Peter Pan, androgyn und irreal im Moonwalk daherschreitet, ein synthetisches Medienprodukt, das die Luft dieses Planeten nur gefiltert atmen kann, mit kosmetischen Operationen Hautfarbe und Gesichtsausdruck maskenhaft geändert hat, sich nicht berühren läßt und sein Angesicht verhüllt: eine Gestalt nicht aus dieser Welt, sondern aus der jenseitigen Lichtwelt. "Am Ende des Konzerts verschwindet er, wie es sich für einen Gott des 20. Jahrhunderts gehört: düsengetrieben, himmelwärts."[4]

Keineswegs ganz Fleisch werden wollender Sohn Gottes (Joh 1,14) will er als Übermensch aus der auserwählten Schar der Zeugen Jehovas (M.J.s Mutter gehört den Zeugen Jehovas an) als Offenbarer wichtige Botschaften verkünden:[5]

  • das Böse (CDs Thriller, 1982 und Bad,1987) durch Vergöttlichung der Lebensführung überwinden (typisch für Sektierer: Dualismus, ethischer Rigorismus, prinzipielle Erreichbarkeit),
  • notleidenden Kindern helfen[6] (Projekt USAid for Africa, Song We are the World, 1985 / Heal the World-Stiftung, 1993),
  • die Welt heilen (Heal the World, CD Dangerous,1992) und die Erde retten (Earth Song, CD History, 1995).

Der Mythos zehrt davon, daß der Megastar[7] M.J. gerade nicht von dieser Welt ist. Die Aura unvergänglicher Kindlichkeit betont die Unschuld, die er für seine Erlöserrolle benötigt. Der doketische Messias ist da, der Welt zugewandt, aber letztlich "nicht wirklich berührt von den Nöten und Sorgen menschlichen Lebens ... Das M.J.-Konzert ist eine Auszeit, eine kleine Flucht aus der von Schmerzen und Enttäuschungen geprägten Alltagswelt vor das künstliche Angesicht Gottes"[8] - wie jeder Gottesdienst?!

2. Exemplarische Analyse biblischer und religiöser Bezüge in Songs und Videoclips

Aber nicht nur M.J.s Konzerte geraten zu einer religiösen, rituellen Show, die das Wunder seiner Erscheinung zelebrieren, auch die Songs und Videoclips transportieren religiöse und biblische Botschaften.

2.1 CD "Dangerous" (1991)

M.J. widmet diese CD dem sanften, blauen Planeten, der Mutter Erde: "Dedicated to the world, my love!", "Planet earth, gentle and blue, with all my heart, I love you."[9] Ihm ist es ein grundsätzliches Anliegen, "das Schicksal der ganzen Menschheit zum Besseren zu wenden."[10]Der Titel Will you be there?, der "mit einem unbearbeiteten Ausschnitt aus dem vierten Satz der Neunten Symphonie Beethovens, und zwar der ersten Stelle `Ihr stürzt nieder, Millionen` (T. 631-646)"[11] beginnt, formuliert ein klagendes Gebet, verweist biblisch am ehesten auf Josua 3,9-17 (vgl. Ps 114,3) und Ps 8,5 und bildet formal mit den Elementen "bittend-fragende Aufforderung" ("Hold me ... will you be there?"), "Verwurzelung der Klage in der Lebensgeschichte" ("everyone´s taking control of me"), "Eingeständnis des Zweifels" ("a man should be faithful"), "Vergewisserung des Heils" ("I will be there") und "abschließendes Gelöbnis" ("I´ll never let you part") ein Klagelied des Einzelnen[12], wie aus den Psalmen bekannt. Bei der Live- und Video-Version[13] des vieldeutigen Songs, - wer ist gemeint: Gott[14], die M.J.-Jünger, ... ?, - breiten sich die Flügel einer Engelsgestalt über dem zusammengebrochenen M.J. aus, die Fan-Gemeinde jubelt ihrem "Heiland" zu, in "call and response"-Liturgie stilisiert sich M.J. als Leidender und Überforderter ("I´m only human"), der, ähnlich Jesus in Gethsemane (Mk 14,32-42par: Bleibt hier und wachet mit mir!), Treue und Nachfolge der Jünger einfordert: "Will you be there?"

Erst aus der Opferpose M.J.s heraus verleiht die letzte Strophe solchen Leiden einen heilsbringenden Charakter: "I´ll never let you part for you´re always in my heart." So entsteht die messianisch stilisierte Verheißung "I will be there" des Erlösers M.J., "der in seinem Leiden die Leiden der Menschheit stellvertretend auf sich nimmt."[15]

Das Spezifische liegt darin, daß die Erlösung gerade von einem Leidenden kommt, von einem Erlöser, der von sich behauptet: "but I´m only human." "Glaubt man dem Text, so stammt die erlösende Musik von einem Leidenden, der nach Halt und Liebe sucht in einem Leben voller Versuchungen und Prüfungen, voller Leiden und Bedrohungen - einem Leben, das ihn in Verwirrung und Angst versetzt (vgl. Songtext)."[16] M.J. stilsiert sich als Erlöser, der selbst der Hilfe bedarf.

Das ermöglicht in besonderer Weise für viele Teenager die Identifikation mit diesem Interpreten; auf der einen Seite ist er derjenige, der als Idol (und Erlöser) Orientierung bietet, auf der anderen Seite bietet er sich als Identifikationsfigur an, weil er selbst sich als nach Orientierung sehnender, Liebebedürftiger und Leidender sich stilisiert. Das "dürfte eine wesentliche Ursache dafür sein, daß Michael Jackson zum Mythos werden konnte."[17] Der Titel wird nach dem Vorwurf sexuellen Kindesmißbrauchs gegen M.J. im Frühjahr 1993 von Fans und Medien biographisch auf seine Leidensgeschichte bezogen; die Jugendzeitschrift "BRAVO" stilisiert M.J. zu einer Heilsfigur des ´leidenden Gerechten" durch Analogisierung mit Jesu Passion.[18]

Der Titel Heal the world  mit dem Refrain[19] "Heal the world, make it a better place, for you and for me, and the entire human race, there are people dying, if you care enough for the living, make a better place for you and for me ..." thematisiert die Bewahrung der Schöpfung, Himmel und Erde, Zukunft und Prophetie und verweist neben Bibelstellen zur Schöpfung besonders auf Micha 4,3 und Jes 2,4 (Schwerter zu Pflugscharen)[20].

Nach der Darstellung aktueller Probleme der Welt in Katastrophenbildern (ganz parallel zum späteren Earth Song-Video) findet eine Wende zum Guten mit stereotypen Hoffnungsbildern statt: vor allem Kinder (aller Hautfarben) führen ein neues Zeitalter herauf, indem sie Soldaten Blumen überreichen. Die Katechese, die diese Video-Clips verwendet, wird schwanken zwischen den Urteilen: illusorische Vertröstung durch Schein-Lösung von Problemen oder angemessene Sensibilisierung für wichtige Probleme und verdeckte Werbefilme für Greenpeace? Aber sicherlich sind solche Aussagen nicht deshalb Blasphemie oder Kitsch, weil sie außerhalb der christlichen Gemeinde gesungen werden; hier zeigt sich so etwas wie eine christlich geprägte "Volksfrömmigkeit", die "die Welt heilmachen" will, nachdem das von der Öffentlichkeit weder Kirchen noch Politik zugetraut wird.

Der Video-Clip (Regie: Joe Pytka) zeigt mitleidserregende Kindergesichter aus einem zerstörten Kinderkrankenhaus. Dann wechseln Bilder von Kindern und Soldaten (Ex-Jugoslawien, Nordirland, Palästina). Die Kinder brechen schließlich das Eis des Militärs, reichen Soldaten Blumen, tanzen auf Panzern und halten die brennende Kerze in der Hand: "Schwerter zu Pflugscharen" gelingt. "Heal the world! Die Kinder werden die Welt heilen und verändern, das ist die Idee der Jacksonsen ´Kinder-Bewegung´; nicht die Arbeiter-, nicht die Studenten-, sondern die Kinderbewegung."[21] Denken wir an Mk 10,13-16: "Laßt die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes."

2.2 CD "HISTORY" (1995)
2.2.1 Zum Konzept der CD

Mit dem wiederum vieldeutigen Titel, - "HIS" groß und kursiv geschrieben, "TORY" direkt angeschlossen, aber etwas kleiner und senkrecht -, (History? His story? High story?) nimmt M.J. seine Erlöserrolle und Heilszusage aus Will you be there? wieder auf, solidarisiert sich mit allem Leid (Einsamkeit: You are not alone / Stranger in Moscow ; Krieg und Umweltzerstörung: Earth Song; Hunger und Not in den Slums: They don´t care about us), nimmt es schreiend auf sich und überwindet es erlösend in eine immer gleiche Heilszusage. Die CD History konstruiert einen modernen Mythos vom Messias M.J., auf der seine großen Hits der letzten 15 Jahre zusammen mit neuen Songs herausgebracht wurden.[22] Nicht nur das Wortspiel "Story-History", sondern auch der Verweis auf IHN, auf SEINE (Erfolgs-) Geschichte deuten die Verhüllung und Offenbarung des Mythos an. M.J. hat wirklich "Geschichte" gemacht, er ist der "King of Pop", der König unter den Königen. Und "dieser Fremdling, dieser Überirdische steht unter dem besonderen Schutze Gottes. Die Schlußbilder im booklet zeigen junge Menschen mit großen Transparenten, darunter ´God bless Michael´. Und er hat eine Mission, wie ein anderes Transparent zeigt: ´Heal the World, Michael.´"[23] Diese geradezu außerirdische Gestalt kämpft den uralten gnostischen Kampf gegen alles Böse auf der Welt.

2.2.2 Exemplarische Anmerkungen zum Titel "Earth Song"

Der aus der CD ausgekoppelte Earth Song wird als Single und Video weltweit zum Mega-Hit. Der außergewöhnlich lange, 6´46minütige Titel formuliert vor dem Hintergrund von "waste land" (Regenwald-Brandrodung, Kriegszerstörungen, Umweltvernichtung, Dürre, Hunger etc.) und in scharfen Kontrasten zu Paradies-Szenen (unberührte Wildnis, Freiheit der Tiere etc.) in sich ekstatisch steigender Weise prophetische Anfragen und Anklagen an unseren Umgang mit der Erde: Earth Song. Der zweite Teil des Videos verwendet dabei das alttestamentliche Motiv des Sturms Gottes zur Darstellung von Umkehr der Menschheit und Neuschöpfung der Erde. Die Wiederherstellung der Schöpfung bzw. die Neuschöpfung wird verheißen durch die Umkehr der Menschheit und ihrem Kniefall vor einem höheren Wesen.

2.2.2.1 Text und Musik

Der Text als eine einzige Anfrage, ja Anklage ("what about ...") an die Menschheit, aber auch an Gott[24] (vgl. Hiob / Klagepsalmen), und die sich steigernde Musik sind sinnvoll aufeinander bezogen. Im zweiten Teil des Songs wandelt sich die Frage bzw. Anklage an Gott zu einer Selbstanklage des Menschen (vgl. "we", "us"). Wie schon in "Heal the world" steht das Elend der Menschen im Mittelpunkt.

Musikalisch findet sich eine kontinuierliche Spannungssteigerung durch ein sich verbreiterndes Arrangement.[25] Die "Strophen" werden über eine "Brücke" ("I used to dream, I used to glance beyond the stars, now I don´t know where we are, although I know we ´ve drifted far") zum Refrain geführt: "Aaaaaaah Aaaaaaah". Die zentrale Wende im Song und Clip entsteht auch durch die Aufgabe des Strophen-Refrain-Schemas im zweiten Teil zugunsten eines call and response-Schemas, wobei der Gospel-Chor M.J.s Frage "what about ..." ostinat wiederholt: "what about us."

2.2.2.2 Der Inhalt des Video-Clips[26]

Der Video-Clip besteht analog zum Text und zur Musik aus zwei Hauptteilen, die durch einen kürzeren Mittelteil ebenso voneinander abgesetzt wie verknüpft sind. Leitmotivisch hält der vor verwüstetem Land singende M.J. die ungeheuer dichte Bildfolge zusammen, die insgesamt deutlich an ein Gebet bzw. einen Klagepsalm erinnert (vgl. schon "Will you be there?"):

Teil 1: Klage / Zustandsbeschreibung: Zerstörung bzw. Tötung von Mensch und Umwelt.

Teil 2: Bitte (Anbetung und Hilferuf) und Erhörung (Sturm Gottes).

Teil 3: Hilfe durch Umkehr und Neuschöpfung.

In einer phantastischen Wende geschieht die Hilfe Gottes in einer Theophanie mit Beben, Sturm und Gewitter, nachdem zunächst die Naturzerstörung u.a. mit Bildern von Großwildjagd und Abholzung des Regenwaldes dargestellt worden war. Weil und solange der wie an ein Kreuz geschlagener Christus dargestellte, zwischen zwei Bäumen festgekrallte M.J. seine (An-)Klage hinausschreit, werden die göttlichen Kräfte mobilisiert, tritt das klassische Motiv des "Sturms Gottes" auf.

2.2.2.3 Religiöse und biblische Motive

Im Text finden sich nur an drei Stellen explizit biblische Bezüge. Zunächst die Zeile "What about all the peace that you pledge your only son ...". Mit "only son" ist auf Jesus Christus angespielt, den Friedefürst (Jes 9,5)[27]. Die Zeile "What about the holy land, torn apart by creed" spielt auf das durch Religionskriege zerrissene Heilige Land an.

Schließlich taucht in der drittletzten Zeile unvermittelt "What about Abraham" auf. Abraham (vgl. Gen 11,27-25,10) gilt als der Vater aller Gläubigen (Röm 4,3; Hebr 11,8-19) und Urbild des Glaubensgehorsams (Röm 4,11ff): What about us? Sind wir es auch? Und Abraham, in dem alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollen (Gen 12,3), hat unmittelbare Begegnungen mit Gott (Gen 12,7; Theophanien in Gen 15,1ff; 16,13; 18). Dem Stammvater Abraham sind Heil, Land und Nachkommen verheißen (Gen 12,7; 13,14ff; 15,5.18ff; 17,1f; 18,10ff; 22,15ff). Der unvermittelte Hinweis auf Abraham verweist also darauf: das Volk Abrahams soll leben! Die Abrahamsverheißung ist das Grundmotiv heilsgeschichtlicher Tradition überhaupt (vgl. Gen 28,4; Ex 2,24; Dt 1,8; 2 Kön 13,23). In Gen 20 erscheint Abraham als Prophet, dessen Fürbitte bei Gott besonderes Gewicht hat. In diese Tradition stellt sich M.J. mit seinem Earth Song; denn Abraham gilt auch außerhalb der eigentlichen Abrahamserzählungen als Träger der Segens- und Bundesverheißungen (vgl. Gen 26,3ff; Ex 6,8; Dt 6,10; Ps 105,9ff u.ö.).

In seiner Struktur entspricht der Text der alttestamentlichen Gattung der Klage. "Die Klage gehört als ein Element zum Gesamtvorgang der Rettung."[28] Die Leidklage ist dem Leben zugewandt, erfleht die Wende des Leids und hat Appellfunktion; sie appelliert an den, der das Leid wenden kann. Solches Rufen aus der Not (vgl. Ri 2,15f) wird von Gott erhört (Ps 113). Insofern ist die Klage immer schon Bekenntnis der Zuversicht in das Eingreifen Gottes (Ps 22). Die Heilsverkündigung Deuterojesajas verkündet nach der Klage die Erhörung. In dieser Tradition steht der Earth Song. Dabei kann die Klage mit einem Sündenbekenntnis verknüpft und von einem Mittler vorgetragen sein: "Es ist die Klage eines Einzelnen, in der es aber um die Sache des Volkes geht."[29]

Im Video (Regie: Nicholas Brandt) begegnen zunächst biblische Motive von Schöpfung und Sündenfall (vgl. Gen 1-11; Apc 21). Von der ersten Bildsequenz an finden sich dualistische Kontraste zwischen paradiesischen Szenen (tropischer Regenwald) und menschlichem Sündenfall (Buudozer), zwischen "locus amoenus" (Vegetation, Wasser, Fauna) und "waste land" (Dürre, Feuer, Tod), zwischen (schwarz-weißer) Gegenwart und (farbigen) Rückblenden. Der Sündenfall der Menschheit, - repräsentiert durch Menschen verschiedener Kontinente - , besteht vor allem in der Zertörung der Erde und dem Töten von Mensch und Tier. Die Tatsache, daß ausgerechnet der Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien zur Illustration gewählt ist, spiegelt nicht nur den zeitgeschichtlichen Bezug, sondern darf auch als Hinweis auf den Brudermord Kains an Abel (Gen 4) gesehen werden. Der Clip beginnt und endet mit paradiesischen Urwald-Szenen; der neue Himmel und die neue Erde (Apc 21) entsprechen ganz apokalyptisch in gereinigter Form, - die Industrie-Schornsteine saugen ihre Abgase wieder ein -, der rückwärtigen Erinnerung an den guten Urzustand (Gen 1: "Und Gott sah, daß es gut war.").

M.J. und nach ihm symbolisch Menschen verschiedener Kontinente fallen auf die Knie (vgl. Ps 22, 28-31) und stimmen in das anklagende "What about ..." und das wehklagende "Aaaaaaah" ein: eine eindeutige Gebetshaltung, wie die später nach oben gerichteten Blicke verdeutlichen. Zugleich nehmen die Beter/innen Kontakt zur Mutter Erde auf und durchwühlen sie verzweifelt, klagend und quasi entschuldigend mit den Händen. Weltumspannend und ohne Rassenschranken vereinen sich die Menschen in dieser später offenbar Gehör findenden Gebetshaltung.

Das zentrale und auffälligste Motiv im Video-Clip, die phantastische Wende und Umkehrung in der Mitte, wird selbst von Theolog/inn/en in der biblischen Tiefe nur unzureichend wahrgenommen:[30] Es handelt sich um das klassische Motiv des Sturms Gottes zur Wende und Neuschöpfung. Nach dem Kniefall der Völker beginnt ein Erbeben der Erde und es erhebt sich ein mächtiger Sturm, begleitet von tief ziehenden Wolken, Donner und Blitz. Das erinnert an eine Gotteserscheinung, eine Theophanie, vgl. Ex 19,16ff: "Als es aber am dritten Tag Morgen wurde, da geschah ein Donnern und Blitzen, eine schwere Wolke lag auf dem Berg ... Der Berg Sinai war ganz in Rauch gehüllt, - weil Jahwe auf ihn herabgestiegen war im Feuer -, ... und der ganze Berg bebte stark."

Solche Naturphänomene als machtvolle Begleiterscheinungen der Gottesoffenbarung sind typisch für altorientalische Schilderungen. Anders aber als üblicherweise in Theophanieschilderungen kommt es im Earth Song nicht zu schrecklichen Folgen des Eingreifens Gottes (vgl. Ps 18,15; 77,18f; Ps 29; 50,2ff; Micha 1,3ff), sondern zum heilvoll-rettenden Eingreifen Gottes (vgl. Dtn 33,2ff; Ri 5,4ff). Das hängt zusammen mit dem Motiv des Sturmes[31] Gottes, der Wende und Neuschöpfung bringt. Das hebräische Wort Ruach kann sowohl Wind (Gen 3,8) und Sturm (Ex 10,19; Jes 7,2; Jon 1,4) als auch Atem und Geist bedeuten als Lebenskraft aller Lebewesen (Gen 6,17; 7,15), weil Luft schlechthin Träger des Lebens ist. Als Schnauben der Nase Gottes (Ex 14,21;15,8) dient er Gott als Werkzeug (Ps 104,4; 148,8; Gen 8,1; Ex 10,13.19; Num 11,31; Amos 4,13; Jon 1,4; Ez 37,8ff). "Der Wind ist Mittel eines konkreten göttlichen Handelns in der Geschichte zur Rettung (Ex 14,21; Num 11,31) oder Bestrafung seines Volkes (Ez 13,11ff)."[32]

Der Prophet Ezechiel "wird ´im Geist´ zum Feld der Totengebeine geführt und erhält den Auftrag, sie mit dem Wort des Schöpfers anzureden: ´Ich bringe Geist in euch, damit ihr wieder lebendig werdet.´"33 Der Geist, Wind oder Sturm Gottes wird zu dessen machtvollem und unwiderstehlichen Heilshandeln: "Mein Geist ist in eurer Mitte, fürchtet euch nicht!" (Hag 2,5). Auferstehung (Ez 37), Neuschöpfung und Rückkehr in den paradiesischen Urzustand sind mit dem zur Umkehr treibenden und reinigenden Sturm Gottes auch im Video-Clip mannigfaltig verbunden: Auf(er)stehung der gefällten Bäume, des getöteten Elephanten, Rückwärts- und Umkehrbewegungen der Industrieabgase, des Panzers, der Soldaten etc., - bis hin zur Wiederkehr der paradiesischen Schöpfung.

Der Clip verwendet dabei auch Auferstehungs-  und Wunder-Motive; der Baum, der Elephant und der Bürgerkriegstote auferstehen. M.J. knüpft an "Heal the world" an: Die kranke Erde und Menschheit muß und wird geheilt werden und wiederauferstehen, vgl. Jes 26, Hosea 6,1-3 und Dan 12,2f.

Der Geist Gottes geht in Ekstase auf M.J. als prophetischer Mittler über, er ruft physische Wirkungen hervor, wie sie z.T. auch der Wind verursacht: aufgelöstes Haar, keuchender Atem, gewaltsames Hineingerissenwerden in Ekstase. Und der Geist wird zur Ursache und Quelle des ekstatisch ergriffenen Redens, das sich im Video durch das sich steigernde "What about ..." und das rhythmische Stampfen M.J.s ausdrückt. So wird M.J. zum vom Geist ergriffenen Werkzeug Gottes als ekstatisch-prophetischer Mittler zwischen Gott und den Völkern mit dem Auftrag: Heal the world. Dabei erhält M.J. auch Züge des gekreuzigten Mittlers, wenn er in Kreuzeshaltung ekstatisch stampfend zwischen den Bäumen hängt.

2.2.2.4 Pädagogisch-didaktische Anmerkungen

Der Earth-Song-Clip eignet sich zum Einsatz in zahlreichen bibel- oder problemorientierten Unterichtseinheiten: Bewahrung der Schöpfung, Urgeschichte und Sündenfall, Zukunft und Apokalyptik, Ekstase und Prophetie, Heilande des 20. Jhdts, Wundergeschichten und ihre Funktion, Gebet usw. Exemplarisch möchte ich zum Thema Schöpfung mit Norbert Weidinger und Wolfgang Dirscherl[34] folgende Vorschläge machen:

  • "Video-Clip ´Earth-Song´ gemeinsam anschauen. Alternative: Nach dem Mittelteil (also vor dem ´Sturm´) abbrechen: Reaktionen (...) ? Wunsch nach mehr? Nach Heilung? Vorschläge für den Schluß.
  • MC-Fassung (nicht Video!) leise im Hintergrund laufen lassen; Schreib-Knickspiel in Vierer-Gruppen: ´M. Jackson will zum Ausdruck bringen, daß ... Was meinst Du dazu? ...´.
  • Gruppen diskutieren das Ergebnis des Schreib-Knickspiels mit dem Ziel, sich mehrheitlich auf eine Aussage zu einigen; dafür ist es nötig, immer wieder stichhaltige Beobachtungen aus dem Video-Clip in die Waagschale zu werfen.
  • Gruppen geben ihr Ergebnis bekannt (Ergebnissicherung auf Tafel / Folie),
  • Vergewisserung und Überprüfung des Ergebnisses durch Vorlesen des ´Earth-Song´-Textes und Diskussion der musikalischen Gestaltungsmittel: z.B. Wechsel von Moll = Klage zu Dur = Hoffnung; Baßfiguren und Rhythmus verstärken die Dringlichkeit der Klage, die Härte der Realität ... Warum hat / braucht der Refrain keinen Text?
  • Vertiefung zentraler Ausschnitte z.B. ´Festkrallen in der Erde / Kniefall der Völker´ oder ´Kreuzszene´ bei Wind und Sturm; Erschließen einer dieser ausdrucksvollen, symbolischen Gesten durch pantomimisches Nachspielen und -empfinden (...)
  • Alternative: Nachempfinden mit Hilfe eines Bildvergleichs; dazu bieten sich an: Holzschnitt von Walter Habdank ´Abraham´ (1969) bzw. Misereor-Hungertuch aus Haiti (Christus am Lebensbaum zwischen der Welt des Bösen unten und dem Paradies oben) oder E. Munchs ´Der Schrei´. (...)
  • Persönliche Klagen, Hoffnungen in wenigen Sätzen zu Papier bringen als Bild (Zitate aus dem ´Earth-Song´ sind erlaubt!) bzw. als Bild mit Wachsmalkreiden (...)
  • (...)
  • Ausblick 1: Vergleich mit weiteren Songs von MJ wie ´Will You Be There´ aus dem Film ´Free Willy´ bzw. CD ´Dangerous´ oder mit ´They Don´t Care About Us´, der aktuelle Song über Slum- und Straßenkinder.
  • Ausblick 2: SchülerInnen bringen alternativ andere Songs oder Filme zum gleichen Thema mit (...(
  • Ausblick 3: Vergleich zwischen ´Earth Song´ und Ps 33 (Zukunftsvision) oder Ps 107 (Erinnerung an durchlittene Not und Zukunftsvision) oder Ps 77 (Klagelied, Hoffnung auf Rettung) oder Ps 102 (Gebet eines Unglücklichen): Welche Bilder kreuzen sich? Welche Textpassagen erzeugen einen ´Gleichklang´? Was haben sie mit meiner Lebensauffassung und meinem Lebensglauben zu tun?
  • Handlungsperspektiven: Welche Handlungsperspektiven eröffnet mir mein Lebensglaube und / oder der Glaube an einen Schöpfergott im Blick auf meinen verantwortungsbewußten Umgang mit der Schöpfung?"
  • Vergleich des "Propheten" M.J. mit anderen Propheten der Vergangenheit und Gegenwart, z.B. Amos, Jeremia, Jesus, M. Gandhi, M. L. King: Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wie verhält es sich mit dem Stichwort "leidender Gerechter"?
  • Medienkritik: Klischees, Populismen (z.B. Save the whales) etc. herausarbeiten. - Ist die Begründung für die im Clip gemachte Heilszusage hinreichend? Welches alternative Ende wäre denkbar? 
Anmerkungen
  1. Das gilt, selbst wenn sich die Jesus-Gestalt in der Pop-Religiosität grundsätzlicher Beliebtheit erfreut, vgl. Elisabeth Hurth, Die Jesus-Gestalt im Rock-Pop-Gewand. Beobachtungen zur "Jesus-Welle" in der Pop-Religiosität, in: Medien praktisch (Frankfurt/M.) 21/1997 (Heft 3), 57-62. - Vgl. kritisch dazu: Gerd Buschmann, Hurthige Kritik und Feiste Anmerkungen - eine konstruktive Polemik zu jüngsten Darstellungen von Popmusik und Religion in medien praktisch, in: Medien praktisch (Frankfurt/M.) 22/1998 (Heft 4), 45-47.
  2. Hurth, Jesus-Gestalt, 58.
  3. Vgl. Rolf Tischer, Postmoderner Synkretismus im Bereich der Rock- und Popmusik, in: Peter Bubmann / Rolf Tischer (Hg.), Pop & Religion. Auf dem Weg zu einer neuen Volksfrömmigkeit?, Stuttgart 1992, 29-57: 37-40 / Bernd Schwarze, "In der Flut des goldenen Lichts ..." - Popstars als Götter der Postmoderne, in: Hans Werner Dannowski u.a. (Hg.), Götter auf der Durchreise. Knotenpunkte des religiösen Verkehrs, Kirche in der Stadt 4, Hamburg-Rissen 1993, 13-39 (wiederabgedruckt als EZW-Texte 137, Berlin 1997, daraus hier zitiert) / Zu Michael Jackson-Konzerten: Bernd Schwarze, "Close Encounters of Another Kind" - Rock- und Popmusik diesseits und jenseits des Alltäglichen, in: Peter Bubmann (Hg.), Menschenfreundliche Musik. Politische, therapeutische und religiöse Aspekte des Musikerlebens, Gütersloh 1993, 114-127.
  4. Bernd Schwarze, Popmusik und Gnosis. Aus dem "Gesangbuch" einer wiederentdeckten Weltreligion, in: Helga de la Motte-Haber (Hg.), Musik und Religion, Laaber 1995, 268-278: 277.
  5. Vgl. M. E. Dyson, A Postmodern Afro-American Secular Spirituality: "Michael Jackson", in: J. M. Spencer (Ed.), The Theology of American Popular Music. A Special Issue of Black Sacred Music. A Journal of Theomusicology (Durham, N.C.) 2/1989, 98-124.
  6. Vgl. dazu auch die entsprechende Darstellung Michael Jacksons in Jugendzeitschriften: Gritt Maria Klinkhammer, Jugendliche Träume vom Heil. Eine Untersuchung zu religiösen Dimensionen der Jugendzeitschrift Bravo, in: L. Friedrichs / M. Vogt (Hg.), Sichtbares und Unsichtbares: Facetten von Religion in deutschen Zeitschriften, Würzburg 1996, 72-98. Die Jugendzeitschrift "BRAVO" solidarisiert sich mit dem Kinderfreund Jackson auch, als er ab Frühjahr 1993 des sexuellen Kindesmißbrauchs beschuldigt wird.
  7. "Der Mega-Star ... ist unnahbar, unvergleichlich, unerreichbar. Er ist das höchste Wesen im Pantheon.": Klinkhammer, Jugendliche Träume, 86.
  8. Schwarze, Flut des goldnen Lichts, 9.
  9. Vgl. booklet S. 21 und 23.
  10. Peter W. Schatt, Michael Jackson: Erlösung dem Erlöser? Zum neuen Ethos des Musikerlebens, in: Musik und Bildung 25/1993 (Heft 3), 58-61: 59.
  11. A.a.O., 59. Zur Funktion dieses Zitats vgl. ebd.
  12. Vgl. Gotthard Fermor, Psalmen und Popmusik. Vom Kult, seiner Musik und Dichtung - damals und heute, in: Der evangelische Erzieher. Zeitschrift für Pädagogik und Theologie (Frankfurt/M.) 47/1995 (Heft 1), 63-72: 69f. / Joachim Fuchs, "God is a concert". Religiöse Botschaften in den Texten der Rock- und Popmusik. Eine Unterrichtshilfe für die Sekundarstufe I (ab Kl. 7) und die Konfirmandenarbeit, in: Schönberger Hefte (Frankfurt/M.) 1994 (Heft 1), 12-40: 18-21 (zu Will you be there?).
  13. Häufig übernimmt M.J. die Choreographie seiner Videos exakt in den Bühnenshows.
  14. Dafür spricht nach Fermor: 1. Mitwirkung eines christlichen Gospelchors, 2. Einleitung des Songs mit dem Zitat aus dem Schlußsatz der 9. Symphonie Ludwig van Beethovens: "Brüder! Über´m Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen ... !", 3. M.J.s Dank im Booklet: "My deepest gratitude to the creator for his gift to me ... ."
  15. Hurth, Jesus-Gestalt, 59.
  16. Schatt, Michael Jackson, 60.
  17. A.a.O., 61.
  18. Vgl. Klinkhammer, Jugendliche Träume, 89f.
  19. Die Mitsingbarkeit eines Refrains ist nicht nur wichtig für einen Hit, sondern prägt den Inhalt auch tief in den Bewußtseinsschichten der Rezipienten ein.
  20. Motto der europäischen Friedensbewegung in den 80er Jahren.
  21. Rolf Tischer, "Heal the world". Religion in der kommerziellen Rock- und Popmusik am Beispiel Michael Jackson, in: Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg, Archivbericht Nr. 7, Berlin 1997, 41-48, aus dem bislang unveröffentlichten zweiten Teil dieses Artikels, den mir Rolf Tischer freundlicherweise zur Verfügung stellte.
  22. Tischer, "Heal the world", 44.
  23. Tischer, Heal the world, 45. - Auf S. 47 des booklet gibt M.J. folgendes Versprechen: "To honor the children of the world, I vow to keep my promise to help the sick and dying, the alone, homeless and hungry, through the construction of children´s hospitals and orphanages in every needy corner of the world." (vgl. Mt 11,5).
  24. Das "you" des Adressaten läßt beide Deutungen zu.
  25. Zur weichen ersten Strophe treten im Refrain Streicher und Schellenkranz hinzu, in der zweiten Strophe E-Gitarre, im zweiten Refrain E-Baß und Schlagzeug. Auch die Stimme M.J.s steigert sich spürbar und der Refrain wird höher gerückt. - Im folgenden beziehe ich mich auf Tischer, Heal the world (2. Teil: noch unveröffentlichtes Manuskript).
  26. Eine differenzierte Auflistung der Einzelszenen bietet Gerd Buschmann, Der Sturm Gottes zur Neuschöpfung. Biblische Symboldidaktik in Michael Jackson´s Mega-Video-Hit >Earth Song<, in: Katechetische Blätter  (München) 121/1996 (Heft 3), 187-196: 188.
  27. Vgl. auch Mt 5,9 "Selig sind die Friedensstifter" sowie Lk 1,79; 2,14; Joh 14,27; Röm 14,17; Hebr 7,2.
  28. Claus Westermann, Theologie des Alten Testaments in Grundzügen, ATD E 6, Göttingen 1978, 147.
  29. A.a.O., 152.
  30. Vgl. z.B. Elisabeth Hurth, Apocalypse now. Michael Jacksons "Earth Song": Stampfende Ekstase, in: Lutherische Monatshefte 35/1996 (Heft 3), 18-20. Zur Kritik an Hurth vgl. Buschmann, Hurthige Kritik.
  31. Vgl. Rainer Albertz / Claus Westermann, Artikel "Ruach, Geist", in: Ernst Jenni / Claus Westermann (Hg.), Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, Bd. 2, München / Zürich 1984, 726-753 / Friedrich Baumgärtel, Artikel "Pneuma. B: Geist im Alten Testament", in: Gerhard Kittel / Gerhard Friedrich (Hg.), Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. 6, Stuttgart 1959, 357-366 / Werner H. Schmidt, Artikel "Geist / Hl. Geist / Gesitesgaben. I: Altes Testament, in: Gerhard Müller u.a. (Hg.), Theologische Realenzyklopädie, Bd. 12, Berlin / New York 1984, 170-173.
  32. Albertz / Westermann, Ruach, 732.
  33. Ez 37,5. - Schmidt, Geist, 172.
  34. Norbert Weidinger / Wolfgang Dirscherl, Ein Earth-Song, der den Himmel bestürmt. Anregungen für den Unterricht zum Thema "Schöpfung", in: Katechetische Blätter (München) 121/1996 (Heft 3), 197-199. 

© Gerd Buschmann 2000
Magazin für Theologie und Ästhetik 6/2000
http://www.theomag.de/06/gb1.htm